Burkhard Müller-Ullrich / 06.03.2015 / 17:28 / 1 / Seite ausdrucken

Der mutlose Mann

Seit dem Rücktritt eines lebenden Papstes muß man von den Deutschen ja alles gewärtigen, was die Register der Bescheidenheit und Demut hergeben. Aber der Siegesverzicht des Sängers Andreas Kümmert hat dem Kanon öffentlicher Entsagungsgesten eine vielsagende Variante hinzugefügt. Es handelt sich um das Modell ‚Mutlosigkeit‘. Kümmert, mit dessen Namen keinen Scherz zu treiben man sich hier geradezu zwingen muß, macht zwar ziemlich großartige Musik, aber im Rampenlicht eine eher klägliche Figur. Die Glamour-Bühne des Eurovision Song Contest ist nicht seine Welt. Das war schon vor seinem Auftritt so offensichtlich, daß seine Wahl die eigentliche Sensation des Abends bildete.

Aber auch wieder nicht, denn wenn einst Guildo Horn mit fettigen Haarstähnen und hypnotischem Schmachtblick das deutsche Publikum für sich gewinnen konnte, dann hat ein bärtiges Bärchen mit autistischen Zügen und einem Outfit aus der Kleidertonne ebenfalls gute Chancen – jedenfalls in Deutschland, wo das das maßgebende Männerbild von einem tätowierten Tonsur-Träger mit Bäuchlein und hoher Stimme beinahe perfekt verkörpert wird.

Dieser Wandel ins Weiche ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Soul-Softies Andreas Kümmert, doch zum Superhelden der Sanftheit wurde er durch den novellenhaften Überraschungsakt seines plötzlichen Rückzugs im Augenblick des Triumphs. „Ich bin nicht in der Verfassung, die Wahl anzunehmen“, sagte er und blickte unter sich. Einen „Coitus Interruptus“ nannte das die eine kostbare Sekunde lang perplexe Moderatorin Barbara Schöneberger, bevor sie die zweitplatzierte Ann Sophie zur Gewinnerin erklärte.

Die 24jährige Ann Sophie, die gerade noch ihr Scheitern mit eiserner Showdisziplin überlächelt hatte, fand sich unversehens im Adrenalinrausch der höchsten Wunscherfüllung wieder und konnte ihr Glück eine kostbare Sekunde lang nicht fassen. Dann formierten sich hinter ihrem perfekten Make up erneut die Kräfte unbedingten Erfolgswillens, durch die sie sich von Andreas Kümmert so dramatisch unterscheidet. Er, der Mann mit mangelndem Mumm, wurde von der Powerfrau noch einmal aufmunternd gedrückt, woraufhin er endgültig die Bühne räumte – ein hochsymbolisches Bild für die Verkehrung der Geschlechterrollen am Vorabend der Verabschiedung des Frauenquotegesetzes. Verzagtheit und Selbstzweifel heißen Andreas. Ann Sophie ist der Name für Ehrgeiz und starke Nerven.

Von der Sexiness ganz abgesehen. Als Kreuzung zwischen Lena Meyer-Landrut und Ute Lemper hat sie gar keine schlechten Chancen beim internationalen Wettbewerb im Mai. Sie ist fünf Jahre älter, als Lena es bei ihrem Sieg vor fünf Jahren war, man kann mit Ann Sophie den Lena-Traum gewissermaßen weiterträumen. Mit Andreas Kümmert geht das alles nicht. Das wußte er und es zeugt von Einsicht und Weitsicht, dieses Dilemma krachend aufzulösen. Denn durch seine strahlende Selbsterniedrigung ist er zum Star geworden und wird es ganz unabhängig vom Ergebnis des ESC in Wien bleiben. Wenn da eine Strategie dahinter steckte, wäre sie höchst raffiniert. Und wenn es keine Strategie war, kann Kümmert zumindest stolz drauf sein, daß ihm so etwas zugetraut wird.

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Leserpost

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Hjalmar Kreutzer / 06.03.2015

Du liebe Güte, habe ich eine andere Sendung gesehen? Der arme Mensch war zum Glück selbst klug genug, einzusehen, dass er nicht auf eine Bühne gehört. Im stillen Kämmerlein, am PC und Mischpult für andere Melodien erfindend, o.k., kann ich nicht beurteilen. Aber auf der Bühne?! Keine Stimme, wie Joe Cocker, an den er wohl optisch erinnern will, keine Bewegung, keine Ausstrahlung, was sollte das? Ich habe aufgrund der anderen “herausragenden” Auftritte der KandidatInnen meinen Fernsehabend vorzeitig beendet und bin völlig geplättet, dass der gute Mann diesen Wettbewerb um die Teilnahme am Wettbewerb gewonnen haben soll? Entgeistert und kopfschüttelnd! Nun ja, wenn man piep-piep-piep oder wattehaddedudeda in diesen Contest entsenden kann, möchte man meinen, nicht nur Pfeiffer mit drei Äff, sondern auch das deutsche Poblikom wärd ämmer dömmer. Wenn dann bei einem solchen Wettbewerb eine Truppe finnischer Orks, wie “Lordi” gewinnen kann, fällt mir gar nichts mehr ein. Zum Glück gibt es zur Information und Unterhaltung immer mehr Angebote im Internet.

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