Die britische Modedesignerin Vivienne Westwood, 70, bereichert von jeher Fashion Shows und Schnattermagazine und hat es auch sonst mit dem Müll. Auf einem Foto posiert sie auf einem Abfallhaufen mit einer Handtaschenkreation, die den Schriftzug trägt: ICH BIN TEUER. Für ein Fotoshooting flog sie unlängst nach Kenia und ließ sich dort in einem Wellblechslum ablichten. In edler Garderobe, an der Seite einer hübschen Schwarzen im weißen Brautkleid. Im Hintergrund des Bildes stehen Slumbewohner herum und staunen über die komische pink gefärbte Schnepfe aus dem kühlen reichen Norden. Das Bild schaut derart sozialpornographisch aus, dass Jugendliche es nicht mal in Begleitung von zwei Erwachsenen betrachten dürften. Westwood möchte, sagt sie, „die Welt durch Mode retten“. Und was braucht sie, die Welt? Recycling, na klar. Kenianische Billiglöhner generieren daher, zum Beispiel aus gebrauchten Flugzeugküchentabletts, Rohstoffe für Handtaschen, die in den Westwood-Shops teuer vertickt werden. Die Welt dankt.
Mit dem deutschen Schauspieler Rolf Becker teilt Westwood die Sympathie für verurteilte Polizistenmörder. Ihr eigener Schützling heißt Leonard Peltier und hat in den USA zweimal lebenslänglich gekriegt, was sie dazu bewog, ihm eine Modenschau und ein paar hippe T-Shirts zu widmen. Ferner liest sie gewichtige Bücher, etwa von Bertrand Russell, denkt über globale Dilemmas nach und hat schon mal ein „Manifest“ verfasst, in dem sie Hitler, Pinochet und Alice im Wunderland irgendwie zusammenfriemelt. Ihren für antisemitische Sprüche berühmten Kollegen John Galliano, ein Kotzibrock aus dem Designerhandbuch, verteidigt sie so: „Einen netteren Menschen gibt es nicht.“ Außerdem kämpft sie, wenn sie nicht gerade mit ihrem vergleichsweise juvenilen österreichischen Ehemann durch die internationale Partyszene hüpft, gegen die Unsitte des – fasten seat belt – „Shopping“. Weil Konsumverzicht den Planeten retten kann.
Kurz, Ms Westwood gäbe eine Idealvorlage für Tom Wolfe ab. Wäre der geniale Satiriker nur etwas jünger!
Ihre sozialen Engagements hat sie letzthin aber schon wieder etwas zurück gefahren. Denn inzwischen ist der Multimillionärin eingefallen, was das größte Dilemma unseres Planeten ist: die globale Erwärmung! Eine Milliarde Klimaflüchtlinge, schätzt sie, werde sich bald irgendwo auf engstem Raum zusammenquetschen müssen, um dem Hitzetod zu entrinnen. Die „Sunday Times“ stellte in einem Porträt der Dame denn auch gleich im Vorspann die gemeine Frage, ob sie, Frau Westwood, vielleicht zuviel Sonne abbekommen habe.
Das ist unfair. Das Gros der Menschen, die Klima-Horrorszenarien aufsitzen, hat nie ein Fotoshooting unter sengender kenianischer Sonne absolviert. Diese Leute haben die Mär von den vielen Klimaflüchtlingen möglicherweise einer Uno-Warnung von 2005 entnommen (50 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2010!), welche auf einer Uno-Generalversammlung von 2008 noch mal nachgeschlimmert wurde (50 bis 200 Millionen Klima-Migranten bis 2010!). Und haben einfach nicht mitbekommen, dass die Uno, ebenso die so genannte Fachwelt, sich von den entsprechenden Prognosen des „Umweltforschers“ Norman Myers von der Oxford-Universität distanziert und darauf basierende Tatarenmeldungen auf Uno-Websites elegant gelöscht hat. Es hatte sich nämlich zwischenzeitlich heraus gestellt, dass die Einwohnerzahl in den angeblichen Klimagefahrenzonen wächst, nicht sinkt.
Wenn aber Millionen wenigstens partiell vernünftiger Menschen im Westen sich derlei Faktenmüll andrehen lassen, weshalb nicht auch eine komplett Durchgeknallte wie Vivienne Westwood? Die Sonne schickt eben manchmal doch eine Rechnung. Für den Psychiater, zum Beispiel.
PS: Das wunderbare Stück über Frau Westwood aus der Sunday Times-Beilage „Culture“ vom 7.8. 2011 („Mad dogs and english women“) steht leider nicht online. Vielleicht ganz gut so. Das Aufmacherfoto von der Lady Gaga aus London ist nämlich auch für sensible Erwachsene etwas too much.