Claudio Casula / 19.03.2022 / 14:00 / Foto: Wolfram Schubert / 26 / Seite ausdrucken

Der mit den Nachtwölfen heulte: Stephan Kramer

Der umstrittene Thüringer Verfassungsschutzpräsident lehnt sich gern weit aus dem Fenster. Dabei sind nicht nur die Kreise, in denen er mitunter verkehrt, zweifelhaft.

Stephan Kramer ist ein politisches Chamäleon. Mal war er CDU-Mitglied, dann FDP-Mitglied, zurzeit ist er Mitglied der SPD. Nur extrem backbordlastig war er dauerhaft. Irgendwann um die Jahrtausendwende trat er, damals schon beim Zentralrat der Juden in Deutschland tätig, vom Atheismus (!) zum Judentum über; ein Schritt, den nicht wenige Beobachter als PR-Stunt werten. Als Kramer 2009, damals ZJD-Generalsekretär, verkündete, der SPD-Politiker Thilo Sarrazin mache „mit seinen Äußerungen, mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler wirklich eine große Ehre“, fragte sich nicht nur Michael Wolffsohn, ob der Mann noch alle Tassen im Schrank hat: „Will der Konvertit Kramer uns geborenen ,Alt-Juden‘ beweisen, dass er der bessere Jude ist?“

Ende 2015 wurde Kramer zum Verfassungsschutzpräsidenten in Thüringen ernannt, obwohl ihm (einst Jura-Student an drei deutschen Universitäten, ohne Abschluss) die Befähigung zum Richteramt – laut Thüringer Verfassungsschutzgesetz Bedingung – offensichtlich fehlte. Henryk M. Broder kommentierte denn auch, Kramer sei so sehr Jurist, „wie Claudia Roth eine ,Theaterwissenschaftlerin‘ ist oder Katrin Göring-Eckardt eine ,Theologin‘“. Aber das störte Bodo Ramelow (Die Linke), der ihn berief, nicht die Bohne. Mit den Gesetzen und Parlamentsentscheidungen in Thüringen ist das ja so eine Sache.

Zuletzt fiel Kramer mit Äußerungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine auf. Es gelte, Ausreisen deutscher Rechtsextremer in die Ukraine zu unterbinden, was nicht so leicht sei, weil es nun mal offene Grenzen gebe. Allerdings bezifferte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums die möglichen Zahlen auf „deutlich weniger als zehn Fälle“.

Auch forderte Kramer eine Registrierung aller Flüchtlinge aus der Ukraine. Bei aller Hilfe und allem Mitgefühl dürfe die Sicherheit der Bürger nicht aus dem Blick verloren werden. Eine Gefahr gehe dabei nicht etwa von den Flüchtlingen aus, sondern möglicherweise von Terrororganisationen oder der organisierten Kriminalität. Und gegenüber der tagesschau warnte er kürzlich vor gezielten Desinformationskampagnen der Russen, etwa Behauptungen, die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine vor Übergriffen schützen zu müssen.

Auftritt mit Putins Rockern

Dabei hatte Kramer noch am 9. Mai 2015 gemeinsam mit Rockern vom „Wolfpack Germany“, einem Nachfolger des Deutschlandablegers der russischen „Nachtwölfe“, am Sowjetischen Ehrenmahl bei den Seelower Höhen in Brandenburg einen Kranz niedergelegt (fotografische Belege hier und hier). Die Nachtwölfe, mal als „Putin-Rocker“, mal als russische Nationalisten bezeichnet, gelten als nationalistisch, anti-westlich, christlich-orthodox und schwulenfeindlich, wie Wikipedia uns wissen lässt. Und:

„Während der Ereignisse des Euromaidan in der Ukraine 2014 stellten sich die Nachtwölfe auf die Seite der russischen Regierung. Ende Januar unterstützten sie pro-russische Demonstranten in ostukrainischen Städten wie Charkiw und Luhansk, indem sie auf den Straßen patrouillierten und Mahnwachen vor Verwaltungsgebäuden hielten, und brachten während der Krimkrise mit ihren Motorrädern humanitäre Hilfsgüter auf die Halbinsel, richteten Kontrollpunkte ein, an denen sich Passanten auf Waffen kontrollieren lassen mussten, und patrouillierten auf den Straßen.“

Im August 2014 feierten die Nachtwölfe mit einer Show in Sewastopol die russische „Rückgewinnung“ der Krim und stellten die Ukraine als ein von „Faschisten“ kontrolliertes Land dar.

Berührungsängste hatte Kramer offensichtlich nicht. Auf den gemeinsamen Auftritt angesprochen, erklärte der umstrittene Verfassungsschutzpräsident, er habe bis auf diese eine Gelegenheit nichts mit Putins Nachtwölfen zu tun. Und außerdem habe er seinerzeit in seiner Eigenschaft als Mitglied des Motorradvereins „Euro-Biker e.V.“ an der Veranstaltung teilgenommen. Wer in der Lederjacke drinsteckt, scheint dann wohl ohne Belang zu sein.

Mit einheimischen Nationalisten pflegt Kramer, der so koscher ist wie ein Cordon bleu, einen entschieden weniger von Toleranz geprägten Umgang: Seine Behörde hat die Thüringer AfD schon vor geraumer Zeit als Beobachtungsfall eingestuft.  
 

Foto: Wolfram Schubert , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Michael Hellmann / 19.03.2022

Ein Land funktioniert, wenn 80% der Bevölkerung sich normal verhalten, 10% so irgendwie ticken und 10% sonstige Verhaltensweisen an den Tag legen. Ich glaube langsam, dass bei uns diese Zahlen verrutscht sind.

Ulla Schneider / 19.03.2022

@A.Ostrovsky: Guten Abend, es ist schon spät. Ich danke Ihnen für den amüsanten und tiefgründigen Leserbrief. Sie haben wirklich einen trefflich guten Humor. Ich stelle mich mit Ihnen vors Haus und warte auch auf die Flugscheiben….. MfG  

Fritz Gessler / 19.03.2022

Rechte sollten jubeln, wenn ein linker Verfassungsschützer die gesetzliche Registrierung der aktuellen Ukraine-Flüchtlinge aller Nationen fordert.

Hans-Peter Dollhopf / 19.03.2022

Stephan Kramer ist besessen von der Welt der Geheimbünde, der dunklen Mächte und Verschwörungen. Seine Konversion zum Judentum ist darum Ausdruck von primitivem Antisemitismus: Für ihn muss es im Judentum der Öffentlichkeit verborgene mächtige Kräfte zu entdecken und so Wissen zu erlangen geben, das ihn über seine Mitmenschen erhebt. Kramer, der geheimnisumwitterte Wanderer im Zwielicht, vertraut mit der Zwischenwelt.  Die Konversion war die notwendige Voraussetzung, sich in von ihm vermutete innere Zirkel der Juden einschleichen zu können. Und tatsächlich:  Schaffte er es mit dieser Obsession nicht bis zum Mitglied des Board of Governors des World Jewish Congress? Ebenso ist die Anbandelung mit Kahane Ausdruck dieser Besessenheit, hier vom Faszinosum der dunklen Restbestände der einstigen Stasi. Da muss doch noch Geheimnisvolles, Verborgenes zu entdecken sein. Dass er Chef des Geheimdienst Thüringens wurde, das ist wohl selbstredend.

Regina Lange / 19.03.2022

Als ich das Bild sah, dachte ich erst, es wäre Yusuf Islam. Aber es ist nur der thüringische Verfassungsschutzpräsident. Schade, Yusuf Islam kann wenigstens singen. Kramer kann nur diffamieren, das hat er mit seiner best buddy*in Kahane gemein. Kramer und Kahane, das passt wie Deckel auf Topf. Beide haben fiese Chataktere.

Markus Viktor / 19.03.2022

Zu Wolfsangeln und auch zum gestrigen Artikel über „Die dunklen Seiten des ukrainischen Freiheitskampfes“ und das Regiment Asow: Wolfsangeln scheinen Jagdwerkzeuge zum Ködern und Fangen oder Töten von Wölfen zu sein. Wenn die Faschisten sich mit Wölfen identifizieren, der Edelwolf Adolf in der Wolfsschanze oder die türkischen Grauen Wölfe oder die hier genannten russischen Nachtwölfe, dann wären Wolfsangeln doch antifaschistische Symbole? Passt zur allgemeinen Menschheits- und Europa-Verwirrung. Und dann gibt es noch den Autor des wolfsindoktrinierenden Kinderbuchs „Ruf der Wölfe“, „macht sensibel für die Situation der Wölfe“, und andere Wolfsfreunde. Was ist wohl der gemeinsame Nenner all dieser Leute und gibt es den „nur“ im Unbewussten? Als Menschenfreund wünsche ich ihnen, im Wald verletzt zu werden, zu bluten und dass dann der Wolf kommt. Faszinierend dargestellt im Film „The Bourne Legacy“. Auf YouTube unter „Jeremy Renner Wrestles a Wolf“, Renner macht statt sich den Wolf zum Drohnenziel. Und trotzdem gefällt mir die Musik von Blues-Sänger Howlin‘ Wolf „Howlin‘ all night long“.

Hans-Peter Dollhopf / 19.03.2022

Da fällt mir der Achgut-Bericht “Ein erschöpfender Abend mit Anetta Kahane” von Thomas Marten vom 20.10.2019 zu einer oskuren DIG-Veranstaltung wieder ein. Zitat daraus: “Stephan Kramer, Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, eröffnete den Abend mit einem Grußwort. Was als Grußwort gedacht war, wurde ein 30-minütiger Hymnus auf die Amadeu-Antonio-Stiftung seiner ‘Freundin Anetta’ Kahane – mit der Kramer übrigens per Du ist.”

Stefan Zorn / 19.03.2022

Ich sehe immer den Tanzsaal auf der Titanic vor meinem geistigen Auge. Das Parkett steht schon schief, aber sie tanzen immer noch. - In letzter Zeit sehe ich auch immer öfter irgendwelche Haltungspolitiker die unter Deck helfen, das Loch in der Bugwand zu vergrößern…

Gerhard Schmidt / 19.03.2022

Hat der sich ein Hitlerbärtchen in den grauen Talibart färben lassen? Wundern würde mich bei dieser Gestalt NICHTS mehr…

Andreas Mertens / 19.03.2022

Man kann nicht vom Atheismus zum Judentum übertreten. Man man von Aberglaube 1 zu Aberglaube 2 “übertreten”. Atheismus ist keine Religion. Atheismus ist ebensowenig eine Religion wie eine Vollglatze eine Frisur ist. Eine Vollglatze ist das Fehlen von Frisur. Atheismus ist das Fehlen von Religion. Was diesen Herrn Kramer angeht .... nur eine weitere Stilblüte im duftig-diversen Stauss unserer staatlichen Resterampe.

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