Von Ingo von Münch.
Nicht die einzigen, aber ganz besonders wichtige Akteure im Feld der Kommunikation sind die Medien, von ihnen besonders wichtig Presse und Rundfunk. Eine freiheitliche Demokratie setzt das Vorhandensein von freien Medien geradezu voraus. Die Grundrechte der freien Meinungsäußerung, der Presse- und Rundfunkfreiheit und der Informationsfreiheit sind untrennbar miteinander verbunden.
An der herausragenden Bedeutung von Presse und Rundfunk wird entgegen mancherlei Befürchtungen auch die Digitalisierung aller Voraussicht nach nichts ändern. Gewiss dürfen die Entwicklung und die wachsende Bedeutung der Digitalisierung nicht unterschätzt werden, denn sie eröffnet – wie der damalige Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede zum sechzigjährigen Bestehen des Deutschen Presserates zutreffend festgestellt hat – „schier unendliche Möglichkeiten der Wissensaneignung, der Teilhabe und der Kommunikation“. In der Tat schafft die unbegrenzte Zahl von Bloggern mit einer unbegrenzten Zahl von Followern einen unbegrenzten öffentlichen Markt veröffentlichter Meinungen. Wenn per Twitter oder per Facebook jeder sein eigener Journalist sein kann und per books on demand jeder sein eigener Verleger, stellt sich die Frage nach der Herausforderung zumindest der Printmedien.
Der Vormarsch der Digitalisierung muss und sollte jedoch nicht unbedingt zu einem Rückzug oder zu einer Krise der traditionellen Medien führen. Um noch einmal Joachim Gauck zu zitieren: „Die alles entscheidende Frage bleibt, wie sich journalistische Qualität, ökonomischer Erfolg und publizistisches Ideal zu einem harmonischen Ganzen fügen lassen.“ Wenn die digitale Revolution nicht zum Informationschaos führen soll, bedarf es publizistischer Verlässlichkeit, wie sie jedenfalls die Qualitätsmedien garantieren sollen. Mit anderen Worten: In der nicht zuletzt durch die Digitalisierung hervorgerufenen Flut der Informationen und Meinungsäußerungen bedarf es einigermaßen sicherer – vor allem: verlässlicher – Häfen. Die Sicherheit der Häfen beruht wesentlich auf der Professionalität der in den Qualitätsmedien beschäftigten Journalisten und Journalistinnen; die Professionalität wiederum resultiert z.B. aus der zumeist vorhandenen spezifischen Ausbildung, Begabung, Erfahrung, dem Zugang zu Quellen (z.B. aufgrund des presserechtlichen Auskunftsanspruches), den Möglichkeiten der Recherche, der inhaltlichen Kontrolle innerhalb der Redaktion und anderem mehr.
Das hohe Lied, das hier auf Presse und Rundfunk in Deutschland angestimmt worden ist, sollte allerdings nicht die kritischen Töne überhören, die insoweit – übrigens mehr und mehr – zu vernehmen sind. Wenn Joachim Gauck in der bereits mehrfach zitierten Festrede nur „eine starke und lauter werdende Minderheit“ sieht, „die Misstrauen gegen Medien hegt“, so liegt er mit dieser Einschätzung vermutlich nicht völlig falsch; denn es gibt keinen breiten Aufstand gegen Presse und Rundfunk, wohl aber ein nicht nur auf eine Minderheit beschränktes verbreitetes Grummeln, im Sinne einer gewissen Unzufriedenheit. Laut einer Studie der Europäischen Union, über die die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, ist der Anteil der Deutschen, die der Presse misstrauen, seit 2014 von 45 auf 49 Prozent gestiegen; junge Menschen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren sind danach mit 63 Prozent besonders kritisch gegenüber den Printmedien eingestellt.
Erfahrungsgemäß gibt es gute und weniger gute Gründe
Die Gründe für den Ansehensverlust (anders formuliert: die Glaubwürdigkeitskrise) sind komplex; auch gibt es erfahrungsgemäß gute und weniger gute Gründe.
Ein viel zitiertes Schlagwort ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Mainstream-Journalismus. Schon Helmut Schmidt hatte in seiner Rolle als Mitherausgeber der „Zeit“ deren Redaktion vor dem von ihm so bezeichneten „Hordenjournalismus“ gewarnt; ihm selbst nahm das Publikum die „scheinbare Unabhängigkeit vom Mainstream“ ab. Heute wird der sogenannte Mainstream-Journalismus vielfach als Einheitsbrei wahrgenommen. Als Beispiel dient die Berichterstattung zur Flüchtlings- und Asylkrise. Eine wissenschaftlich seriöse Untersuchung zu diesem Thema, nämlich des Medienwissenschaftlers Michael Haller und seines Teams von der Hamburg Media School, kommt zu dem Ergebnis, dass von den für das Jahr 2015 untersuchten 19.000 Medienberichten zur Asyl- und Flüchtlingskrise 82 Prozent positiv gefärbt waren; die Journalisten hätten sich also oft den Merkel-Spruch „Wir schaffen das“ zu eigen gemacht.
Eine differenzierende Betrachtung zum Thema Mainstream hat der in Wien lebende Journalist und Schriftsteller Robert Misik in der „Neuen Zürcher Zeitung“ unter der Überschrift „Was ist wahr in diesem Jahr? Die Medien und der Mainstream-Verdacht“ angestellt. Der Autor weist zunächst auf die bei uns existente Medienfreiheit und das Zensurverbot hin. Den Vorwurf, überall sei „die gleiche Meinung“ zu sehen, kontert er mit der Feststellung, es gebe „ja kaum eine Meinung, und sei sie noch so abstrus, die nicht geäußert würde“. Noch schärfer ist schließlich seine Meinung, der Eindruck eines Mainstream-Meinungskartells werde von Populisten geschürt, wofür Thilo Sarrazin ein Beispiel mit seiner Klage sei, „ein Mainstream-Medienkartell versuche ihn mundtot zu machen“.
Die Kritik am Vorwurf der Existenz eines Mainstream-Journalismus wird jedoch von Robert Misik nicht unerheblich relativiert, wenn er schreibt; „Heißt das nun aber, dass es den Mainstream überhaupt nicht gibt, dass in einem Wahnsystem gefangen ist, wer die Macht des Mainstreams fürchtet? Das wäre vorschnell geurteilt. Vielmehr gibt es eine Art Korridor der als seriös geltenden Meinungen, der wohl tatsächlich enger wird“, und: „In den feinen Kriterien der Ein- und Ausgrenzung manifestiert sich Macht.“ Wie eng jener Korridor der als seriös geltenden Meinungen, kurz: des Mainstreams, in der Realität ist, dafür bieten auch die sogenannte Qualitätsmedien genug Anschauungsmaterial, zum Beispiel bei der Berichterstattung über AfD, Pegida und Trump, dies auch nach dem Eindruck derjenigen, die keinerlei Sympathie für die Genannten hegen.
Auszug aus dem Buch Meinungsfreiheit gegen Political Correctness von Ingo von Münch, © Duncker & Humblot Verlag Berlin.
Ingo von Münch, geboren 1932 in Berlin, ist emeritierter Professor für Staatsrecht und Völkerrecht (zuletzt an der Universität Hamburg), der sich unter anderem als Grundgesetzkommentator einen Namen gemacht hat. Von 1987-1991 war der FDP-Politiker Zweiter Bürgermeister und Wissenschafts- und Kultursenator der Freien und Hansestadt Hamburg sowie Mitglied des Bundesrates.
Der Begriff Meinungskorridor ist nicht zutreffend. Was noch übrig geblieben im MSM ist bestenfalls eine Meinungs-Fuge! Von ganz wenigen Fleischhauern, Broders, Alfonsos mal abgesehen, die einmal pro Woche das Feigenblatt Meinungspluaralismus hochhalten, sehe ich sonst nur den schwarzen Kanal. Ich lese die MSM nur noch selektiv, mit freundlicher Empfehlung von Politikversagen, Achse, PP usw. und auch dann nur wenn der veröffentlichte Artikel in die Richtung geht die ich mir wünsche, nicht wenn er als Beleg für extraorbitante Einseitigkeit dient. Jeder Klick könnte falsch interpretiert werden, also klicke ich nicht mehr wahllos. Eine andere Möglichkeit habe ich nicht!