Oliver Zimski / 21.11.2021 / 11:00 / Foto: Löwe / 87 / Seite ausdrucken

Der Löwe und der weiße Mann

Der renommierte Opernregisseur Peter Konwitschny flog vom Staatstheater Nürnberg wegen einer Lappalie, die ihm als rassistisch ausgelegt wurde. Seine Rechtfertigungsversuche erinnern an Moskau im Jahr 1937.

In Ray Bradburys SF-Klassiker „Fahrenheit 451“ löscht die Feuerwehr keine Brände, sondern legt sie, um Bücher zu verbrennen, die die Untertanen jenes fürsorglichen Staates in Zweifel stürzen oder gar zu eigenständigem Denken anstiften könnten. Und die dazugehörigen Medien informieren nicht, sondern liefern statt Hintergrundberichten nur schwachsinnige Zerstreuung und Kurzmeldungen „in einfacher Sprache“, etwa von einem Krieg, von dem niemand weiß, warum er überhaupt geführt wird. Alles, was die Menschen wissen müssen, ist: Dem Staat muss man gehorchen, und seine Medien verkünden stets die reine Wahrheit, auch wenn sie heute A und morgen B sagen.

Am Staatstheater Nürnberg ist was passiert, meldet die Süddeutsche Zeitung am 17. November. Genaueres darf oder will sie – vermutlich mit Rücksicht auf Daten- oder Opferschutz – nicht preisgeben. Sofort fallen einem die häufigen Meldungen aus deutschen Innenstädten ein, in denen „Männergruppen“ mit einzelnen „Personen“ in Streit geraten und diese niederstechen. Genaueres erfährt man auch da meist nicht. Aus Nürnberg wird immerhin bekannt, dass infolge des mysteriösen Vorfalls die Theaterleitung ihre Zusammenarbeit mit dem renommierten Regisseur Peter Konwitschny quasi über Nacht beendet hat. Auf Nachfrage des Blattes erklärt Intendant Jens-Daniel Herzog:

„In einer Probensituation hat sich Herr Konwitschny in einer Art geäußert, die von Beteiligten als unangemessen und diskriminierend wahrgenommen wurde. Die Theaterleitung kam nach Gesprächen mit mehreren beteiligten Personen zu derselben Einschätzung und hat unmissverständlich klargestellt, dass es am Staatstheater Nürnberg für Diskriminierung keinen Platz gibt.“

Ende der Durchsage.

In Nürnberg ist was passiert

Was da Entsetzliches gesagt worden sein mag, bleibt der galoppierenden Phantasie der Leserschaft überlassen. Hat der Regisseur die „beteiligte Person“ beleidigt, in ihrer Menschenwürde verletzt, sie gar mit dem Tode bedroht? Glücklicherweise gibt die „Süddeutsche“ einen weiteren Hinweis: In der 3sat-Sendung „Kulturzeit“ habe Konwitschny geschildert, wie er jemandem vom Ensemble bei einer Probensituation Regieanweisungen gegeben und seine Vorstellungen mit einer Metapher zu illustrieren versucht habe, die die betreffende Person anscheinend als diskriminierend empfunden habe.

Etwas mehr verrät die Neue Zürcher Zeitung: In einer Szene, in der eine Choristin das Erschrecken vor einer auf sie gerichteten Pistole spielen sollte, wollte Konwitschny ihr vermitteln, warum sie sich nicht abwenden, sondern weiterhin starr vor Angst in die Pistolenmündung blicken müsse. Deshalb habe er zu ihr gesagt: „Das ist wie in Afrika, wenn Ihnen ein Löwe entgegenkommt, dann können Sie auch nicht weggucken.“ Was daran Empörung auslöste? Die besagte Choristin war schwarz. Schockschwerenot!

In der 3sat-Kulturzeit gibt es tatsächlich einen ausführlichen Bericht samt Interview mit Peter Konwitschny, der sich beklagt, dass die Betroffene sich hinter seinem Rücken gleich an die Leitung gewandt habe. Aufgewühlt habe er seinem Intendanten geschrieben, wenn es am Theater Leute gebe, die ihm Diskriminierung und Rassismus vorwürfen, wolle er dort nicht mehr arbeiten. Postwendend erhielt er seinen Aufhebungsvertrag. „Da hatte ich dann gehofft, dass der Intendant sagt: Konwitschny, kommen Sie her, das ist doch Blödsinn, natürlich arbeiten Sie weiter, und wir klären das jetzt!“, erzählt der Regisseur. Aber da kam nichts mehr.

„Das sind alles keine Beweise dafür, dass ich nicht rassistisch bin“

Was nun folgt, mutet an wie eine Zeitreise ins Moskau der Jahre 1937/38. Nachdem er aufgrund einer offensichtlichen Lappalie wie ein Hund vom Hof gejagt wurde, übt Konwitschny vor laufender 3sat-Kamera ausgiebig Selbstkritik. Und man muss es im O-Ton hören, um die Verzweiflung eines Künstlers nachvollziehen zu können, der von einem Tag auf den anderen öffentlich hingerichtet wird und gar nicht versteht, warum:

„Ich hätte sehr gerne weitergemacht und alles getan, dass ich das aus der Welt räume. Ich muss einfach lernen: Es ist empfindlicher, die Menschen reagieren empfindlicher. Ich bin eben anders großgeworden, kein Mensch hätte damals daran gedacht. Ich bin mir aber bewusst, dass heute die Welt sich verändert hat und dass das verletzt hat. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie nie und nimmer rassistisch diskriminieren wollte und wenn es so angekommen sein sollte bei ihr, wenn es sie verletzt hat, dann möchte ich mich dafür entschuldigen. Und sie hat auch gesagt: Jawohl, ich nehme Ihre Entschuldigung an.

Ich habe immer gerne mit ausländischen Menschen gearbeitet, Sänger sind von überallher gekommen. Und ich bin auch gerne in anderen Ländern, und meine Frau ist übrigens Koreanerin. Das sind alles keine Beweise dafür, dass ich nicht rassistisch bin, aber wenn Sie mich so fragen, sage ich ganz knallhart: Mit Rassismus habe ich nichts zu tun und hatte auch nie was zu tun!“

„Doch der Konflikt bleibt ungelöst“, kommentiert die 3sat-Stimme aus dem Off. „Muss Konwitschny jetzt bangen, als alter weißer Mann zu gelten, der einen gesellschaftlichen Umbruch nicht mitbekommen hat?“

„Menschenskind!“, meldet sich ein letztes Mal der Regisseur mit einem Ausruf, der allein schon beweist, dass seine Zeit vorbei ist. „Ich könnte – das dauert allerdings eine Weile, bis ich beweisen kann, aus meinen Arbeiten, aus meinen Interpretationen, aus meinem Leben schlechthin, dass ich alles andere tue, als rassistische Meinungen zu unterstützen. Ganz im Gegenteil, ich bin immer auf der Seite der Opfer!“

Im Namen der Buntheit dröges Einheitsgrau

Alles vergebliche Liebesmüh, armer alter weißer Mann, aus deiner Haut kommst du nicht raus! Die „Woken“ mit deinem Intendanten Herzog an der Spitze interessieren sich nicht für deine „Verdienste“. Es kratzt sie nicht, dass du immer zu den „Guten“ gehört hast und gern auch weiterhin gehören möchtest, dass du abschwörst und wiedergutmachen willst, so wenig wie es ihre geistigen Väter in den Moskauer Schauprozessen gekümmert hat, wenn die willkürlich Angeklagten Schuldbekenntnisse ablegten und Reue gelobten. Die wurden trotzdem hingerichtet. Dein „Mea culpa“ nehmen die „Woken“ kalt zur Kenntnis, aber es wird dir nichts nützen, denn sie wollen an dir ein Exempel statuieren. Zur Abschreckung für andere alte weiße Männer. Und nicht zuletzt zur eigenen Aufwertung.

Denn deine Theaterleitung hat sich vor zwei Jahren wie viele andere dem deutschlandweiten Bündnis „Die Vielen e.V.“ angeschlossen, das sich mit all jenen solidarisiert, die von rechter Hetze an den Rand gedrückt werden. Und da kann sie dir nicht durchgehen lassen, wenn du eine dunkelhäutige Frau mit „Afrika“ assoziierst. Zumal da diese sich dadurch rassistisch diskriminiert fühlt. Ihr Gefühl ist heilig, deine Gefühle spielen keine Rolle. Außerdem startet das Staatstheater Nürnberg – nach der Durchquerung der Coronawüste – jetzt hoffnungsfroh endlich wieder in eine neue Spielzeit, mit dem Schwerpunkt „Beschäftigung mit den Kontinuitäten von Rassismus und rechter Gewalt in unserer Gesellschaft“. Und so kann dein Intendant mit seinem konsequenten Durchgreifen gegen dich gleich schon mal richtig Publicity machen.

Auf öffentliche Unterstützung brauchst du auch nicht zu hoffen, wie dieser feige Kommentar beweist, der mit den Sätzen endet: „Wir wissen nicht, was in besagter Probe genau passiert ist. Es wäre sicher interessant, die Version der Betroffenen zu hören. Es ist aber ihr gutes Recht, sich dazu nicht zu äußern.“

Die Bücherverbrenner von heute löschen im Namen der Meinungsfreiheit missliebige Meinungsäußerungen aus dem Internet, schaffen im Namen der Buntheit dröges Einheitsgrau, bestrafen Abweichler im Namen der Demokratie mit sozialer Vernichtung. Bradburys Dystopie endet damit, dass die letzten lesekundigen und denkfähigen Menschen mit ihren Büchern in unzugängliche Sümpfe flüchten, um dort auf bessere Zeiten zu warten. Was wird Peter Konwitschny nun tun? Und was können wir anderen tun?

Foto: Pixabay

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Dirk Jäckel / 21.11.2021

Tja, mit solchen mutigen Helden des Widerstands wie dem Intendanten wäre 1933 niiiiieee möglich gewesen ....

S.Buch / 21.11.2021

Wo sich Menschenfeinde fälschlich als Menschenfreunde ausgeben, bewegt man sich im linksgrünen Universum. Ich verachte Herrn Konwitschny für seine unterwürfige Abbitte. An seinem Verhalten erkennt man, wie weit er von der linksgrünen Realität entfernt ist und deshalb glaubte, er könne in den Schoß der woken Linksidentitären zurückkehren. Wenn er Glück hat, darf er demnächst bei der Antifa Straßenkampf mitmachen.

Axel Gojowy / 21.11.2021

In Drersden konnte sich vor langer Zeit Herr Konwitschny noch per Gerichtsurteil gegen eine Theaterleitung wehren, die seine Inszenierung im “Publikumsinteresse” glattbügeln wollte. Doch diese Zeiten scheinen vorbei zu sein.

Wilfried Düring / 21.11.2021

Wenn der Genosse Konwitschny glaubt, daß er durch seine völlig unzureichende Selbstkritik Gnade vor dem Haltungsgerichtshof findet - dann täuscht er sich. Wer EINMAL von der Parteilinie abweicht - und sei es nach fast 77 Jahren - ist ein ‘feindliches Element’, welches konsequent aus der ‘Bewegung’ ausgestoßen wird.  Ein Dogma der roten, braunen und grünen Totalitaristen lautet: ‘Wer HEUTE abweicht - wird rückwirkend zum Verräter seit Geburt!’ Die Parteikontroll-Kommission wird sich weiter mit ihm beschäftigen. Und wer sucht - der findet auch; das wußte bereits die Inquisition! War Konwitschnys Vater nicht Künstler unter den Nazis? Konwitschny selber ist erst 1945 geboren, so daß man ihm das (leider) nicht vorwerfen kann. Aber war er nicht Künstler unter den Kommunisten? Vielleicht hat er sich ja ‘einbinden’ lassen. Man sollte ggf. einige Akten ggf. nochmal etwas genauer lesen. Vielleicht hat ja auch auch irgendwann irgendwo ‘Othello’ inzeniert und sein Star-Sänger hat damals - mit Zustimmung des Herrn Konwitschny - rassistisches ‘Black-Facing’ betrieben. In einem langen Menschenleben ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß er vielleicht irgendwann einer - sagen wir - jungen ‘Praktikantin’  recht nahegetreten ist. Der Zufallsgenerator erwürfelte den 29. Februar 1986. Konwitschny, beweisen Sie mal das Gegenteil! Sehen Sie, er kann es nicht - ihn plagt das schlechte Gewissen. ‘Erinnerungslücken’ können eben je nach der konkreten Situation im Klassenkampf belastend oder entlastend (Scholz) eingesetzt werden. Es gibt nur eine Lösung, die vielleicht helfen könnte. Konwitschny muß NAMEN nennen. Er muß aussagen und diejenigen nennen, die ihn bei seinem feindlichen Treiben unterstützt haben. Und dann: die Hintermänner! Die Gesinnungs-Tscheka hat so ein weites Herz. Aber - wie in vielen Religionen- Vergebung muß man sich VERDIENEN, Genosse Konwitschny!

Bernd Meyer / 21.11.2021

Wer Wahrheit vermittelt, ist eben staatsfeindlich und muss zur Strecke gebracht werden. Fakten, Fakte, Fakt, Fak UND die Lemminge füttern! Selbst die Süddeutsche stand da mal irgendwie demokratisch drüber. Aber was ist schon ein Offizier auf dem Feld, gegen einen süßen Lockenkopf aus den Reihen von Rot-Grün?

Gregor Erkelenz / 21.11.2021

Wenn er einem skandinavischen Chroisten gesagt hätte, er solle sich vorstellen, ein Elchbulle stünde direkt vor ihm, wäre er wegen toxischem Maskulinismus gefeuert worden.

Rolf Menzen / 21.11.2021

Wie kann man nur eine Schwarze mit Afrika assoziieren? Tss tss. Wie furchtbar! BTW: Wo kommt sie denn her?

Günther Frick / 21.11.2021

Ein Bekannter von mir wurde an seinem Arbeitsplatz wegen seiner kritischen Einstellung zu den Covid-Massnahmen als Coronaleugner und Rechtsaußen beschimpft. Er schaute dem Maulhelden fest in die Augen und sagte: “Ja, genau, Rechtsaußen, das bin ich und das erkennt man bestens daran, dass ich mit einer schwarzen Frau verheiratet bin!”

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