Chaim Noll / 28.09.2018 / 11:00 / Foto: Freud / 7 / Seite ausdrucken

Der Literat, der das Feuilleton nackig macht

Was mich an Ulrich Schacht immer interessiert hat, war das seltsame Miteinander von Poesie und Politik. Die politische Komponente seines Wesens ergab sich unweigerlich aus seinem Lebenslauf: geboren 1951 im Frauengefängnis Hoheneck, wo seine Mutter wegen „versuchter Republikflucht“ eine Haftstrafe verbüßte. Er selbst kam später ins Zuchthaus Brandenburg. Und die Frau, die er heiratete und mit der er eine sympathische Tochter hat, war wiederum als junges Mädchen in Hoheneck inhaftiert, wie seine Mutter wegen „Republikflucht“. Eine Familie, die unfreiwillig zum Symbol geworden ist: für einige der dunkelsten Jahrzehnte in Deutschlands Geschichte.

Im Herbst 1985 sind wir uns das erste Mal begegnet. Im Westen. Einige Zeit hatte ich öfter mit ihm zu tun, als ich regelmäßig für die Tageszeitung Die Welt arbeitete, bei der er Redakteur im Feuilleton war. Wir haben uns immer wieder gesehen, man lud uns zu den gleichen Veranstaltungen ein, auch privat haben wir einander besucht. Mir war sofort klar, dass Schacht lieber Gedichte schrieb als politische Artikel. Er sah die Welt in Metaphern und war ein Tüftler der deutschen Sprache, der er erstaunliche Nuancen abgewann. Im Frühjahr 1989 besprach ich in einer großen Tageszeitung seinen ersten Prosa-Band Brandenburgische Konzerte, an dem er lange gearbeitet hatte. Es war der Beginn einer eindrucksvollen Entwicklung zum Romcier und Novellisten.

Bis zum Ende der DDR wurde Schachts geradezu symbolischer Lebenslauf, symbolisch auch für westliches Appeasement und Versagen, im bundesdeutschen Feuilleton ungern thematisiert. Schacht lief herum wie eine lebende Anmahnung an die ungelöste „deutsche Frage“. Er war der Sohn eines sowjetischen Armee-Offiziers, der gegen die harschen Gesetze verstoßen hatte, die von der Sowjet-Armee zur Verhinderung von „Fraternisierung“ erlassen worden waren. Nicht selten wurde in solchen Fällen die Todesstrafe verhängt, deshalb glaubte Schacht bis in die neunziger Jahre, sein Vater sei erschossen worden oder in einem Straflager des GULag ums Leben gekommen. Er besaß nicht mal ein Foto von ihm.

Schacht litt unter dem Schicksal seiner Eltern. Den Vater fand er Jahrzehnte später lebendig wieder, worüber er ein berührendes Buch geschrieben hat. Die DDR betrachtete er begreiflicherweise als eine Monstrosität, die – je eher umso besser – verschwinden sollte. Da er solche Meinungen durchblicken ließ, wurde er als Theologie-Student in Greifswald verhaftet und – kaum zwanzigjährig – zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“.

Einer der letzten Zeugen

Das Wort „Hetze“ erlebt dieser Tage im Westen eine gespenstische Wiederauferstehung. Schacht war einer der letzten, die bezeugen konnten, wohin der Missbrauch solcher Beschuldigungen führt. Schon 1973, eben von der Bundesregierung freigekauft, schockierte er die westdeutschen Intellektuellen durch seine Kompromisslosigkeit gegenüber dem zweiten deutschen Totalitarismus. Den die meisten von ihnen nicht wahrnehmen wollten. Sie haben Schacht früh stigmatisiert und aussortiert, als „kalten Krieger“, „rechts“ und Schlimmeres. Deshalb entging ihnen die reiche Bildersprache seines lyrischen Werkes, sein mit den Jahren sich verfeinernder literarischer Stil. Die Bücher eines „rechten“ Schriftstellers wurden damals vom westdeutschen Feuilleton erst gar nicht in Erwägung gezogen.

Auch ich hatte mit Ulrich Schachts striktem politischen Konservatismus oft Probleme, vor allem dort, wo er ins Nationalistische changierte. Jeder von uns hat begrenzte Möglichkeiten der Toleranz, doch selbst, wenn man diese Grenzen nicht überschreiten kann, sollte man nicht scheuen, sie zu testen. Er besuchte uns 1994 in Rom, wo wir zwei Tage lang zwischen antiken Ruinen und Kirchen spazieren gingen und heftig diskutierten. Ich fand ihn als Gesprächspartner überaus anregend, selbst dort, wo ich ihm nicht zustimmte. Scharfsinnig war er immer. Seine Befürchtungen über die Entwicklung der Bundesrepublik waren unseren sehr nahe. 1995 gingen wir nach Israel, Schacht 1998 nach Schweden.

In den Nachrufen anlässlich seines überraschendem Tod kann man lesen, er sei als Literat „unterschätzt“ worden. Dies auszusprechen (wie es der Nekrologist des Tagesspiegel tut) enthält schon ein Eingeständnis. Im Fall Ulrich Schacht offenbart sich die Unfähigkeit des deutschen Feuilletons, die literarischen Qualitäten eines Autors anzuerkennen, der vom politischen Mainstream abweicht. Im heutigen Deutschland ist politische Korrektheit das entscheidende Kriterium, auch in der Bewertung von Literatur.

Kein Wunder in einem Land, in dem sich die Bundeskanzlerin anmaßt, öffentlich Bücher abweichender Meinung zu verurteilen. Und damit keinen Sturm der Entrüstung auslöst, sondern willfährige Unterwerfung. Den Blick aufs Literarische haben deutsche Journalisten verlernt. Man scheint es ihnen auf der Henry-Nannen-Schule und ähnlichen Brutstätten der Vorurteile nicht beizubringen. Die Prosa von Ulrich Schacht birgt Qualitäten, die in der deutschen Literatur rar geworden sind. Im Kampf gegen den neuen Analphabetismus sollte man seine Bücher im Schulunterricht lesen. Auch, wenn der Autor den Zensoren des deutschen Feuilletons als politisch unzuverlässig gilt.

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Gerd Kistner / 28.09.2018

Ulrich Schacht gehört zu den größten deutschsprachigen Autoren der letzten Jahrzehnte. Leider kennen viele Deutsche seine Lyrik und Prosa offensichtlich nicht. Das läßt sich ändern, mein Vorschlag: Im September 2019 Ulrich Schacht zu Ehren auf „Achgut“ jeden Tag ein Gedicht oder Auszüge aus seiner Prosa. Schacht war nicht nur ein konsequenter Streiter für Einigkeit und Recht und Freiheit, er war ein auch großer Dichter. Das Feuilleton hat sich bis auf wenige Ausnahmen selbst nackig gemacht, das ist letztlich auch gut so, wir wissen einmal mehr, das hier nichts mehr zu erwarten ist.

Dieter Kief / 28.09.2018

Schachts Lyrik ist aus der Zeit gefallen. Lehman und George, Wesentlichkeiten. Ich denke, das ist eher vorbei. Aber seine politischen Essays sind aktuell wie eh und je! Sein durch seinen Glauben, duch Fromm, Eppler, Helmut Schmidt sowie seine Erfahrungen in der DDR gerpägter, informierter Blick auf das geteilte Deutschland und die Zeit danach: Das ist stark, originell und liest sich auch heute noch sehr frisch. Dann Schachts Fronde gegen Christa Wolf, Walter Jens, Stephan Hermlin und Stefan Heym, als die sich jammerig zusammentaten und - mit Rückenwind der Bertelsmann-Stiftung, die gesamte übrige Presse der BRD der “Hetze” gegen die DDR bezichtigten, als es diese aber schon kaum mehr gab… - das war von erheblichem Durchblick gekennzeichnet. Auch seine Fronde gegen Grass und Gaus und f ü r Martin Walser ist noch immer nicht hinreichend verstanden und gewürdigt. Besonders Schachts (und Walsers!) Parteinahme für den Nationalstaat nicht.  Aktuell: Schachts Reserve nicht allein (nicht:  a l l e i n ! )  gegen Hitler, sondern gleichzeitig und mit erheblicher Verve auch gegen die linken Totalitarismen:  Hier besteht der größte Aufholbedarf der Deutschen Öffentlichkeit gegenüber dem erheblichen einzelnen Ulrich Schacht und seinem Gewährsleuten Sperber und Solschenyzin. Wenn die Achse einmal den großen Jordan B. Peterson Abend in - Osnabrück oder wo, in Berlin oder in Halle oder halt anderswo organisiert, dann wäre auch Schachts Kampf gegen die linken Verirrungen unseres Zeitalters mit auf dem Programm: Denn haargenau wie Peterson ist Schacht ein in der Wolle gefärbter Linker, dem es aber doch einmal klar wurde, dasss auch links keine Heilslehre darstellen kann (=es nicht darf). Dem einzigen Buch, das ich bisher von ihm besitze (“Gewissen ist Macht”), hat Ulrich Schacht ein Motto von Camus vorangestelt: “(...) es muss als konzentrationslagerartig dargestellt werden, was konzentrationslagerartig ist, sogar der Sozialismus (...).” Er ruhe sanft!  

Immo Sennewald / 28.09.2018

Eine scharfsichtige Beschreibung für einen bis heute unter den Teppich gekehrten Konflikt zwischen “westlichen” Linken und an Erfahrungen mit dem “real existierenden Sozialismus” gewachsenen “Dissidenten”. Sie haben es erlebt und erlitten: Politbürokratie, ihre Dogmatiker, Opportunisten, Mitläufer, Denunzianten - und es ist alles wieder da bei den Parteien, die den Staat zur Beute genommen haben. Gemeinsam mit ihren medialen Claqueuren marschieren sie stur Richtung Bankrott. Es wird teuer.

Marc Blenk / 28.09.2018

Lieber Herr Noll, ‘Im Block’ beschreibt Walter Kempowski seinen Haftaufenthalt in der gelben Hölle in Bautzen und dem seiner Mutter im Frauengefängnis Hoheneck. In einer Szene beschreibt die Mutter Kempowskis einen kleinen Jungen, der dort als Sohn einer Insassin geboren wurde. Nach dem Tod von Ulricht Schacht muss ich öfters daran denken. Ulrich Schacht hätte tasächlich dieser in Unfreiheit hinein geborene sein können. Und wie Kempowski, der auch von der westdeutschen Linken Jahrzehnte links liegen gelassen wurde und wegen seiner unbestechlichen Sicht auf die DDR verpönt war und an dem erst, als der geniale Regisseur Fechner den Stoff ins Fernsehen gebracht hatte, niemand mehr vorbeikam,  passte auch Schacht nicht ins Bild der Leute, die mit dem sozialistischen Experiment auf deutschem Boden sympathisierten und später traurig waren, dass es die DDR dann nicht mehr gab. Solange es nicht der Nationalsozialismus war, hatte nur eine Minderheit westlicher Intellektueller Probleme mit Totalitarismen.  Die ‘Linksliberalen des Westen neigten und neigen noch heute dazu sich eine Welt zusammen zu reimen. Die da im Osten hätten ja keine Revolution gewollt, sondern nur die D - Mark. Wir im Westen rackern uns ab für die Überwindung des Kapitalismus und die wollen ihn haben, Dabei haben die Bürger der DDR ihre Existenz aufs Spiel gesetzt für ihre Freiheit, um die es als allererstes ging, während im Westen utopisches Denken ungefährlich war und die Linken die Vorzüge des Systems ja durchaus genossen. Weil er die Diktatur erlebte, ist der Demokratieexperte eher im Osten zuhause ist, weil an Kopf und Herz Sensoren implantiert sind, die totalitäre Impulse melden. Die ideologische Selbstvergötterung der Westintellektuellen schließt inzwischen alles andere aus. Auch durch diese Hybris haben ihre ideologischen Urteile einen totalitären Siegeszug hinter sich. Aber möglicherweise haben sie sich totgesiegt. Ihre auswendig gelernten Argumente hat der eine oder andere schon vergessen.

Alexander Rostert / 28.09.2018

“Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist.” (Michael Klonovsky)

Ilona Freitag / 28.09.2018

Ich muss gestehen, dass Ulrich Schacht für mich kein Begriff ist. Aber ich werde mich über ihn und seine literarische Arbeit sicher infomieren.  Der Artikel bringt es an Hand von Ulrich Schacht auf dem Punkt. Ähnlich wird ja auch mit den Büchern von Thilo Sarrazin verfahren. Nun erwartet keiner, dass man jedem künstlerischen oder auch sachlichen Werk zustimmen muss, aber in der heutigen Zeit wird Kunst, Jurnalismus… ja die ganze Medienbranche immer einheitlicher und damit auch uninteressanter. Selbst die Comedians haben sich dieser Tendenz untergeordnet…. einst Freigeister, jetzt unterwürfig einer politischen Linie folgend.  Man kann sagen, diese Welt wird nicht bunter, sondern vereinheitlicht sich in vorgefasstem Gedankengut.

Volker Kleinophorst / 28.09.2018

Merkels eigene Lieblingsbücher: Jim Knopf und die Wilde 13 (Michael Ende), Max und Moritz (Wilhelm Busch), Emil und die Detektive (Erich Kästner), Krieg und Frieden (Leo Tolstoi) und Vierzig Jahre (Günter die Bruyn). Also drei Jugendbücher (als Kind gelesen), einen Klassiker (als Schüler gelesen) und eine DDR-Autobiografie eines Schriftstellers (Einziges Buch das ich nicht kenne.) Kommte einem nicht so vor, als wäre Lesen bei der Dame Alltag. Wenn ich dazu dann die noch “Donald Trump als Lesehilfe” von Thilo Schneider auf dieser Seite über die Thalia-Kampagne “Donald Trump liest nicht” hinzuziehe, bleibt nur ein: #shetoo. Aber warum auch im Gegensatz zu Trump muss Merkel ja nicht lesen: Sie weiß ja schon Alles.

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