Der langsame Tod des Weströmischen Reiches

Das Weströmische Reich starb, weil es sich in eine freiheitsfeindliche Bürokratie verwandelte. Hier wird dieser Prozess in gebührender Breite beschrieben, auf dass wir davon lernen mögen.

Zuerst starb im Römischen Reich die Freiheit. Dies begann mit dem Ende der Römischen Republik und dem Aufbau einer zunächst wohlwollend-bürokratischen Monarchie seit Augustus. Das Wachstum und schließliche Ende dieser Bürokratie zog sich dann über Jahrhunderte hin. Mit Recht bemerkte Edward Gibbon, man solle sich nicht darüber wundern, dass dieses mächtige Imperium unterging, sondern eher darüber, dass es so lange Bestand hatte. Wie kurzlebig war verglichen damit das englische, russische oder französische Imperium, wie labil die gegenwärtige Pax Americana, von den nur 75 Jahren des Deutschen Reiches zu schweigen. Allenfalls das chinesische und das antike ägyptische Imperium lassen sich als vergleichbar, ja überlegen hinsichtlich der Lebensdauer heranziehen.

Zuerst starb mit Augustus die republikanische Freiheit, dann die ökonomische und schließlich die geistig-religiöse. Am zähesten erwies sich die römische Steuerbürokratie, deren letzte Reste erst in der Merowinger-Zeit untergingen, als die Brunnen Roms längst versiegt, die Tempel und Arenen verfallen, die Bäder geschlossen und die Spiele nur noch eine Reminiszenz waren. Handelt es sich im Falle des Weströmischen Reiches um einen „Untergang“ oder nur – wertneutral und verharmlosend gesprochen – um eine „Transformation“ in eine andere Gesellschaftsverfassung? 

Wie sah denn diese „Transformation“ konkret aus? Zunächst ist der Niedergang des Wohlstandes seit dem 3. oder 4. Jahrhundert zu erwähnen, der Verfall der Kapitalvermögen, die Rückbildung der Arbeitsteilung, die kulturelle Abwärtslinie und der demographisch-biologische Schwund. Nicht das Familienleben, sondern Kinderlosigkeit und Virginität wurden mit der Ausbreitung des Christentums zum Ideal. Ganze Städte standen leer, weite Landflächen lagen brach. „Im Gymnasium wächst Korn, so dass Götter- und Heroenstatuen im Sommer im Getreide versteckt sind.“ Auf den Märkten vieler Städte bewegten sich Viehherden und weideten vor dem Rathaus. Die Bevölkerungszahl der Stadt Rom sank von eineinhalb oder zwei Millionen auf etwa 20.000 (zur Zeit des absoluten Tiefpunkts im 7. Jahrhundert). In Trier von 60.000 auf höchstens 5.000–10.000 während des Mittelalters, die innerhalb eines lange erhaltenen, viel zu großen Mauerrings lebten. Diese Menschen dürften mit melancholischen Gefühlen auf die noch stehenden Relikte einer stolzeren Zeit geblickt haben.

Das römische Militär gelangte auf einen Tiefpunkt, die römische Bevölkerung war seit langem entwaffnet und pazifiziert. Von Wehrhaftigkeit und Patriotismus war immer weniger die Rede. Die – um mit Edward Gibbon zu sprechen – zu „Pygmäen“ und „Haustieren“ heruntergesunkenen Bürger versanken in epikureischem Genussleben, häufig staatsgefüttert, in den prachtvollen Thermen und Arenen. Die Rekrutierung des römischen Heers aus römischen Bürgern wurde immer schwieriger. Man ging seit Marc Aurel dazu über, fremde Volksstämme in den Dienst des Reiches zu stellen und auf römischem Boden anzusiedeln, nicht immer freiwillig. Das Imperium fand schließlich nicht mehr die Kraft, diese „Reichsfremden“, die man höflich „Gäste“ nannte, zu assimilieren. Heiratsverbote und „Apartheid“-Gesetzgebung verschlechterten das soziale Klima. Zur inneren „Proletarisierung“ des Reiches kam die äußere. Die Germanen übernahmen schließlich die Oberherrschaft in einem Moment, als das Imperium schon weitgehend germanisiert (oder „barbarisiert“) war.

Ausgangslage: Freiheit, Wohlstand, Selfgovernment der Städte

Im zweiten Jahrhundert – unter einem Regiment „aufgeklärter“ Kaiser von Trajan bis Marc Aurel – erfreute sich das Römische Reich eines Wohlstandes, einer ökonomischen und geistigen Freiheit, einer Freizügigkeit und eines inneren Friedens, wie sie erst im Europa des neunzehnten Jahrhunderts – und auch hier nicht überall – wieder erreicht wurden. Mäßige Steuersätze, eine weitgehend dezentralisierte Verwaltung, eine Fülle glänzender, von den Bürgern sebstverwalteter Städte, die Achtung von Privateigentum und vor der Privatsphäre, ein durch Handelshindernisse wenig gestörter „Binnenmarkt“: Das war das wohltätige Ergebnis kaiserlich-liberaler Freihandels- und Ordnungspolitik seit Augustus. Von der Herrschaft der beiden Antoninen (130–180) schreibt Gibbon, dass sie vielleicht die einzige Periode gewesen ist, in der das Glück eines großen Volkes alleiniger Zweck der Regenten war. Es war dies darum auch eine Epoche großzügigsten Mäzenatentums: Reiche Bürger taten – nicht immer freiwillig – viel zur Verschönerung ihrer Stadt, indem sie Tempel, Thermen, Arenen oder Markthallen stifteten.

Diese Belle Époque ging zu Ende, als innere Kriege durch konkurrierende Armeegruppen, die Willkürherrschaft roher Militärdikatoren und der zunehmende Druck aggressiver Barbarenvölker den ökonomischen Unterbau des Reiches nachhaltig erschütterten. Der sich schließlich durchsetzende Typus von Staatslenkern – nicht Philosophenkaiser wie Marc Aurel, sondern raue Militärs wie Diokletian, Konstantin oder Theodosius – glaubte, die nachlassende Kraft des Reiches und den sinkenden Reichspatriotismus durch fiskalische und geistige Zwangsmaßnahmen stärken zu können. Um die ständig wachsende Zahl von Staatsfunktionären ernähren und vor allem die Bedürfnisse einer erpresserischen Armee befriedigen zu können, schien ihnen das Regime von Befehl und Gehorsam, von Zwangsdiensten und Beschlagnahmung, von Strafe und Kontrollen der beste Weg. So begann ein Interventionismus, der immer hektischer und rücksichtsloser wurde und erst mit der Auflösung des Reiches endete. Ludwig von Mises meinte (1940): „Das Römische Reich versank, weil ihm der Geist des Liberalismus fehlte. Das Führerprinzip in der politischen Verfassung, der Interventionismus in der Wirtschaftsverfassung haben auch hier auflösend gewirkt, wie sie immer und überall auflösend wirken müssen."

Der Gang der Selbstzerstörung

„Jede Ausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht des Bürgers“ (Ludwig Erhard). Es gibt Steuersätze, deren weitere Steigerung nicht Zuwachs, sondern Verlust an Steuerertrag bringen. Das wachsende Geldbedürfnis der kaiserlichen Bürokratie und ihrer Armee trieb die Steuersätze auf eine Höhe, die es uninteressant machte, legal für den Markt zu produzieren oder zu investieren. Mit der übermäßigen Besteuerung, die vor allem die bürgerlich-unternehmerischen Schichten belastete, ging die ökonomische Initiative zurück. So wurde es interessanter, nach einer niedrigen Steuerklasse als nach Gewinn und unternehmerischem Aufstieg zu streben. Die erfinderische Energie wandte sich nun den vielfältigen Wegen der Steuervermeidung zu. Aber die wohlhabenden Schichten der Städte, die diese in freier Selbstverwaltung ehrenamtlich leiteten, hafteten der Zentralbürokratie für den Steuereingang mit ihrem Vermögen und ihrer Person. 

Neben den Steuern, die jeder Bürger dem Staat schuldet, waren zunehmend persönliche Dienste nach Art der Wehrpflicht und verschiedene Naturalleistungen zu erbringen. Diese Frondienste hatten sich zunächst in Ägypten ausgebildet. Sie waren Grundlage des dort schon lange vorherrschenden Staatssozialismus. Nach und nach wurden sie für das gesamte Römische Reich verbindlich. Es handelte sich um Hand- und Spanndienste, etwa für öffentliche Bauten, für die Verpflegung und das Quartier der stehenden oder marschierenden Truppen oder der reisenden Staatsbeamten sowie um die Stellung von Zugtieren für die kaiserliche Postorganisation. Diese und andere unentgeltliche „munera sordida“ verdoppelten die Lasten, die von den arbeitenden Schichten zu tragen waren.

Die große Inflation

Zur Finanzierung der Bürgerkriege im dritten Jahrhundert war bei den verschiedenen Usurpatoren des kaiserlichen Amtes das Mittel der Inflationierung der römischen Währung über Münzverschlechterung gang und gäbe. Ein Musterbeispiel für den Missbrauch des staatlichen Geldmonopols, den wir gegenwärtig wieder erleben. Zwischen 258 und 275 nach Christus entwertete sich das Geld um 1.000 Prozent. Diokletian und einige seiner Nachfolger suchten nun das inflationär überhöhte Preisniveau mit dekretierten Höchsätzen für die wichtigsten Verbrauchsgüter und Dienstleistungen zu bekämpfen (Preisdeckelung – auch gegenwärtig wieder der letzte Ausweg verfehlter Wirtschafts- und Finanzpolitik). Diese Inflationspolitik ging bis zu dem Punkt, dass die Staatskasse sich weigerte, das Geld anzunehmen, mit dem sie selber zahlte. 

Das Edikt von 301 ist ein eindrucksvolles Dokument für den Irrglauben an staatliche Preistaxen und den vergeblichen Einsatz politischer Macht gegen die Erfolgsregeln der Ökonomie. In seiner Einleitung ist von der „rasenden Gier“ und der mit „reißender Wut überschäumenden Habgier der Verkäufer“ die Rede, der im Namen der Gerechtigkeit und Humanität entgegenzutreten eine Pflicht der Kaiser sei. Mit allem kaiserlichen Nachdruck, aber völlig fehlendem wirtschaftlichen Sachverstand wurde das Steigen der Preise untersagt. Die Todesstrafe bedrohte sowohl den, der einen höheren als den behördlichen Maximaltarif forderte, als auch den, der es vorzog, unter diesen unvorteilhaften Konditionen seine Ware vom Markt zurückzuziehen. Die Preisregulierung ging von den Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Fleisch, Wein bis hin zu Dienstleistungen wie Lehrer, Friseure und auch Landarbeiter. Insgesamt gab es etwa 1.000 Preistaxen.

Die Bürger „steigen aus“

Die Folgen dieser Finanz- und Wirtschaftspolitik ließen nicht auf sich warten: Umgehung staatlicher Anordnungen und ökonomische Fahnenflucht. Auch die organisierte Steuerdenunziation und der Gebrauch von Folter und Prügelstrafe führten nicht zur Erhöhung des Steuerertrages, sondern nur zu Versuchen, diesem Raubsystem über verschiedene Fluchtwege zu entkommen. Die Alternativen, die sich dem terrorisierten Staatsbürger damals boten, waren:

1. Der Aufstieg ins höhere Staatsbeamtentum, das von vielen Belastungen eines normalen Bürgers befreit war, also die eigene Beteiligung am Beutezug.

2. Der Erwerb eines der ebenfalls zunehmend privilegierten Landgüter oder das Annehmen einer abhängigen, aber gegen staatlichen Steuerterror relativ geschützten Stelle auf ihnen, also das Opfern einer Freiheit, die zur Last geworden war.

3. Die Flucht in die Wälder, in die Kriminalität der Wegelagerer und Räuber nach Art der berüchtigten Bagauden Galliens, über welche die Provinzregierung schließlich nicht mehr Herr werden konnte.

4. Die Desertion ins nichtrömische Ausland, das zwar unzivilisiert und hart, aber frei von Steuerlasten war. Salvian, ein Zeitzeuge, schrieb: „Sie suchen bei den Barbaren die Menschlichkeit der Römer, weil sie bei den Römern die barbarische Unmenschlichkeit nicht ertragen können“. So hat es auch Geza Alföldy (2013) gesehen.

5. Der freiwillige Abstieg in das staatsgefütterte müßige Proletariat der großen Städte wie Rom, Konstantinopel, Alexandria, Karthago, Antiochia. Dort ließ es sich auf öffentliche Kosten bequem leben: Es wurde schließlich nicht nur Korn, sondern sogar fertiges Brot gereicht, von öffentlichen Öfen gebacken und gegen Anweisungszettel ausgeteilt. Es fehlte gerade noch, schrieb ein Schriftsteller des 4. Jahrhunderts, dass Hühner und Gänse geliefert werden. Hier ein Bild dieses „Panem et Circenses“ aus der Meisterfeder Gibbons: Die Zeit vertrieb sich dieses müßige Volk mit dem Besuch von Zirkus und Arenen. Städtische Unterhaltung wurde von der kaiserlichen Sozialpolitik als meritorisches Gut behandelt, für die Unterhaltenen war sie also zumeist kostenfrei. „Aus den großartigen Palästen der Bäder ergoß sich ein Schwarm schmutziger und zerlumpter Plebejer ohne Schuhe und Mantel, welche ganze Tage auf der Straße oder in dem Forum vertändelten, um Neuigkeiten zu hören oder zu zanken, in ausschweifendem Spiele die geringe Habe ihrer Gattinnen und Kinder verschleuderten und die Stunden der Nacht in schlechten Schenken und liederlichen Häusern zubrachten, frönend der gröbsten und gemeinsten Sinnlichkeit.“

6. Nicht zuletzt blieb auch der seelische, soziale und ökonomische Ausstieg in eine Erlösungsreligion. Hier fand der unterdrückte Bürger die Freuden, die ihm ein feindseliges Diesseits vorenthielt, wenigstens für ein überirdisches Jenseits versprochen. Die negativen Ideale solcher Fluchtwege waren Bedürfnislosigkeit, welche schon die zynisch-stoische Philosophie zur Leidminderung empfohlen hatte, das Aufgeben der natürlichen sozialen Pflichtenkreise in Familie, Ehe und Gemeinde, der Verzicht auf Eigentum und oft sogar Fortpflanzung, das Leben in selbstgewählten Tröstungs- und Selbsthilfegemeinschaften, in Erwartung des „jüngsten Tages“ oder der Invasion der Barbaren. Alles das, was dem antiken Menschen von Wert gewesen war: Wissenschaft, Kunst, Sport, Philosophie, Schönheitslust wurde abgelehnt und gemieden – eine Art nihilistischer Cancel Culture, wie wir sie inzwischen auch in unseren Tagen kennen. Diese pessimistisch-defensive, ja weltflüchtige Lebenshaltung beschleunigte den Untergang des Reiches.

Despotismus durch Behörden und Korporationen

Die Antwort der Bürokratie auf die Versuche der Steueruntertanen, sich ihrer Pflichten (oder Zumutungen) gegen den Staat zu entziehen, war primitiv und brutal. Es wurde einfach verboten, diese Fluchtwege weiter zu benutzen. Jeder städtische Bürger und jeder Landbewohner wurde verwaltungsrechtlich an seine Funktion gefesselt. Die verschiedenen Berufsgruppen wurden in Zwangsorganisationen zusammengefasst, die nunmehr für den Eingang der Steuermittel und für die Ableistung der naturalen Zwangsdienste geradezustehen hatten. Die Bürger, so heißt es in einem kaiserlichen Edikt, sollen wie Sklaven behandelt werden und kein Recht haben, fortzugehen, wohin sie wollen oder ihren Aufenthaltsort zu verändern. Ein Gesetz nach dem anderen wiederholte die lebenslange Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Klasse oder dem Verband, dem er angehörte, und schließlich wurde diese Funktionsbindung erblich. Wer floh, wurde zwangsweise zurückgeführt. Heinrich Dannenbauer hat dieses System plastisch geschildert (Die Entstehung Europas, Band I).

So wurde der Bauer an seine Scholle, der Soldat an seine Truppe, der kleine Beamte und Angestellte an seine Dienststelle, der gewerbetreibende Handwerker und Arbeiter an seine Zwangsinnung gebunden; es entstanden die obrigkeitlichen Zünfte der Fuhrleute, der Schiffer, der Schweinelieferanten, der Viehhändler usw. Man durfte – nach Dannenbauer – schließlich nicht mehr außerhalb seiner Zwangsinnung heiraten: Wer dies dennoch tat, hatte Prügelstrafe zu gewärtigen. Der Außenseiter, der eine römische Bäckerstochter heiratete, war gezwungen, in das Gewerbe seines Schwiegervaters einzutreten. In Rom durfte der Bürger schließlich nicht einmal mehr aus einer der 254 Bäckereien in eine andere hinüberwechseln.

Zu dieser zwangsweisen und erblichen Funktionsbindung kam die direkte Verstaatlichung von Produktionszweigen, so der Waffenindustrie oder der Textilindustrie. Zwar gab es keine Meldeämter, Ausweispapiere, Arbeitsbücher und ähnliche Hilfsmittel, mit denen die moderne Bürokratie arbeitet: Der römische Staat brannte seinen Arbeitern stattdessen eine Marke auf den Arm, die sie vor der Polizei jederzeit kenntlich machte.

So endete der römische Bürger als Sklave der Behörden. Doch die pompöse und korrupte bürokratische „Nomenklatura“ triumphierte nicht auf Dauer.

Teil II

Vom ökonomischen zum geistigen Totalitarismus

Der ökonomische und politische Despotismus wurde durch den geistigen vollendet. Das Römerreich in seinen besten Zeiten war in religiöser Hinsicht tolerant. Es gab im 2. Jahrhundert ein störungsarmes Nebeneinander von Kulten, Mysterien, Göttern, Mythologien. Die ägyptische Isis lebte friedlich neben der griechischen Aphrodite, die lebensfreudigen Götter des Olymp neben ihren nüchterneren Kollegen aus Rom. Alle diese Götter und Kulte lebten und ließen leben. Mit dem exklusiv monotheistischen Christentum in der Hand der Regierung kam zum ersten Male religiöser Fanatismus auf, ja, wie Gibbon schreibt: „Fanatismus durfte die Sprache der göttlichen Eingebung annehmen“.

Die römischen Kaiser zeigten sich lange Zeit gleichgültig auch gegen diese ungewöhnliche Religion mit dem Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ und mit ihrer weitreichenden Indifferenz gegen alles, was dem antiken Bürger von Bedeutung war. Die christliche Bewegung wurde offiziell erst bekämpft, als es – massenhaft verbreitet – mit der Staaträson, dem Überlebensinteresse des Römischen Reiches, in Konflikt geriet, als führende Repräsentanten der Christen die Soldaten zur Desertion aufriefen und mit Schadenfreude dem Sieg der „Barbaren“ entgegensahen.

Der Heide Konstantin versuchte, diese Religion allgemeiner Menschenliebe der Staatsräson dienstbar zu machen. Seit Gratian und Theodosius wurde das Christentum dann als Staatsreligion mit Monopolanspruch durchgesetzt. In einem Kultursturz sondergleichen – jüngstens von Catherine Nixey eindrucksvoll beschrieben (Heiliger Zorn, 2017) – wurden alle rivalisierenden Kulte, Götter, Götter, Mysterien, schließlich alle heidnische Bildungstradition und die Pracht römischer Thermen, Tempel- und Schauspielanlagen – unter Beihilfe religiös fanatisierter Massen – vernichtet oder umfunktioniert. Diokletian hat einmal gesagt: „Alles unkontrollierte Handeln ist eine Erfindung der Gottlosen“. Die Kontrolle erstreckte sich nun auch auf das Geistig-Religiöse. Die Schließung der Platonischen Akademie in Athen (529) durch Justinian war nur der letzte formelle Schritt zum geistigen Totalitarismus des Staates. Schon vorher waren die Olympischen Spiele und die heidnischen Schauspiele abgesetzt worden. Das menschenfreundliche Plädoyer des heidnischen Philosophen Symmachus verhallte ungehört: Ist es nicht gleichgültig, auf welchem Weg einer die Wahrheit sucht? Zu einem so großen Mysterium kann man nicht auf einem einzigen Wege gelangen."

Die Hoffnung der Kaiser auf eine integrierende Wirkung des Christentums schlug fehl. Die verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen und Sekten befehdeten sich untereinander gehässiger, als sie früher die heidnische Religion bekämpft hatten. Kaiser Julian schrieb damals über die Christen: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst die Raubtiere dem Menschen nicht so feindlich gesinnt sind wie die Christen gegeneinander.“

Das Ende 

Als die germanischen Völker sich das Reich unterwarfen und aufteilten, war die griechisch-römische Kultur schon stark unterhöhlt, ja „barbarisiert“. In den letzten Schlachten dieses Reiches kämpften Römer kaum mehr mit. Gekaufte Germanen kämpften gegen Germanen, Hunnen gegen Hunnen, Slawen gegen Slawen. Die entpolisierte römische Bevölkerung – selbst die großen Grundbesitzer der sog. Senatorenklasse – schaute den Endkämpfen tatenlos und oft mit epikurischem Zynismus zu. Ihr waren in diesem Stadium die Spiele oder die ländlich-bukolische Autarkie wichtiger als das Schicksal des Reiches. Nehmen wir das Zeugnis des Zeitzeugen Salvian am Beispiel Triers: „Durch drei unmittelbar aufeinanderfolgende Zerstörungen ist die erste Stadt der Gallier vernichtet worden. Und obwohl die ganze Stadt verbrannt war, wuchsen die Leiden noch nach den Zerstörungen. Denn diejenigen, welche die Feinde nicht bei der Einnahme getötet hatten, erreichte das Unglück nachher... Die einen starben in längeren Todesqualen an tieferen Wunden, die anderen angesengt durch die Flammen der Feinde, peinigte nach dem Brand der Schmerz. Die einen starben vor Hunger, die anderen wegen ihrer Blöße... Überall lagen nackte und zerfleischte Leichen beiderlei Geschlechts, die den Anblick der Stadt schändeten, von den Vögeln und den Hunden zerrissen... Der Tod hauchte neuen Tod aus… Und was nach diesem, frage ich, was nach diesem allen? Wer kann das Ausmaß dieses Wahnsinns erfassen? Wenige Adlige, die den Untergang überlebt hatten, forderten gemeinsam als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt von den Kaisern Circusspiele“. Und die Stadtobrigkeiten? Sie erhoben sich erst von den Weingelagen, als bereits der Feind in die Stadt eindrang: „Die Barbaren lagerten beinahe vor aller Augen, und doch gab es keinen, der die Stadt bewachte“. Aller hatte sich ein sorgenloser und schlaffer Sinn und Gleichgültigkeit bemächtigt.

Will Durant hat es in seiner großartigen Kulturgeschichte anschaulich geschildert: Die allgemeine Verarmung „ließ die Geister einer einst großen Rasse zu einem epikuräischem Zynismus, der alle Götter außer Priapus anzweifelte, zu einer furchtsamen Kinderlosigkeit, die sich vor der Verantwortung des Lebens drückte und zu einer verdrießlichen Feigheit, die jede Hingabe verächtlich machte und jeder kriegerischen Aufgabe auswich, absinken…“ „Rom lacht und stirbt“, bemerkte unser Zeitzeuge Salvian.

Der geldwirtschaftliche Überbau brach schließlich fast vollständig zusammen. Der antike Sklavenhalterkapitalismus starb mangels Nachschub an Sklaven im bürokratisierten und befriedeten Reich (Max Weber). Die Beamten und Soldaten wurden mit Land und Naturalien bezahlt. Sie erhielten hunderte von Gegenständen in natura zugewiesen: Lebensmittel, Tragtiere, Zaumzeug ebenso wie Schnallen und sogar Beischläferinnen. Als Grenztruppen dienten – militärisch fast wertlos – verheiratete Bauern, die vornehmlich vom Ertrag ihres Landes lebten, zuletzt meistens „Barbaren“. Die Kaiser waren kaum noch in der Lage, bewegliche Feldarmeen zusammenzustellen. An die Stelle der Bürokratie und der Städte traten große, dünn besiedelte ländliche Selbstversorgungseinheiten.

Eine mächtige Landaristokratie setzte sich an die Stelle der Beamten. Sie wurde auch politisch immer mehr Selbstversorger mit eigener Polizei, eigenen Streitkräften, eigenen Gefängnissen. Die Reichsbürokratie hatte auf die abhängigen, an die Scholle gefesselten Hörigen dieser „possessores“ keinen Durchgriff mehr. Als die letzten Schlachten geschlagen wurden, war an die Stelle des Römischen Reiches und der antiken Zivilisation praktisch bereits der naturalwirtschaftliche Feudalismus getreten. Max Weber: „So schwand die dünn gewordene Hülle der antiken Kultur, und das Geistesleben der okzidentalen Menschheit sank in lange Nacht“. Wäre etwa ein antiker Klassiker aus seinen Pergamenten erwacht und hätte er die Welt aus seiner Klosterzelle gemustert: „hätte ihn die Düngerluft des karolingischen Fronhofes angeweht“.

Lektionen für die Gegenwart

Die Lehren aus dem Untergang des Römischen Reiches liegen auf der Hand: Wo die Bürokratie das Übergewicht erlangt, wo sie den „Kosmos“ einer ökonomischen und politischen dezentralisierten und auch geistig-kulturell freien Gesellschaft den zwangswirtschaftlichen Apparat und den Geist einer Kommandowirtschaft aufzudrängen sucht, sind Freiheit, Wohlstand und höhere Kultur in Gefahr, ja ist schließlich nicht einmal mehr die nackte physische Existenz gesichert. Öffnet man zudem die Grenzen einer beinahe unkontrollierten Masseneinwanderung von kulturell anders geprägten Völkern, ist die eigene kulturell-politische Selbstbehauptung nicht anders als schon im Römischen Reich gefährdet. Auf dieses Risiko hat jüngst auch der größte deutschsprachige Kenner der Antike, Alexander Demandt, hingewiesen (FAZ vom 22.1.2016).

Max Webers düstere Prognose (1909), dass die Bürokratie in Europa irgendwann ebenso über den Kapitalismus und die freie Gesellschaft Herr werden wird wie im Römischen Reich, ist bisher nicht, jedenfalls noch nicht dauerhaft und universal eingetroffen. Das Schicksal des Römischen Reiches sollte uns aber zur Wachsamkeit und zu einer Option für Freiheit und Dezentralisation (und Schutz des Eigenen!) mahnen. Wer aus dieser geschichtlichen Erfahrung nicht lernt, wird die römische Lektion wiederholen – trotz aller blendenden Wissenschaft und Technik einer industrialisierten Welt, deren Wohlstand Rom noch nicht kannte.

 

Prof. Gerd Habermann, geb. 1945, ist Wirtschaftsphilosoph, Hochschullehrer, freier Publizist sowie geschäftsführender Vorstand der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. 

Foto: Illustration Rudolf Wildermann

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Leserpost

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U. Hering / 15.04.2023

Der Darstellung, daß die geistig-kulturellen Einschränkungen den politisch-ökonomischen nachfolgten ist wohl zu widersprechen, weil es bereits in der späten Republik und im Prinzipat zu Bestrebungen nach einer “obrigkeitlichen Wissensmonopolisierung” kam, die im Verlauf der Kaiserzeit immer weiter ausgriff (vgl. Marie Theres Fögen, Die Enteignung der Wahrsager, Frankfurt 1993).

Karsten Dörre / 15.04.2023

Mit dem Beginn des Kaisertums versank auch der wissenschaftlich-technische Fortschritt, entwickelte sich nicht weiter.

Helmut Bachmann / 15.04.2023

75 Jahre Deutsches Reich? Hmm, einfach mal das erste ausgeblendet? Ansonsten ein interessanter Artikel.

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