Künstler sind oft zarte und romantische Seelen, die im politischen Tagesgeschäft verheizt werden. Sie spüren die kleinen Erschütterungen vor den großen gesellschaftlichen Erdbeben und drücken diese oft als erste aus.
Die heiße Phase des amerikanischen Wahlkampfes beginnt und ich darf wieder mein „Zappa for President“ T-Shirt anziehen, um allen Fragen zuvor zu kommen, für wen „ich bin“. Ich bin für Zappa.
Das steht fest, denn der steht für Amerika, aber leider nicht zur Wahl. Obschon Tote zuweilen wählen dürfen, sind tote Kandidaten trotz besserer Eignung nicht bei den Vorwahlen zugelassen und diese bestimmen (normalerweise) ob Kandidaten genug politische Aufregung generieren können, um im November eine Chance zu haben. Spätestens nach der Kandidatenkür durch die beiden großen Parteitage im Sommer kommen in der Berichterstattung unabhängige Kandidaten ebenso wenig vor wie jene der dritten Kraft im Lande, der libertäre Bewegung.
Das ist schade, da diese Kandidaten die Freiheitsidee der amerikanischen Republik oft am besten verkörpern. So auch das musikalische Genie Frank Zappa, das 1991 angedroht hatte, sich als Kandidat aufstellen zu lassen.
Make Music great again!
Das enfant terrible Zappa (1940 - 1993) wollte den Anwalt und Harvard Professor, Alan Dershowitz – der sich erst kürzlich entsetzt über die politische Justiz-Farce des Trump-Prozesses in New York geäußert hat – zum Justizminister (Attorney General) machen. Dershowitz war alles andere als beliebt, da er schon damals, von Medien vorverurteilten, Promis einen fairen Prozess (due process) ermöglichte.
Zappas politische Aktivität hatte ein zentrales Thema: Die Rechte, die der erste Zusatz zur amerikanischen Verfassung (First amandment) allen Amerikaner garantiert. Dieser Zusatz untersagt es der Regierung, Gesetze zu erlassen, die Religionsausübung, Rede-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit verbieten (prohibiting the free exercise of). Dass diese Grundrechte bei uns immer wieder als „Meinungsfreiheit“ übersetzt werden liegt wohl an einem mäßig entwickelten Demokratieverständnis, in dem Meinungen zur Privatsache erklärt werden können.
Für die Autoren der amerikanischen Verfassung und die Amerikaner war und ist völlig klar, dass „freedom of speech“ die öffentliche Rede meint und nicht das Selbstgespräch zu Hause vor der Waschmaschine oder dem Fernsehapparat. Der erste Verfassungszusatz ist die Basis aller kreativen Freiheitsrechte
– von der künstlerischen bis zu wissenschaftlichen. Präsident Zappa hätte vor allem eine Repräsentantin der verfassungsmäßigen Ordnung stark gemacht: Make Music Great Again!
Künstler als Präsidenten
Die Vehemenz der Verteidiger des erste Verfassungszusatzes kommt nicht aus der Verfassung allein. Sie entsteht auch nicht erst im gemeinsamen, politischen Handeln. Sie liegt, vor all den genannten, in einem religiösen und ästhetischen Gefühl, dass die göttliche Ordnung Kreativität und Freiheit dem Menschen als Mensch zusteht. Sie steht den Bürgern der Republik einfach so zu und keine Regierung darf Gott spielen und dieses Recht beschneiden. Daher verspüren tief religiöse Menschen und wahre Künstler immer wieder die Neigung zu widerständiger Politik.
Künstler sind oft zarte und romantische Seelen, die im politischen Tagesgeschäft verheizt werden. Sie spüren die kleinen Erschütterungen vor den großen gesellschaftlichen Erdbeben und drücken diese oft früher als Intellektuelle und Wissenschaftler aus. Daher eignen sich Künstler nicht unbedingt für politische Ämter. Es gibt Ausnahmen wie Vaclav Havel. Frank Zappa wollte als President sein künstlerisches Werk fortsetzen und den Untergang der Medien-Diktatur in der Musik erwirken. Sein Wahlprogramm waren seine Liedtexte und vor allem seine Performance.
Diese haben sich nicht nur über die Macht der Medien und der Popkultur lustig gemacht, sondern auch die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen und göttlichen Ordnung durch die Musik propagiert. Zappas Kritik gleicht denen der Großen anderer Disziplinen. Sein Beitrag zum „shit storm“ der totalen Medien ist so klar und pointiert wie Harry Frankfurts Buch „On Bullshit“ und Klaus Heinrichs Abrechnung mit der medialen Übernahme der freien Wissenschaft und Universität. Als Künstler bringt Zappa die üblen Zustände nicht nur auf den Punkt; er traut sich zudem eine Vision der Wiederherstellung der verfassungsmäßigen und göttlichen Ordnung künstlerisch auszudrücken.
Geist in der Glotze, Geistlosigkeit in der Universität
Eine Installation Zappas zeigt die Kloschüssel auf einem Thron, erhoben auf dem Balkon der Erscheinung. Der Abfluss des Shit-Stromes endet ungefiltert im Fernsehgerät. Kaum jemand hat die Erhebung der fäkalen Ausscheidungen zur gesellschaftlichen Vermittlungsmacht besser verkörpert als Frank Zappa. Kaum jemand hat die Nutzlosigkeit des Widerstands gegen totale Reklame und mediale Katastrophenlust besser analysiert und verkörpert als der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. 1987 hat er in einem Vortrag „Zur Geistlosigkeit der Universitäten heute“ den Schlussstrich gezogen: die Welt steht Kopf und die Medien tanzen uns nicht nur auf diesem herum, sondern haben auch in ihm Platz genommen. Heinrich rät uns einen klaren Kopf zu behalten; diesen weder in den Sand noch in die Glotze zu stecken. Er schlug vor lieber sich selbst, als den Geist einer geistlosen Institution zu retten. Wie Zappa verkörperte er seine Aussage in der Performance; 30 Jahre lange jeden Montagnachmittag in seiner Vorlesung über die Widerstandskraft des ästhetischen Subjekts.
Heinrich selbst war ein lebendiges Medium, ein Vermittler zwischen den Welten; ein Wiedergänger Goethes, wie dieser im 20. Jahrhundert möglich war. Er hatte 1948 die Freie Universität in Berlin-Dahlem als Student mitgegründet. Es blieb die einzige Universität. die Freiheit im Namen trug. 40 Jahre später hat er ihr dann eine letzte Liebeserklärung und Totengedenkrede gehalten. Die Universitätsutopie als freie Republik war am Ende. Sie hatte den Löffel abgegeben, ihn an den Totalitarismus der Medien und der Ökonomie weitergereicht. Kein Geringerer als der amerikanische Präsident John F. Kennedy hatte in seiner Rede vor Ort am 26. Juni 1963 noch an die Grundlagen der Universität erinnert: „any University, if it is a University, is free“ und „dedicated to the motto: truth, justice, liberty“. Die FU Berlin wurde mit amerikanischer Hilfe als Gegenveranstaltung zur national-sozialistischen Gleichschaltung und international-sozialistischen Übernahme der Universität (Unter den Linden) gegründet.
Das künstlerisch-widerständige Subjekt Heinrich, hatte dem Nationalsozialismus und Stalinismus getrotzt und war nicht willens, sich vom Dünnpfiff der Bürokraten und vom Gegröle radikalisierter Kleingeister, Hoffnung und Geist vollständig austreiben zu lassen. Damals wurde sein Nachruf auf die Universität von den Totengräbern der TAZ und der ZEIT abgedruckt. Sie waren ganz geil auf den Leichenschmaus. Sie geierten darauf, die ausgehöhlte Universitätsleiche zu übernehmen und die Bürger der universitären Republik mit ihrer anti-bürgerlichen und anti-republikanischen Propaganda voll zu stopfen. Sie wollten die Kloschüssel unangefochten auf einen universitären Thron stellen. Dieses Süppchen hat Zappa ihnen versalzen. Was wenn er Präsident geworden wäre und die Küche übernommen hätte?
Music is the best
Frank Zappa hatte den Leichenschändern ihre Schadenfreude schon 1979 mit seinem Lied „Packard Goose“ köstlich vergällt. Er hat die Medien dort hingeschickt, wo sie hingehören, zum Teufel. Er hat die Macht der Medien dort platziert wo sie hingehört – ganz unten. Und er hat Gott und die Musik auf den Thron gehoben – dort wo sie hingehören: „Hi, It's me, the girl from the bus. Remember the last tour? Well, information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is the best.” Auf Deutsch und in umgekehrter Reihenfolge: Musik ist das Beste, dann kommt Liebe, Schönheit, Weisheit, Wissen und Wissenschaft. Und ganz am Ende steht die Information – das worauf sich jene stürzen, die keinen Plan haben, nicht Bus fahren und dem „Mädchen im Bus“ noch die begegnet sind. Wie doof und ignorant kann Mensch sein und sich nicht an die „last tour“ erinnern. Für jene, die diese verpasst haben, wiederholt das Mädchen (Gott) die gute Nachricht und Ordnung der Welt. Nur Fakten-Checker und Wissenschafts-Mitläufer haben wieder nichts mitbekommen. Sie spricht wie Gott, sie handelt wie Gott, also ist sie Gott. Sie sagt was ist und stellt die Ordnung der Welt her. In dieser fährt Gott Bus, immer die gleiche Tour, und erzählt.
Die Hierarchie, die das Mädchen beschreibt, entsprach der Utopie und Praxis der europäischen Universität. Dort bildete sich eine Gemeinschaft an Gelehrten und Gefährten, die in Liebe und Freundschaft der weisheits-getragenen Suche nach Wahrheit verbunden sind und dabei auf Wissen und Information zurückgreifen. Den Gefährten auf dieser Busreise und den Bürgern der Universität war bewusst, dass dieses Unternehmen nur durch die, alle tragende und alles durchdringende Liebe Gottes und die Eingebundenheit in die göttliche Ordnung, möglich ist. Weil manche das immer wieder vergessen, fährt das Mädchen lieber mit im Bus.
Über Zappa grassierte die Anekdote, dass er in der heißen Zeit der Studenten-Proteste von Studenten der FU aufgefordert wurde auf seinem Konzert zu einer Demo zu „mobilisieren“. Er hatte freundlich abgelehnt mit dem Hinweis, dass sein Beitrag seine Musik ist. Am Ende seines Lebens hat er sich doch mobilisieren lassen und in Prag ein Konzert gegeben. Für den tschechischen Widerstand gegen den Sowjet-Imperialismus war Zappa ein inspirierendes Idol und er wurde von Vaclav Havel persönlich eingeladen. Remember: Music ist the best.
Peter Levin lehrt und forscht in der ganzheitlichen Behandlung von Kindern und arbeitet in eigener Praxis. Er hat an mehreren deutschen und angelsächsischen Universitäten Natur- und Geisteswissenschaften studiert, unter anderem am Religionswissenschaftlichen Institut der FU Berlin. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.
https://www.youtube.com/watch?v=PNKs_AONuX8
https://www.youtube.com/watch?v=kQHMVKleiN0
Beitragsbild: zappa.com, Fair use, via Wikimedia Commons

@ Riedel Ich hatte gedacht Zappa wäre eher der Groucho-Typ „Ich trete in keinen Verein ein, der mich aufnimmt.“ Und dann Geheimgesellschaft. Er wäre jedenfalls nicht der erste Maurer im Weißen Haus gewesen. 14 von Washington bis Ford.
Nee, als President lieber nicht. Allerdings hat der practical conservative Zappa in I Come From Nowhere und Valley Girl den Typ der Kandidatin Grinsekatze schon Anfang der Achtziger in seiner besten Brecht/Weill-Manier treffend beschrieben: I come from nowhere, and you should go there, just try it for a while, the people from nowhere alway smile. It´s like grody, grody to the max. Bloss schade, dass er so früh verstorben ist und das, als er gerade anfing musikalisch in die Vollen zu gehen.
„Wenn man sich mit einem langweiligen, unglücklichen Leben abfindet, weil man auf seine Mutter, seinen Vater, seinen Priester, irgendeinen Burschen im Fernsehen oder irgendeinen anderen Kerl gehört hat, der einem vorschreibt, wie man leben soll, dann hat man es verdient.“
„Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich.“
Und aus gegebenen Anlass: „Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Wirtschaft.“
Er hatte schon wirklich was in der Birne. Und jetzt hole ich mir mein Pygmäen Pony und ernte meine Zahnseide direkt vom Busch.
„Amerikaner reden gern über Demokratie, empfinden sie aber, vor allem, wenn’s drauf ankommt, eher als “Unbequemlichkeit„. Wir haben stattdessen ein autoritäres System aufgebaut, das lediglich wie eine Demokratie aussieht. Wir zahlen Wucherpreise für einen Riesenwitz von Regierung, lassen uns von ihr herumschubsen und wundern uns, wie all die Arschlöcher an die Macht gekommen sind.“ An diesem Zappazitat wird deutlich: Die Kolonien haben den Verdummungsprozess erfolgreich durchlaufen und aufgeholt. Let’s go Brandon.
@Volker Kleinophorst / 29.08.2024: Danke! Musiker als Präsidenten, nur in nicht Freimaurerfällen? Aber auch ich bin ein Fan des Musikers Frank Zappa.
Schuster bleib bei deinen Leisten. Große Ausnahme, Berufspolitiker, ab in den Polit-Ganovenknast!
@Franz Klar: Wer die Sprache Gottes/Jesu nicht versteht, glaubt tatsächlich an das große Schweigen! Können Sie die Schrift an der Wand nicht wenigstens erahnen?
Als großer Zappa Fan, der Zappa immer noch gerne hört, seine Autobiografie verschlungen hat, Interviews gehört ohne Ende und von dem Meister als Jugendlicher dazu inspriert wurde, kreativer zu denken, komme ich doch an zwei Dingen nicht vorbei, die mich bei Zappa irritiren: 1. Zappa war Freimaurer. Quelle: Einer seiner Söhne, der auf damals noch Twitter durchs Haus führte und dann in einem Schrank: „Oh, Dads Freimaurerzeug“ inkl. einer Ehrenjacke oder so. Für mich war er bis zu dem Punkt einer der größten Freigeister ever. Passt für mich nicht zusammen. 2. Zappa galt ja als der Bürgermeister der. Rich Hippie Enklave Laurel Canyon. Zappas Vater gehörte zum militärisch-industriellen Komplex. Einzelfall. Eher nicht. Viele Spieler des Summer of Love, die dort damals zufällig zusammen kamen, entstammten der damaligen „Elite“. Jim Morrisons Vater hatte das Kommando der Flotte während des Tonkin-Zwischenfalls, eines, wie man mittlerweile weiß, gefakter nordvietnamesischer Angriff, damit die Amerikaner einen Kriegsgrund hatten. Hat auch Zappa nie zu einer seiner bissigen Bemerkungen inspiriert. Und trotzdem höre ich Zappa immer noch gern aber: l can’t get it out of my head.