Zwei Themen sind es, die diesen Sommer dominieren: Der Euro und die Beschneidung. Wobei seltsamerweise die Frage der Beschneidung die heftigeren Reaktionen provoziert. Offenbar ist der imaginierte Griff in die Hose aufregender als der wirkliche Griff in die Tasche. Uns erreichen inzwischen Briefe von Lesern, die dermaßen erregt sind, dass sie sich gar nicht anders zu helfen wissen, als uns zu schreiben, obwohl wir die falschen Adressaten sind. Auf diesen Bericht im Focus, in dem es um eine Äußerung von Norbert Geis, CSU-MdB, geht, hat uns Focus-Leser Rolf Schneider eine mail geschickt, die eigentlich an Norbert Geis gerichtet war:
Sehr geehrter Herr Geis !
Sie sind ein glühender Verfechter der Zwangsbeschneidung. Damit stehen Sie nicht mehr auf dem Boden der deutschen Rechtsordnung. Es ist auffällig, dass auch die christliche Lehre das Quälen “zum Wohle” der gequälten Person kennt und zwar im “Malleus Maleficarum”, dem Hexenhammer von 1486. In dieser Gedankenwelt, die ich teilweise in Ihren Aussagen wiederfinde, ist der Schmerz, der dem Opfer gewaltsam und willkürlich zugefügt wird, eine vom Folterer ausgehende “Wohltat”, da sie das Opfer ja vor der Hölle bewahren soll. Um das Seelenheil geht es auch beim jüdischen Ritus. Eine interessante Parallele. Ihre Ansichten zum Thema Beschneidung sind widerwärtig und menschenverachtend.
Rolf Schneider
Wir haben dieses Schreiben selbstverständlich an Norbert Geis weiter geleitet. Soviel Service muss sein.
Inzwischen ist uns klar, dass es sich um ein reines Männerthema handelt. Der von der Frauenbewegung enteierte Mann will nichts mehr von seiner Männlichkeit hergeben. Er fühlt sich bedroht, obwohl ihm niemand ans Gemächte will, es geht ja nur um jüdische und moslemische Jungen, deren Wohl und Wehe ihm ansonsten vollkommen am Arsch vorbeigeht.
Die meisten Beiträge zu dieser Debatte können mit der latenten Angst vor der Kastration erklärt werden.
Der folgende Text von Markus Vahlefeld fällt aus der Reihe.
Besser früher als später
Ich bin 46 Jahre alt und meine Beschneidung liegt noch nicht lange zurück. Es gab keine medizinische Indikation und ich hatte auch keinerlei Probleme mit meinem Schwanz. Nur befand meine Frau, die ich kurz zuvor kennen gelernt hatte, dass beschnittene Schwänze einfach schöner sind und grundsätzlich besser riechen.
Ja, meine Frau und ich haben spät geheiratet. Das lag aber nicht an einem Keuschheitsgelübde oder enthaltsamen Lebensstil. Im Gegenteil. Es war nicht meine erste Ehe und zudem bin ich Vater zweier Kinder. Auch habe ich mich mein Leben lang intensiv mit Sexualität beschäftigt - sowohl theoretisch wie auch praktisch - und dabei so allerlei Erfahrungen gemacht, die zu einem etwas distanzierteren Blick auf die Heiligkeit des Körpers geführt haben.
Meiner Frau ging es ähnlich. Sie war zwar noch nicht verheiratet gewesen, aber bereits mit 30 wusste sie, dass sie niemals einen Mann ehelichen wollte, der nicht mindestens eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte. Erfahrungsvorsprung findet sie bei Männern durchaus sexy. Sie ist ebenfalls mit einer gewissen Intensität durchs Leben geschritten und war dabei auf die Vorteile von beschnittenen Schwänzen gestoßen. Rein praktisch.
Kurzum: meine Beschneidung hatte keinen religiösen Hintergrund, sondern eher einen ästhetischen im Verbund mit sexuellem Pragmatismus. Und meiner Frau beim Sex besser zu gefallen, ist als Grund in meinem fortgeschrittenen Alter auch nicht von der Hand zu weisen.
Liebe ist wohl auch, wenn man Liebgewordenes aufzugeben bereit ist. Und natürlich hatte ich meinen Schwanz lieb gewonnen, so wie er war. Gleichzeitig war ich mir aber auch immer im Klaren, dass mein Schwanz im unbeschnittenen Zustand besonderer hygienischer Aufmerksamkeit bedurfte, die ich, auch das wusste ich, nicht immer zu leisten imstande war. Bei spontaner Lust und einem Quickie auf dem Frühstückstisch ist der Gang zum Waschlappen zuvor doch eher hinderlich. So lebte ich lange mit dem nicht ganz makellosen Gefühl, auch manchmal unangenehm zu riechen.
Auch weiss ich nicht, wie ich auf die gesamte Beschneidungsdebatte reagiert hätte, wenn ich mich nicht in freien Stücken bereits zu diesem Schritt entschieden hätte. Vielleicht würde ich ebenfalls mit Furor und Geifer auf das Beschneidungsritual schauen, einfach weil der Schnitt am männlichen Geschlecht doch auch Kastrationsängste aus dem Unterbewussten an die Oberfläche trägt.
Meine Frau war wirklich überrascht, als ich mich bereit erklärte, mich beschneiden zu lassen. Sie hat mich weder gedrängt, noch mich gebeten, noch hatte sie mich mich mit rhetorischen Fragespielchen umgarnt. Es war meine Idee, ihr und schließlich auch mir diesen Gefallen zu tun, hatten mich doch ihre Geschichten mit beschnittenen Schwänzen auch ein wenig eifersüchtig gemacht. And if you can’t beat it, join it. Ihre Freude darüber war aufrichtig.
Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, meine Eltern hätten an mir in jungen Jahren die Beschneidung vorgenommen, einfach aus dem Grund, weil mit 45 die Heilungsprozesse doch viel langsamer verlaufen als bei einem Baby oder Knaben. Auch erinnere ich mich an ein oder zwei Schulkameraden, deren beschnittenen Schwänzen ich unter der Dusche begegnet bin und deren Anblick mich in seinem Anderssein doch auch faszinierte. An Hänseleien diesen Mitschülern gegenüber kann ich mich nicht erinnern.
Ich habe die Beschneidung keinen Augenblick bereut. Selbst die zwei Wochen enthaltsame Zeit fand ich im Rückblick ganz interessant, weil ich so zwangsläufig von dem Drang nach Sex befreit worden war. Es war eine ruhige und gefühlsmäßig intensive Zeit, die ich nicht missen möchte, auch wenn ich mir den Heilungsprozess doch zügiger gewünscht hätte. Umso schöner war das erste Mal ohne - und nach vier Wochen war ich auch wieder ohne Komplikationen einsatzbereit.
Hat sich die Sexualität geändert? Wenn man Masturbation als Sexualität dazuzählt, ja. Denn die Masturbation ist weniger - wie soll ich sagen - spritzig-befriedigend als mit einem beschnittenen Schwanz. Die verengende Wirkung der Vorhaut führt wohl dazu, dass beim Höhepunkt mehr Druck aufgebaut wird, der sich dann langstreckiger entlädt. Das ist aber eher ein optisches Phänomen und dem Stolz des Mannes geschuldet, in jedem erdenklichen Augenblick seinen Schwanz anschauen zu wollen. Denn das Gefühl des Höhepunkts hat sich kein bißchen verändert.
Was jedoch bedeutend besser geworden ist, ist der Sex mit meiner Frau. Ich gehöre zu der Sorte Männer, die es schön finden, von den Frauen zumindest in manchen wenigen Aspekten bewundert zu werden. Und sei es nur in meiner Andersartigkeit. Diese Bewunderung gebe ich gerne zurück. Die Bewunderung meiner Frau für meinen Schwanz hat zugenommen. Es vergeht kein Tag, an dem sie mich nackt sieht und sich nicht eines Kommentars zu meinem so schön gewordenen Schwanz enthalten könnte. Das ist zwar noch nicht die sexuelle Befriedigung selbst, aber zumindest ein guter starting point.
Die verschiedenen Formen des sexuellen Verkehrs, die wir pflegen, sind durch die Beschneidung weder besser, noch intensiver, noch in irgendeiner Form schlechter geworden. Zumindest ist das mein Gefühl. Meine Frau dagegen ist der Überzeugung, dass ich kontrollierter den Orgasmus einsetzen oder herauszögern kann und dadurch in ihrer Wahrnehmung standhafter geworden bin. Entweder möchte ich es nicht wahrhaben oder es entspricht nicht den Tatsachen. Ein schlechtes Gefühl über das gute Gefühl meiner Frau will sich aber dennoch nicht einstellen.
Was sich geändert hat, ist definitiv die hygienische Vorsorge. Diesen manchmal fischigen Geruch eines unbeschnittenen Schwanzes kenne ich nicht mehr. Und das ist der Riesenvorteil, den ich nie nie wieder missen möchte. Das unangenehme Hintergrundrauschen, ob ich denn auch gewaschen genug bin für den sich jetzt anbahnenden Quickie oder Spontansex, habe ich nicht mehr. Und unter den Gesichtspunkt der Hygiene fällt auch folgendes: seit ich beschnitten bin, kann ich nicht mehr zielgerecht im Stehen pinkeln (ausser bei Pissoirs in passender Höhe). Hatte ich mich vorher immer geweigert, die letzte Bastion männlicher Standfähigkeit zu verlassen, so bin ich nun gezwungen, mich beim Pinkeln hinzusetzen. Auch dafür ist mir meine Frau dankbar, da bin ich sicher.
Ich schreibe dies, weil ich mit Entsetzen auf die Beschneidungsdebatte schaue und feststellen muss, welch ungeheure Vorurteile unbeschnittene Männer ins Feld führen. Von Verstümmelung ist die Rede und Barbarei. Nach meinen Erfahrungen ist die Beschneidung genau das Gegenteil: ein Schritt in die hygienische Zivilisiertheit und ein Leben mit einem schöneren Schwanz. Trotzdem würde ich keinem Erwachsenen zur Beschneidung raten, weil es ein sehr individueller Entscheidungsvorgang sein sollte. Aber abraten würde ich definitiv auch nicht davon. Nur eines bleibt: glücklich sind die, die bereits im Kleinstkindalter beschnitten wurden.
Und: ein wenig mehr Humor stünde den Beschneidungsgegnern gut an.
Markus Vahlefeld, geboren 1966 in Hong Kong, Abitur in USA, Studium in Spanien, danach Berlin; Filmproduzent, Autor und Fotograf