Der Kampf um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer geht weiter

Diplomatischer Erfolg für das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad: Der griechische Außenminister Nikos Dendias hat angekündigt, einen Sondergesandten in Syrien zu ernennen. Zum ersten Mal seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen im Jahr 2012 wird es damit wieder einen Vertreter Athens in Damaskus geben. Dies wird als Schritt zu einer vollständigen Wiederherstellung der Beziehungen gewertet.

Wer die Gesandte sein wird, ist auch schon klar: Tasia Athanasiou, die schon von 2009 bis 2012 Botschafterin in Syrien war und von April bis August 2019 Botschafterin in Moskau (die neue griechische Regierung hatte einen anderen Botschafter in Russland ernannt, nachdem die konservative Partei Neue Demokratie unter ihrem Vorsitzenden Kyriakos Mitsotakis im Juli 2019 die Parlamentswahlen gewonnen hatte).

In einer Presseerklärung teilte das Außenministerium in Athen mit:

„Zu [Athanasious] Mandat werden Kontakte gehören, die die internationalen Aspekte Syriens betreffen, und die damit verbundenen humanitären Maßnahmen sowie die Koordinierung der Maßnahmen im Hinblick auf die laufenden Bemühungen um den Wiederaufbau Syriens.“

Wenige Tage später kündigte auch Zypern an, die diplomatischen Beziehungen zu Syrien wiederaufzunehmen. Der zypriotische Außenminister Nikos Christodoulidis gab diesen Schritt bei einem Interview mit Zyperns privatem Radiosender Radio Proto an, in dem er über die Ergebnisse einer Telefonkonferenz mit Vertretern der Regierungen Griechenlands, Frankreichs, Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate sprach.

Alle drei Staaten in Konflikt mit der Türkei

Dieser Umstand gibt Aufschluss über die Motive: Die fünf Staaten koordinieren ihre Außenpolitik in der Mittelmeerregion. In Libyen etwa unterstützen sie gemeinsam mit Russland den Kommandanten der „Libyschen Nationalarmee“, Khalifa Haftar, gegen die von den Vereinten Nationen anerkannte „Regierung der nationalen Einheit“ in Tripolis, die von der Türkei unterstützt wird. Auch Assad ist ein Verbündeter Haftars.

Es gibt also eine Interessenkongruenz: Syrien, Griechenland und Zypern befinden sich alle drei in einem Konflikt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, woraus sich das Übrige ergibt.

Erdogan hat seit 2012 vergeblich versucht, das Regime Assads zu stürzen. Griechenland und Zypern sind ohnehin historisch Gegner (beziehungsweise Opfer) der türkischen Bestrebungen im östlichen Mittelmeer. Der Norden Zyperns ist seit der türkischen Invasion von 1974 unter türkischer Besatzung, die griechische Bevölkerung wurde von dort vertrieben. Immer wieder bezieht sich Erdogan lobend auf diese Invasion und droht mit einer Wiederholung.

Konflikt um Erdgas

Durch die Erdgasfunde im östlichen Mittelmeer hat sich die Lage in den letzten Jahren zugespitzt. Fast das gesamte Seegebiet um die Insel Zypern beansprucht die Türkei entweder für sich selbst oder für die „Türkische Republik Nordzypern“ (TRN). Die größten Gasvorkommen finden sich in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ, auch „200-Meilen-Zone“) Ägyptens, Israels und der Republik (Süd-)Zypern.

Nach Artikel 55 des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen hat der jeweils angrenzende Staat in dieser Zone das alleinige Recht zur wirtschaftlichen Ausbeutung, das gilt insbesondere für Fischfang und, wie im vorliegenden Fall, für dort etwaig lagernde Bodenschätze. Israel, Ägypten und die Republik Zypern haben die Grenzen ihrer jeweiligen Zonen in Abkommen festgelegt.

Die Türkei aber setzt sich über internationales Recht hinweg. Am 5. Februar 2018 sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu, seine Regierung erkenne das 2013 zwischen Zypern und Ägypten geschlossene Demarkationsabkommen nicht an.

Im November 2019 wurde dann bekannt, wie man sich in Ankara die zukünftige Seekarte vorstellt. Es ist eine, auf der die Türkei und Libyen eine gemeinsame Grenze haben und Zypern und Griechenlands Inseln in der Ägäis offenbar nicht existieren – beziehungsweise nur topografisch, aber nicht politisch.

Ankara und die von der Türkei unterstützte Regierung in Tripolis unterzeichneten am 27. November ein Abkommen zur „Sicherheit, militärischen Zusammenarbeit und Abgrenzung der Einflussbereiche auf See“. Die Übereinkunft solle „türkische Rechte im östlichen Teil des Mittelmeeres schützen“ und dafür sorgen, dass sein Land einen „fairen Anteil der dortigen Ressourcen“ erhalte, sagte Cavusoglu.

Israel steht auf der Seite der Griechen

Immer wieder provoziert und bedroht Erdogan Griechenland und Zypern, indem er türkische Kampfflugzeuge in den griechischen Luftraum und Schiffe in zypriotische Gewässer eindringen lässt. Er beansprucht vor der Küste Zyperns lagernde – beziehungsweise dort vermutete, noch unentdeckte – Erdgasvorkommen für die Türkei und möchte eine mögliche zukünftige Gaspipeline verhindern, die Ägypten mit Zypern und Griechenland verbinden und ägyptisches und israelisches Erdgas an der Türkei vorbei in die Europäische Union bringen könnte.

Dass die Regierung in Tripolis ein Verbündeter Erdogans ist und mit dem bilateralen Vertrag über die Seegrenzen die Souveränität Griechenlands und Zyperns in Frage stellt, treibt diese beiden Länder in der Libyenfrage in die Arme Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate.

Was die Beziehungen zu Kairo betrifft, kommen die gemeinsamen Interessen Griechenlands, Zyperns und Ägyptens bei den Gasexporten hinzu: Alle drei Länder wollen – in ferner Zukunft – gemeinsam Erdgas in die Europäische Union exportieren, daran wäre dann auch Israel beteiligt. Im Ostmittelmeerkonflikt steht Israel demnach politisch auf der Seite der Griechen – wenn es auch an leidlich guten Beziehungen zu Ankara interessiert sein muss und sich aus einem etwaigen Krieg sicherlich heraushalten würde.

Handfeste Interessen

Das griechische Außenministerium bemüht sich unterdessen, keine schlafenden Hunde zu wecken und stellt die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Syrien nicht in einen politischen, sondern lieber in einen unverfänglich klingenden kulturhistorischen und humanitären Kontext: Die Beziehungen zwischen Griechenland und Syrien seien „historisch sehr herzlich“ gewesen, heißt es auf der Website.

Griechenland beteilige sich „mit aufrichtigem Interesse und Besorgnis an den Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, eine politische Lösung für das anhaltende Blutvergießen in Syrien zu erreichen, in der Überzeugung, dass es keine militärische Lösung gibt, die die Interessen des syrischen Volkes und die Stabilität in der Region schützt“. Es habe zudem „ein besonderes Interesse an der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft in Syrien – den Gläubigen des Patriarchats von Antiochia –, die die größte christlichen Gemeinde in Syrien ist und ein historisch starkes Band zwischen dem syrischen und dem griechischen Volk“.

Das mag so sein. Doch es gibt auch andere Gründe für das griechische Interesse an Syrien. Zum einen liegt das Land in unmittelbarer Nähe zu Zypern. Dass die Russen vor Ort sind und im syrischen Hafen Tartus eine Marinebasis unterhalten, kann auch nicht schaden, wenn es mal hart auf hart kommt.

Vor allem aber ist Assad ein zuverlässiger Feind Erdogans; es ist aus griechischer Sicht nicht zu befürchten, dass sich daran je etwas ändern wird. Und dass Assad abgewählt wird, kann auch nicht passieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

H.Störk / 22.05.2020

Erdogan ist sunnitischer Muslimbruder. Was in Syrien passieren würde, wenn dort sunnitische Muslimbrüder an die Macht kämen, hat der IS vorgemacht. Assad gehört einer religiösen Minderheit an (Alawiten? Aleviten?) und kann sich nur an der Macht halten, solange er *allen* Minderheiten, orthodoxen Christen ebenso wie Hisbollah-Schiiten, Schutz vor den Muslimbrüdern garantiert. Das macht ihn zum Verbündeten der Wahl sowohl für russisch-orthodoxe und griechisch-orthodoxe Patriarchen als auch für iranische Mullahs. Ägypten hat ebenfalls Erfahrungen mit der Muslimbruderschaft. Bündnisse sind am stabilsten, wenn wirtschaftliche (Gas) und politische Interessen (Muslimbrüder kleinhalten) zusammentreffen.

Daniel Oehler / 22.05.2020

Erdogan hat sich eine recht sehenswerte Kollektion von Feinden und Gegnern zugelegt: Griechenland, Zypern, Armenien, Syrien, Irak, Ägypten, Israel, den Großteil Lybiens, Russland, USA. Von den Kurden ganz zu schweigen. Das erinnert an eine Bemerkung über die zunehmende Anzahl von Feinden der Österreich-Ungarischen Monarchie im Braven Soldaten Schweijk: Für die österreichischen Generäle galt “viel Feind, viel Ehr”. Als mit jedem Kriegsjahr (1914-1918) ein weiterer Feind hinzu kam, wurde es den Generälen zuviel der Ehre. Am Ende standen die Niederlage und der Untergang des Balkan-Imperiums.

Wilfried Cremer / 22.05.2020

Der kleine Satan ist in Wahrheit Gottes Liebling. Und mit Hass & Hetze gibt der Staatsfunk auch ein Selfie ab. Nur wann das alles wieder richtig rumgedreht wird - keine Ahnung.

Eckhard Walter / 22.05.2020

Ach ihr Lieben Leute, klingt das nicht wunderbar, wenn die Regierungen über Frieden und historisch nahe Beziehungen reden? Wann gibt es das schon? In den MSM kaum. Aber es ist doch der richtige Weg. Kein Blutvergiessen, keine Bomben, Drohnen, U-Boote und was noch für ein Scheiß. Lieber gemeinsam Lösungen suchen, Konflikte abbauen, dabei menschlich sein und bleiben. So will ich die Zukunft! Und wer dagegen ist, soll es offen aussprechen. Lieber Präsident des türkischen Staates. Wollen Deine Einwohner Krieg? Frage sie doch einmal. Dann kann man sehen, wer die Mehrheiten hinter sich hat. Denn wir alle wollen gerne und gut leben. Mehr nicht. Die ganze Menschheitsfamilie (Ganser)! Mehr davon! Weitermachen! Unterstützen! Peace/Frieden! Herzliche Grüße, Ecki

Werner Grandl / 22.05.2020

Ständig wird von “westlichen Werten” fabuliert, die es gegen “böse” Autokraten wie Putin und Orban zu schützen gelte. Die Türkei als NATO-Mitglied bleibt von derlei Kritik weitgehend verschont, obwohl Erdogan eine neoosmanische Expansionspolitik betreibt. Auch die Beitrittsverhandlungen zur EU mit der Türkei sind offiziell noch im Gange. Es wäre hoch an der Zeit, diese zu beenden. Nach dem Ende des Kalten Krieges brauchen wir die Türken auch nicht mehr in der Nato. Westliche Basen können ebenso auf griechischen Inseln und Zypern errichtet werden.  Gleichzeitig muß man die westlich orientierte Opposition in der Türkei unterstützen und die Türkei als Urlaubsland boykottieren.

Karsten Dörre / 22.05.2020

Im derzeit letzten griechisch-türkischen Krieg 1919 bis 1922 wollten die Griechen ihre urgriechischen Gebiete in Kleinasien heim ins griechische Reich holen. Bis kurz vor Ankara kamen die Griechen. Ende dieses Liedes, die komplette Vertreibung und Ermordung der jeweils anderen Volksgruppe in Griechenland und der Türkei. Das moderne Zyperndilemma konnte mit Hilfe der UNO in den 1970er-Jahren mit einer Grenze quer durch Zypern auf Eis gelegt werden. Wenn zwei NATO-Staaten sich ganz lieb haben, ist Spannung garantiert.

D. Schmidt / 22.05.2020

Alles nur Blabla. Mich wundert nur eines: Warum lebt dieser Diktator Baschar al-Assad überhaupt noch? An dem Typ arbeitet sich die halbe arabische Welt, die Russen, die Türken und die meisten westlichen Länder seit Jahren ab, aber keiner beendet den Spuk. Worum geht es eigentlich in diesem Land wo es nichts zu holen gibt? Syrien ist doch nur noch das Schlachtfeld und inzwischen Schrotthaufen weltweiter Inkompetenz. Schande über alle die diesem Regime kein Ende bereiten und Syrien aus der Asche wieder neu aufleben lassen als neues freies Land. Bei Iraks Saddam war man da mutiger, hat am Ende aber auch nicht viel daraus gemacht. Weicheier!

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Stefan Frank / 22.10.2020 / 16:00 / 9

Silicon Wadi: Was Intel, Google und den USB-Stick mit Israel verbindet

Wegen der Fülle an wissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Innovationen wird Israel auch das Silicon Valley des Nahen Ostens – auch: Silicon Wadi – genannt. Trotzdem…/ mehr

Stefan Frank / 19.10.2020 / 14:30 / 9

Tauwetter zwischen Israel und Golfstaaten: Palästina droht

Die antisemitische Kampagne, die darauf zielt, Israel durch einen Boykott zu zerstören („BDS“), ist kalt erwischt worden von den Friedensverträgen, die die Vereinigten Arabischen Emirate und…/ mehr

Stefan Frank / 17.10.2020 / 12:00 / 14

USA unterstützen Griechenland gegen die Türkei

Gemeinsam mit dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis besuchte Pompeo am 29. September die amerikanisch-griechische Marinebasis Souda im Westen Kretas. Dort wurde er mit militärischen Ehren…/ mehr

Stefan Frank / 16.10.2020 / 16:00 / 1

Israel und Libanon verhandeln über Seegrenze

Israel und der Libanon wollen seit dieser Woche über den Verlauf der gemeinsamen Seegrenze verhandeln, teilten Regierungsbeamte beider Länder am 1. Oktober mit, wie die New…/ mehr

Stefan Frank / 11.10.2020 / 16:00 / 7

Vorerst keine Normalisierung zwischen USA und Sudan

In letzter Minute vereitelten zwei Senatoren im US-Kongress ein von Demokraten und Republikanern gemeinsam erarbeitetes Abkommen, das den Sudan von der Liste der staatlichen Förderer des Terrorismus…/ mehr

Stefan Frank / 09.10.2020 / 16:00 / 6

Palästinenser auf Konfrontationskurs mit Arabischer Liga

Das Konzept Abbas beruht auf einer gestörten Wahrnehmung, die davon ausgeht, dass sein Palast in Ramallah das Zentrum der Welt ist. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA)…/ mehr

Stefan Frank / 06.10.2020 / 17:00 / 29

Die Tagesschau und Trump: Vom Helfer zum Hallodri

Als ich Dienstagmorgen um acht Uhr den Vorspann zu einem Artikel auf tagesschau.de las, konnte ich es kaum glauben: Deutschlands halbamtliche Meinungsseite schrieb wohlwollend über…/ mehr

Stefan Frank / 04.10.2020 / 06:00 / 139

Schock-Umfrage: Viele „glücklich“ über Trumps Corona-Erkrankung

40 Prozent der amerikanischen Demokraten sind „glücklich“ über die Corona-Erkranung von Präsident Trump. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von MorningConsult und Politico. Am Freitag…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com