Wolfgang Röhl / 26.10.2019 / 06:25 / Foto: Krd / 68 / Seite ausdrucken

Der Kampf geht weiter, Claas!

Eine hübsche Szene des Hollywood-Propagandafilms „Casablanca“ von 1942 spielt in „Rick’s Café“. Der korrupte Polizeichef Renault lässt den Nachtclub auf Druck der Nazis holterdipolter schließen, benötigt dafür aber einen Vorwand. Er sei schockiert, herausgefunden zu haben, zürnt er dem Inhaber, „dass hier Glücksspiele stattfinden.“ Unterdessen steckt ein vorbeikommender Croupier Renault Scheine zu („Ihr Gewinn“), das übliche Schutzgeld für den wendigen Flic in Französisch-Marokko. 

Die Passage erinnert unwiderstehlich an eine Stelle im Abschlussbericht der sogenannten Relotius-Aufklärungskommission des „Spiegel“. Dort wird eine E-Mail an den begnadeten Reportagenfälscher Claas Relotius und seinen Kollegen (und späteren Enttarner) Juan Moreno veröffentlicht. Verfasst hatte sie der ehemalige Leiter des weiland absurd aufgeplusterten, mittlerweile etwas in Verschiss geratenen Spiegel-Gesellschaftsressorts.

Dessen Fähnleinführer Matthias Geyer legt darin detailliert fest, wie seine Geführten eine Story anzugehen haben, die das Geschehen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zu spiegeln vorgibt. Darin vorkommen sollen bettelarme illegale Migranten, die ein menschenwürdiges Leben suchen und Trump wählende, schießlustige Amis, die dem Abschaum gern eine Kugel verpassen würden. Die Dienstanweisung ist ein hinreißendes Dokument der Pressegeschichte:

Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.

„Kaum ein Detail“ in dem fast 17-seitigen Bericht der Aufklärungskommission, meint der Hausherr des Blogs „Übermedien“, habe „soviel Erstaunen ausgelöst“ wie die Mail des (inzwischen geschassten) Ressortleiters Geyer. Kruzitürken, man war regelrecht schockiert! Im Spiegelhaus fanden Dinge statt, die keiner für möglich gehalten hätte! 

Mit der verlogenen Selbstreinigungsversion

Auslandsreportagen, deren Tendenz millimetergenau in den politischen Blickwinkel des Spiegel passt, wurden doch tatsächlich in Hamburg wie auf dem Reißbrett entworfen! Sodann in gefälliges Lesefutter verwandelt, wobei nicht Passendes kurzerhand passend gemacht wurde! Und schließlich auch noch gedruckt! Isses denn die Möglichkeit?

Sagen wir so: Für viele treue Spiegel-Leser, die ihre Betrachtung der Weltläufe von jeher aus dem Hamburger Magazin beziehen, mag die Nachricht zunächst ein Schock gewesen sein. Es handelt sich ja um gutgläubige Zeitgenossen, die den Spiegel-Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ ernstlich glaubten und weiterhin wähnen, der Fall des Serienfälschers Relotius sei bloß ein – wenn auch heftiger – Betriebsunfall an der Ericusspitze gewesen.

Diese Hardcore-Fans kaufen dem Spiegel auch nur zu gern ab, das Magazin habe seinen Fälscherkönig selber auffliegen lassen und nicht bis auf den allerletzten Drücker versucht, ihn trotz wachsender Verdachtsmomente zu decken. Mit der verlogenen Selbstreinigungsversion geht das Magazin mittlerweile bemerkenswert dreist in die Bütt. Die Masche verfängt offenbar. Die verkaufte Auflage des gedruckten Spiegel ist jedenfalls speziell wegen Relotius nicht dramatisch eingebrochen. Weil, wer einem Blatt über viele Jahre an den Lippen hängt, vergibt ihm sogar die dicksten Klöpse. 

Anderenfalls müsste dieser Leser sich nämlich die Frage stellen, ob er selber nicht ein ausgemachter Tor ist, der sich womöglich schon öfter von dubiosen Schreibkräften hinter die Fichte führen ließ. Das aber würde schwer an seinem Selbstbild kratzen. 

Was mich angeht, so war ich amüsiert, aber nicht wirklich erstaunt, zu lesen, dass gleich nach dem Auffliegen von Relotius eine gar nicht kleine Gruppe von Spiegel-Aficionados ihrem Herzensblatt zum heroischen Akt der Öffentlichmachung des Falles gratulierten. Tenor: So viel Schneid besitzen nur die Besten! Shit happens. Lasst euch nicht unterkriegen! Aber das fällt unter Psychologie. Einst frug der weise Dieter Bohlen: „Wie macht man einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist?“ 

Erstaunt nur über die Dämlichkeit

Was nun das basse Erstaunen betrifft, welche die eingangs zitierte Mail ausgelöst haben soll: Innerhalb der Branche kann sie schwerlich groß gewesen sein. Jeder Journo, der schon eine Weile bei der Truppe wirkt, wird erstaunt nur über die Dämlichkeit gewesen sein, mit der ein Leitender des Presswesens seinen Kampfauftrag an die Geleiteten schwarz auf weiß, sehr robust und auch noch nachverfolgbar in ein Netz gestellt hatte. 

Was der „Übermedien“-Artikel offenbar als einen Kulturbruch im Wahrheitsmedienbetrieb begreift, war und ist in Wirklichkeit Praxis in vielen Redaktionen. Diese Praxis existierte schon lange, bevor der beliebte Blondschopf R. im Spiegel mit dem Fabrizieren anfing. Sie wurde – und wird – auch beileibe nicht nur dort gepflegt. Normalerweise heckt man große, in der politischen Tendenz von Anfang an festgetackerte Stücke in kreativer Runde aus. Ungefähr wie folgt:

Ressortleiter: Der Nazi, der gestern um sich geballert hat, war natürlich kein Einzeltäter. Hinter dem steckt bestimmt ein Netzwerk. So was wie der NSU. Wir bieten das in der Titelkonferenz an.

Redakteur 1: Hmm, wir haben die Posts des Typen auf Facebook gecheckt. Bisher keine Kontakte zur NPD, Reichsbürgern oder so gefunden. 

Ressortleiter: AfD!?

Redakteur 2: Bislang noch nichts. Wir bleiben dran.

Redakteur 3: Die Eltern sagen, der Typ sei ganz wild auf Killerspiele gewesen.

Ressortleiter: Scheiß auf Killerspiele! Wir bringen das Big Picture! „Wenn Worte zu Kugeln werden“. Stellt fest, was Höcke und Gauland in den Tagen vor der Schießerei so abgesondert haben.

Redakteur 4: Ich kenne einen Psychologen von der Böll-Stiftung. Der forscht über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei den Rechten…

Ressortleiter: Interviewen! Bauen wir als 50-Zeilen-Kasten in den Lauftext ein. Hinaus aufs Feld! Kurz ist der Tag. Was ihr für Genossen seid, zeigt der Ertrag. (Beiseite: Hihi! Der gute alte Brecht.)

Vorab in den Redaktionen fein säuberlich zusammengeschraubt

Im Ernst mal: Abgesehen von den Grünschnäbeln kann niemand im Mediengeschäft aus allen Wolken gefallen sein, als anlässlich der Spiegel-Relotius-Affäre herausbriet, dass die Rahmen für wichtige Stücke schon vorab in den Redaktionen fein säuberlich zusammengeschraubt werden. In holder Einfalt rühmt sich der Spiegel sogar noch jetzt dieses Brauches. Aus dem Bericht der Relotius-Kommission:

Die Reportagen, die das Gesellschaftsressort mit einigen der besten Autoren der Republik Woche für Woche produziert, sind oft filmisch erzählte Geschichten. Plots werden akribisch geplant und Figuren gelegentlich wie bei einem Filmcasting gesucht.

Selbstredend haben ergebnisoffene Recherchen, wie naive Medienkonsumenten sie voraussetzen, seit Längerem höchstens noch in harmlosen Segmenten Platz, etwa in opulent-feuilletonistischen Reiseerzählungen der FAZ. Ansonsten ist kein Journalist so blöd, ein heißes Thema den Fährnissen einer unbefangenen Recherche auszusetzen. 

(Flashback: Den guten Rat, ein Stück nicht „totzurecherchieren“ – heißt, nicht unerwartet aufgetauchten, lästigen Fakten nachzuhängen, welche die in der Redaktionskonferenz vereinbarte Tendenz eines Artikels aufweichen oder gar das ganze schöne Stück killen könnten –, dieser Tipp wurde mir schon als Jungjournalist seitens erfahrener Kollegen verabreicht.)

Heutzutage, viele Jahre später, wird jedes größere Stück, wenn es in eine politische Richtung geht, bereits im Ressort auf die erwünschte Message geschrubbt. Welche sodann im Laufe des redaktionellen Instanzenweges noch weiter verdichtet wird. Das Procedere nennt sich neuerdings Storytelling, was so spitzbübisch klingt, wie es in der Regel ist. Jemandem was vertellen, diese Wendung enthält ja in den plattdeutschen Konversationen meiner Heimatregion nicht selten den Unterton des Unseriösen, ja Lügnerischen.

Einen Wall von Tatsachen umkurven

Ohne Storytelling kein Message-Journalismus. Es ist zum Beispiel unmöglich, Evergreens zu liefern wie die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, die schlimme Homophobie in Deutschland oder eine Fremdenfeindlichkeit, die nunmehr die Mitte der Gesellschaft erreicht hat, ohne dass man einen Wall von Tatsachen umkurvt, welcher der Stoßrichtung des Artikels entgegen steht. 

Man muss clever sein, befähigt, die jüngere Geschichte auszublenden. Wie lebten sogenannte kleine Leute vor 60 Jahren, wie leben sie heute? Wie war die Akzeptanz für Schwule in der Ära Adenauer, wie ist sie jetzt? Die Feindseligkeit der Kartoffeln gegen Japaner, Franzosen, Chinesen, Inder, Portugiesen, Südamerikaner, Italiener, Thais oder Mexikaner, worin genau manifestiert sich die? Und was mag der Grund sein, dass mancherorts unleugbar Vorbehalte gegen einen Typus von Mitbürgern grassieren, denen zahllose Polizeimeldungen, meist etwas unscharf, ein „südländisches Erscheinungsbild“ attestieren? Nebbich.

Eine Schimäre mit dem hochstaplerischen Titel Energiewende ist geradezu der Lackmustest für den real existierenden Journalismus. Wer sich ergebnisoffen auf dieses Thema einlässt, wird früher oder später feststellen: Mission impossible. Da ist keine Wende. Es wird auch keine geben. Es sei denn, Außerirdische beamen uns einen riesigen Wunderspeicher für den Windstrom runter, achtmal so groß wie der Bodensee, wenn der mehrmals übereinandergelegt würde. Aber Wunder dauern manchmal etwas länger, wie schon die Nazis erfahren mussten.

Anstelle dieser unschönen Botschaft verkauft der größte Teil der Medien, allen voran der Staatsfunk, die Wende als lediglich schlecht organisiert. Schuld daran, dass wir noch nicht im elektrischen Schlaraffenland leben, wo wir für den Gegenwert einer Speiseeiskugel mit Gigawattmengen sauberen Stroms beglückt werden – schuld am Verzug dieses Menschheitsprojekts haben demnach unfähige Planer, störrische Wutbürger und der Unwille um Wählerstimmen bangender Politiker, Jahr für Jahr noch ein paar Trilliönchen mehr in die Wenderuine zu versenken.

Weihrauchgeschwängerte Events der Medienblase 

Wenn es ein Thema gibt, an dem sich weite Teile der Medienlandschaft als agendagetrieben und scheuklappenbewehrt kenntlich machen, dann der irrsinnige Versuch, ein Industrieland mit Windrädern und Solarpanels zu bestromen. Dieser Megaflop und die millionenschweren Lobbytricksereien sowie die halbkriminellen Machenschaften des ökologisch-industriellen Komplexes haben es nie auf den Titel eines Mainstream-Magazins oder in das Dossier einer Wochenschrift geschafft. Von den sich schwerstkritisch gerierenden Politmagazinen der Öffis oder den teils mit Staatsknete ausgehaltenen Recherche-Plattformen zu schweigen. 

Der Begriff Investigativjournalismus ist ohnehin zum Ultrakurzwitz geronnen, ähnlich der deutschdemokratischen Sättigungsbeilage. Die Königsdisziplin beim fröhlichen Leserverarschen aber ist und bleibt die per Storyboard vorgezeichnete, unbeirrbar einem politischen Spin folgende Schönschreibreportage, welche es auf Medienlametta abgesehen hat. Plunder zwar, der allein auf weihrauchgeschwängerten Events der Medienblase einen Stellenwert besitzt, dort aber weiterhin hoch gehandelt wird. 

Ein Weilchen schien es, als könnte der Relotius-Kracher des Spiegel dieser Zivilvariante des Agitprop ein Sterbeglöcklein läuten. Der Anschein trog. Sie machen einfach weiter, als sei nicht gar so viel geschehen. Relotius war ein Einzelfall, basta! Und jetzt ist mal gut mit Selbstkritik! Ach. Um die Selbstreinigungskraft des Journalismus ist es ähnlich bestellt wie um die eines verdreckten Backofens. Richtig sauber wird er nicht.

Einblick in die bunte Welt des Qualitätsjournalismus

Um mal eine Lanze für Relotius zu brechen: Diesem jungen Menschen ist immerhin zu verdanken, dass Millionen anderer Menschen ein bisschen Einblick bekamen in die bunte und spannende Welt des Qualitätsjournalismus. Dass etwa die Scheinriesen von der Spiegel-Dokumentation gebührend geschrumpft wurden – wer anders hätte das bewirken können als der talentierte Herr R.?  

Mögen im Spiegel auch heiße Tränen über sein schändliches Treiben zerdrückt worden sein, wie Insider bewegt berichteten – viele Außenstehende wurden durch den Mann mit dem „Karnevalsnamen“ (Michael Klonovsky) bereichert, bespaßt, bestens unterhalten. Wir dürfen uns nun freuen auf die angekündigte Verfilmung seiner Streiche durch die Stimmungskanone „Bully“ Herbig. 

Und es kommt noch besser! Der Lügenbold forderte just von seinem Enttarner Juan Moreno die Unterlassung einer Reihe von wohl nicht gänzlich schussfesten Passagen in Morenos Buch zum Fall, das kürzlich unter dem Titel: „Tausend Zeilen Lüge“ erschien. Darf so einer das, nach allem, was passiert ist? Darüber wird in der Wahrheitspresse engagiert gestritten. Der Kampf geht weiter, Claas!

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netiquette:

Karla Kuhn / 26.10.2019

“Der Anschein trog. Sie machen einfach weiter, als sei nicht gar so viel geschehen.”  Ja aber ist dieses “Phänomen” heute nicht GENERELL Praxis ?? Wenn ich Aussagen vieler Politiker lese dann gehöre ich zu den Politik Atheisten, ich glaube GAR NICHTS !!

Gabriele Schulze / 26.10.2019

Ex achgut lux! Tatsachenaufbereitung, die auch noch gut, wenn nicht gar mit Vergnügen zu lesen ist. Ich sage nur “das basse Erstaunen”. Eben, @Rudolf George, das Gegeifere auf SPON und anderswo ist obendrein gnadenlos langweilig, da vorhersehbar. Also sind es deren Leser auch.

Alex Fischer / 26.10.2019

Naja - als die “Qualitäts"presse bei Grenzöffnung von unserer Agitprop Tante im Kanzleramt im Herbst 2015 in kollektivem Jubel ausbrach, muß doch jedem klardenkenden Menschen sofort bewusst geworden sein, daß da gleichzeitig eine gewaltige Propagandamaschine angeworfen wurde. Ein Goebbels hätte seine wahre Freude daran gehabt… Spiegel, Sueddeutsche, Zeit, FAZ usw. kann man nichtmal als Ersatzklopapier verwenden, weil die Druckerschwärze abfärbt.

Karl Dreher / 26.10.2019

Wieder einmal wird ein lediglich vermeintlicher “Sieg” der absoluten, selbstgerechten “Moral” unserer “unfehlbaren Gutmenschen” über die tatsächlich existierende Realität und Vernunft ausnehmend gut herausgearbeitet. Dankeschön dafür!

A. Ostrovsky / 26.10.2019

Ihr macht Euch zu viel Mühe mit diesem restlos überflüssigen Berufsstand des Rutfunk-Journalisten. Die Zeit der Fürstenaufklärung ist vorüber. Man muss diese Typen endlich überwinden. Man muß sie hinter sich lassen, im Staub einer durch und durch staubigen Geschichte. Es hat keinen Zweck. Je mehr man die wenigstens noch phantasiebegabten unter Druck setzet, um so mehr gewinnen die völligen Cretins die Oberhand, weil nicht der Einzelne Korrupt ist, sondern das ganze System. Ein Beispiel für Cretins: Vor etwa drei Tagen war mein Radiowecker auf den DLF eingestellt, weil die wenigstens noch regelmäßig die Zeit sagen. Während ich frühstücke lasse ich das manchmal eingeschaltet. Und siehe da, eine hyperaktive Moderatorin, die normalerweise immer den Telefonjokern ins Wort fällt, hatte einen Chile-Experten an der Leitung. Und der sprach von Protesten und Unruhen und hat unter anderem auch als eine Ursache der Tumulte den “Putsch von Allende” ausgemacht. Nun war Allende ein Linker und der Rotfunk ist links. Entweder ist bei denen ein Putsch jetzt etwas Positives oder sie rotieren nur noch ohne jedes Ziel. Die hyperaktive Moderatorin hat es nicht gemerkt und die noch verbliebenen Hörer sicher auch nicht. Ich war ja nur Zaungast mangels mechanischem Wecker. Aber mir ist noch in Erinnerung, dass Allende demokratisch gewählt war und vom Putschistengeneral Pinochet von Kissingers Gnaden mit Waffengewalt aus der Regierung geputscht wurde, bezeichnenderweise an einem 11. September. Darf man hier überhaupt den Namen Kissinger schreiben, oder ist das Antisemitismus? Immerhin würde hier ja Herr Noll nur dann Anstoß nehmen, wenn Allende auch Jude gewesen wäre. Solche Doppelmoral, noch dazu bei einer so langen Leitung mit 30Jahren Verzögerung, ist übrigens das, was mir auch hier aufstößt, nicht nur bei WELT! SPIEGEL und DLF.

Thomas Taterka / 26.10.2019

Wenn’s erlaubt ist, noch ein kleiner bibliographischer Hinweis : Der vollständige Text von Lichtenberg ist erhalten in der im Hanser Verlag erschienenen Ausgabe von Wolfgang Promies, Band 3,  Abteilung Unterhaltsame Aufsätze und ein Lese-und Vorlesespass wie Ihre Arbeit , Herr Röhl !

Jörg Plath / 26.10.2019

Der Megaflop hat es zumindest in die “Welt” geschafft. Autor Daniel Wetzel hat den Milliardenirrsinn sehr plastisch in 2018 beschrieben.

Markus Rüschenschmidt / 26.10.2019

Gestern lief auf ARTE eine Sendung über das gesamte Genre der FANTASY, es wurden Ausschnitte aus einschlägig bekannten Filmen gezeigt, es wurde aus Büchern zitiert, Zeichnungen angefertigt und Fans im Cosplay ihrer Lieblings-Fantasywelt gezeigt, alles soweit ganz nett, zum Schluss wurde das Fantasy-Ideal betont, wie es idealisierend eine Welt darstellt, die sein sollte, nicht die ist, in der das Böse stets vom Guten besiegt wird. Unter anderem war der bekannte Fantasy-/Science-Fiction-Autor WOLFGANG HOHLBEIN gezeigt, wie er, gemeinsam mit einer Illustratorin, sozusagen ein “Storyboard” für eine klassische Fantasy-Geschichte entwarf. Welche Elemente klassisch vorkommen müssten, ein Held/eine Heldin natürlich, ein/e Mentor/in, ein Freund, eine Freundin, was auch immer, dieses und jenes, Antagonisten, Gegenspieler, Böse, ein paar Fabelwesen und Fantasy-Gestalten, übernatürliche Vorkommnisse/Elemente etc. Es enthüllte auf sehr desillusionierende Weise, wie womöglich auch zu Multimilliardären (damit wir uns nicht falsch verstehen: es sei ihnen, trotz allem, gegönnt!) gewordene Autoren wie die Dame mit ihren HARRY-POTTER-Romanen vorgehen. Es ist ja auch als Autor nicht verkehrt, sich grob eine Story zu skizzieren, sich die Elemente zurechtzulegen, gern auch gemessen an dem, was gerade en vogue ist. Wer würde es nicht machen, wenn es um den Gewinn geht? Journalisten sind aber der Wahrheit verpflichtet, sollten sich mit selbst den besten Dingen nicht gemein machen, müssen sauber recherchieren, ihre Quellen auf Nachfrage detailliert angeben. Wie mit einer Hausarbeit, in der man auch nicht einfach den größten Bullshit zusammenschreiben kann. Relotius wollte lieber ins Fantasy-Fach aber mit Fakenews dabei massiv Geld verdienen! Die Entschuldigung, dass es um großen Gewinn geht, hat er nicht, denn als SPIEGELant verdiente er gutes Geld! Und dann das “Storytelling”? Langsam werden Begriffe wie “Lügenpresse” doch etwas akkurater, nicht wahr?

Markus Rüschenschmidt / 26.10.2019

Für gut erzählte Fantasy bin ich immer zu haben, was auch ein Grund dafür ist, dass ich Science-Fiction sehr zugetan bin, doch sind diese Genres nur Wunschbilder der besseren, leichteren, einfacher handhabbaren Realität (Fantasy) oder zeigen uns Problemstellungen auf, die sich verschärfen können oder bereits bestehen oder in falsche Richtungen gehen könnten (Dystopien als Subgenre der Science-Fiction). Man will ja unterhalten werden. Auch von seriösen Artikeln zu realexistierenden Themen, Fragestellungen und Problemen. Das oberste Gebot für jeden Schreiberling muss eben lauten: Du sollst nicht langweilen, du sollst unterhalten. Klar, das ist auch bei der ACHSE und TICHY der Fall, sonst könnte man es nicht besonders gut lesen. Absolut nüchterne, staubtrockene Sachlichkeit ist für Bedienungsanleitungen und Statistik, Stochastik, Physik, Chemie und das Naturwissenschaftliche. Wenn jedoch Journalisten, die doch DER WAHRHEIT VERPFLICHTET sein sollten, in ihren verhehlten Hinterzimmern Storys wie vom Reißbrett entwerfen, Storys eher eines Action-Blockbusters als Autorenfilms, wenn diese Leute was vom “Storytelling” faseln, was der US-amerikanische Begriff eher fürs (rein fiktive!) Geschichtenerzählen bzw. eher für die Narration respektive Art und Weise der Erzählung hauptsächlich im Medium Film ist, dann stimmt was mit diesen Journalisten nicht. Der SPIEGEL ist dabei so kackdreist wie nur möglich, und hat sich, in seiner maßlosen Selbstüberschätzung und galoppierenden Arroganz gemütlich heimelig eingerichtet, höchstens darin selbst übertroffen, dass er sich weitere Märchen und Halbwahrheiten, gesponnen aus Hinzudichtungen, leistet. Schon das Titelcover des gedruckten SPIEGEL zum Thema “in eigener Sache” war in seiner Verlogenheit schwer zu übertreffen, das war mir von vornherein klar. Ich wartete entsprechend geduldig auf die nächste Schweinerei, die bald als Licht kommt. Und siehe da, ich wurde nicht enttäuscht. Relotius ist und bleibt kein Einzelfall.

Thomas Schmidt / 26.10.2019

Von Angelsachsen lernen heißt siegen lernen, erst recht wenn es um Propaganda geht. Persönliches Highlight bisher: zwei 45min Dokus im Bildungs TV direkt hintereinander, die erste über “Hitler und die Bombe”, die zweite über “Hiroshima/Nagasaki”. Also erst 45min hochemotional die Frage was das verbrecherische Nazi-System, diese Ausgeburten der Hölle, gemacht hätten wenn sie es geschafft hatten die Bombe zu bauen (zB diese auf 2 Großstädte abwerfen, als Ausdruck ihrer menschenverachtenden Ideologie). Dann 45min eine nüchtern distanzierte Darstellung der als kontrollierte wissenschaftliche Experimente angelegten US Bombenabwürfe über Japan (2 Atombomben Typen, daher 2 Abwürfe, die Wissenschaftler brauchten Vergleichsdaten, militärisch hätte es auch die Vernichtung nur 1 Stadt getan). Garniert mit Erklärungen, dass die Amis durch die Bombenabwürfe natürlich Menschenleben gerettet hätten, da eine Invasion Japans vermieden wurde. Spiegel etc sind doch nur Sprachrohre staatlicher Propaganda, und die Vorgaben dazu scheinen supra-national aus den USA zu kommen, oder warum fressen alle Europäer den gleichen Infobrei nur mit lokalen Gewürzen? Die Angelsächsische Propaganda bedient sich schon seit WW I unglaublich dreister Lügen, der Relotiusspiegel ist da nur eher moderater Ableger.

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