Ich hatte schon einmal erzählt, dass ich bei dem Bauern, bei dem ich jede Woche meine Eier kaufe, inzwischen ein ziemlich gutes Standing habe. Fast immer bekomme ich ein paar Bonus-Eier dazu. Mal vier, mal sechs bunte. Dort scheint Ostern grundsätzlich etwas länger zu dauern.
Neulich stand eine junge Verkäuferin hinter der Theke, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Ihr Sohn, vielleicht zehn Jahre alt, half ihr beim Verkauf. „60 weiße“, sagte ich. Nicht aus politischen Gründen. Die dunkleren Eier haben einfach eine dünnere Schale und gehen schneller kaputt. Der Junge schaute mich mit großen Augen an. „Waass? Sechzig? Essen Sie die alle alleine?“ Auch wenn ich Eier durchaus in einer Geschwindigkeit vernichten könnte, die Hühner nervös machen würde, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Nein, die sind für die Familie.“
Er packte die Eier sorgfältig in Sechser- und Zehnerkartons. Als alles fertig war, gab ich ihm einen Euro. „Danke, dass du mich so freundlich und mit so einem Lächeln bedient hast.“ Er schaute überrascht auf die Münze. Erst als seine Mutter sagte: „Das ist aber nett“, nahm er sie an und bedankte sich. Ich komme mit Kindern meistens gut ins Gespräch. „Hol mir doch mal das Blatt Papier und den Filzstift.“ Er brachte beides. „Jetzt schreib ganz groß drauf: Trinkgelder werden gerne angenommen. So groß, dass vier Wörter das Blatt ausfüllen.“ – „Das ist mir aber peinlich.“ – „Ach was. In diesem Dorf ist keiner arm. Mich rechnen wir heute einfach mal nicht mit.“ Er schrieb den Satz – fehlerfrei. Ein Stück Packband lag ebenfalls herum. Also klebte ich ihm das Schild kurzerhand auf die Brust. Er lief leicht rot an.
Doch noch bevor ich den Laden verlassen hatte, legte die nächste Kundin, obwohl sie noch gar nichts gekauft hatte, bereits einen Euro in seine Schale. Ich drehte mich zu den anderen Kunden um. „Die Trinkgelder kommen übrigens in diese Schale.“ Die Stimmung im Laden war schlagartig gelöst. Überall wurde geschmunzelt.
Manchmal kauft man mit einem Euro ein Stück Selbstvertrauen
Neulich war ich wieder dort. Die Mutter war allein im Verkauf. Kurz nach mir kam der Junge herein: „Hallo!“ Er lief sofort zu seiner Mutter. „Ich habe eine Eins in Geschichte!“ Die Mutter drückte ihn fest und gab ihm einen dicken Kuss. „Bravo! Worum ging es denn?“ Er überlegte kurz. „Über Abraham.“ Bei mir kam Abraham damals eher im Religionsunterricht vor. Aber gut – vielleicht ist Geschichte manchmal auch Glaubenssache. Seine Mutter schaute ihn an. „Du wolltest doch noch etwas sagen.“ Sie nickte mit den Augen in meine Richtung. „Ach ja! Ich wollte mich bei dir bedanken. Wegen der Idee.“ Sofort holte er ein neu gestaltetes Schild hervor, klebte es sich an und stellte seine Trinkgeld-Schale auf den Tresen. „Letzte Woche Freitag habe ich 17 Euro und 40 Cent verdient!“ Er strahlte über das ganze Gesicht. Ich vermutlich genauso.
Letzten Freitag hatte er mich noch gesiezt. Heute waren wir schon beim Du. Ich warf wieder einen Euro in die Schale. „Der Anfang ist gemacht.“ Drei weitere Kunden standen im Laden. Nach jahrzehntelanger Menschenbeobachtung schätzte ich die allgemeine Schmunzelquote auf ungefähr drei bis vier Euro. Die Mutter kam aus ihrem kleinen Verkaufshäuschen heraus und bedankte sich noch einmal. „Ich verstehe das gar nicht. Kann so eine kleine Aktion wirklich so viel in einem Jungen verändern? Er war schon immer fröhlich. Aber seit letzter Woche wirkt er irgendwie noch selbstbewusster. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Danke.“
Ich hob sofort die Hand. „Bitte nicht weitermachen. Ich bin nah am Wasser gebaut.“ Sie lachte. Ich auch. Mit meinen sechzig Eiern und einem ganzen Kofferraum voller Glücksgefühle fuhr ich nach Hause. Manchmal kostet ein Euro eben nicht einen Euro. Manchmal kauft man damit ein Stück Selbstvertrauen. Und das ist heute vermutlich die beste Rendite, die man überhaupt noch erzielen kann.

Sie sind mir sehr sympathisch, werter Herr Dener!
Das mit dem Trinkgeld handhabe ich – wo immer möglich – genauso.
Mit ihrem Bakschisch (Sie sind und bleiben halt ein Türke, lach) korrumpieren (siehe Albert Bandura) Sie den lütten Eierverkäufer, legen quasi das Ei für den nächsten Infantino.
wunderbarer artikel, vielen dank. alles richtig gemacht!