
Als vor einem Vierteljahrhundert (!) die “political correctness” als Begriff aus amerikanischen Campuskreisen herüberwehte, habe ich von Anfang an das Ausbleiben des Aufschreis seitens unserer sonst so skeptischen, mit der “Kritischen Theorie” sozialisierten Journalistengemeinde nicht verstanden. Dieses damalige Schweigen läßt nur den einzigen Schluß zu, daß schon damals die ganze schreibende Zunft auf dem linken Auge völlig erblindet war.
Ja, Selbstgerechte und Eingeschüchterte gibt’s viele. Auch Sedierte, sozusagen. Man will glauben, dass alles ganz ok sei, und fragt gar nicht genauer nach. Enzesberger hat - Achtung, Mitleser, nicht erschrecken - in einem Gedicht vor Jahrzehnten schon gesagt, die Geschichte werde überbetont. Das, dieser Gedanke kommt auch bei dem imposanten Deuter der Gelbwesten-Proteste zum Tragen, nämlich bei Christophe Guilluy (Buch: No Society). Er meint, der deutende intellektuelle große Haufen (=englisch: Mainstream media) sei zu stark auf die Geschichte fixiert und sehe daher andauernd längst gestorbene Gespenster (= Rassisten, Nazis). Wie Enzensberger in diesem Gedicht (“Die Frösche von Bikini” in dem überragenden Bänchen “Die Furie de Verschwindens”) - wie Enzensberger in diesem Gedicht schlägt Guilluy einen buchstäblich distanzierteren Blick auf unsere Geschichte und Gegenwart vor. Der Anwendungsfall der Gelbwesten-Proteste lässt sich tatsächlich sehr gut über Guilluys räumlichen (=kulturgeographischen) Zugriff deuten. Nicht vermeiden lässt sich auch in diesem Fall die Einsicht, dass auch dieser Protest mit dem ungeregelten Zuzug zu tun hat - massiv. Guilluy kennt sich sehr gut aus im Problemdepartement 93 - - Seine-Saint-Denis und sagt, dort seien die ca. 300 - 400 Tausend (!) Illegalen ein mittlerweile bestimmender, und den Sozialstat in erhebliche Schieflge bringender Faktor. Die Qualitätszeitung FAZ in Gestalt ihres altgedienten Frankreich-Korrespondenten Jürg Altwegg hat übrigens einen hervorragenden großen Artikel über Guilluy veröffentlicht (ist online) . Die Öffis schweigen zu diesem Zusammenhang der Proteste mit dem ungeregelten Zuzug- und/oder machen die Gelbwesten eben doch wieder zu Rechtspopulisten. Guilluy ist das übrigens mittlerweile egal.
“Qualitätszeitungen wie die FAZ oder die NZZ”: Das sehe ich anders. Die FAZ war mal eine Qualitätszeitung mit einer Vielzahl von Meinungen, aber einer eher konservativen Grundtendenz. Das ist nun ganz anders, auch wenn nach wie vor einige Beiträge interessant sein mögen. Für mich - ehemals jahrzehntelanger Leser - ist sie unerträglich geworden: oft ist sie einfach eine weitere linksrotgrüne Kampfpostille. Die NZZ ist das, was die FAZ heute hätte sein können, aber definitiv nicht mehr ist. Sie ist damit sozusagen eine Art Exil-FAZ, deren Artikel ich oft sehr gern lese.
Zu einem Geist der Liberalität zurückfinden? Die naive Hoffnung des Autors ist durchaus liebenswert, aber doch ziemlich realitätsfern.
Das die FAZ eine Qualitätszeitung sei, versetzt mich jetzt in Erstaunen, aber ansonsten jeder Satz eine Perle höchster Wertigkeit - ein Bolz eben.
Die Analyse ist nicht ganz richtig: “Exzellenz (...) markiert das Prinzip der Selbstselektion, das die Entscheider und Könner zur Elite macht. Dazu gehören eben immer nur die Leute, die ihren hohen Status verdient haben.” Selbstselektion gibt es nicht. Das ist der Traum der Aufklärung: Daß in einer offenen Diskussion die richtigen Argumente siegen. Die Evolution selektiert durch Anpassung an die Umwelt (da wird man selektiert), in der Demokratie soll es das meritokratische Prinzip sein, welches durch Schwarmintelligenz (Mehrheitsentscheidung) durchgesetzt wird. Sie sehen das “Problem unserer Gesellschaft” darin, daß Intellektuelle “von einem bösen Zauber verhext sind” und geben diesen eine Tip: “Sie müssen einen Weg heraus aus der Sackgasse der politischen Korrektheit und ihrer Verbalexorzismen finden.” Das werden die aber niemals tun, denn wenn es eine Schwachstelle in der Selbstorganisation einer Gesellschaft gibt, wird diese immer von davon magisch angezogenen Individuen ausgenutzt. Die sind psychisch kerngesund und hervorragend an ihre Umwelt angepaßt. “Verhext” ist höchstens die gesamte Gesellschaft in einem Massenwahn, dessen organisatorische Grundlage gegenwärtig in mangelhafter Kontrolle der Eliten besteht. Wenn das Eigeninteresse der Eliten nicht mehr mit den Interessen des Sozialverbandes kongruiert, bedarf es einer Korrektur. Der gegenwärtige Massenwahn ist der Wunsch, widerspruchslos, weltumfasssend gut sein zu wollen. Die Eliten handeln entsprechend. Betrachten Sie es als Naturgesetz menschlichen Zusammenlebens: Jedes Prinzip kann pervertiert werden. Z.Zt. werden die Menschenrechte pervertiert. Die Schwachstelle in der Selbstorganisation ist gegenwärtig der fehlende Volksentscheid als Korrektiv: Damit könnten Fehlentscheidungen eher verhindert werden, der Massenwahn fände u.U. eine Grenze im konkreten Eigeninteresse. Man stelle sich mal vor: Der Euro wäre uns erspart geblieben. Die Schwarmintelligenz war intelligenter als die politische Elite.
Schön, dass ich das nicht alleine so sehe. Ich bin beschaffe mir Informationen inzwischen bei Welt, Tichys Einblick, NZZ, Achgut, Agora, European, Bundestags-TV, Handelsblatt und Recherchen im Internet. Die arbeitende Bevölkerung, auch überlastet durch Familie und Beruf, kann das nicht leisten und ist deshalb auf die kompakten Informationen der Massenmedien angewiesen. Diese missbrauchen das auf üble Weise durch manipulative Berichterstattung. Nachricht und Kommentar werden vermischt, Kontext wird manipulativ hergestellt, Informationen selektiv ausgewählt (Stichwort Lückenpresse). Bewusste Lücken in der Berichterstattung sind viel perfider als bewusste Lügen, denn letztere können im heutigen Internetzeitalter sofort entlarvt werden. Lücken verzerren das Lagebild, ohne das man dies sofort erkennen kann. Meine differenzierte Informationsbeschaffung führt regelmäßig zu Beschwerden bei ARD und ZDF. Diese werden mit Standard-Textbausteinen abgeklatscht, nicht ohne sich am Schluss für die wertvolle Mitarbeit zu bedanken und “sich zu freuen, wenn ich deren Arbeit weiterhin aktiv begleite”. Man fühlt sich einfach nur - sorry - verarscht! Bei den privaten Medien habe ich Hoffnung. Auf Dauer wird das darwinsche Prinzip dazu führen, dass sie eben nicht mehr gekauft werden. Anders bei den öffentlich-rechtlichen, die zwangsfinanziert werden und daher wohl glauben, sie könnten sich alles erlauben. Sie diskreditieren sich durch dieses Verhalten allerdings in hohem Maße selbst, was unter den derzeit herrschenden Verhältnissen in Deutschland keine Konsequenzen hat. Nun können sich Verhältnisse ändern, oft schneller, als man denkt. Und Ruckzuck kommt, wie in der Schweiz, eine Diskussion darüber auf, ob man die Zwangsfinanzierung nicht besser abschaffen sollte. ARD und ZDF wären daher bestens beraten, wenn sie objektiven, tatsächlich neutrale Berichterstattung und pluralistische Kommentierung ernst nähmen. Hier habe ich allerdings wenig Hoffnung, das Personal ist unrettbar geprägt.
“Die größte Gefahr für die Wahrheit ist nämlich nicht die Lüge, sondern der Bullshit. Und die größte Gefahr für die Demokratie ist nicht der Hass der radikalen Verlierer, sondern das Schweigen der vielen, die sich vom Paternalismus der Medienelite bevormundet fühlen.” Dieser Satz allein ist schon der Hit! Vielen Dank dafür, Herr Bolz!
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