Norbert Bolz, Gastautor / 05.12.2018 / 06:20 / Foto: Pixabay/Papafox / 71 / Seite ausdrucken

Der Journalist als Oberlehrer

Es sind immer ganz bestimmte Eliten, die vom „Versagen der Eliten“ sprechen. Sie tun das, sobald sie sich in einer Krise sehen, das heißt sobald sie nicht mehr weiter wissen. Gute Beispiele dafür sind ja noch in aller Munde: Trumps Wahlerfolg, der die Demoskopie entzaubert hat; der „Brexit“ der Briten, der das Brüsseler Establishment skandalisiert; und natürlich auch der Erfolg der AfD in Deutschland, der offenbar auch durch eine konzertierte Aktion von etablierten Parteien und ihnen zugetanen Journalisten nicht gestoppt werden kann. 

In all diesen Fällen wird dann von einer Krise geredet und man gibt Eliten die Schuld, die es offenbar versäumt haben, das Volk auf den richtigen Weg zu führen. Doch bei Lichte betrachtet, ist „Krise“ hier nur der Begriff, mit dem freischwebende Intellektuelle hinter der ihnen unsympathischen Realität die „gute Gesellschaft“ hervorzaubern wollen. Denn überall scheint die schlechte Gesellschaft auf dem Vormarsch. Und für ihr Denken hat man ein Label gefunden, das mittlerweile ähnlich inflationär und also sinnleer gebraucht wird wie etwa „Nachhaltigkeit“, nämlich „Rechtspopulismus“. Das ist jedenfalls die zentrale Vokabel in der Rhetorik regierungstreuer Journalisten und jener Gefälligkeitswissenschaftler, die den Politikern zuarbeiten.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Die meisten Wissenschaftler tun ihre Arbeit und sie machen sie gut. Gefälligkeitswissenschaftler sind dagegen diejenigen, die ein seismographisches Gespür dafür haben, welche Statistiken der Regierung gerade in den Kram passen. Und nur von ihnen hört man in den Massenmedien. Und auch ein zweites Missverständnis soll hier gleich ausgeräumt werden. Was folgt, ist keine Medienschelte. Auch die meisten Journalisten machen ihre Arbeit gut, und es gibt nach wie vor Qualitätszeitungen wie die FAZ oder die NZZ. Aber das, was als öffentliche Meinung gilt, wird doch von einer ganz anderen Journalistenklasse geprägt, die im Zweifel links und in jedem Fall sentimental-humanitaristisch eingestellt ist. Nur sie ist gemeint, wenn im folgenden von der Medienelite die Rede ist.

Elektronische Medien haben eine Weltkommunikation in Echtzeit ermöglicht, die uns die Empfindung der Allgegenwart vermittelt. Alles, was auf der Welt geschieht, geht uns nun etwas an. Und damit ist die Zumutung verbunden, zu allem eine Meinung haben zu müssen. Nun wäre es schön, wenn wir als aufgeklärte Bürger diese unsere Meinungen auf Informationen basieren könnten. Aber diese Erwartung ist unrealistisch.

Weil die Welt komplex ist, fehlen uns immer Informationen. Weil Informationen fehlen, sind wir immer unsicher. Weil wir unsicher sind, gibt es für uns keine wahre Antwort. So entsteht ein dringender Orientierungsbedarf. Allan Bloom hat das Fernsehen in diesem Zusammenhang als Konsens-Monster bezeichnet. Zu jeder Fernsehnachricht gibt es deshalb einen Gefühlskommentar – es ist eigentlich gar keine artikulierte Meinung mehr nötig! Aber auch die meisten anderen Medien funktionieren als Klimaanlage der Meinungen. Und damit sind der Propaganda Tür und Tor geöffnet.

Früher war der Staat Erzieher, heute ist er Verführer

Die Massenmedien stabilisieren die Nachfrage nach der Ware Meinung, das heißt, sie befriedigen jenen dringenden Orientierungsbedarf, den sich der mündige Bürger allerdings nur ungern eingesteht. Es fällt nämlich schwer, zu akzeptieren, dass man unfähig ist, eine eigene Meinung zu Putin, Nordkorea oder zur Lage im Nahen Osten, zur Flüchtlingskrise oder zum Klimawandel zu entwickeln. Und deshalb ist man anfällig für Propaganda – die Meinung von der Stange. Dieser Propagandabegriff meint aber nicht nur Gehirnwäsche und Zensur. Moderne, westliche Regierungen zensieren nicht im klassischen Stil, sondern sie kontern Fakten mit Fakten. In der Zeit der Aufklärung war der Staat Erzieher. Heute ist der Staat Verführer: Designer der Gefühle, Hauptkunde der Marktforschung und Warenanbieter auf dem Markt der öffentlichen Meinung.

Kein Missverständnis, bitte: Die Massenmedien und die PR-Abteilungen der Politik bieten Fakten und Informationen. Allerdings zunehmend in stark emotionalisierter Form. Meist genügt schon ein Stirnrunzeln der Moderatorin, um die Welt moralisch zu schematisieren. Die Guten hassen dann die Bösen – und zwar mit gutem Gewissen. Politisch hat das fatale Konsequenzen. Wir können das sehr gut am öffentlichen Umgang mit der AfD, aber auch mit dem Brexit oder Donald Trump beobachten. Politiker und Journalisten begegnen ihnen nicht mehr analytisch und mit Argumenten, sondern sie verschmelzen Themen mit Meinungen und Meinungen mit moralischen Bewertungen. So formiert sich ein Gesinnungsjournalismus, der abweichende Meinungen skandalisiert und jedem den Preis deutlich macht, der für Nonkonformismus zu zahlen wäre.

Die Intellektuellen des linken Mainstream moralisieren politische Themen so radikal, dass zwischen Thema und Meinung gar kein Spielraum mehr bleibt. Die Entscheidung der Amerikaner und Briten war schlecht, die Entscheidung von Frau Merkel, über eine Million Flüchtlinge ins Land zu lassen, war gut. Die Entscheidung der Österreicher gegen Norbert Hofer war gut, die Entscheidung der Italiener für die Fünf-Sterne-Bewegung war schlecht. Die politische Einheit Europas ist gut, das Interesse an nationaler Souveränität ist schlecht. Wer die Welt so sieht, wird von der Medienelite zur guten Gesellschaft zugelassen. Alle anderen sind Rechtspopulisten. Demokratische Mehrheitsentscheidungen werden von der Medienelite nur akzeptiert, wenn sie dem eigenen Programm entsprechen.

Dass sie selbst die versagenden Eliten sein könnten, kommt den regierungstreuen Intellektuellen natürlich nicht in den Sinn. Die Gefälligkeitswissenschaftler unterscheiden nicht zwischen Analyse der Politik und politischer Stellungnahme. Die politisch korrekten Journalisten unterscheiden nicht zwischen Thema und Meinung. Die Gefälligkeitswissenschaftler analysieren nicht, sondern sie warnen und mahnen – besonders gerne in Talkshows und mit „scientific soundbites“ für das Fernsehen. Und die Journalisten des linken Mainstream belehren lieber als zu berichten. Dass sie dabei zum Größenwahn neigen, zeigen täglich Sendungen wie die „Tagesthemen“ und das „heute-Journal“, die eine Art Volkspädagogik höherer Ordnung betreiben, und wöchentlich Blätter wie „Der Spiegel“, der vorgibt, ein Nachrichtenmagazin zu sein, aber zum Beispiel den Wahltriumph Trumps mit einer Titelgeschichte über den Untergang der Welt kommentierte.

Lizenz zur Propaganda?

Wie konnte es dazu kommen? Intellektuelle und Journalisten nehmen in der modernen Welt eine Sonderstellung ein. Sie befriedigen nämlich ein Bedürfnis nach Orientierung, das weder von der Politik noch von der Wirtschaft und schon lange auch nicht mehr von der Religion bedient werden kann. Und dieses Orientierungsbedürfnis wächst, je komplexer unsere Welt wird. Walter Lippmann hat dieses Problem schon vor fast hundert Jahren gesehen und ein Konzept der öffentlichen Meinung ausgearbeitet, das auch heute noch den Hintergrund des Selbstverständnisses westlicher Intellektueller bildet.

Lippmann ist davon ausgegangen, dass die gesellschaftliche Dynamik so komplex geworden ist, dass sich der Einzelne keine eigene Meinung mehr über politische Sachverhalte bilden kann. Deshalb brauchen wir Experten, die die Verantwortung für die Organisation der öffentlichen Meinung übernehmen. Zu diesen Experten allerdings hat Lippmann die Journalisten ausdrücklich nicht gerechnet. Das sehen diese natürlich schon lange ganz anders. Sie halten sich selbst für die Meinungselite. Und viele verstehen Lippmanns Konzept der öffentlichen Meinung als Lizenz zur Propaganda.

Dass man die formale Freiheit hat, zu sagen, was man denkt, besagt nicht viel, wenn man nicht mehr zu denken wagt, was man nicht sagen darf. Da es auf Dauer zu anstrengend ist, anders zu denken als man redet, denken die meisten auch schon politisch korrekt. Wir fürchten also nicht, eine falsche Meinung zu haben, sondern mit ihr allein zu stehen. Die Isolationsangst regiert die Welt. Wer aber den Zorn der anderen fürchtet, schließt sich leicht der Meinung der scheinbaren Mehrheit an, auch wenn er es eigentlich besser weiß. Er bringt sich selbst zum Schweigen, um seinen guten Ruf nicht aufs Spiel zu setzen. 

Man spricht nach, was man so sagt, und was man so sagt, ist nicht etwa die Meinung der Mehrheit, sondern die Meinung von gut artikulierten Minderheiten. Das ist der Ansatzpunkt für eine Dynamik, die Elisabeth Noelle-Neumann „Schweigespirale“ genannt hat. Und die wird heute von der Politischen Korrektheit genutzt. Sie ist zum einen durch die Verschmelzung von Thema und Meinung gekennzeichnet – man darf zu bestimmten Themen nur eine Meinung haben. Zum andern haben wir es mit einer Moralisierung am Medienpranger zu tun – dem politisch Unkorrekten wird der Schauprozess gemacht. 

Gewohnt, als Oberlehrer der Nation aufzutreten

Weder in der Wirtschaft noch in der Alltagspolitik, weder in der Wissenschaft noch in der Technik kann von einem Versagen der Eliten die Rede sein. Die einzige Elite, an deren Leistungsfähigkeit Zweifel angebracht sind, sind die Linksintellektuellen, die sich von Kritikern der Macht zu ihren Steigbügelhaltern zurückentwickelt haben. Dafür gibt es ein deutliches Symptom. Jeden Tag warnt die Medienelite vor Populismus, der, da die Medienelite ja links steht, notwendigerweise „Rechtspopulismus“ sein muss. 

Was steckt dahinter? Offensichtlich kommen die Linksintellektuellen mit dem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit nicht zurecht. Im Zeitalter des Internet und der sozialen Medien haben wir es nämlich mit einer revolutionären Machtverschiebung auf allen Ebenen der Gesellschaft zu tun. Die Macht verschiebt sich von den Politikern zu den Bürgern. Die Stichworte lauten Partizipation, direkte Demokratie und Volksentscheid. Wirtschaftlich verschiebt sich die Macht von den Firmen zu den Kunden. Zu recht sprechen Trendforscher von einer Konsumentendemokratie.

Und ganz generell verschiebt sich die Macht von den Experten zu den Laien. Das Stichwort lautet hier „Wisdom of Crowds“. Und diese Krise der Expertenkultur, die durch die Selbstorganisation der Laien im Internet auf Dauer gestellt worden ist, macht vor allem den klassischen Massenmedien zu schaffen. Die Medienelite ist es ja gewohnt, als Oberlehrer der Nation aufzutreten. Nun muss sie immer häufiger erleben, dass man die Welt nicht mehr in ihrem Spiegel sieht, sondern sich lieber auf andere Informationsquellen verlässt. Und schon ertönt der neue Warnruf aus den Redaktionen, unsere Gesellschaft steuere auf ein „post-faktisches Zeitalter“ zu.

Wenn man die Erfolgsgeschichte der neuen sozialen Medien nüchtern betrachtet, muss man konstatieren, dass unsere Gesellschaft vor einer Partizipationsrevolution steht. Die Bürger wollen mitreden, die Kunden produzieren selbst, die User schaffen selbst Inhalte. Doch es wäre ein grobes Missverständnis, wenn man daraus ableiten wollte, dass die autoritative Führung durch Eliten überflüssig wird. Im Gegenteil. Je weiter die Globalisierung fortschreitet, desto größer wird der Orientierungsbedarf. Je tiefer wir uns tagtäglich in Netzwerke verstricken, desto größer wird der Führungsbedarf. Nicht zufällig unterhalten Unternehmen und Organisationen Think Tanks. Nicht zufällig schießen allerorten Exzellenzinitiativen aus dem Boden.

Autorität, die auf überlegener Kompetenz beruht

Exzellenz ist in diesem Zusammenhang ein exzellentes Wort. Es markiert das Prinzip der Selbstselektion, das die Entscheider und Könner zur Elite macht. Dazu gehören eben immer nur die Leute, die ihren hohen Status verdient haben. Sie strahlen die Autorität aus, die auf überlegener Kompetenz beruht. Eliten entstehen immer als Resultat von Ausleseprozessen. Doch damit sind sie natürlich dem Ressentiment der politisch korrekten Intellektuellen ausgesetzt, die ihre eigene Unfähigkeit, die Welt zu verstehen, auf ein „Versagen der Eliten“ projizieren.

Wenn unsere Gesellschaft ein Problem hat, dann nicht mit den Funktions- und Leistungseliten, sondern mit jenen Intellektuellen, die zwar bestechend intelligent und hervorragend gebildet, aber wie von einem bösen Zauber verhext sind. Ihr machtgeschützter, sentimental moralisierender Diskurs der politischen Korrektheit benutzt die Ethik als Mittel des Rechthabens und stellt jeden Andersdenkenden an den Medienpranger. So zerfällt die Welt des Geistes heute in Selbstgerechte und Eingeschüchterte. 

Wenn die klassischen Massenmedien etwas dazu beitragen wollen, dass wir wieder zu einem Geist der Liberalität zurückfinden, dann sollten sie ihre Nachrichten und Berichte von regierungsnahen Meinungen und volkspädagogischen Intentionen befreien. Sie müssen einen Weg heraus aus der Sackgasse der politischen Korrektheit und ihrer Verbalexorzismen finden. Die größte Gefahr für die Wahrheit ist nämlich nicht die Lüge, sondern der Bullshit. Und die größte Gefahr für die Demokratie ist nicht der Hass der radikalen Verlierer, sondern das Schweigen der vielen, die sich vom Paternalismus der Medienelite bevormundet fühlen. 

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Stefan Lanz / 05.12.2018

Qualitätszeitung FAZ? Ernsthaft?

Anders Dairie / 05.12.2018

Völlig richtig,  Herr Bolz !  Die lange Unterstützerliste,  die Lengsfeld und Broder per voller Namensnennung für die Petition bekommen haben, ist ein Fanal. Will man den honorigen Personen,  vom Professor für Herzschirurgie, über den Diplomer für E-Technik und dem selbständigen Handwerkermeister, das Leben und die Welt erklären?  Es gehört viel Verve dazu,  dies seitens   SZ , WAZ etc.  und deren Provinz-Ableger auch nur zu versuchen.  Die Verachtung, die in den Schimpf-worten “Lückenpresse”  und “Slomka, Kleber, die ...”  gipfelt,  haben sich die Betreffenden selbst verdient.  Ostdeutsche haben die Erfahrung hinter sich, dass es folgenlos bleibt,  ideologie-lastige Zeitungen als Einwickelpapier zu benutzen.  Sie kloppen damit auch die Verfasser als Ideologen-Helfer in die Tonne.  Der Herzchirurg wird gebraucht,  ein Journalist der FR aber nicht.  Eine kaputte   SPD kann sich über 100 Zeitung unter einer Holding nicht mehr lange leisten.

Martin Stumpp / 05.12.2018

Eine ausgezeichnete Analyse. Herr Bolz hat Zusammenhänge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für das Staatsversagen mit ursächlich sind präzise dargelegt. Nur schade, dass die linke “Medienelite” es weder lesen noch anderweitig zur Kenntnis nehmen wird. Eines hat diese “Medienelite” aber erkannt. Das Internet ist eine Gefahr für ihre Deutungshoheit, weswegen seine Nutzung beschränkt werden muss. Die deutsche Regierung, die Internetzensur in allen Ländern anprangert, geht zwischenzeitlich fast als Vorreiter für Zensur im Internet durch. Das NetzDG war Anfang. Man kreiert den Straftatbestand der Hasskriminalität die es nicht gibt, denn kein Paragraph im StGB ist ihr derzeit gewidmet (im Strafrecht der DDR hab es die staatsfeindliche Hetze), und bekämpft sie durch eine erkennbar verfassungswidrige Strafandrohung. Viel effizienter ist aber der Ansatz über das Urheberrecht, das derzeit vom EU Parlament in Stellung gebracht wird. Besonders effizient wäre es natürlich Video- oder Audiobeiträge im Internet dem Rundfunkrecht zu unterwerfen. Nicht zu vergessen das DSGVO, das jeden kriminalisiert, der ein Foto mit seinem Smartphone macht, ohne die schriftliche Erlaubnis der zufällig mit aufgenommenen Personen einzuholen. Ein Hebel den der Staat früher oder später zu nutzen wissen wird.

Bernhard Maxara / 05.12.2018

Als vor einem Vierteljahrhundert (!) die “political correctness” als Begriff aus amerikanischen Campuskreisen herüberwehte, habe ich von Anfang an das Ausbleiben des Aufschreis seitens unserer sonst so skeptischen, mit der “Kritischen Theorie” sozialisierten Journalistengemeinde nicht verstanden. Dieses damalige Schweigen läßt nur den einzigen Schluß zu, daß schon damals die ganze schreibende Zunft auf dem linken Auge völlig erblindet war.

Dieter Kief / 05.12.2018

Ja, Selbstgerechte und Eingeschüchterte gibt’s viele. Auch Sedierte, sozusagen. Man will glauben, dass alles ganz ok sei, und fragt gar nicht genauer nach. Enzesberger hat - Achtung, Mitleser, nicht erschrecken - in einem Gedicht vor Jahrzehnten schon gesagt, die Geschichte werde überbetont. Das, dieser Gedanke kommt auch bei dem imposanten Deuter der Gelbwesten-Proteste zum Tragen, nämlich bei Christophe Guilluy (Buch: No Society). Er meint, der deutende intellektuelle große Haufen (=englisch: Mainstream media) sei zu stark auf die Geschichte fixiert und sehe daher andauernd längst gestorbene Gespenster (= Rassisten, Nazis). Wie Enzensberger in diesem Gedicht (“Die Frösche von Bikini” in dem überragenden Bänchen “Die Furie de Verschwindens”) - wie Enzensberger in diesem Gedicht schlägt Guilluy einen buchstäblich distanzierteren Blick auf unsere Geschichte und Gegenwart vor. Der Anwendungsfall der Gelbwesten-Proteste lässt sich tatsächlich sehr gut über Guilluys räumlichen (=kulturgeographischen) Zugriff deuten. Nicht vermeiden lässt sich auch in diesem Fall die Einsicht, dass auch dieser Protest mit dem ungeregelten Zuzug zu tun hat - massiv. Guilluy kennt sich sehr gut aus im Problemdepartement 93 - - Seine-Saint-Denis und sagt, dort seien die ca. 300 - 400 Tausend (!) Illegalen ein mittlerweile bestimmender, und den Sozialstat in erhebliche Schieflge bringender Faktor. Die Qualitätszeitung FAZ in Gestalt ihres altgedienten Frankreich-Korrespondenten Jürg Altwegg hat übrigens einen hervorragenden großen Artikel über Guilluy veröffentlicht (ist online) . Die Öffis schweigen zu diesem Zusammenhang der Proteste mit dem ungeregelten Zuzug- und/oder machen die Gelbwesten eben doch wieder zu Rechtspopulisten. Guilluy ist das übrigens mittlerweile egal.

Hartmut Schilling / 05.12.2018

“Qualitätszeitungen wie die FAZ oder die NZZ”: Das sehe ich anders. Die FAZ war mal eine Qualitätszeitung mit einer Vielzahl von Meinungen, aber einer eher konservativen Grundtendenz. Das ist nun ganz anders, auch wenn nach wie vor einige Beiträge interessant sein mögen. Für mich - ehemals jahrzehntelanger Leser - ist sie unerträglich geworden: oft ist sie einfach eine weitere linksrotgrüne Kampfpostille. Die NZZ ist das, was die FAZ heute hätte sein können, aber definitiv nicht mehr ist. Sie ist damit sozusagen eine Art Exil-FAZ, deren Artikel ich oft sehr gern lese.

Viola Heyer / 05.12.2018

Zu einem Geist der Liberalität zurückfinden? Die naive Hoffnung des Autors ist durchaus liebenswert, aber doch ziemlich realitätsfern.

August Klose / 05.12.2018

Das die FAZ eine Qualitätszeitung sei, versetzt mich jetzt in Erstaunen, aber ansonsten jeder Satz eine Perle höchster Wertigkeit - ein Bolz eben.

Winfried Kellmann / 05.12.2018

Die Analyse ist nicht ganz richtig: “Exzellenz (...) markiert das Prinzip der Selbstselektion, das die Entscheider und Könner zur Elite macht. Dazu gehören eben immer nur die Leute, die ihren hohen Status verdient haben.” Selbstselektion gibt es nicht. Das ist der Traum der Aufklärung: Daß in einer offenen Diskussion die richtigen Argumente siegen. Die Evolution selektiert durch Anpassung an die Umwelt (da wird man selektiert),  in der Demokratie soll es das meritokratische Prinzip sein, welches durch Schwarmintelligenz (Mehrheitsentscheidung) durchgesetzt wird. Sie sehen das “Problem unserer Gesellschaft” darin, daß Intellektuelle “von einem bösen Zauber verhext sind” und geben diesen eine Tip: “Sie müssen einen Weg heraus aus der Sackgasse der politischen Korrektheit und ihrer Verbalexorzismen finden.” Das werden die aber niemals tun, denn wenn es eine Schwachstelle in der Selbstorganisation einer Gesellschaft gibt, wird diese immer von davon magisch angezogenen Individuen ausgenutzt. Die sind psychisch kerngesund und hervorragend an ihre Umwelt angepaßt. “Verhext” ist höchstens die gesamte Gesellschaft in einem Massenwahn, dessen organisatorische Grundlage gegenwärtig in mangelhafter Kontrolle der Eliten besteht. Wenn das Eigeninteresse der Eliten nicht mehr mit den Interessen des Sozialverbandes kongruiert, bedarf es einer Korrektur. Der gegenwärtige Massenwahn ist der Wunsch, widerspruchslos, weltumfasssend gut sein zu wollen. Die Eliten handeln entsprechend. Betrachten Sie es als Naturgesetz menschlichen Zusammenlebens: Jedes Prinzip kann pervertiert werden. Z.Zt. werden die Menschenrechte pervertiert. Die Schwachstelle in der Selbstorganisation ist gegenwärtig der fehlende Volksentscheid als Korrektiv: Damit könnten Fehlentscheidungen eher verhindert werden, der Massenwahn fände u.U. eine Grenze im konkreten Eigeninteresse. Man stelle sich mal vor: Der Euro wäre uns erspart geblieben. Die Schwarmintelligenz war intelligenter als die politische Elite.

Horst Hauptmann / 05.12.2018

Schön, dass ich das nicht alleine so sehe. Ich bin beschaffe mir Informationen inzwischen bei Welt, Tichys Einblick, NZZ, Achgut, Agora, European, Bundestags-TV, Handelsblatt und Recherchen im Internet. Die arbeitende Bevölkerung, auch überlastet durch Familie und Beruf, kann das nicht leisten und ist deshalb auf die kompakten Informationen der Massenmedien angewiesen. Diese missbrauchen das auf üble Weise durch manipulative Berichterstattung. Nachricht und Kommentar werden vermischt, Kontext wird manipulativ hergestellt, Informationen selektiv ausgewählt (Stichwort Lückenpresse). Bewusste Lücken in der Berichterstattung sind viel perfider als bewusste Lügen, denn letztere können im heutigen Internetzeitalter sofort entlarvt werden. Lücken verzerren das Lagebild, ohne das man dies sofort erkennen kann. Meine differenzierte Informationsbeschaffung führt regelmäßig zu Beschwerden bei ARD und ZDF. Diese werden mit Standard-Textbausteinen abgeklatscht, nicht ohne sich am Schluss für die wertvolle Mitarbeit zu bedanken und “sich zu freuen, wenn ich deren Arbeit weiterhin aktiv begleite”. Man fühlt sich einfach nur - sorry - verarscht! Bei den privaten Medien habe ich Hoffnung. Auf Dauer wird das darwinsche Prinzip dazu führen, dass sie eben nicht mehr gekauft werden. Anders bei den öffentlich-rechtlichen, die zwangsfinanziert werden und daher wohl glauben, sie könnten sich alles erlauben. Sie diskreditieren sich durch dieses Verhalten allerdings in hohem Maße selbst, was unter den derzeit herrschenden Verhältnissen in Deutschland keine Konsequenzen hat. Nun können sich Verhältnisse ändern, oft schneller, als man denkt. Und Ruckzuck kommt, wie in der Schweiz, eine Diskussion darüber auf, ob man die Zwangsfinanzierung nicht besser abschaffen sollte. ARD und ZDF wären daher bestens beraten, wenn sie objektiven, tatsächlich neutrale Berichterstattung und pluralistische Kommentierung ernst nähmen. Hier habe ich allerdings wenig Hoffnung, das Personal ist unrettbar geprägt.

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