Christoph Spielberger
„Wir haben ein Imamproblem, nicht ein Islamproblem“. So der Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer am 30.11. bei Maischberger in der ARD. Die Erbärmlichkeit der deutschen Islamdebatte lässt sich in diesem Satz sehr schön zusammenfassen. Und nebenbei auch die Korrumpiertheit eines Teiles der deutschen Wissenschaft, die sich unter der Überschrift des kultursensiblen Umganges an die Politik verkauft hat.
Nein, es hat nichts mit dem Islam zu tun, wenn seine religiösen Führer sich nicht so verhalten, wie die deutsche Politik es wünscht. Die deutsche Politik weiß besser, was Islam ist, und was nicht. Was diese Imame da machen, ist nicht Islam, sondern Gastarbeiterislam, denn es sind, so Pfeiffer, „Gastarbeiterimame“, die da falsch predigen. Deren Verhalten, „die mit der deutschen Kultur nicht verbunden sind, kein Deutsch sprechen, autoritär sind, ziemlich machohaft auftreten, und das auch predigen, sich von den Deutschen fernzuhalten und im Herzen Türken zu bleiben.“, beschreibt Herr Pfeiffer ganz ungeschminkt. Der Pfeiffersche Gastarbeiterislam darf, in Pfeifferscher Logik, wieder nichts mit dem Islam zu tun haben, denn es geht um die kausale Trennung der Begriffsfelder „Islam“ und „Problem“. Dazu muss er leugnen, dass je islamischer ein Land ist, desto mehr es mit dem Islam zu tun hat. Und die türkischen Imame irgendwie islamischer sind als die Pfeiffer- deutschen Wunschimame. So viel Leugnung erzeugt Unbehagen: es ist sehenswert, wie seine expressionistische Körpersprache die inneren Nöte seiner Argumente beschreibt, und wie sein Sprachduktus dabei demjenigen von Pastor Fliege immer ähnlicher wird.
(http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5973060, ab Minute 28)
Die letzte Verteidigungslinie der politischen Korrektheit im Kampf um die Herzen der Muslime lautet: Eure Probleme haben nichts mit dem Islam zu tun. Und selbst wenn ein Wissenschaftler wie Pfeiffer gerade in einer groß angelegten Studie herausgefunden hat, dass es einen Zusammenhang zwischen islamischer Gläubigkeit und Gewaltbereitschaft gibt, muss er sich bis zur Lächerlichkeit verbiegen, um ebendies abzustreiten. Opfer dieser Rabulistik ist die Diskussion und alle davon Betroffenen, denn solange solche Experten reden, kann das Problem nicht gelöst werden, weil nicht mal die Beschreibung stimmt.
Nachdem der deutsche Fernsehzuschauer immer und immer wieder gesagt bekommt, das Kopftuch habe nichts mit dem Islam zu tun - die Frauen tun das freiwillig, Zwangsheiraten haben nichts mit dem Islam zu tun - woanders gibt es das auch, Ehrenmorde haben nichts mit dem Islam zu tun - alte patriarchalische Strukturen wie auch in Südeuropa, Terrorismus habe nichts mit dem Islam zu tun – nur ein paar Extremisten haben diese friedliche Religion gekidnappt, die Demokratiefeindlichkeit der islamischen Länder habe nichts mit dem Islam zu tun – das sind die Folgen der europäischen Kolonialpolitik, die Abwesenheit von Menschenrechten in islamischen Ländern habe nichts mit dem Islam zu tun – wir sollten unsere Maßstäbe andern Ländern nicht aufzwingen, nach alledem also ist Professor Pfeiffer auf der Leugnungsspirale noch ein Stück weiter herabgerutscht: Imame haben nichts mit dem Islam zu tun. Jetzt warten die deutschen Fernsehzuschauer nur noch auf die Ankunft des letztendlichen Islamverstehers, der sagt: der Islam hat nichts mit dem Islam zu tun.
Der Autor lebt in Berlin und schreibt vor allem über Archäologie, Kunstgeschichte und Kunstpolitik.