Wolfgang Röhl / 20.07.2010 / 23:40 / 0 / Seite ausdrucken

Der Ikea-Krimi. Wesen, Werden und Blödsinn

Was den Reiz des skandinavischen Thrillers „gerade auch für uns Deutsche“ ausmacht, habe ich nie richtig ergründen können. Das Genre begegnete mir in den siebziger Jahren erstmals bei Besuchen in WGs, wo Sjöwall/Wahlöö-Krimis in jedem Billy-Regal standen, halb zerfledderte Schmöker aus der schwarzen rororo-Reihe. Auch ich las da rein und glaubte, das Muster zu erkennen. Linke Dinger waren das, geschrieben für Leute, die einen Vorwand brauchten, Krimis zu konsumieren, weil sie sich dafür schämten, nicht immer nur Wälzer über Kapitalismus, Klassenkampf, Vietnam und so weiter studieren zu wollen…

Das marxistisch grundierte Schwedenduo lieferte ihnen die korrekten Stoffe. Täter, die „aus der Mitte der Gesellschaft“ kamen, Fälle, die sogar „bis in höchste Kreise“ hineinreichten. Nicht bloß diese langweiligen Totmacher vom Dorf oder aus dem Vorort. Auf eine Weise waren auch die frühen, völlig unideologischen ZDF-Krimiserien so gestrickt. Oft spielten sie im Münchener Villenmilieu, wo das Verbrechen einfach schicker zu inszenieren war als an den Nistplätzen dumpfer Alltagsgewalt. Die Täter mit dem weißen Kragen und dem dicken Daimler, sie waren einfach more sexy.

Mit der Zeit kamen mir die Hervorbringungen aus dem Hause Sjöwall-Wahlöö immer wundersamer vor. Das Ehepaar entwarf ein Schweden, das es für uns deutsche Sozis gar nicht gab. Sicher, die unguten Seiten des bewunderten Wohlfahrtstaates im Norden dämmerten auch uns manchmal. Die rigorose Art zum Beispiel, wie dort Kinder ihren Eltern entzogen werden konnten. Der Konsens-Kult, darauf angelegt, alle Entscheidungen im Team (man konnte auch sagen: Kollektiv) zu treffen. Das Verdruckste, Duckmäuserische, wenn Schweden sich einfach mal so, als Einzelne, vor Journalisten erklären sollten. Die Gleichsetzung von Individualismus mit Egoismus. Das Ideal des „gläsernen Bürgers“, der sich nicht nur in Steuersachen ständig gegenüber der Gemeinschaft offenbaren sollte. Kurz, diese ganze „Volksheim“-Nummer war auch manchem deutschen Sozialdemokraten ein nicht leicht verdaulicher Schweden-Happen. Sie trug, wenn man ehrlich gewesen wäre, latent faschistoide Züge.

Aber darum ging es den Begründern des skandinavischen Krimis nie. Sie halluzinierten ein Schweden herbei, das kurz vor der Machtübernahme durch rechte, nicht linke, Faschisten stand. Da dieser Entwurf erkennbarer Unfug war, verschwanden die Sjöwall-Wahlöö-Krimis irgendwann in der Versenkung. Vielleicht gab es auch andere Gründe. Vielleicht waren sie nur langweilig geworden, weil so berechenbar.

Mankell hat die Gattung des linken Krimis zwei Jahrzehnte später mit ungeheurem Erfolg wiederbelebt und Heerscharen skandinavischer Krimiautoren – nun nicht mehr auf Schweden beschränkt – in seinem Kielwasser mitgezogen. Der neueste Star an der Nordfront ist der dänische Autor Jussi Adler-Olsen. Der Sidekick seines Kommissars: ein syrischer Putzmann, der es „zum unentbehrlichen Assistenten“ des Ermittlers bringt, so der „Spiegel“. Heiliger Thor! Da ringelt sich das Röd Pölse in der Speiseröhre auf.

In seiner aktuellen Ausgabe versucht der Spiegel eine Erklärung des Phänomens. Die Erklärung ist, finde ich, grottengrundtief missraten. Wer mag, kann sie im Artikel „Morden wie im Norden“ lesen. Warum Menschen - gerade auch hier in Deutschland - sich für superkaputte Kommissare aus einer der reichsten, sattesten und in der großen Fläche verbrechensärmsten Region der Welt (man nennt sie Skandinavien) begeistern; für Figuren, die ständig mit grässlichen, vollkommen unwahrscheinlichen Morden konfrontiert werden und dabei stets höchstpersönlich angepisst, psychisch labil, sexuell frustriert und vollkommen humorlos agieren, das gehört für mich nach wie vor zu den Rätseln des Krimigenres. Weshalb sich Millionen den Quark auch noch in verfilmter Konsistenz reinziehen, erscheint mir noch mysteriöser.

Ulkigerweise enthält der aktuelle Spiegel auch einen Zustandsbericht über real existierende Verbrechenswelten. Ein vierseitiger, gut meinende Menschen ohne Migrationshintergrund total verstörender Auszug aus einem demnächst postum erscheinenden Buch der kürzlich verstorbenen Jugendrichterin Kisten Heisig macht schaudern („Angst ist ein schlechter Ratgeber“, ab Seite 126). Er gibt Einblicke einer Praktikerin in so genannte Parallelgesellschaften. Diese Einblicke sind gruseliger als irgendwelche bizarre Morde im Ikea-Krimi. Der konkrete Tatort heißt Berlin-Neukölln. Er könnte aber auch in drei Dutzend anderer Städte liegen.

Ja, sogar in skandinavischen Städten. Dort haben sich Parallelgesellschaften inzwischen ebenfalls bestens etabliert. Im schwedischen Malmö etwa, wo Juden nicht mehr sicher leben können. Ohne dass diese unschöne Marginalie Mankell oder seine Adepten auch nur leicht in der Feder juckt. Es muss aber nicht Juden betreffen. Was tatsächlich geschah, als in Göteborg vor Jahren nächtens nur für eine Stunde der Strom ausfiel, das war überhaupt nicht volksheimelig. Auch so ein realer Krimistoff, der es nie zwischen Buchrücken oder ins Fernsehen schaffen wird. Und Oslo, die „lebenswerteste Stadt der Welt“? Wo die allerbesten Menschen des Universums ihre Reden schwingen? Sämtliche Vergewaltigungen des vergangenen Jahres, meldete die norwegische Polizei politisch-unkorrekt, seien von „Einwanderern“ verübt worden.

Lieber Henning Mankell, dies könnte der Stoff für ihren nächsten Wallander sein (wenn Sie uns netterweise doch noch eine Zugabe liefern). Aus dem Klappentext: „In Oslo wird eine Norwegerin brutal geschändet. Zunächst sieht es so aus, als ob ein Migrant aus dem arabischen Raum oder ein Afrikaner die Tat begangen hat. Wallender findet aber heraus: die junge Frau war im Südafrika-Urlaub Ohrenzeugin eines Komplotts, das weiße südafrikanische Farmer zusammen mit amerikanischen Söldnern schmieden, um Nelson Mandela…“

Keine Ursache! Copyright selbstverständlich: Ikea-Krimi.

 

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