Der Niedergang der Fachgeschäfte zwingt den Kunden, von Pontius zu Pilatus zu laufen oder selbst zu suchen und dann im Internet zu bestellen.
Unlängst hat in München das letzte, große Fachgeschäft für Haustierbedarf seine Türen für immer geschlossen. Es nannte sich „Haus des Hundes“, befand sich im Stachus-Untergeschoss und führte, anders als der Name vermuten lässt, nicht nur Hundeartikel. Es gab keinen Nachfolger – finito nach 45 Jahren. „Ein harter Schlag für alle Hunde- und Katzenliebhaber“, schrieb der Münchner Merkur. Viel Münchner Prominenz gehörte zur Kundschaft – Rex Gildo, Zsa Zsa Gabor und Rudolph Moshammer, der hier die Halsbänder für seine geliebte Daisy erstand.
Ich bezog beim „Haus des Hundes“ weniger Glamouröses. Etwa aus Rinderhaut gepresste Hundekaurollen, die unser Poldi als Zwischenmahlzeit schätzt und die, weil sie nur wenig Fett enthalten, nicht vom Futter abgezogen werden müssen. Außerdem gab es dort komfortable Hundegeschirre einer italienischen Marke, die andernorts schwer zu bekommen sind. Gewiss, man könnte sie im Internet bestellen, aber online lassen sie sich nicht anprobieren. Dann ist das Ding zu groß oder zu klein, muss zurückgeschickt werden. Millionen machen das, immerzu, der Irrsinn der Internetshopperei.
Mittlerweile hat der Niedergang der Fachgeschäfte dramatische Ausmaße erreicht. Fast jede Woche verkünden die Boulevardzeitungen, welches „Traditionsgeschäft“ wieder aufgeben musste. Mal findet sich, wie beim „Haus des Hundes“, kein Nachfolger, weil die jungen Leute anderes, sinnvolleres mit ihrem Leben anfangen möchten, „irgendwas mit Medien“ oder „mit Menschenrechten“. Manchmal ist aber auch gesunkene Nachfrage schuld oder eine saftige Mietsteigerung. Das Ergebnis ist immer das gleiche, die Türen sind zu und man weiß nicht mehr, wohin man sich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen wenden soll.
Jetzt macht der Kunde den Job des Einzelhändlers
Einen nennenswerten Elektrofachhandel gibt’s schon längst nicht mehr und alle Welt drängt sich jetzt im letzten verbliebenen Mediamarkt. In meinem Quartier in der Maxvorstadt hat ein einziger Elektrohändler überlebt, wobei sich die Frage stellt, wie lange er noch durchhält. Die Hälfte seines Ladens hat er schon in einen Paketshop umgewandelt. An manchen Tagen sind die Schlangen davor gigantisch – schöne Aussichten. Wenn er endgültig aufgibt, ist Platz für die nächste Fressbude eines asiatischen oder nahöstlichen Spezialitätenkochs oder das gemütliche Einraumcafé eines Dutt tragenden Hobbygastronomen, der zu fairem Ökokaffee und veganem Kuchen die Extraportion Gesinnung serviert.
Wenn es überhaupt noch Einzelhändler gibt, spezialisieren sie sich meist auf hochwertige Artikel. Das Kleinklein des täglichen Bedarfs kann man sich im Internet zusammenstoppeln. Mehr und mehr ist man gezwungen, jene Aufgaben zu übernehmen, die früher dem Einzelhändler zufielen. Dessen Job war es, ein möglichst vielfältiges, auf eine spezielle Kundschaft zugeschnittenes Sortiment anzubieten. Jetzt heißt es, selbst im Internet zu recherchieren, man telefoniert selbst mit Produzenten und Großhändlern, lässt sich probeweise dies und das schicken und ist stolz wie Bolle, wenn man am Ende einer Odyssee vielleicht das erhält, wonach man gesucht hat.
Heutzutage ist wieder Vorratshaltung angesagt
Gerade habe ich versucht, einen Adapter für eine französische Steckdose aufzutreiben. Ich fuhr sogar zu einem mir bekannten Fachgeschäft auf dem Land. Ohne Erfolg. Glücklicherweise stöberte ich, nach Hause zurückgekehrt, den Adapter doch noch im Netz auf und orderte sicherheitshalber gleich zwei davon. Trotzdem wurde ein „Kleinmengenzuschlag“ in Höhe von 3,95 Euro fällig, außerdem eine Versandkostenpauschale über 4,95 Euro. Beides addiert, entsprachen diese Posten fast auf den Cent dem Preis für die beiden Adapter, sodass ich am Ende das Doppelte dessen zu zahlen hatte, was in einem stationären Fachgeschäft fällig geworden wäre.
Jener Elektrofachhandel, bei dem ich die Adapter ergatterte, unterhielt übrigens bis vor einem Jahr noch einen eigenen, großen Laden in der Münchner Innenstadt. Jetzt steht das Geschäft leer, die Fenster sind verklebt, ein trauriger Anblick. Gleich daneben findet sich ein großer Drogeriemarkt, der in meinem Leben mittlerweile eine Schlüsselrolle spielt. Denn nur hier bekomme ich noch jene gutriechende Körperlotion, die ich seit Jahren benutze. Bis zu einer der letzten Kaufhausinsolvenzen gab es die weißen Plastikflaschen noch bei Karstadt um die Ecke, doch gähnt dort jetzt eine Baugrube. Dann wurden sie auch in den mir erreichbaren Filialen einer Parfümeriekette ausgelistet. Jetzt bleibt, neben dem Internet, nur noch besagter Drogeriemarkt, und wenn ich mal dort bin, kaufe ich gleich ein halbes Dutzend – man kann nie wissen.
Dort gibt es auch noch eine Seife, die mir ans Herz gewachsen ist, seit sie mir mein langjähriger Lieblingsapotheker neben dem obligatorischen Wandkalender immer als Weihnachtspräsent überreichte: Olivenseife der Marke Kappus. Die Apotheke ist längst geschlossen; auch der Seifenhersteller war zumindest kurzzeitig insolvent.
Kurz entschlossen rief ich selbst am Kappus-Standort im baden-württembergischen Heitersheim an, um zu erfahren, ob meine Lieblingsseife noch hergestellt werde und wo man sie kaufen könne. Ersteres wurde bejaht, bei der zweiten Frage musste die Mitarbeiterin passen. Irgendwann fand ich die Seifenstücke in der hellgrünen Packung dann in jenem Markt und packte gleich zehn davon in meinen Einkaufsbeutel. Im besten Deutschland aller Zeiten ist wieder Vorratshaltung angesagt und mein Kellerabteil gleicht unterdessen dem Warenlager eines Supermarktes.
Klassiker als Mangelware
Ich habe manchmal das Gefühl, dass stets jene Produkte, die ich benötige oder zu benötigen meine, immer schwerer erhältlich sind. Zum Beispiel Zahnpasta der Marke „Blend-a-med classic“. Wenn Produkte als „classic“ firmieren, ist das ein schlechtes Zeichen, weil es bedeutet, dass ein Unternehmen sie nur noch herstellt, weil sich ein paar alte, sentimentale Deppen nicht für etwas Innovatives entscheiden können. Doch die frühkindliche Prägung auf eine Zahnpastamarke ist sehr stark. Für mich MUSS es „blend-a-med classic“ sein, alle anderen Zahncremes verursachen mir Brechreiz.
Doch genau diese Version der Marke „blend-a-med“ ist offenbar kaum noch erhältlich. Und wenn, dann nur in unhandlichen Großtuben. Doch man darf heute nicht mehr allzu wählerisch sein. Wenn ich die Tuben irgendwo aufstöbere, heißt es, blitzschnell zuzuschlagen und umgehend den gesamten Regalvorrat einzulagern. Irgendeine ekelige Pasta mit bunten Streifen kommt mir nicht auf die Zahnbürste.
Wenn ich mir ausmale, dass das alles erst der Anfang ist und man vielleicht auch Lebensmittel bald nur noch im Internet bekommt, wird mir ganz blümerant zumute. Was die Hundeartikel aus dem ehemaligen „Haus des Hundes“ anbelangt, ist es mir gelungen, die erwähnten Kausticks im Internet aufzutreiben. Die vier Plastikbeutel, die ich bestellt habe und die jetzt im Keller liegen, werden zumindest bis Jahresende reichen. Die schönen Hundegeschirre italienischer Herstellung soll es, einer Eigenrecherche beim Hersteller zufolge, in einem Lädchen in München-Bogenhausen geben. Dort kaufe ich mir jetzt zwei Ersatzgarnituren. Poldi ist bald sieben Jahre alt, die Lebenserwartung seiner Rasse liegt bei gut zwölf Jahren. Nach ihm die Sintflut.
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik u.a. für die Süddeutsche Zeitung. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.
Beitragsbild: Pixabay

Vor 1,5 Jahren war ich auf der Suche nach einem weißen Oberhemd. In meiner 50 000 Einwohner zählenden Stadt war trotz Mini – C&A Filiale nichts zu finden. Karstadt und Real in der 10 km Entfernung gab es nicht mehr. In 15 km gab es einen Adler Modemarkt. Hätte nie gedacht das ich dort mal was kaufen würde. Wurde dort fündig, die haben sogar Wrangler Jeans………
Das Problem ist auch bis zu einem gewissen Grad hausgemacht. Im Vergleich zu den USA haben wir hier in Deutschland im Einzelhandel die blanke Servicewüste. Dort ist der Kunde noch König und die Verkäufer reißen sich für einen den Arsch auf. Man fühlt sich als Kunde wertgeschätzt und wird dementsprechend behandelt. und egal, wie viel man im Geschäft ausgibt, eine Einkaufstüte ist obligatorisch. Da würde sich niemand wagen, noch Geld für zu verlangen. Und hier, oftmals vollkommen lustloses Personal, was sich nicht mal die Mühe macht, das Gespräch mit der Kollegin zu unterbrechen oder vom Handy hochzuschauen, um zu grüßen, wenn man den Laden betritt. Beratung … Fehlanzeige. Kundenservice Null. Ich habe oft das Gefühl, ein Störfaktor zu sein. Ganz ehrlich, warum soll ich dort einkaufen? Alles hat seine Zeit, Das Auto hat das Pferd abgelöst und jetzt halt der Internethandel das Fachgeschäft. Der Mensch ist von Natur aus bequem und geht den Weg des geringsten Wiederstands. Warum den Hintern heben und fünf Läden abklappern, in der Hoffnung, das gewünschte Produkt zu erwerben, wenn einem mit wenigem Tastendrücken die ganze Welt zu Füßen liegt.
Das ist doch aber keine neue Entwicklung Herr Etscheit! Auch (weit) vor Corona war ein (zunehmender) Verlust an Vielfalt (Verzeihung;-)) im Einzelhandel unübersehbar. Corona hats dann wg. der sagen wir mal verschärften Rentabilität (ich sage gleich noch was dazu) beschleunigt. Ähnliches gilt auch für die Gastronomie. Schlecht aufgestellte (Familien-) Betriebe (ohne Eigentum, ohne spezifische Ausbildung der Inhaber im kaufmännischen und/oder kulinarischen Bereich) sind beschleunigt verschwunden (und auch nicht zurückgekehrt). Hinzu kommen m.E. einige Entwicklungen von der Seite der Immobilie: Investitionen und Renditeerwartungen sind erheblich gestiegen, z.T. selbstgemacht (Hals-nicht-voll-Mentalität;-)), z.T. wg. einer schwachen öffentlichen Hand. Es werden Einkaufszentren in Citylagen genehmigt, Baukosten sind hoch, es braucht Umsatzbringer, die Masse machts (muss es machen). Da ist kein Raum mehr für „Einzelkämpfer“; allenfalls für Franchisenehmer, wo allerdings auch die Masse abfließt.
Zur Gastronomie noch ein Beispiel, von dem wir bei unserem Dresden-Besuch vor ein paar Jahren erfuhren: Der sog. Luisenhof war jahrzehntelang Ausflugsgaststätte auf einem Elbhang. Technisch war es allerdings eine ETW. Die stand dann zum Verkauf. Der vorherige Pächter-Inhaber wollte zuschlagen, doch die Preise entwickelten sich astronomisch, er musste aussteigen. Um den letztlich aufgerufenen irrwitzigen Preis zu refinanzieren, war ein Gaststättenbetrieb nicht mehr lohnend genug. Also wurde (nach längerem Leerstand!) investorenseits beantragt, ca. das halbe Objekt in (teure Luxus-) Privatwohnungen umwandeln zu dürfen. Eine auch insofern versagende öffentliche Hand genehmigte dies. Leidtragende sind Einwohner und Touristen. Profitiert haben ein paar Luxus-ETW-Käufer – und vor allem der sich eigentlich übernommen habende Investor.
Angucken, anfassen, ausprobieren, abmessen, sich beraten lassen – alles das gibt es im Internet nicht. Eine schlechte Abbildung aus nur einem Winkel reicht nicht aus.
Ich mache dieselben Erfahrungen wie Herr Etscheit. Er ist nicht alleine. Aber – wieviele sind wir denn? Offenbar zuwenige? Gefällt denn den meisten, was sich abspielt? Sind die zufrieden mit den überall gleichen Angeboten, mit dem Auftauchen und Verschwinden von Produkten, auch bewährten? Mit Namens- und Aussehensänderungen um ihrer selbst willen, mit albernen und lächerlichen Werbesprüchen und -tricks?
Angeblich soll ja im Kapitalismus die Nachfrage das Angebot bestimmen.
Das ist mir schon 1990 klar geworden, daß das eine der größten Lebenslügen des Kapitalismus ist.
Aber wie ist es dann?
Jenseits der Schilderung dessen, was sich nach außen hin sichtbar abspielt, würde ich gerne wissen, was dahintersteckt, warum sich das so abspielt, warum der Jammer jedesmal groß ist, aber keiner helfen kann (oder will). Was ist der ökonomisch-soziale Grund, und kann man da an irgendwelchen Stellschrauben drehen? Kann man den (außerökonomischen) Wert von kleinen eigenen individuellen inhabergeführten Geschäften irgendwie messen bzw. in Planungen und ökonomischen Regularien berücksichtigen? Muß erst alles kaputtgehen, bis man merkt, daß einem was fehlt und die Einheits-Einkaufsmeile überall in der Welt gleich aussieht?
@Herr Heuer: So ist es, Ich durfte zu Coronazeiten nichtmal die Toilette besuchen in einem Geschäft, außerdem durfte ich nicht den kurzen Weg durch den Seitenflur eines Geschäftes zum Parkhaus nehmen, ich musste 500 m außen herum gehen; vor einem Buchladen standen sie mit Schilder„ Geh impfen“, als wir mit der Demonstration vorbei gingen…
Alles zuviel.
Unsere Innenstadt ( links-grün) stirbt aus, verranzt. Soll sie.
Parkplätze werden abgebaut, der Autoverkehr soll um 50% verringert werden, .. ,
Sonst noch was?
Ach das ist doch sentimentales Gerede.
Für Kaminstreichölzer bin ich zu drei verschiedenen Läden hier gefahren. m Ende bei Amazon bestellt.
Für meine Oberhemden fahre ich ins örtliche Kaufhaus. Und da? Ham wa nicht. Können wir ihnen aba bestelln.
Dauert circa 10 Tage. Wir rufen sie dann ( was dann aber vergessen wird)
Also bestellt im Internet. Nächsten Tag da.
Wenn in einem freien Markt Dinge verschwinden werden sie nicht mehr gebraucht. Basta.
In unserer Kleiststadt gibt es kaum mehr innhabergeführte Geschäfte. Es folgt Leerstand , Barber, Handy……..Corona hat alles noch beschleunigt. In der nächsten größeren (Uni-)Stadt ( es grünt so grün) kämpft man schon morgens sich durch Dreck, Horden von Noch-nicht-so-lange-hierlebenden und Kampfradlern ohne Rücksicht auf Verluste. Später bereichern dann noch Bataillone von radeldenden Studierenden vor allem die Fußgängerzone, es wird lebensgefährlich. Anfahrt mit den „Öffis“ unzuverlässig, Bahnhofsgegend nicht wirklich sicher. Anfahrt mit Auto wird durch immer mehr Schikanen erschwert, Parkgebühren steigen immer mehr. Die paar Geschäfte für die man noch hinfahren würde, haben alle den Coronawahnsinn mitgemacht, also auch nicht unbedingt besuchenswert. Und mehr als einen Kaffee (Angebot hier reichlich vorhanden) will man auch nicht zu sich nehmen. Gute Nacht, Deutschland.