Henryk M. Broder / 04.03.2015 / 18:22 / 1 / Seite ausdrucken

Der grüne Anton und seine vielen weiblichen Freundinnen

Seit Claudia Roth vor einigen Jahren in einem Zustand, der sie sogar für die Teilnahme an einem Seifenkistenrennen disqualifiziert hätte, bekannte: “Die Türkei ist meine Freundin”, muss man bei den Grünen, was Freundschaft angeht, mit allem rechnen. Nun hat Anton Hofreiter, Co-Vorsitzender der grünen Fraktion im Bundestag, seine alte Parteifreundin regelrecht ausgebremst. Er habe, erklärte er bei Plasberg, “viele weibliche Freundinnen”.

Weibliche Freundinnen – das klingt erst einmal wie runde Kugel oder bewegliche Wanderdüne. Es ist aber kein Pleonasmus, wie er jedem unterläuft, der zum Beispiel von einem “brutalen Mord” oder einer “attraktiven Schönheit” spricht. Hofreiter, der über die südamerikanische Pflanzengattung Bomarea zum Dr. rer. nat. promoviert hat, ist auch nicht der Prototyp eines bayerisch-barocken Casanovas, der mit seinen Amouren seine Wählerinnen und Wähler beeindrucken möchte. Er hat nur versucht, bis an die Schmerzgrenze der politischen Korrektheit zu gehen. Das tut auch Horst Seehofer, wenn er sich an seine “Freundinnen und Freunde” wendet, oder Gregor Gysi, wenn er daran erinnert, im Holocaust seien “Jüdinnen und Juden” umgebracht worden, damit niemand auf den Gedanken kommt, die Nazis wären Kavaliere gewesen, die Frauen gegenüber immer auf gute Manieren achteten.

An solche Floskeln, die wie ein Automatikgetriebe funktionieren, haben wir uns inzwischen gewöhnt. Wir warten nur darauf, dass in einem Polizeibericht vor “Gaunerinnen und Gaunern” gewarnt oder in einer Reportage aus Saudi-Arabien beschrieben wird, wie “Diebinnen und Dieben” die Hände abgeschlagen werden.

“Weibliche Freundinnen” ist freilich von einer anderen Qualität. Hätte Hofreiter gesagt, er habe “viele Freundinnen”, wäre das der Auslöser für einen Shitstorm gewesen, der zu seinem Rücktritt vom Amt des Fraktionsvorsitzenden geführt hätte. Mindestens.

“Weibliche Freundinnen” aber lässt den Verdacht auf einen im Sinne der Grünen unmoralischen Lebenswandel gar nicht erst aufkommen. Promiskuität, nein danke! Das Gegenstück zu “männlicher Freund” ist ein Synonym für “guter Kumpel”, eine Frau zwar, aber kein Objekt männlicher Begierde. Jemand, mit dem man über den Ausbau der alternativen Energien reden kann, ohne sich für die phallische Symbolik der Windräder schämen zu müssen. Die “weibliche Freundin” ist nur noch der Sprache nach eine Frau, wie “die Insolvenz” oder “die Gebrauchsanweisung”, in der Realität ist es ein Neutrum ohne Eigenschaften, eine Gestalt aus dem Zettelkasten von Robert Musil.

Eine Frau, die sich von Anton Hofreiter zur “weiblichen Freundin” degradieren lässt, die freut sich auch über eine Burka als Geburtstagsgeschenk. Eigentlich müsste jetzt ein Shitstorm über Anton Hofreiter hereinbrechen, initiiert von Frauen, die nicht der Political Correctness zuliebe entsexualisiert werden möchten. #notinmyname.

Aber das wird nicht passieren. Dazu ist der Gender-Wahn schon zu weit fortgeschrieben. “Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt”, gesungen von den Comedian Harmonists, ist Geschichte. Ein Relikt aus jenen Tagen, als eine Freundin nicht “weiblich”, sondern eine Frau war.


Zuerst erschienen in DIE WELT. Siehe hier.

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Leserpost

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Michael Geier / 05.03.2015

Nur eine “Moderne, die nichts mit sich anzufangen weiß” (Matussek), macht Obskuranten wie diesen clownesken Gender-Ideologen überhaupt erst möglich. Dennoch gab es, Dank Frau Thomalla, auch einen tollen Lichtblick bzw. Blickfang in der Sendung!:-)

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