Gunter Frank, Gastautor / 16.03.2018 / 06:15 / Foto: Pixabay / 15 / Seite ausdrucken

Der Genuss und seine Feinde

Ein neues Buch widmet sich dem Genuss und seinen Feinden. Hier für Achse-Leser ein Auszug aus „Karotten lieben Butter – eine Sterneköchin, ein Arzt und ein Wissenschaftler über traditionelles Kochwissen und gesunden Genuss“. Unbedingt auch die Nachbemerkung zur Enstehung des Buches lesen.

Von Gunter Frank.

Alles passt. Unser Essen wurde kompetent nach bewährten Rezepturen zubereitet. Die Menüfolge stimmte, denn wir sind angenehm satt, aber nicht übersättigt. Der Bauch fühlt sich wohl und die Laune steigt dank kleiner raffinierter Stimmungsaufheller, die nach allen Regeln der Kunst von einer so wunderbaren Köchin wie Léa Linster zubereitet wurden. Es sprechen auch keine wissenschaftlichen Daten dafür, dass irgendetwas von dem, was wir gerade gegessen haben, im Entferntesten ungesund sein könnte.

Was könnte uns jetzt hindern, dies alles in vollen Zügen zu genießen? Etwas sehr Mächtiges. Etwas, mit dem Menschen schon immer davon abgehalten wurden, einfach das Leben zu genießen: Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, weil man gegen moralische Gebote verstoßen hat, die aufgestellt wurden, um in richtig oder falsch, gut oder böse einzuteilen.

Wer sie einhält, darf sich rein und unschuldig fühlen, wer aber dagegen verstößt, gilt als Sünder und wird ausgegrenzt. Kategorien wie Moral, Schuld und Erlösung waren schon immer die Domäne der Religionen oder der Staatsideologien. Heute ist gesunde Ernährung fast Religionsersatz geworden, und viele Menschen empfinden grundsätzlich Schuld beim Essen und versuchen, ihr Essverhalten entsprechend zu kontrollieren.

Moderne Zwangsstörungen

Essen ist ein Trieb, noch essenzieller als die Sexualität. Denn ohne Essen würden wir schnell verhungern. Regelmäßiges, lustvolles Ausleben elementarer Triebe, ohne dabei anderen zu schaden, unterstützt die mentale Gesundheit. Das ist eine psychologische Binsenweisheit. Der ständige Versuch, sie zu kontrollieren, mündet dagegen oft in Zwangsverhalten. So wundert es nicht, dass der heute übliche Druck, sich gesund zu ernähren, nicht etwa die Gesundheit fördert, sondern den Boden für Essstörungen bereitet.

Die ständige Angst, falsch zu essen, bezeichnet man als Orthorexia nervosa. Gefährlich wird es dann, wenn sich eine Bulimie (Ess-Brechsucht) oder eine Anorexia nervosa (Magersucht) manifestiert. Magersucht ist mit 20 Prozent tödlichem Ausgang die gefährlichste psychosomatische Erkrankung.

Es stimmt bedenklich, wenn Patienten berichten, dass ihre Kinder nach einer Unterrichtseinheit über gesunde Ernährung, beispielsweise in Grundschulen, plötzlich anfangen, sich zu wiegen. Sie beginnen Diäten, ernähren sich vegan oder werden gar wegen ihres Gewichts auf dem Schulhof gehänselt. In meinem persönlichen Umfeld erlebte ich selbst diese Folgen moderner schulischer Ernährungsaufklärung.

Auch Michael stört sich sehr am ideologischen Überbau der aktuellen Ernährungssicht. „Wenn wir über Ernährung reden, dann reden wir im Grunde über Biochemie. Aber viele wollen das nicht wahrhaben. Viele Menschen wollen Ernährung lieber in Gut und Böse einteilen. Das ist vermeintlich einfacher, stellt aber nicht die Wirklichkeit dar.“ Doch wenn die heutigen Vorstellungen einer gesunden Ernährung tatsächlich gar nicht so gesund sind, wieso wird dennoch fanatisch daran festgehalten, und das in einer Gesellschaft, die von sich behauptet, eigentlich aufgeklärt zu sein? Die Antwort führt uns wieder einmal in evolutionäre Vorzeiten.

„Ich ernähre mich besser als du, also bin ich besser“

Schon früh lernten Menschen, dass sie als Teil einer starken Gruppe besser überlebten als Einzelkämpfer. Doch was macht eine Gruppe stark? Auf psychologischer Ebene entsteht ein starker Zusammenhalt durch gemeinsame Werte, die moralisch aufgeladen werden. Die Mitglieder können nun an den richtigen Gott glauben, die richtige Kleidung oder Frisur tragen, die richtige Hautfarbe haben oder das richtige Schuhwerk anbeten (Monty Python lässt grüßen). Ganz egal was es ist, Hauptsache es ist das Richtige.

Wer sich nicht daran halten will oder kann, wird von der Gruppe als minderwertig betrachtet und hat mit Sanktionen zu rechnen. Die Evolutionssoziologie bezeichnet dieses Phänomen als Gruppenmoral. Es ermöglicht eine moralische Überhöhung, die im Konfliktfall den Tötungsskrupel senkt. Auf diese Weise wird der Gegner besonders aggressiv bekämpft. Eine Erfolgsstrategie, aber eine ziemlich primitive, würde man meinen.

Doch unsere Geschichte ist voll davon. Ob Inquisition, Hexenjagd, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, des Glaubens, der Hautfarbe, all diese Exzesse folgen dem Muster einer Gruppenmoral. Sigmund Freud brachte es auf den Punkt mit der Aussage, es sei möglich, eine große Zahl an Menschen in Liebe zu vereinen, wenn nur genügend übrig bleiben, auf die sich die gemeinsame Aggression bündeln lasse. Und dieser psychologische Mechanismus lässt sich auch auf die Art und Weise anwenden, wie Menschen sich ernähren.

Woher die Vorstellung einer vollwertigen Ernährung stammt

Halte ich einen Vortrag über gesunde Ernährung, beginne ich gern mit einem kleinen Schock. Ich lese Ernährungsempfehlungen vor, die sich an junge Menschen richten, und frage dann, von wem sie stammen. Die Antworten reichen von Krankenkassen, den Grünen bis hin zum Gesundheitsministerium. Kein Wunder, denn sie klingen bis aufs Komma genauso wie die heute üblichen Empfehlungen: vollwertig, wenig Fett, Salz und Fleisch, dafür viel Wildkräuter und Gemüse.

Folgt die Auflösung, ist das Erstaunen groß: Sie sind der offiziellen Ernährungsfibel der Hitlerjugend entnommen. Doch die Wurzeln dieser Ernährungssichtweise sind noch älter, sie liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals suchten viele Menschen einen Gegenentwurf zu der sich abzeichnenden Industriegesellschaft. Viele gute Ideen wurden entwickelt. So forderte man die Abkehr von steifen Umgangsformen, eine bequemere Kleidung, so dass Frauen endlich kein Korsett mehr tragen mussten, man unterstützte das Handwerk und forderte mehr Grün in den Städten. Diese Bewegung wird heute als Lebensreform bezeichnet.

Gesunde Ernährung wird zur Ersatzreligion

Das Problem der Lebensreform ist ihr ideologischer Überbau. Durch die Idealisierung und Vergötterung der Natur galten menschliche Errungenschaften, die uns den Umgang mit der Natur erleichtern, nicht mehr als Fortschritt und Chance, sondern als Bedrohung. Man forderte: Zurück zur Natur. Um ideal zu leben, mussten sich alle Lebensbelange diesem Glaubenssatz unterordnen, ganz besonders Gesundheit und Ernährung.

Jahrhundertalte Traditionen, mit denen Nahrung verarbeitet und gekocht wurde, galten nun plötzlich als unnatürlich. Man forderte stattdessen die gesunde Vollwertkost, sprich Vollkornprodukte, Rohkost und Vegetarismus. Ein zweifelhaftes Vergnügen, wie Mark Twain vor über 100 Jahren bemerkte:

Die einzige Methode, gesund zu bleiben, besteht darin, zu essen, was man nicht mag, zu trinken, was man verabscheut, und zu tun, was man lieber nicht täte.

Es entstand eine Art Naturreligion, die wie alle Religionen in Rechtgläubige und Sünder einteilt. Wer nach den neuen Geboten lebte, wurde belohnt mit einem gesunden und athletischen Körper. Wer dagegen verstieß, wurde bestraft mit Übergewicht und Zivilisationserkrankungen, so die Vorstellung.

Der Kardinalfehler besteht jedoch darin, dass Natur biologischen Gesetzen unterliegt und sich eben nicht intellektuell umdeuten lässt. Die Evolution lässt daran keinen Zweifel: Wer Nahrung nicht fachgerecht verarbeitet, sprich entgiftet, der setzt sich Gefahren aus. Ganz anders, als es die lebensreformerischen Vorstellungen eines idealisierten Naturmenschen besagen, lernten Erdenbewohner, die tatsächlich direkt mit und von der Natur leben – vom Amazonasindianer bis zum Bergbauern – schon sehr früh diese Tatsache zu respektieren. Sie wissen, wie beschwerlich es ist, in der Natur zu überleben, und dass dies nur durch Anpassung, Erfindergeist und Verarbeitung gelingen kann.

Die vollwertige Ernährung ist eine moderne Kopfgeburt, die viele Menschen aus biologischen Gründen nicht vertragen. Warum blieb sie dennoch attraktiv? Weil sie ihren Anhängern die Gelegenheit bietet, sich als die besseren Menschen zu fühlen und auf andere herab zu blicken. Auf diese Weise definiert eine Gruppenmoral gesellschaftliche Sieger und Verlierer. Solche Ideen passen ganz hervorragend zu totalitären Systemen, und so pervertierten die ursprünglich sinnvollen Vorstellungen der Lebensreform während des Nationalsozialismus ins Extreme. Wer gegen die Vorgaben eines gesunden und natürlichen Volkskörpers verstieß, war minderwertig und machte sich schuldig. Krankheit wurde als Zeichen falscher Lebensweise umgedeutet. Die Folgen sind bekannt.

Von der Fresswelle zur Ökobewegung

Nach dem zweiten Weltkrieg hatte die Bevölkerung genug von vollwertigen Irrläufern und kochte wieder wie Großmutter. Nach Jahren der Entbehrung und mit der besser werdenden Versorgungslage wollte man endlich wieder genießen, und das ohne lustfeindliche Gängelung.

Doch im Zuge der Ökobewegung erfuhren die Ideen der Lebensreform nach 1968 eine Wiederbelebung. Auch hier war der zugrundeliegende Gedanke völlig berechtigt, denn industrielle Umweltverschmutzung und Tierquälereien erreichten einen Höchststand. Doch wie schon vor 150 Jahren verquickte man die Forderung nach einem sinnvollen Natur- und Tierschutz entgegen jedem Sachverstand mit einer moralisierenden Naturverklärung. Ein Grundproblem der ökologischen Bioproduktion, die viel Gutes möchte, aber sich dabei mit ihren Dogmen selbst im Wege steht.

In der Folge wurde die vollwertige Ernährung abermals etabliert und ist heute, nach dem Marsch durch die Institutionen, Staatsdoktrin. Genau wie im Dritten Reich stehen weißes Mehl, Fleisch, Fett und Zucker schon wieder für Degeneration und Krankheitsgefahr. Und dies ohne jede belastbare fachliche Begründung und vor allem ohne Reflexion, auf welchen problematischen Spuren man eigentlich wandelt.

Moraleliten verdrängen Fachleute

Der gesunde Lebensstil wird heute wie damals vor allem dazu benutzt, sich als eine Art Moralelite zu inszenieren, die anderen Menschen vorschreiben darf, wie sie zu leben haben. Menschen, die dagegen verstoßen, dürfen wieder pauschal diskreditiert werden. Die Situation ist besonders problematisch für dicke Menschen. Dicksein gilt als Beleg, dass man falsch lebt, denn würde man es richtig machen, wäre man schlanker. Jede Erfahrung und alle wissenschaftlichen Daten zeigen, dass dieses Vorurteil falsch ist.

Das Körpergewicht ist für die allermeisten Menschen nur kurzfristig über die Ernährung beeinflussbar. Langfristig viel entscheidender sind Gene, Hormone, Alter, Medikamente, auch Süßstoffe und in ganz geringem Maße Stressbelastung. Dennoch bekommen dicke Menschen die gesamte Aggression der Gruppenmoral zu spüren. Dicke gelten als faul, undiszipliniert und als Belastung für die Krankenkassen. Dicke Führungskräfte können heute kaum noch in die Vorstandsebene großer Unternehmen aufsteigen, weil sonst ihr negatives Image auf das Unternehmen abfärben würde. Mollige Patienten erzählen in meiner Sprechstunde, es sei völlig normal geworden, dass sie beim Eisessen von fremden, aber schlanken Passanten angesprochen werden, ob man sich dies denn leisten könne. Ähnliches passiert sogar in Restaurants, im Beisein von Familie und Kindern.

Setzt man Fakten dagegen, zum Beispiel, dass dicke Menschen mitnichten automatisch gesundheitliche Nachteile haben (im Gegensatz zu den wenigen sehr fettleibigen), reagieren solche Aufpasser überheblich und arrogant. Fakten gefährden das Überlegenheitsgefühl, und deshalb werden sie in der öffentlichen Diskussion ignoriert. Und da sich die neue Ersatzreligion inhaltlich gegen traditionelle Rezepturen richtet und paradoxerweise billig produzierte, aber fett-, zucker-, fleisch- sowie kalorienarme Industrieware gut dabei wegkommt, sprang die Ernährungswissenschaft auf diesen Zug auf.

Zusammen bilden sie eine wirkmächtige Allianz, die selbst vor Meisterköchen nicht Halt macht. Beispielsweise möchte die Kampagne „Sterneköche gegen Darmkrebs“ mehr gesunde Komponenten in die tägliche Ernährung bringen. Nichts gegen die Idee, das Kochen selbst zu fördern. Aber im Namen der Wissenschaft, obwohl man nichts anderes aufbieten kann als Storchenlogik, dann Meister ihres Fachs zu verleiten, ihre Rezepturen so zu ändern, dass sie vor Krebs schützen sollen, ist ein starkes Stück. Auf diesem Weg ziehen zwanghafte Gesundheitsängste sogar in die Gourmettempel ein.

Noceboeffekt

Wirklich keine gute Idee. Denn die ständigen Warnungen vor ungesundem Essen haben eine ganz besondere gesundheitsgefährdende Wirkung: den Noceboeffekt. Er funktioniert genauso wie der Placeboeffekt, nur umgekehrt. Wer ständig hört, dass Essen ungesund ist, wird sich nach dem Verzehr entsprechend schlecht fühlen. Dies führt zu einem Essverhalten, mit dem Speisen nicht mehr nach Genuss und Geschmack ausgewählt werden, und bei dem die Angst, sich ungesund zu ernähren, ständig mit am Tisch sitzt. Und da dies alles mit dem unhaltbaren moralischen Anspruch vermittelt wird, mit gesunder Ernährung könne man das Klima, die Umwelt, die Natur und die Tierwelt schützen, sind Kinder besonders leicht dazu zu motivieren. Es ist schließlich das Privileg der Jugend, die Welt retten zu wollen, ohne sie verstehen zu müssen. Doch Erwachsene sollten es besser wissen: so verständlich diese Wünsche auch sind, die Zusammenhänge sind nun mal komplexer. Es benötigt Fachwissen, damit nicht aus gutem Willen in Wirklichkeit ein Schaden entsteht.

Und der ist bereits entstanden. Denn der eigene Körper ist in vielen Dingen anderer Meinung als das, was Kinder heute über Ernährung lernen. Und wenn sich ein natürlicher, sprich gesunder, Appetit immer wieder durchsetzt, haben diese Kinder bereits gelernt, sich dafür schuldig fühlen zu müssen. Schaffen sie es auf eine Weise, die die Forschung noch nicht erklären kann, den eigenen Appetit dauerhaft zu unterdrücken, werden sie sogar schwer krank.

Der Heidelberger Philosoph Hans Georg Gadamer beschrieb Gesundheit als einen Zustand, in dem man sich selbstvergessen kraftvoll dem Leben widmet. Die aktuelle Art und Weise, wie Ernährung heute vermittelt wird, bewirkt das Gegenteil, weil sie suggeriert, sich permanent Sorgen um die Gesundheit machen zu müssen. Es wird Zeit innezuhalten, um Inhalte und tatsächlichen Auswirkungen aktueller Ernährungsempfehlungen zu reflektieren, und darüber öffentlich zu diskutieren, ob es nicht besser wäre, mehr Sachverstand statt weltfremder Moralisierung einzubringen.

Gesunder Genuss

Was ist nun gesund? Wer hygienische Vorschriften beachtet, hat die Hauptgefahr in der Ernährung im Griff. Wer fachgerecht einkauft und kocht, sorgt für eine gute Bekömmlichkeit. Wer zusätzlich seine Kochkünste einsetzt, um kleine Stimmungsaufheller entstehen zu lassen, fördert die Entspannung. Wer eine gelungene Mahlzeit ohne Schuldgefühle genießt, spürt mit allen Sinnen, wie er dem Wissen, der Erfahrung, dem unglaublichen Einfallsreichtum und dem Mut unserer Vorfahren vertrauen kann.

So wird der kulinarische Genuss zu dem Moment, indem man sich im Hier und Jetzt an einem gelungen Essen erfreut und an nichts anderes denken muss, auch nicht an Gesundheit. Sorgen und Beschwernisse haben Pause. Man darf innehalten im Trubel des Daseinskampfes und sich wohlfühlen. Und genau das ist gesund. Gute Küche und ein gutes Essen sind ein Geschenk an uns. Wir dürfen sie ohne schlechtes Gewissen wertschätzen und über die vielen unnötigen Ängste entspannt lächeln.

Dies ist ein Vorabauszug aus dem am Montag erscheinenden Buch Karotten lieben Butter – eine Sterneköchin, ein Arzt und ein Wissenschaftler über traditionelles Kochwissen und gesunden Genuss“ von Gunter Frank, Léa Linster und Michael Wink, Knaus Verlag,

Nachbemerung zur Geschichte des Buches

Mein Verleger hatte recht: „Lieber Herr Frank, lassen Sie uns doch lieber ein Buch machen, das das Leben feiert“. Dieser Rat war die Reaktion auf ein neues Buchprojekt, welches ich ihm Ende 2015 vorschlug. Es trug den Arbeitstitel: „Die zerrissene Nation – wie eine neue Religion Demokratie und Rechtstaatlichkeit bedroht (und nein, es ist nicht der Islam).“

Entstanden war die Idee dazu, nachdem ich über 15 Jahre lang die Entwicklung der gesundheitlichen Prävention hin zu einem ideologischen Zwangssystem beschrieben hatte und die Parallelen zu anderen Lebensbereichen, von Gender bis Klima, nicht mehr zu übersehen waren.

Ab September 2015 wurde es dann offenkundig: es handelt sich dabei nicht um Kapriolen einer modernen Wohlstandsgesellschaft, sondern um Symptome ihrer Selbstaufgabe. Dieser seltsame Hang zur Zerstörung funktionierender Systeme ist letztlich in unseren Genen verankert und lässt sich evolutionssoziologisch erklären. Der Hebel ist stets eine neue Ideologie, meist in Form einer Moralreligion.

Darüber wollte ich schreiben, und wie sich diese neue, um sich greifende Massenbewegung, bei der selbst der Papst schon Mitglied ist, gezielt gegen die Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung richtet. Also gegen alles, was Europa in den letzten 500 Jahren richtig gemacht hat – unter tatkräftiger Mithilfe der Universitäten, an denen sich widerstandslos Inkompetenz-Netzwerke ausbreiten, die nicht mehr Wissenschaftler sondern Hohepriester ausbilden.

Nun, das stimme ja alles, meinte mein Verleger, aber erstens müsste ich Soziologe, Historiker oder wenigstens Politiker sein und kein Arzt, damit ein solches Buch erfolgreich vermarktet werden könne, und zweitens gäbe es schon einige Bücher zum Thema in seinem Verlag, deren Autoren die Talkshows eigentlich füllen müssten, aber systeminhärent ignoriert werden. (Mir sagte einmal Michael Steinbrecher, der Journalismus an der TU Dortmund lehrt, nach einer Talkshow und ganz im Ernst, das Wichtigste sei für ihn, den angehenden Journalisten eine Haltung zu vermitteln.)

Inzwischen haben Autoren auf der Achse des Guten dieses Phänomen vielfältig beschrieben – es gibt wahrlich kein Erkenntnisproblem. Und so besann ich mich auf ein noch älteres Projekt, welches dem aktuellen Ernährungsunfug sachkundig und humorvoll Paroli bieten könnte und zwar dreifach: kochtechnisch, evolutionsbiologisch und ärztlich. Dazu brauchte ich zwei Mitautoren, die ich nicht besser hätte finden können: die Meisterköchin Léa Linster und den Direktor am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Universität Heidelberg, Michael Wink. Seine Handbücher über Heil-, Gift- und Rauschpflanzen sind Standardwerke in der Fachwelt.

Wir haben zusammen eingekauft, gekocht, genossen und uns darüber interdisziplinär ausgetauscht. Herausgekommen ist ein Buch, das tatsächlich das Leben feiert, indem es die grundlegende kulturelle Leistung der Menschen, das Kochen, mit Bildern, Geschichten und tiefgehender Sachkompetenz gebührend wertschätzt. Unsere Kochtraditionen fußen auf dem Mut, dem Einfallsreichtum und den technischen Leistungen unserer Vorfahren – und sie machten unsere Zivilisation überhaupt erst möglich. Wie unbedarft agieren dagegen die Ernährungswissenschaften, die diese faszinierenden Errungenschaften auf Grundlage groben statistischen Unfugs einfach mal so in Frage stellen.

Gäbe es mehr fähige Köche und Köchinnen und weniger Ernährungsberatung, Reizdarm und Gluten-Histamin-Fruktose- oder was auch immer für Unverträglichkeiten würden sich vielfach in Luft auflösen. So feiert dieses Buch die Kochkunst, den Sinnesschmaus und die Menschen, die uns diese Genüsse ermöglichen, garniert mit Originalrezepten von Léa Linster. Es erscheint nächsten Montag. Allerdings ganz lassen konnte ich es dann doch nicht. Denn die neue Religion will den unbefangenen Genuss moralinsauer sabotieren und ein schlechtes Gewissen dagegensetzen. Deshalb hier für Achseleser das komplette Kapitel 10, in dem es darum geht, diesen  Gruppenwahn und seine Wurzeln zu verstehen, um darüber bei einem guten Gläschen Wein souverän zu lächeln.

P.S.1: Falls Sie sich nach dem Lesen des Kapitels in der Ernährungsfibel der Hitlerjugend selbst nachlesen wollen, bitte diesem Link folgen. Lesen Sie dort ab Seite 22 unter „Ernährung ist keine Privatsache“.

P.S.2: Mit diesem Buch wird man wiederum in Talkshows eingeladen. Zu sehen am Freitag, den 16. März, ab 22 Uhr im NDR bei Tietjen und Bommes.

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Ralph Feltens / 16.03.2018

“Das Körpergewicht ist für die allermeisten Menschen nur kurzfristig über die Ernährung beeinflussbar. Langfristig viel entscheidender sind Gene, Hormone, Alter, Medikamente, auch Süßstoffe und in ganz geringem Maße Stressbelastung.” Die zwei meines Erachtens nach wichtigsten Punkte haben Sie aber in dieser Aufstellung unterschlagen: 1) Sport bzw. körperliche Bewegung (auch körperliche Arbeit): der Durchschnittsdeutsche bewegt sich deutlich weniger als noch vor 50 Jahren, und die Zahl der Übergewichtigen, insbesondere der Kinder, lag dementsprechend auch deutlich niedriger (ohne dass zu dieser Zeit ein Mangel an Lebensmitteln geherrscht hätte). So gesehen haben wir es schon - neben der Menge der Kalorien, die wir täglich zu uns nehmen - in der Hand, ob wir Übergewicht entwickeln; wir sind hier definitiv *nicht* unseren Genen oder unserem Alter ausgeliefert. Aber Sport zu treiben kostet eben Zeit (und oftmals auch Überwindung des inneren Schweinehundes). 2) Die Veränderung des Lebensmittelangebots: heute gibt es viel mehr Fertiggerichte, die allesamt einen sehr hohen Zucker und/oder Fettgehalt aufweisen. Andere Lebensmittel (z.B. Rotkohl, Fruchtjoghurt), die es auch vor etlichen Jahrzehnten schon zu kaufen gab, enthalten heute deutlich mehr Zucker als früher. Insgesamt ist dabei parallel die Menge an Ballaststoffen zurückgegangen. Um sich heute also noch so gesund wir “früher” zu ernähren, muss die Mahlzeit aus frischen Zutaten zubereitet werden. Dass das aber in der Breite der Bevölkerung nicht von alleine funktioniert, zeigt ja die epidemieartig ansteigende Übergewichtigkeit der Bevölkerung. “Setzt man Fakten dagegen, zum Beispiel, dass dicke Menschen mitnichten automatisch gesundheitliche Nachteile haben (im Gegensatz zu den wenigen sehr fettleibigen) ...” Fakt ist: auch unterhalb der Fettleibigkeit besteht für übergewichtige Personen ein deutlich erhöhtes Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko.

Martin Wolff / 16.03.2018

Sie schreiben : “Dieser seltsame Hang zur Zerstörung funktionierender Systeme ist letztlich in unseren Genen verankert und lässt sich evolutionssoziologisch erklären.” Können Sie dafür einen Hinweis geben oder einen Beleg?

Fridolin Kiesewetter / 16.03.2018

Wenn man sich mit den zahlreichen Krankheiten des Vegetariers Hitler befaßt - chronisches Reiz-Darmsyndrom, starke Krämpfe, starke Blähungen, Verkalkung der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck usw.-  lesen sich die Empfehlungen an die Hitlerjugend, ihrem großen Ernährungsvorbild zu folgen, reichlich kurios.

Ulrike Teich / 16.03.2018

Unter schreibe ich so…bis auf die Sache, dass Menschen kaum Einfluss auf ihr Gewicht hätten wegen der Gene, Alter etc. pp Einzig und allein die kalorienmenge ist ausschlaggebend. Mehr Input als Verbrauch= Zunahme, weniger Input= Abnahme. Wer eine Zeit lang konsequent aufschreibt, was er isst und trinkt…wirklich ALLES und sich nicht selbst beschummelt, und unter seinem persönlichen kalorienbedarf bleibt, wird abnehmen. Das ist simple Physik. Natürlich wird es Ausnahmen geben, aber diese Menschen sollten dann auf ernsthafte Erkrankungen untersucht werden. Lipohypertrophie, lipödem etc. Obwohl selbst bei letzterem eine Gewichtsreduzierung nicht unmöglich ist, wenn auch nicht in dem Maß, wie man es sich wünscht. Allerdings bleibt es unterm strich bei der schmerzhaften aber simplen Wahrheit: wer zuviel wiegt, isst zuviel (von was auch immer…auch mit Obst und vollkorn kann man sich dick futtern oder abnehmen wenn man sich ausschließlich von Burgern ernährt. Man muss nur aufhören, wenn das Limit erreicht ist)

Gabriele Schulze / 16.03.2018

Nicht zu unterschätzen ist die latente, manchmal manifeste Aggressivität vieler, die sich kasteien. Sie wollen dann auch gern andere leiden machen und sind hochgradig mißgünstig, wenn’s nicht klappt!

Karla Kuhn / 16.03.2018

Solche “Literatur” meide ich wie der Teufel das Weihwasser. In unserem Land wird ja ständig irgendein Experte aus dem Hut gezaubert, der uns nicht nur in Sachen Ernährung missionieren soll.  Es gibt die relativ neue Wissenschaft “Psycho-Neuro- Immunologie” Die Sendung, die ich schon vor längerer Zeit gesehen habe, hat mich fasziniert. Die Menschen, die gute Gefühle haben, sind meist auch gesünder. Bei mir zählt zu den guten Gefühlen auch gutes Essen und zwar sehr ausgewogen. Bei uns zu Hause wurde immer gut gegessen,  meiner Mutter ihr Motto: Alles in Maßen !! Es wurde immer selber gekocht, das halten wir bis heute so. Bei uns kommt z. B. nur Butter auf den Tisch und zwar eine gute Bergbauern butter. Künstliche Nahrungsmittel haben keine Chance, denn wir möchten, wie es der Name schon sagt, Mittel zum Leben essen. Übrigens, ich bin bei 1,70 Metern Größe mit 67 kg für mein Alter noch sehr gut in Schuß. So und jetzt gibts ein Leckerli.

Ulla Smielowski / 16.03.2018

Gesunde Ernährung macht nicht dick? Ein weit verbreitetes Vorurteil dass ich immer wieder höre.. Natürlich schmecken Lebensmittel von demeter viel, viel besser. Davon viel zu essen würde also auch dicker machen. Heutzutage hat ja selbst die demeter-Milch, Joghurt, Buttermilch einen Zuckerzusatz, damit es “milder” schmeckt.  Nicht zu reden vom Kuchen, der Sahne… Worüber Sie nicht schrieben das sind die Phoshate, die allen Fertigprodukten zugesetzt werden. Letztens kaufte ich bei REWE einen Französischen Weichkäse für viel Geld… Ganz klein gedruckt mindestens 4 Sorten von Phosphaten… Jetzt kaufe ich wieder beim Bio-Händler um die Ecke, und, Käse mit Fettstufe 46 %...  Ich esse ja Käse mit Brot, darunter Butter…

Jürgen Althoff / 16.03.2018

Dazu passt die “Lebensweisheit” aus der “Feuerzangenbowle”: “Eine Mädäzän moss bätter schmecken, sonst nötzt sie nichts.”

Jürgen Keil / 16.03.2018

Ich pfeife auf die Moralapostel und lache über diese verkniffenen Manager, die sich mit 60 zu 40-Jährigen zurückhungern und dann Anzüge tragen, die früher Konfirmanten vorbehalten waren. Ich habe mein ganzes Leben lang Sport getrieben, der mir Spaß machte; habe gegessen, was mir schmeckt und genehmige mir regelmäßig wohlschmeckenden Alkohol. Ich habe heute ( 66Jahre) etwas Übergewicht, aber schäme mich nicht. Das Problem ist nur, das die Modefuzzis diesen Gesundheitswahn mitmachen und die Bekleidung, die chic ist, in der XL heute so geschnitten ist, das sie nur enger als L zu kaufen ist. Verkäuferin: Ja das fällt heute alles etwas schmaler aus. Weniger Stoff, gleicher Preis, höherer Gewinn und ein gutes Gewissen? Schwachsinn!

Andreas Günther / 16.03.2018

Guter Beitrag, aber eine Sache sehe ich anders: Es ist gut, wenn auch Schüler schon ein Körperbewußtsein haben und ab und zu auf die Waage steigen. Zu meiner Schulzeit (60er - frühe 70er Jahre) kam es vor, dass ein Dickerchen nach den Sommerferien deutlich schlanker in die Klasse zurückkam und sich danach auch deutlich wohler fühlte. Dabei gab es früher viel weniger dicke Kinder. Die Eltern achteten eben noch auf so etwas und die Kinder fanden das auch richtig. Heute wird einem vielfach eingehämmert: du bist wie du bist und das ist gut so. Natürlich soll man niemanden wegen seiner Leibesfülle diskriminieren; aber wenn beispielsweise Mädchen durch Frisur und Kleidung zeigen, dass ihnen ihr Aussehen nicht gleichgültig ist, andererseits Dicksein als gottgegeben hingenommen wird, ist das schade. Den gut gemeinten - und natürlich sensibel und taktvoll vorgebrachten - Rat, dass eine Gewichtsreduzierung um ein paar Kilo eher das gewünschte Ergebnis (Steigerung der Attraktivität) zeitigen würde, traut man sich heutzutage nicht mehr zu geben. Und das ist schlecht so.

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