Annette Heinisch / 30.05.2024 / 12:00 / Foto: Library of Congress / 3 / Seite ausdrucken

Der Gartentraum und die Politik

Durch die Pflege eines Gartens kann man viel lernen – nicht nur in biologischer Hinsicht.

Vor Jahren bauten mein Mann und ich ein eigenes Haus. Begeistert machte ich die Pläne, denn Häuser hatte ich schon viele entworfen, nun endlich eines für meine Familie! Natürlich sollte auch der Garten schön werden, nicht nur der obligatorische Rasen nebst ein paar immergrünen Büschen. Nein, ich las Bücher und Magazine, verlor mich in wunderschönen Fotos paradiesisch anmutender Gärten. Alle waren traumhaft, so etwas wollte ich auch haben. Obwohl ich eine „Großstadtpflanze“ bin, hatte ich nicht den leisesten Zweifel, der Aufgabe gewachsen zu sein. Es war ja auch nicht so, dass ich überhaupt keine Erfahrung gehabt hätte, regelmäßiges Rasenmähen war mir ebenso geläufig wie Unmengen von Laub zu fegen. Also alles kein Problem. Dachte ich. Als sich das Haus der Fertigstellung näherte, kam der Gärtner, um aus der wüst aussehenden Baustelle ein Paradies zu zaubern.

Begeistert erklärte ich ihm meine Pläne für die verschiedenen Gartenräume, beeinflusst von all den tollen Fotos, die ich gesehen hatte. Neben ansprechenden, gestalterisch aufwendigen Bereichen sollte natürlich auch eine Spielecke für die Kinder gebaut werden und ein Platz für selbst gepflanztes Gemüse vorhanden sein. Schließlich sollten die Kinder lernen, wie die Nahrung heranwächst – nicht nur Supermarkt und so… Der Gärtner, ein sehr erfahrener Mann, schaute mich lange an. Dann räusperte er sich und fragte, was wir denn für einen Boden hätten. Ich guckte verdutzt nach unten: Boden? Ja, war da, wir standen doch darauf!

Dann glitt sein Blick nach oben: „Und wie sind die Lichtverhältnisse?“, fragte er. Ich schaute hoch, sah die großen Bäume in der Nachbarschaft und meinte zögernd: „Ähm, Licht, also nun – unterschiedlich“. Er wandte sich mir wieder zu. „Wie viel Geld wollen Sie investieren? Also nicht nur jetzt, sondern dauerhaft?“ Ich schaute ihn konsterniert an. Er fragte weiter: „Und wie viele Stunden wollen Sie täglich im Garten arbeiten?“ Stunden? Im Garten arbeiten?? Täglich??? Ich schluckte. Anschließend gingen wir meine Pläne durch, fingen an, sie den Realitäten anzupassen. Schon bei diesem ersten Treffen lernte ich eine Menge, z.B. dass heimische Pflanzen relativ pflegeleicht seien, weil sie besonders gut an die Verhältnisse angepasst sind. Dass es klug sei, sich dann auch noch auf Pflanzen zu beschränken, die mit den speziellen Bodenverhältnissen, die ebenso wie die Lichtverhältnisse innerhalb eines Grundstücks variieren können, gut zurechtkämen.

Beides würde den Pflegeaufwand und die Unterhaltungskosten enorm minimieren. Wege sollte man möglichst erst nach einiger Zeit anlegen, damit man zunächst einmal feststellt, wo wirklich gegangen wird und nicht schicke Wege für viel Geld baut, die nachher niemand benutzt. Schließlich sei ein Garten, der mit Trampelpfaden durchzogen sei, auch nicht wirklich attraktiv. Vieles lernte ich seitdem dazu. Es sind ja nicht nur die Faktoren wie Lichtverhältnisse und Bodenbeschaffenheit, sondern es geht auch darum, welche Arten von Pflanzen es gibt. Neben der grundlegenden Unterscheidung von Bäumen, Sträuchern und Blumen muss man z.B. zwischen Solitären, Heckenpflanzen usw. unterscheiden. Manche Pflanzen brauchen ein Rankgitter oder einen festen Stab, dann gibt es solche, die sich mit anderen nicht vertragen oder andere, die sich sinnvoll ergänzen. Manche hat man niemals eingepflanzt, sie gedeihen aber üppig. Das gilt nicht nur für Unkraut, sondern bei uns auch für Farne.

Gartenplanung und Politik

Was anfangs ganz einfach erschien, entpuppte sich bei näherer Befassung als äußerst schwierige Aufgabe. Die praktische Erfahrung lehrte noch mehr: Rosen haben Dornen und Dornen sind schmerzhaft. Natürlich wusste ich das im Prinzip, bei Blumensträußen hatte ich diese Erfahrung bereits gemacht. Aber in piekenden Rosenbüschen gefangen zu sein, ist doch deutlich schmerzhafter. Ebenso wusste ich, dass ein Garten Pflege braucht. Die immer wiederkehrende Mühe, diesen in Ordnung zu halten – davon war allerdings nichts auf den Hochglanzfotos zu sehen! Überhaupt wird bei all den hübschen Gartenbildern der Kampf gegen prächtig gedeihendes Unkraut, Pflanzenkrankheiten, stechende Insekten, Schnecken, Vögel usw. ausgeblendet.

Hat man dann über Jahre mühsam die Pflanzen hochgepäppelt, stellt man plötzlich fest, dass sie einem über den Kopf wachsen. Es muss eine Zeit dazwischen gegeben haben, also zwischen „jämmerlich spärlich“ und „überwuchert alles“, eine Zeit, in der alles richtig war. Nur ist sie mir leider entgangen. Also fängt man an, alles zurückzuschneiden. Irgendwann sind die Bäume und Sträucher so groß, dass man den Schnitt allein nicht mehr bewältigen kann, Hilfe wird benötigt. Das wiederum ist teuer. Ein Garten kostet Geld, nicht nur in der Anlage, sondern auch im Unterhalt. Eines Tages kam mir ein Gedanke, der mich seitdem nicht mehr loslässt:

Die meisten machen Politik so, wie ich den Garten plante. Sie sehen wunderschöne Hochglanzbilder eines Paradieses. Natürlich ist man begeistert, will das auch haben. Die Schwierigkeiten sieht man nicht. Die wenigen, die man kennt, will man nicht sehen. Über die anderen stolpert man früher oder später. Weder die wichtigen Faktoren sind bekannt, noch wird der dauerhafte Aufwand realistisch eingeschätzt. Was zählt, ist der Traum. Das Leben als Realisierung eines Traums; er soll umgesetzt werden, koste es, was es wolle. Mit Menschen ist es zudem wesentlich schwieriger als mit Pflanzen: Ebenso wie diese sind sie sehr verschieden und haben völlig unterschiedliche Bedürfnisse. Anders als Pflanzen aber sind sie beweglich. Manche träumen sogar ihren ganz eigenen Traum…

Dieser Text ist Bestandteil einer lockeren Folge von Grundsatzbeiträgen der Achgut-Autoren Arnold Vaatz, Annette Heinisch und Gunter Weißgerber zum Zustand der Republik. Von Arnold Vaatz erschien schon "Alle Wege führen in die Anstalt".

 

Annette Heinisch, Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank- und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

Foto: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Farm Security Administration/Office of War Information Black-and-White Negatives.

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janblank / 30.05.2024

Und wer ich, dann beim Jäten zwischen Kohlrabi und Möhren von der 10- jährigen Nachbarstochter gefragt wird, was er da denn so mache “Na ..Unkraut jäten” sich dann anblaffen lassen muss: “Es gibt kein Unkraut”” - der weiß urplötzlich in nuce, was in diesem Land alles falsch läuft. Und was für eine Herkulesaufgabe es ist, hier irgendetwas wieder richtig stellen zu wollen. Fazit: Ohne eine echte Hungerkur wirds nix.

Heiko Stadler / 30.05.2024

Meine Tipps für Gartenfreunde: Hände weg von Feuerdorn! Der wächst wie Unkraut und man kann die stacheligen Zeige nur schwer entsorgen. Rosen pflanze ich auch nicht mehr, erstens wegen der Stacheln und zweitens sind sie nicht hundert prozentig winterhart. Auch Sommerflieder ist nicht wirklich winterhart und meine Hoffnung auf den Klimawandel habe ich längst aufgegeben. Mit Böden habe ich mich nie befasst. Ich pflanze fast alles und überlasse den Rest der Evolution. Von den etwa 50 Bäumen haben etwa 35 Obstbäume und Zypressen überlebt. Ist einmal alles angepflanzt, so entfällt auf die Beseitigung des grünen Unkrauts der größte Aufwand. Gartenarbeit bedeutet für mich: Kampf gegen das grüne Unkraut.

Rudi Hoffmann / 30.05.2024

Die meisten „Gartenhabenwollende“  orientieren sich an der Sendung mit der Maus ! Da ist in 20Minuten alles fertig und Ruhe für das ganze Jahr.  Und dann die Neider, die sehen nur den Rosengarten aber nicht den großen Spaten !

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