Eran Yardeni
Die Frage, ob eine Demokratie einen öffentlichen-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender braucht, der durch öffentliche Gelder finanziert ist, ist alles anderes als selbstverständlich. Dafür spricht vor allem die angebliche Notwendigkeit einer von kommerziellen Erwägungen unabhängigen Presse. In einer solchen finanziellen Oase, wo das Wasser niemals ausgeht, sollten sich die Journalisten frei und mutig genug fühlen, um die Tatsachen aus den Trümmern der zerfallenen Moral einer konsumsüchtigen Gesellschaft rauszuholen und die Komplexität und Vielfältigkeit kultureller und gesellschaftlicher Vorgänge zu entlarven.
Vor diesem Hintergrund soll der Dokumentarfilm „Allah in Ehrenfeld“ (ARD; 10.7.2012) erörtert werden. Dieser Film sollte die spannende Geschichte des Baus der großen Moschee in Köln und die damit verbundene öffentliche Debatte begleiten und zeigen. Was aber der Gebührenzahler zu sehen bekam, war eine ca. 90 Minuten dauerende ästhetische Selbsttäuschung und moralische Selbstbefriedigung, die auf drei ziemlich unstabilen Säulen stand: Auf der Romantisierung der gesellschaftlichen Funktion der Moschee, auf einer dichotomischen Beschreibung der Befürworter und der Gegner und auf der Darstellung der Muslime als die Opfer einer rassistischen gesellschaftlichen Gesinnung.
Die Repräsentanten der Muslime in Deutschland wissen ganz genau, welchen Knopf sie drücken müssen, um ihre Ziele durchzusetzen. Der kollektive G-Punkt der Deutschen ist das Grundgesetz. So wird der Bau einer Moschee als die logisch zwingende Schlussfolgerung der Religionsfreiheit verkauft. Die Frage, welche Werte in dieser Moschee gefördert werden und ob sie mit dem Grundgesetz überhaupt in Einklang zu bringen sind, wurde in dem Film kaum diskutiert. Warum?
Mit dem Titel „Islam in Beton“ veröffentlichte die Soziologin Necla Kelek am 5. Juni 2007 in der FAZ eine begründete Stellungnahme „zum Streit um den Bau der Freitagsmoschee in Köln-Ehrenfeld“. Den Bau der Moschee sieht sie als politisches Statement und die Moscheen selbst als gesellschaftliche Institution, in denen „das Weltbild einer anderen Gesellschaft gelehrt und ein Leben im Sinne der Scharia praktiziert wird“. Die großen Moscheen, nach Kelek, „entwickeln sich zu Zentren, in denen wie in einer kleinen Stadt alle Bedürfnisse abgedeckt werden“.
So können muslemischen Migranten untereinander bleiben, ohne mit der deutschen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Paradoxerweise wurde diese demografische Entwicklung auch im Film erwähnt, aber ihre gesellschaftliche Bedeutung für die Integration wurde total ignorieret. Ein Voice-Over sagte: „Ich ertappe mich dabei, dass ich mich plötzlich frage, ob ich selber gerne in der direkten Nähe zur neuen Moschee leben würde. Ich höre, dass immer mehr Deutschen hier wegziehen und immer mehr türkische Läden eröffnen.“ Vor diesem Hintergrund sollte man die Befürworter der Moschee auch mit den negativen gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontieren. Das wurde so gut wie nicht getan. Anstatt eine Diskussion darüber zu führen, wurde der Zuschauer einer romantischen Schilderung der Moschee als „Oase, wo ich mich zurückziehen kann“, ausgeliefert. Das war aber nicht das Schlimmste.
Neben der Romantisierung der gesellschaftlichen Funktion der Moschee wurden die Gegner vor allem als Neonazis, als Rechtsextremisten oder als klein karierte Spießer vorgestellt, die nicht imstande wären, vernünftige Gegenargumente zu zeigen. Ralph Giordano “repräsentierte” die anständigen Gegner, höchstwahrscheinlich weil er ziemlich verwirrt wirkte und so ins Bild passte. Andere Islamkritiker, Muslime wie Necla Kelek oder Hamed abdel-Samed, waren nicht zu sehen und nicht zu hören. Zufall?
In einer andern Szene sieht man den Bezirksbürgermeister Josef Wirges sitzend an seinem Arbeitstisch. Die Sekretärin kommt rein und legt auf den Tisch drei dicke Ordner. Wirges erklärt dem Interviewer was da drin ist: „Das sind alles Stellungnahmen, nicht jede ist rassistisch, aber sehr viele böse. Das fängt an von fundamental oppositionellen Leuten, das geht bis hin zu evangelisch klerikalen Verbänden, die meinten, wenn ich so weiter mache, würde ich ins Fegefeuer kommen, bis hin zu den Rassisten oder zu den Neonazis.“ Was ist der Subtext einer solchen Darstellung? Gehören die Kritiker des Moscheebaus zu einer dieser Kategorien? Gibt es keine normalen gebildeten Menschen, die eine vernünftige und gut argumentierte Kritik gegen den Bau der Moschee artikuieren können?
Offenbar nicht für die ARD.