Gastautor / 11.07.2012 / 21:08 / 0 / Seite ausdrucken

Der G-Punkt der Deutschen

Eran Yardeni

Die Frage, ob eine Demokratie einen öffentlichen-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender braucht, der durch öffentliche Gelder finanziert ist, ist alles anderes als selbstverständlich. Dafür spricht vor allem die angebliche Notwendigkeit einer von kommerziellen Erwägungen unabhängigen Presse. In einer solchen finanziellen Oase, wo das Wasser niemals ausgeht, sollten sich die Journalisten frei und mutig genug fühlen, um die Tatsachen aus den Trümmern der zerfallenen Moral einer konsumsüchtigen Gesellschaft rauszuholen und die Komplexität und Vielfältigkeit kultureller und gesellschaftlicher Vorgänge zu entlarven.

Vor diesem Hintergrund soll der Dokumentarfilm „Allah in Ehrenfeld“ (ARD; 10.7.2012) erörtert werden. Dieser Film sollte die spannende Geschichte des Baus der großen Moschee in Köln und die damit verbundene öffentliche Debatte begleiten und zeigen. Was aber der Gebührenzahler zu sehen bekam, war eine ca. 90 Minuten dauerende ästhetische Selbsttäuschung und moralische Selbstbefriedigung, die auf drei ziemlich unstabilen Säulen stand: Auf der Romantisierung der gesellschaftlichen Funktion der Moschee, auf einer dichotomischen Beschreibung der Befürworter und der Gegner und auf der Darstellung der Muslime als die Opfer einer rassistischen gesellschaftlichen Gesinnung.

Die Repräsentanten der Muslime in Deutschland wissen ganz genau, welchen Knopf sie drücken müssen, um ihre Ziele durchzusetzen. Der kollektive G-Punkt der Deutschen ist das Grundgesetz. So wird der Bau einer Moschee als die logisch zwingende Schlussfolgerung der Religionsfreiheit verkauft. Die Frage, welche Werte in dieser Moschee gefördert werden und ob sie mit dem Grundgesetz überhaupt in Einklang zu bringen sind, wurde in dem Film kaum diskutiert. Warum?

Mit dem Titel „Islam in Beton“ veröffentlichte die Soziologin Necla Kelek am 5. Juni 2007 in der FAZ eine begründete Stellungnahme „zum Streit um den Bau der Freitagsmoschee in Köln-Ehrenfeld“. Den Bau der Moschee sieht sie als politisches Statement und die Moscheen selbst als gesellschaftliche Institution, in denen „das Weltbild einer anderen Gesellschaft gelehrt und ein Leben im Sinne der Scharia praktiziert wird“. Die großen Moscheen, nach Kelek, „entwickeln sich zu Zentren, in denen wie in einer kleinen Stadt alle Bedürfnisse abgedeckt werden“.

So können muslemischen Migranten untereinander bleiben, ohne mit der deutschen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Paradoxerweise wurde diese demografische Entwicklung auch im Film erwähnt, aber ihre gesellschaftliche Bedeutung für die Integration wurde total ignorieret. Ein Voice-Over sagte: „Ich ertappe mich dabei, dass ich mich plötzlich frage, ob ich selber gerne in der direkten Nähe zur neuen Moschee leben würde. Ich höre, dass immer mehr Deutschen hier wegziehen und immer mehr türkische Läden eröffnen.“ Vor diesem Hintergrund sollte man die Befürworter der Moschee auch mit den negativen gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontieren. Das wurde so gut wie nicht getan. Anstatt eine Diskussion darüber zu führen, wurde der Zuschauer einer romantischen Schilderung der Moschee als „Oase, wo ich mich zurückziehen kann“, ausgeliefert. Das war aber nicht das Schlimmste. 

Neben der Romantisierung der gesellschaftlichen Funktion der Moschee wurden die Gegner vor allem als Neonazis, als Rechtsextremisten oder als klein karierte Spießer vorgestellt, die nicht imstande wären, vernünftige Gegenargumente zu zeigen. Ralph Giordano “repräsentierte” die anständigen Gegner, höchstwahrscheinlich weil er ziemlich verwirrt wirkte und so ins Bild passte. Andere Islamkritiker, Muslime wie Necla Kelek oder Hamed abdel-Samed, waren nicht zu sehen und nicht zu hören. Zufall?

In einer andern Szene sieht man den Bezirksbürgermeister Josef Wirges sitzend an seinem Arbeitstisch. Die Sekretärin kommt rein und legt auf den Tisch drei dicke Ordner. Wirges erklärt dem Interviewer was da drin ist: „Das sind alles Stellungnahmen, nicht jede ist rassistisch, aber sehr viele böse. Das fängt an von fundamental oppositionellen Leuten, das geht bis hin zu evangelisch klerikalen Verbänden, die meinten, wenn ich so weiter mache, würde ich ins Fegefeuer kommen, bis hin zu den Rassisten oder zu den Neonazis.“ Was ist der Subtext einer solchen Darstellung? Gehören die Kritiker des Moscheebaus zu einer dieser Kategorien? Gibt es keine normalen gebildeten Menschen, die eine vernünftige und gut argumentierte Kritik gegen den Bau der Moschee artikuieren können?     

Offenbar nicht für die ARD.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 24.03.2024 / 10:00 / 48

Kunterbunt in die Katastrophe

Von Florian Friedman. So ziellos er auch mittlerweile durch die Geschichte stolpert, auf eine Gewissheit kann der Westen sich noch einigen: Unser aller Erlösung liegt…/ mehr

Gastautor / 18.02.2024 / 10:00 / 30

Die rituale Demokratie

Von Florian Friedman. Letzter Check: Die Kokosnussschalen sitzen perfekt auf den Ohren, die Landebahn erstrahlt unter Fackeln, als wäre es Tag – alle Antennen gen…/ mehr

Gastautor / 07.01.2024 / 11:00 / 18

Was hat das ultraorthodoxe Judentum mit Greta zu tun?

Von Sandro Serafin. Gehen Sie einfach mit dem Publizisten Tuvia Tenenbom auf eine kleine Reise in die Welt der Gottesfürchtigen und nähern sich Schritt für…/ mehr

Gastautor / 17.12.2023 / 11:00 / 18

Ist auch der PEN Berlin eine Bratwurstbude?

Von Thomas Schmid. Am vergangenen Wochenende trafen sich die Mitglieder des im Sommer 2022 gegründeten PEN Berlin zu ihrem ersten Jahreskongress im Festsaal Kreuzberg. Die…/ mehr

Gastautor / 17.10.2023 / 11:00 / 20

Wokes „Voice“-Referendum: Warum die Australier Nein sagten

Von Hans Peter Dietz. In Australien ist ein Referendum, das die Bildung einer nicht gewählten Nebenregierung aus Ureinwohnern ("Indigenous Voice to Government") vorsah, an einer…/ mehr

Gastautor / 07.08.2023 / 14:00 / 80

Brennpunkt-Schulen: Ein Lehrer klagt an

Von Rafael Castro. Als Berliner Lehrer weiß ich, dass die Missstände in der Integration weit mehr von „biodeutschen“ Verblendungen verursacht werden als vom Koran. Deutsche Tugenden…/ mehr

Gastautor / 08.06.2023 / 14:00 / 14

Arte zeigt Mut zur (Fakten-)Lücke

Von Artur Abramovych. Eine Arte-Doku will uns ein Bild der Westbank vermitteln, besser: Israel im „Griff der Rechten“ präsentieren. Die Methode an einem Beispiel: Es…/ mehr

Gastautor / 29.05.2023 / 14:00 / 24

Den Talmud studieren und Top-Programmierer werden

Von Michael Selutin. Profitiert das erfolgreiche High-Tech-Land Israel von der jüdischen Tradition des Talmud-Studierens? Ist im Talmudisten der Super-Programmierer angelegt? Diesen spannenden Fragen geht unser Autor aus…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com