Im Profifußball verstehen wir die Welt. So oder so ähnlich rechtfertigt sich die Abhandlung bundesligasoziologischer Themen in den Feuilletons. Zuletzt hat unsere Gesellschaft anhand des Hitzlsperger-Interviews ihre latente Homophobie ausgelotet. Die Ergebnisse waren teils unschön.
Nicht nur gesellschaftliche Realität, auch das Ausmaß gesellschaftlicher Realitätsverweigerung spiegelt sich im Profifußball. Zu sehen ist dies seit Jahren in Hamburg. Der dortige Sportverein, Club meines Herzens, befindet sich im übel anzusehenden Sinkflug. Schlechtes Management und interne Ignoranz führen dazu, dass der einstige Spitzenverein den Anschluss an professionell geführte Konkurrenten verloren hat.
Ausgangspunkt der Misere ist die veraltete Struktur. Das überall als Voraussetzung für ökonomische Nachhaltigkeit und Erfolg erkannte Modell eines ausgegliederten Profibereiches hat eine mächtige Fanfraktion bisher abgeschmettert. Am Sonntag ist es wieder so weit. Die Mitglieder stimmen ab. Zur Auswahl stehen drei Modelle, die die sklerotischen Strukturen beibehalten wollen, und eines, das echte Reformen, eine Öffnung für Investoren und einen unabhängig agierenden Profibereich vorsieht.
Die Lage des Clubs ist mit Deutschland vor Hartz 4 vergleichbar. Genau wie vor Schröders Wirtschaftsreformen, stellt sich auch bei der Strukturveränderung beim HSV die Frage: Ist die Not groß genug, damit die Betonköpfe an ihr Ende geraten? Die immer dürftigeren Leistungen des Clubs legen das nahe.
Doch die am Cluberfolg Interessierten sollten sich nicht zu sicher sein. Denn die Reformgegner haben ihre Argumente längst auf eine andere Ebene verlegt. Sie wissen, dass die Erfolglosigkeit des Clubs kaum zu leugnen ist, und ahnen wohl auch selbst, dass diese mit der eigenen Turnvater-Jahn-Philosophie zu tun hat. Also argumentieren sie anders. Ihr zentraler Lehrsatz jetzt: „Ganz Europa beneidet uns um unsere Strukturen.“ Gemeint sind Dinge wie die burlesken Mitgliederversammlungen, auf denen Spaßvögel publikumswirksame Mätzchen veranstalten und sich in der Folge überrascht in leitenden Ämtern wiederfinden.
Die Stichprobe in „ganz Europa“ offenbart natürlich schnell, dass dieses den HSV nicht nur nicht beneidet, sondern auch zunehmend weniger kennt. Das macht den Traditionalisten aber nichts, geht es ihnen doch primär um rhetorisches Futter für ihre Fanclub-Stammtische.
Übrigens habe ich gegen kauzigen Traditionalismus nichts einzuwenden. Wirklich nicht. Es macht eine Gesellschaft doch heiterer, wenn neben den kalten Erfolgsmaschinen auch deren Gegenteil unterwegs ist. Der sympathisch bärbeißige Einsiedler. Der hutzelige Tante-Emma-Laden. Der Arthouse-Film, der Erfolg an den Kinokassen als Scheitern ansehen würde. Im Profifußball gibt es für diese Rollen keine Entsprechung. Bisher. Aber muss ausgerechnet mein HSV sich auf die Suche nach dieser begeben?
Mal ganz nebenbei: In der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft, die international fast unschlagbar ist, sollen einzelne Spielerinnen heterosexuell sein. Was niemanden stört.
Was ich spannend finde Katarina: Sie kennen die "klassischen Fußballfans selbst" und wissen was die "en gros" den lieben langen Tag als "fanschaltragende Proleten" so treiben. RESPEKT! Trotzdem lesen Sie auf dieser Seite. Fühlen Sie sich hier wirklich wohl?
no offence meant: wenn ich jetzt die Vokabel Hitzelsperger im Radio höre, schalte ich sofort ab. Ich habe nichts gegen Homosexuelle. Ich habe auch nichts für Homosexuelle. Ich möchte nur nicht ständig mit der Sexualität mir wildfremder Menschen belästigt werden. In Westeuropa ist Homosexualität doch nicht mehr wirklich ein Problem, siehe Westerwelle, Wowereit und von Beust. Die Problematik des "Outings" liegt m. E. bei den klassischen Fußballfans selbst: das sind en gros biersaufende, fanschaltragende Proleten, die sich gegenseitig (und mittlerweile anscheindend auch die Protagonisten der Spiele) verprügeln. Da tun mir eher die diensthabenden Einsatzkräfte leid.