Während israelische Musiker ausgeladen werden, haben manche Vertreter des kulturellen Establishments keine Berührungsängste mit Geld aus Saudi-Arabien oder Katar.
Wenn man in einer zum großen Teil selbst verschuldeten Finanzklemme steckt, wie die New Yorker Metropolitan Opera (Met), muss man nehmen, was man kriegen kann. Auch wenn es sich um Geld aus einem Land handelt, das als „harte Autokratie“ in Demokratie- und Menschenrechtsrankings auf den hintersten Plätzen rangiert wie Saudi-Arabien, wo die Met in den kommenden Jahren allwinterlich im neuen „Royal Diriyah Opera House“ Opern und Konzerte aus dem eigenen Repertoire zum Besten geben wird und dem König sowie dem agilen Kronprinzen bei der Ausbildung von Sängern, Dirigent, Musikern, Komponisten und Theaterpersonal unter die Arme greift.
„Der kulturelle Austausch ist auf menschlicher Ebene von wesentlicher Bedeutung, und dieser Plan zur Zusammenarbeit wird auch neue Wege für eine bedeutende Unterstützung der Met eröffnen“, wird Met-Intendant Peter Gelb in einer Pressemitteilung zitiert. Ob Gelb für die sittenstrengen Saudis all die modernen, woken Opern mit queeren Protagonisten im Gepäck hat, mit denen er zu Hause sein Publikum vergrault, muss bezweifelt werden.
Auf Finanzspritzen aus Nahost setzt auch Nikolaus Bachler, Intendant der Osterfestspiele Salzburg, der die staatliche Touristikorganisation „Visit Qatar“ als neuen Premiumpartner angeheuert hat. „War das nicht mal was – außer einer Fußball-WM?“, fragte etwas indigniert ein Münchner Musikkritiker. „Obwohl die Regierung auch Beziehungen zu Israel unterhält, könnte man auf die Idee kommen, Katar versuche sein islamistisches Image und die Kritik an der Missachtung von Menschenrechten durch Kultursponsoring in Europa weißzuwaschen.“
„Emotionale Reaktionen“, die das Konzerterlebnis beeinträchtigen
Wie sein Kollege Peter Gelb singt Nikolaus Bachler das Hohelied vom kulturellen Austausch. Der Golf-Staat sehe sich als Vermittler. Er sei in den letzten Jahren zum „wichtigsten Friedensverhandler der Welt“ geworden. Er, Bachler, nehme bei seinen Besuchen „Freude und Offenheit“ in dem Golfstaat wahr. Das islamistische Bild dieses Staats sei veraltet, er lade dazu ein, auch einmal anders auf die Welt zu schauen…“ Hauptstadt des so offenen und Menschen freundlichen Emirats ist Doha, wo Israel gerade das dort ansässige Hauptquartier der Hamas mit Bomben angriff und mehrere hochrangige Mitglieder der Terrororganisation getötet haben soll, die am vor zwei Jahren bei einem Terroranschlag fast 1.200 Israelis tötete und 251 Geiseln nahm, von denen einige immer noch festgehalten werden.
Wie schnell man moralisch und politisch in die Zwickmühle gerät, wenn man sich muslimischen Hardlinern und Israelhassern in die Arme wirft, zeigt der europaweit diskutierte Fall des israelischen Dirigenten und Pianisten Lahav Shani, designierter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Shani ist Nachfolger des wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin von der Stadt München auf rüde Weise geschassten Philharmoniker-Chefs Waleri Gergijew. Jetzt wurde sein Nachfolger gecancelt, und zwar vom Flandern Festival in Gent, wo das Orchester im Rahmen einer Europatournee einen Gastauftritt absolvieren sollte.
Das „Flanders Festival Ghent“ hatte die kurzfristige Absage des für den 18. September geplanten Konzerts damit begründet, dass der in Tel Aviv geborene, 36 Jahre alte Dirigent auch Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra sei. Man sei deswegen „nicht in der Lage, für die nötige Klarheit über seine Haltung dem genozidalen Regime in Tel Aviv gegenüber zu sorgen", hieß es auf der Homepage des Festivals. Im Einklang mit einem Aufruf der flämischen Kulturministerin, des Stadtrats von Gent und der örtlichen Kulturszene habe man sich deswegen entschlossen, auf die Zusammenarbeit mit Partnern zu verzichten, „die sich nicht eindeutig von diesem Regime distanziert“ hätten. Befürchtet würden außerdem „emotionale Reaktionen“, die das Konzerterlebnis beeinträchtigen könnten.
Im Einzugsbereich des „Wahren, Schönen, Guten“ zählt längst die richtige „Haltung“
Der Islam ist in dem kaum noch regierbaren „Multikultiland“ Belgien mit rund 400.000 Gläubigen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft und stellt somit eine mächtige Pressure Group dar. Belgien zählt zu jenen Staaten mit großem, muslimischen Bevölkerungsanteil, darunter auch Frankreich, die mitten in einem neuen Nahostkrieg einen „Staat Palästina“ offiziell anerkennen wollen.
Ob die Ausladung Shanis ein weiteres, besonders krasses Beispiel für linken Antisemitismus ist oder „nur“ ein Auswuchs woker Cancel Culture, sei dahingestellt, wahrscheinlich greift eins ins andere und vergiftet längst auch die kulturelle Sphäre, die in politischen Sonntagsreden so gerne fürs Brückenbauen in Anspruch genommen wird. Jedenfalls wurde aus dem Fall eine Staatsangelegenheit, in die sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) und der belgische Ministerpräsident Bart De Wever höchst persönlich einschalteten.
Letzterer bezeichnete die Entscheidung des Festivals als „unverantwortlich“ und war sogar bei der ersten Station der Europatournee der Münchner Philharmoniker in Essen zugegen, um dem jungen Mann am Pult seine Solidarität zu bezeugen. Auf dem Programm Unverdächtiges: Ludwig van Beethovens Violinkonzert, Franz Schuberts „Unvollendete“ und Auszüge aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“.
Für oder gegen Trump, für oder gegen Orban, Milei, Putin, Xi, Meloni – längst zählt auch in Einzugsbereich des „Wahren, Schönen, Guten“ die richtige „Haltung“, ob man als Dirigent, Musiker, Sänger, Regisseur gelitten ist oder nicht. Im Zweifelsfall wird man aufgefordert, sich von irgendetwas oder irgendjemandem öffentlich zu distanzieren. Wenn man nicht bereit zum Kotau ist, sich vielleicht sogar als unpolitisch und nur der Kunst verpflichtet fühlt, ist man heute schnell weg vom Fenster oder bei jedem Auftritt auf Polizeischutz angewiesen. Wie die russische Sopranistin Anna Netrebko, die sich zwar gegen den Ukraine-Krieg, aber nicht gegen ihr Heimatland positionierte, heute in Österreich lebt und gerade wieder in London als „Putins Fangirl“ geschmäht wurde.
Ein Orchester, das von Überlebenden des Holocaust gegründet wurde
Wer sich nicht eindeutig bekennt, gilt bestenfalls als naiver Eskapist oder, schlimmer noch, als klammheimlicher Parteigänger. Neu im Fall Lahav Shani ist, dass offenbar nicht Gesagtes oder Nicht-Gesagtes, sondern allein seine hervorgehobene Position beim Israel Philharmonic Orchestra der Grund für seine Ausladung gewesen sein soll. Ein Orchester, das von Überlebenden des Holocaust gegründet wurde, zu den besten der Welt zählt und nicht vom Staat Israel, sondern privat finanziert wird.
Der erste Dirigent des Orchesters war William Steinberg, als Hans Wilhelm Steinberg 1899 in Köln geboren. Nach der NS-Machtergreifung 1933 wurde er als musikalischer Leiter der Oper Frankfurt am Main beurlaubt und am 22. Mai 1933 aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen. Er blieb zunächst in Frankfurt und stellte ein Orchester aus entlassenen jüdischen Musikern der Frankfurter Oper und anderer Einrichtungen zusammen.
Sein letztes Konzert in Frankfurt dirigierte er im Mai 1936. Im gleichen Jahr gründete er zusammen mit dem polnischen Geiger Bronisław Hubermann das Palestine Symphonie Orchestra, das nach der Unabhängigkeitserklärung Israels 1948 in Israel Philharmonic Orchestra umbenannt wurde. Das Orchester war nie ein – wenn man diesen Begriff für angemessen hält – israelischer Propagandaklangkörper, sondern ein nationales Identifikationsinstrument und klingender Botschafter des jüdischen Staates, ein Musterbeispiel dafür, wie man mit den sanften Mitteln der Musik Wunden heilt. Wunden, die jetzt wieder klaffend offenstehen.
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.

Ich glaube, Links sind hier nicht erlaubt.
Bitte googeln Sie:
Petition Statement in Support of Lahav Shani re: Ghent Festival 2025
… die guten Taten des III. Reichs … @ Hans-Joachim Gille, sind Schimäre, existierten nicht. Denn in einem Terrorsystem ist kein Platz für gute Taten, ist die Rolle des Menschen immer erbärmlich, gleichgültig, wo er seinen Platz in ihm hat, ist man immer entweder Opfer oder Täter … außer, man stemmt sich dagegen … Lesetipp: „Die letzte Epiphanie“ von Werner Bergengruen – leicht zu finden, eine Minute Lesezeit.
Ich habe es so satt und werde jetzt unflätig. Seit Jahrhunderten werden Juden verfolgt und getötet. Jetzt geht es wieder los. Antisemitismus, Tod den Juden und Israel, denn nichts anderes ist es, wenn man Israel das Recht abspricht, sich zu verteidigen. An alle Länder der Welt, hört auf Israel vorzuschreiben wie es sein Überleben sichern kann. Sorgt in euren Ländern für Sicherheit für Juden und fangt an den Dreck vor eurer Haustür und in euren Ländern aufzuräumen bevor ihr was von Genozid schwafelt.
Eat Your Own Food – Gergiev wird vom Münchner Amtsboten hinausgeschmissen, jetzt kommt halt die Retourkutsche. – Es gibt glücklicherweise vieles, was nun den Urhebern auf die Füße zu fallen droht. „Delegitimierung des Staates“ und „Majestätsbeleidigungsparagraph“ knnen gegen ihre Urheber in Stellung gebracht werden. – Ob in Gent wirklich Antisemitismus im Spiel war? Der Begriff ist derart verbraucht, daß er wie „Nazi“ keine Wirkung mehr zeigt.
Mir ist durchaus bewusst, dass NS-Vergleiche heikel sind, aber wo ist da der Unterschied zur Reichskultkammer, die Künstler, welche sich nicht öffentlich der politischen Gesinnung angeschlossen haben, aussortiert und mit Berufsverbot belegt hat? Zum kommenden ESC in Wien haben bereits etliche Länder ihren Boykott angekündigt, sollte Israel dabei vertreten sein. Es handelt sich dabei um Länder der Europäischen „Wertegemeinschaft“, die Einzelpersonen für das Handeln der Regierungen ihrer Herkunftsstaaten haftbar machen. Bei so viel Verlogenheit wäre es angebracht, den
ESC komplett abzusagen, das würde zumindest unserem mittlerweile bankrotten Österreich einiges an Geld ersparen.
Es gibt ihn in so vielen Varianten, linker, rechter, christlicher, muslimischer, politischer, kultureller, Schuldabwehr- und traditioneller Antisemitismus. Es gibt ihn nicht nur als die übliche Projektion, sondern jetzt auch wieder als leicht zu erwerbendes kulturelles Kapital. Es gibt ihn aus Feigheit, aber noch öfter als Gratismut. Er kriecht nicht nur aus, sondern auch in alle Ecken. Er bedroht nicht bloß Juden, aber die zuallererst. Man kann jetzt im Namen des Kampfes gegen Antisemitismus und in „Sorge um Israel“ die abstrusesten blood libel verbreiten. Sich im Namen des Humanismus mit Terroristen solidarisieren. Man kann Karrieren auf der Anklage des „Völkermords“ aufbauen oder neu beleben. Man kann jedes Gerücht über alles verbreiten. Das Gerücht über Israel hat gezeigt wie permanente ungeprüfte Wiederholung eines und sei es noch so abwegigen und längst widerlegten Gerüchts zur moralisch gebotenen vermeintlichen Wahrheit wird. Wer nicht mitspielt bei der „Israelkritik“ wird zum Unmensch, zum Faschisten, zum mit einem Israelfetisch behafteten Evangelikalen oder Anti-Deutschen erklärt. Es ist ein Höhe-, aber leider wohl noch lange kein Endpunkt des Irrationalismus: erst durfte man nicht den Islam kritisieren, dann nicht die EU, dann nicht die Massenmigration, dann nicht den Anti-Trumpismus, dann nicht die Klimahysterie, dann nicht die Coronahysterie, dann nicht die Kriegspropaganda und jetzt muss man beim „Völkermord“-Vorwurf mitmarschieren. Man soll Charlie Kirk verabscheuen und über Greta Thunberg schweigen. Man soll Israel für alles Erdenkliche anklagen – sich mindestens in jedem Gespräch von „Netanjahu und seiner in Teilen rechtsextremen Regierung“ sowie „den radikalen Siedlern im Westjordaland“ distanzieren – und sowohl im Sudan als auch bei Massakern an Christen gründlich wegschauen. Man soll jedes Geschlechtspronomen akzeptieren, das Kopftuch zur emanzipierten Freiheit umdeuten, aber den Davidstern als Provokation ansehen.
„Ob die Ausladung Shanis ein weiteres, besonders krasses Beispiel für linken Antisemitismus ist oder “nur„ ein Auswuchs woker Cancel Culture“ – Könnte mir jemand den Unterschied erklären?