Der Tod des Cambridge-Professors Jason Arday hat die Debatte um seine Person innerhalb weniger Tage komplett verändert. Zunächst ging es um ihn selbst: um Plagiatsvorwürfe, um Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf, akademische Positionen, die sich teilweise nicht bestätigen ließen, sowie außergewöhnliche sportliche und wohltätige Leistungen, deren Darstellung ebenfalls hinterfragt wurde (Achgut.com berichtete hier: „Der Hauptmann von Cambridge”. ) Die University of Cambridge kündigte schließlich eine unabhängige Untersuchung seiner Berufung an. Arday bestritt, ein akademischer Betrüger zu sein; eine frühere Untersuchung seiner Dissertation hatte keinen Plagiatsverstoß festgestellt. Einen Überblick über die Vorwürfe bietet der Guardian.
Dann starb Arday mit 41 Jahren. Eine abschließende öffentlich bekannte Feststellung der Todesursache liegt bislang nicht vor. Seine Familie spricht jedoch von einer Kampagne aus Missinformation und Belästigung. Das Good Law Project geht noch weiter: Ardays Tod sei die „direct, foreseeable and foreseen result of press harassment“ gewesen. Die Forderung nach einer öffentlichen Untersuchung wird von Politikern, Wissenschaftlern und Aktivisten unterstützt und nimmt in Großbrittannien gerade eine ungeheure Dynamik an. Damit hat sich die Rollenverteilung beinahe umgekehrt. Nicht mehr der Professor soll sich für seine Angaben rechtfertigen, sondern die Presse dafür, dass sie diese überprüft hat.
Nun steht der Telegraph am Pranger
Im Zentrum der Kritik steht der Daily Telegraph, der die Affäre mit seinen Recherchen entscheidend vorangetrieben hatte. Nach Angaben des linken Portals Novara Media erschienen zwischen dem 24. Juli und Ardays Tod 249 Medienbeiträge über ihn. Autorin Ash Sarkar räumt ein, dass es „legitimate questions“ zu Ardays Forschung und Biografie gegeben habe, urteilt aber: „But it should never have been a front-page story.“ Ihre Analyse findet sich hier.
Auch prominente britische Politiker sprechen inzwischen von einer Medienjagd. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan beklagte eine „inakzeptable öffentliche Hetzjagd und Beleidigungskampagne“ sowie eine „schädliche öffentliche Bloßstellung“. Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy sprach bei Newsnight von einer Hexenjagd („media witch-hunt“). Der Grünen-Vorsitzende Zack Polanski hatte bereits vor Ardays Tod vor einem “Gerichtverfahren durch Medien” („trial by media“) gewarnt. Nach dessen Tod sprach er von einer “bösartige Kampagne aus Medienhetze und Schikanen” („vicious campaign of press hounding and harassment“). Die entsprechenden Äußerungen dokumentieren unter anderem Guardian und Sky News.
Der frühere Labour-Chef Jeremy Corbyn beschrieb einen „unaufhörliche Flut von Angriffen und Beschimpfungen“ („relentless onslaught of attacks and abuse“). Der Generalsekretär der Lehrergewerkschaft National Education Union, Daniel Kebede, sprach von einem „öffentliche und brutale Demütigung“. („public and brutal takedown“). Und die Organisation Stand Up to Racism bezeichnete Ardays Tod sogar als Resultat einer rassistischen Hexenjagd”(„racist witch-hunt“). Der Guardian hat die Reaktionen zusammengetragen.
Bemerkenswert ist dabei die Verschiebung der Argumentation. Aus der Frage, ob die Berichterstattung zu umfangreich, zu aggressiv oder von rassistischen Ressentiments begleitet war, wird teilweise die sehr viel weitergehende Behauptung, die Presse habe Ardays Tod verursacht.
Und dann ist da Axel Springer
Eine zusätzliche politische Dimension erhält die Affäre dadurch, dass der Telegraph seit dem 30. Juni 2026 zu Axel Springer gehört. Springer zahlte 575 Millionen Pfund für die Telegraph Media Group. Vorstandschef Mathias Döpfner erklärte ausdrücklich, den Telegraph zum „führenden Mitte-Rechts-Medium im englischsprachigen Raum“ entwickeln zu wollen. Über Übernahme und Döpfners Aussage berichtete der Guardian. Damit gehören Telegraph, BILD, WELT, Politico und Business Insider zum selben Konzern.
Im aktivistischen linken Milieu wird daraus inzwischen eine politische Kausalkette konstruiert. Der Künstler und Aktivist Hamja Ahsan schrieb von einer „Agenda von Axel Springers Daily Telegraph“; in weiteren Beiträgen wurde der Springer-Telegraph mit einer rassistischen Medienkampagne in Verbindung gebracht. Und damit stellt sich die entscheidende Frage: Was hätte der Telegraph eigentlich tun sollen?
Durfte er nicht überprüfen, ob Angaben in der Biografie eines Cambridge-Professors zutrafen? Nicht bei Universitäten nachfragen, ob die genannten Positionen existierten? Keine Plagiatsvorwürfe prüfen? Keine außergewöhnlichen Angaben über sportliche Leistungen oder Spendensammlungen hinterfragen? Dass die Antworten für einen Betroffenen verheerend sein können, macht die Fragen aber nicht illegitim.
Barschel, die deutsche Parallele
In Deutschland kennt man solche Debatten um Todesfälle nach Medien-Berichterstattungen.
1987 enthüllte der Spiegel die schmutzigen Methoden im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf. Ministerpräsident Uwe Barschel geriet unter Verdacht, seinen SPD-Gegenspieler Björn Engholm mit Hilfe seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer bespitzeln und diskreditieren zu lassen. Barschel gab sein berühmtes „Ehrenwort“, trat zurück und wurde am 11. Oktober tot in der Badewanne eines Genfer Hotels gefunden. Der NDR dokumentiert die Affäre und ihre späteren Wendungen. Später stellte sich heraus, dass auch die Rolle Pfeiffers und des SPD-Umfelds komplizierter war als zunächst dargestellt. Die sogenannte Schubladenaffäre kostete schließlich auch Engholm seine Karriere.
Für die heutige Diskussion ist aber vor allem eine Entscheidung des Deutschen Presserats bemerkenswert. Er prüfte damals sowohl die Recherche als auch Grenzüberschreitungen der Berichterstattung und formulierte einen Satz, der fast wie für den Fall Arday geschrieben scheint: „Für Skandale sind nicht die verantwortlich, die darüber pflichtgemäß berichten, sondern jene, die sie verursacht haben.“ Die vollständige Entscheidung des Presserats ist deshalb besonders lesenswert. Denn derselbe Presserat rügte zugleich konkrete Exzesse, etwa das Eindringen von Journalisten in Barschels Hotelzimmer und den Umgang mit dem Foto des Toten.
Möllemanns Zusammenbruch unter öffentlichem Druck
Ähnlich beklemmend war der Fall Jürgen W. Möllemann. Am 5. Juni 2003 hob der Bundestag seine Immunität auf. Wohnungen und Geschäftsräume wurden im Zusammenhang mit Ermittlungen über Wahlkampffinanzierung und Geldtransfers durchsucht. Noch am selben Tag stürzte der frühere Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler bei einem Fallschirmsprung zu Tode. Fremdverschulden wurde ausgeschlossen; ob Unfall oder Suizid, ließ sich nicht abschließend klären. Das Haus der Geschichte dokumentiert den Fall.
Auch bei Möllemann wurde anschließend gefragt, welchen Anteil öffentlicher und medialer Druck an seinem Tod gehabt habe. Aber die Probleme, über die berichtet wurde, waren nicht von Journalisten erfunden worden. Staatsanwaltschaften ermittelten. Der Bundestag hob seine Immunität nicht wegen einer Schlagzeile auf. Man kann über Häme und Übermaß der Berichterstattung streiten. Daraus folgt aber nicht, dass Journalisten über die Ermittlungen hätten schweigen sollen.
Kein Schweigegebot aus Fürsorge
Der Fall Arday führt deshalb zu der grundsätzlichen Frage: Was soll ein Journalist tun, wenn er eine relevante Geschichte recherchiert, aber weiß, dass deren Veröffentlichung den Betroffenen in eine existenzielle Krise bringen kann? Er kann daraus kein Schweigegebot ableiten. Sonst würde aus menschlicher Rücksichtnahme ein Schonungsprivileg für Personen des öffentlichen Lebens. Wer genug zu verlieren hat oder psychisch besonders gefährdet erscheint, wäre vor kritischer Recherche besser geschützt als andere. Das kann nicht der Maßstab einer freien Presse sein.
Der Deutsche Pressekodex löst den scheinbaren Widerspruch vernünftig: Recherche ist ein „unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt“. Gleichzeitig gelten Persönlichkeitsschutz, Wahrhaftigkeit und die Pflicht, Verdachtsmomente als solche kenntlich zu machen. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb nicht: Darf darüber berichtet werden? Sondern: War die Geschichte sorgfältig recherchiert? War sie von öffentlichem Interesse? Konnte der Betroffene Stellung nehmen? Wurde zwischen Verdacht und Tatsache unterschieden? Und brachte der nächste Artikel neue Erkenntnisse – oder diente er nur noch dazu, den bereits Gestürzten noch einmal vorzuführen?
Der Tod eines Betroffenen macht eine zuvor korrekte Recherche nicht nachträglich falsch. Umgekehrt macht eine berechtigte Ausgangsrecherche nicht jede anschließende Schlagzeile, jede Häme und jede Verletzung der Privatsphäre legitim. Genau deshalb ist der oben bereits zitierte fast vierzig Jahre alte Satz des Presserats im Fall Barschel noch immer so treffend: „Für Skandale sind nicht die verantwortlich, die darüber pflichtgemäß berichten, sondern jene, die sie verursacht haben.“ Recherche sollte keine Hinrichtung sein, aber Rücksichtnahme darf auch zu keinem Schweigegelübde führen.
Beitragsbild: ConiferousForest19 CC0 via Wikimedia Commons/Montage Achgut.com/KI
Die Forderung einer gründlichen öffentlichen Untersuchung des Todes von Prof. (a.d.) Arday ist uneingeschränkt zu unterstützen! Von seiten der Universität ist die Angelegenheit mit dem Rücktritt vom Lehramt erledigt. Wir werden sonst nie erfahren, ob, und in welchem Ausmaß akademischer Betrug begangen, und abgenickt wurde. Wir werden auch nicht erfahren, ob Herr Arday sich selbst umgebracht hat – sicher festgestellt ist es schließlich nicht. Der Schatten des Betrugs, so er denn stattfand, könnte ja auch auf die Universität / Mitarbeiter dieser Institution fallen – ein Mordmotiv, nicht?
Es gibt im Englischen das Sprichwort: „Good riddance.“ Auf Kölsch: „Wat weelste mache?“ Darauf ein Kölsch. Oder ein Mohr.
Zitat 1: „Durfte er nicht überprüfen, ob Angaben in der Biografie eines Cambridge-Professors zutrafen? Nicht bei Universitäten nachfragen, ob die genannten Positionen existierten? Keine Plagiatsvorwürfe prüfen? Keine außergewöhnlichen Angaben über sportliche Leistungen oder Spendensammlungen hinterfragen?“ Zitat 2: „“Für Skandale sind nicht die verantwortlich, die darüber pflichtgemäß berichten, sondern jene, die sie verursacht haben.„“ Wenn man über etwas berichtet, muss man wahrheitsgemäß darüber berichten. Das setzt voraus, dass die Informationen validiert und wirklich wahr sind. Meint man nur, dass die Informationen wahr sind, haut sie dann einfach raus oder klagt sogar deswegen vor Gericht, kann man ganz schnell Existenzen vernichten. Und zwar nur deshalb, weil man meint, dass recherchierte Informationen richtig sind. Wir leben aber in einer Welt in der fast alle lügen. Insbesondere dann, wenn sie etwas zu verlieren haben, weil einzelne deren Lügerei beenden wollen. Und wenn man die Lügen über diese einzelnen die die Lügerei beenden wollen dann ungeprüft in die Öffentlichkeit pustet, oder diese sogar vor den Kadi zieht, dann macht man sich daran mitschuldig, wenn die Lügerei niemals aufhört. Nicht alle Informationen sind der Öffentlichkeit zugänglich. Und damit der Presse oder sogar der Justiz auch nicht. Vieles ist aus gutem Grund privat oder liegt unter Verschluss. Aber das sind oftmals die wichtigsten Puzzlestücke, ohne die eine wahrheitsgemäße Berichterstattung gar nicht möglich ist. Zudem sollte man Informationen auch in den richtigen Kontext setzen können. Kann man das nicht, sollte man besser schweigen, weil der Schaden der Berichterstattung sonst größer ist als der Nutzen.
Pech für Drosten oder Klingbeil oder Lauterbach oder Merz, dass sie ihre Kritiker nicht als Rassisten beschimpfen können.
Arday scheint seinen Suizid durchgeführt zu haben, ohne andere dabei zu belästigen, was man von all den aufdringlichen Selbsttötern, die sich etwa vor Eisenbahnen oder von höheren Stockwerken werfen, nicht behaupten kann. Ich dagegen hätte vermutlich Pech beim Selbsttöten und würde schwerbeschädigt überleben. Insofern zolle ich gelungenen Suiziden von wem auch immer Respekt.
In Rotherham (England) wurden über Jahrzehnte mdst 1400 weiße Mädchen und Frauen von Pakistani vergewaltigt. Die Behörden (welcher Partei gehörten diese an?) sahen aus Angst vor Rassismusvorwürfen weg. Organisierte dieser Verein ebenso eine Mahnwache für diese Mädchen und Frauen? Nein? Ach ja, diese waren ja weißer Hautfarbe. Allein in Deutschland und Österreich sind Dutzende Politiker und andere namhafte Persönlichkeiten des Betrugs überführt und in der Presse vorgeführt worden und sicher war dann die berufliche Existenz oder gar das Leben des einen oder anderen aus und vorbei. Es scheint so zu sein, begründeter Verdacht und Anklage gegen weiße Gesetzesbrecher = funktionierender Rechtsstaat, gegen PoC = rassistische Hetze.
Das Deprimierende ist dabei, dass die lautstarken Brüller gegen vermeintlichen Rassismus meist gar nicht der Gruppe der PoC angehören.
Ich denke, Uwe Barschel ist ermordet worden. Das Monster, zu welchem ihn eine entfesselnde Hetz-Meute von gut bezahlten Rudel-Journalisten gemacht hat, war er nicht! Sonst hätte die SPD seinen gekauften „Referenten“ Pfeiffer ja nicht jahrelang schmieren müssen. Insofern sind die hier veröffentlichten Vergleiche sachlich falsch und ethisch mehr als bedenklich.
Mit dem Hochstapler Arday hat ein Täter diese Welt verlassen. Warum soll ich um ihn trauern? Niemand weint, um die geschändeten und toten Frauen und Kinder, die in Haiti, Sudan, Kongo, Tigray, Somalia usw. usw. Opfer ALLTÄGLICHER Gewalt und JEDEN TAG Opfer von Krieg, Bürgerkrieg und den marodierenden Milizen verbrecherischer Warlord werden. Um einen Berufslügner, Betrüger und Hochstapler wie Arday wird dagegen Gewese gemacht und rumgehoilt. Das sind die vielbeschworenen „Werte“ des selbsternannten Werte-Westens„ – NICHT meine! Aber in bunten Republik gilt §1: “Die Würde der Täter ist unantastbar!„ Der Rest kann sehen wo er bleibt und wie er klarkommt! Tragisch am Fall Jason Arday, der ZUGLEICH Täter und Opfer war, ist einzig und allein, daß seine verbrecherischen woken Hintermänner und -Frauen, die diese wissenschaftliche Null trotz seiner Lügen, Übertreibungen und Widersprüche aufgebaut, gelobhudelt, benutzt und gebraucht haben, ihre Hände in Unschuld waschen und auf ihren einflußreichen Plätzen verbleiben werden. Dann werden sich den nächsten hochstapelnden Nick-Neger suchen – und das Spiel wiederholt sich. – Nebenbei: Lebt eigentlich Claas Relotius noch? Falls ja, warum? Diesem korrupten und faulenden System fehlt die Kraft, zu dem, was man SELBST-REINIGUNG nennt!
Er ist ein Opfer seiner selbst. Er hat zu hoch gepokert. Tragisch.