„Der wichtigste Unterschied zwischen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit besteht darin, dass zur Fremdenfeindlichkeit Fremde gehören, die man sehen, hören, riechen kann. So banal es sich auch anhört: Ohne Fremde in der unmittelbaren Umgebung kann es keine Fremdenfeindlichkeit geben. Ganz anders dagegen beim Antisemitismus. Menschen, die noch nie einen Juden gesehen haben, können leidenschaftliche Antisemiten sein, oft ist sogar der Mangel an jeder konkreten Erfahrung mit Juden Voraussetzung für die Entwicklung antisemitischer Einstellungen.“
Diese Worte stammen aus Henryk M. Broders Buch „Der ewige Antisemit“. Als ich diese Worte zum ersten Mal las, wurde mir mit einer Radikalität, die ich bis dahin nicht erkannt hatte, klar, was das Wesen des Antisemitismus sein kann.
Ich hatte das Buch 1999 zum ersten Mal gelesen, nachdem ich aus den USA zurückgekommen war. Ich war dort als Au-pair in einer jüdischen Familie gewesen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich jüdisches Leben nicht aus Büchern, aus dem Geschichtsunterricht oder aus Gedenkveranstaltungen kannte, sondern aus dem Alltag. Mein bester Freund war Jude. Ich hatte jüdische Freunde und Nachbarn. Wir verbrachten Zeit miteinander, redeten über alles Mögliche, stritten uns, lachten miteinander und sprachen selbstverständlich auch über Politik. Jüdisches Leben war plötzlich nichts Abstraktes mehr.
Ich war in Deutschland aufgewachsen, in einem Land, in dem Judentum in meinem persönlichen Erleben fast ausschließlich in der Schule vorkam und dort wiederum vor allem im Geschichtsunterricht. Ich wusste, was der Holocaust war, wusste, was Antisemitismus bedeutet, und ich hatte sogar ein paar politische Ansichten über Israel. Diese waren jedoch nicht besonders positiv.
Für mich war das Buch eine Offenbarung
In den USA änderte sich etwas, weil ich mit Juden zusammenlebte. Ich lernte unterschiedliche Perspektiven kennen und hörte Argumente, die mir erklärten, warum Israel für viele Juden eine so zentrale Bedeutung besitzt. Ich lernte, dass Juden sehr unterschiedliche politische Auffassungen haben. Dadurch verstand ich etwas, das mir zuvor gefehlt hatte: Ich hatte nicht mehr nur eine Vorstellung vom Judentum. Ich kannte Juden.
Als ich nach Deutschland zurückkehrte und mein Studium begann, fand ich mich wieder in einem stark linken studentischen Umfeld. Dort hörte ich erneut sehr viel Kritik an Israel. Viele Kommilitonen redeten mit großer Gewissheit über das Judentum und über Israel, obwohl sie kaum persönliche Erfahrungen mit jüdischem Leben hatten. Ich war verwirrt von dieser Haltung.
Genau in dieser Verwirrung fiel mir das Buch von Henryk M. Broder in die Hände. Plötzlich verstand ich, was mich an diesen Diskussionen so irritierte. Broder beschrieb genau diese merkwürdige Situation: Man kann sehr viel über Juden wissen und gleichzeitig kaum einen einzigen Juden kennen. Man kann sich eine detaillierte Vorstellung vom Judentum machen, ohne jemals mit einem jüdischen Menschen am Frühstückstisch gesessen, mit ihm gefeiert, gestritten oder gelacht zu haben. Man kann über Israel urteilen, ohne jemals einem Menschen begegnet zu sein, für den Israel nicht bloß ein politisches Thema, sondern ein Teil seiner eigenen Geschichte und Identität ist.
Als ich „Der ewige Antisemit“ im Jahr 1999 las, war das Buch bereits mehr als zehn Jahre alt. Es war 1986 erschienen. Für mich war es eine Offenbarung. Ich hatte etwas so Neues und zugleich so offensichtlich Wahres noch nie gelesen.
Immer noch so wahrhaftig, so wichtig und so aktuell wie vor vierzig Jahren
Heute, im Jahr 2026, sind seit der Veröffentlichung vierzig Jahre vergangen. Das Buch kann heute in einer neuen Auflage mit einem aktuellen Vorwort des Autors neu gekauft und gelesen werden. Ich habe das Buch wieder gelesen, und was soll ich sagen: Es ist immer noch so wahrhaftig, so wichtig und so aktuell wie vor vierzig Jahren.
Ein großer Teil des Antisemitismus in Deutschland zeichnet sich noch immer durch Abwesenheit aus. Viele Menschen haben lediglich Bilder von Juden im Kopf, angeheizt von Bildern aus dem Internet. Sie scrollen sich durch Horrornachrichten über Juden und Israel, haben aber kaum persönliche Erfahrungen mit Juden. Sie kennen das Judentum aus dem Geschichtsunterricht und von Facebook. Sie hören von Juden bei Gedenkveranstaltungen, wissen genau, wo die nächsten Stolpersteine liegen, und kennen die Namen der Konzentrationslager.
Sie alle glauben, aus der Geschichte gelernt zu haben, und nicht wenige von ihnen kritisieren nun Israel. Die Kritik wurde noch einmal härter nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag, an dem an einem einzigen Tag so viele Juden vernichtet wurden wie seit dem Holocaust nicht mehr. Die Kritik richtet sich gegen Juden, die es wagen, sich zu wehren. Und in dieser Kritik dringen jetzt wieder die Worte von Henryk Broder durch, der schon vor 40 Jahren schrieb:
„Als ob die NS-Konzentrationslager Besserungsanstalten gewesen wären, die ihre Absolventen nur deswegen so vielen Prüfungen unterzogen, damit sie anschließend als die besseren Menschen durch den Rest ihres Lebens schreiten konnten.“
Die Flugzeugentführung von Entebbe im Jahr 1976
„Der ewige Antisemit“ beschäftigt sich mit einer Realität, die immer wieder verdrängt wird. Sie wurde 1986 verdrängt, als das Buch erschien, und sie wird 2026 immer noch verdrängt, jetzt, wo das Buch wieder neu aufgelegt wird: nämlich die Tatsache, dass der Antisemitismus nicht nur auf der rechten Seite, sondern ebenso und nicht weniger gefährlich auch auf der Linken zu finden ist. Broder beschreibt es vortrefflich mit seinem ihm eigenen Humor:
„Hätte damals jemand den Nachweis gewagt, dass zum Beispiel Vegetarier keine Rassisten sein können oder dass Angehörige von Tierschutzvereinen ihre Frauen und Kinder nicht prügeln, er hätte nur Kopfschütteln und Gelächter geerntet. Nur im Falle der Verbindung von „links“ und „antisemitisch“ wurde und wird immer noch mit geradezu obsessiver Strenge an einem Unvereinbarkeitsbeschluss festgehalten.“
Broder führt seine Leser durch die Geschichte des Antisemitismus und zeigt, wie sich Judenfeindschaft immer wieder mit den jeweils vorherrschenden politischen Ideen verbindet. Er berichtet etwa über Wilhelm Marr, denjenigen, der den Begriff „Antisemitismus“ im 19. Jahrhundert prägte und die Antisemitenliga gründete.
Ein Ereignis, das für Broder zu einem persönlichen Wendepunkt wurde, war die Flugzeugentführung von Entebbe im Jahr 1976. Terroristen der Palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und der deutschen Revolutionären Zellen entführten ein Flugzeug der Air France und brachten es nach Uganda. Dort wurden die Passagiere nach Juden und Nichtjuden getrennt. Die jüdischen und israelischen Geiseln wurden ausgesondert.
Für Broder war nicht nur die Selektion von Juden und Nichtjuden erschreckend; noch verstörender waren für ihn die Reaktionen aus Teilen seines eigenen politischen Umfelds. Broder hatte mit Linken gemeinsam gegen den Vietnamkrieg demonstriert und sie als politische Verbündete betrachtet, musste nun aber erleben, wie die israelische Befreiungsaktion nicht als Rettung jüdischer Geiseln verstanden wurde, sondern als Anlass für antisemitische und antizionistische Deutungen. Genau hier begann für ihn der endgültige Bruch mit der radikalen Linken.
„Der ewige Antisemit“ ist kein altes Buch über eine alte Zeit
Wenn man diese Passagen heute liest, erschrickt man darüber, wie wenig sich geändert hat. Vieles von dem, was Broder in dem Buch beschreibt, ist heute sogar noch schlimmer geworden. Das macht die Lektüre im Jahr 2026 so beklemmend. Man liest ein Buch aus dem Jahr 1986 und hat nicht das Gefühl, ein altes Buch über eine alte Zeit zu lesen.
„Der ewige Antisemit“ ist kein altes Buch über eine alte Zeit. Es ist ein Buch über einen Mechanismus, der sich immer wieder neu verkleidet. Keine noch so moderne Verkleidung schützt jedoch vor der Enttarnung durch Henryk Broder, besonders wenn er so messerscharfe Worte wie diese formuliert:
„So geht es bei der deutschen Entlastungsoffensive, die als eine Solidaritätsaktion zugunsten der Palästinenser auftritt, nicht nur darum, nachzuweisen, dass die Juden ebenso mies und noch mieser sein können als die Nazis. Hinter dieser Beweisführung steckt mehr, als zugegeben wird: ein tiefer Groll gegen die Juden, welche die Deutschen in die Auschwitz-Falle haben tappen lassen. Denn: Hätte es die Juden nicht gegeben, wären die Deutschen nicht gezwungen gewesen, die Endlösung der Judenfrage in Angriff zu nehmen, oder, kurz und knapp: Ohne Juden kein Holocaust. Dass die Deutschen bei ihrem Jahrtausendwerk gescheitert sind und sich nun von den Überlebenden und Nachgeborenen nicht nur als Barbaren, sondern auch noch als Versager beschimpfen lassen müssen, macht die ganze Sache nur noch schlimmer. Um es an einem Beispiel überschaubarer Verhältnisse zu illustrieren: Jeder Vergewaltiger versucht, die Frau, die er vergewaltigt hat, für seine Tat verantwortlich zu machen. Auch wenn sie ihn nicht aufgereizt hat, so hat ihn schon ihre schiere Existenz hinreichend provoziert.“
Als Henryk Broder diese Worte schrieb, war Deutschland noch nicht wiedervereinigt, das Internet bestimmte noch nicht den Alltag, und Informationen verbreiteten sich noch nicht in Sekunden. All das hat sich geändert. Über Juden und Israel wird heute nicht mehr nur in Zeitungen, Büchern oder im Fernsehen gesprochen, sondern millionenfach in sozialen Netzwerken. Trotz all dieser Veränderungen sind die Mechanismen, die Broder beschreibt, dieselben geblieben.
In dem neuen Vorwort erinnert Broder an eine Welt ohne Google, Facebook, YouTube und Amazon, an eine Zeit, in der er seine Texte noch auf einer mechanischen Olivetti-Schreibmaschine schrieb und von Jerusalem aus über die Judäische Wüste bis zum Toten Meer blickte. Er war damals Anfang 40. Heute ist er 80 Jahre alt.
Broder blickt nach vier Jahrzehnten noch einmal auf ein Buch zurück, das er in einer völlig anderen Welt geschrieben hat. Er schreibt nicht aus der Perspektive eines Historikers, der ein abgeschlossenes Kapitel betrachtet. Er ist der Autor, der damals beobachtet, analysiert und gewarnt hat und der heute, vierzig Jahre später, noch einmal auf seine eigenen Beobachtungen blickt. Was hat sich verändert? Was hat sich nicht verändert? Und vor allem: Was haben wir nicht gelernt?
„Der ewige Antisemit“ ist ein Buch aus dem Jahr 1986 über unsere heutige Zeit.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Der ewige Antisemit – Über eine Leidenschaft, die nicht vergeht“ von Henryk M. Broder, Achgut Edition 2026, hier bestellbar.


Für Broders Unbestechlichkeit und klare Linie spricht auch, dass er nicht mehr für die Weltwoche schrieb, weil er deren Verleger dessen prorussische Haltung nach Putins Ukraine-Überfall krumm nahm.
Irgendein automatischer Rechtschreibteufel – ein ewiger Antisemit – hat hier im Leserbrieffeld aus dem linksläufigen מזל טוב, wie ich es aus MS Word eingeben habe, das jedoch nur bei der Wortstellung rechtsläufige טוב מזל gemacht. Was wohl die Kabbalisten zu Lezam Vot sagen? Eine KI findet und halluziniert: „ So wie die Kabbala lehrt, dass die unendliche, verborgene Gottheit (En-Sof) aus einem göttlichen Nichts wirkt, so ist für den kubanischen Dichter José Lezama Lima die Leere der Ausgangspunkt des Seins. … Lezama Limas Hauptwerk Paradiso wird in der literaturwissenschaftlichen Forschung (wie etwa in der Studie von Einat Davidi) oft als Pardes gelesen – ein Begriff, der im hebräischen Raum für den buchstabgetreuen wie vielschichtigen, allegorischen und mystischen Zugang zu Texten steht.“ Die vier Methoden insbesondere auch der Torah-Auslegung. Keine Ahnung, was das noch mit Henryk Broder zu tun hat. Der Wechsel von linksläufiger Schrift zu rechtsläufiger Schrift und umgekehrt in ein und demselben Satz mit Wörtern hierin verschiedener Sprachen funktioniert hier jedenfalls noch nicht.
Leider ist Nomen hier zugleich Omen, also ein Blick in die Zukunft der durch ihre Verbrechen verfluchten und sich ewig aufs Neue verfluchenden Menschheit. Aber damit es ewig Antisemiten, also Judenhasser geben kann, muss es auch ewig Juden geben. Nicht tot zu kriegen. Im Sinn dieser Ewigkeitsgarantie: Mazel Tov טוב מזל für Henryk Broder!
Und es wird auch nicht nur ewig Juden geben, sondern ewig auch die Juden, die mit scharf treffendem Witz jede noch so „moderne“ neue Verkleidung in der Zukunft enttarnen werden.
Es gibt in Deutschland Antisemitismus nicht nur auf der rechten Seite, sondern ebenso und nicht weniger gefährlich auch auf der linken Seite, der (klein-)bürgerlichen Mitte sowie einer seit 1960 geschaffenen ‚religiös-kulturellen‘ Seite [des Islams]. Vier Jahre vor der Flugzeugentführung, die nach Entebbe führte, wurden 1972 bei den Olympischen Sommerspielen israelische Sportler von arabischen Terroristen in Deutschland ermordet. Deutsche Fernsehsender [ÖRR] lieferten mit der Direktübertragung des Überfalls den Terroristen dann auch noch wichtige Informationen über die auf Terrorismus nicht vorbereitete deutsche Polizei. Laut Medienberichten lehnten regierende deutsche Politiker [Bk Brandt, Ministerpräsident Goppel] die Hilfe Israels [durch Mossad …] ab. Über ‚Linke‘ in Westdeutschland lernte ich, dass es verbalradikale Kleinbürger/Bürgerliche waren und sind. Kleinbürger waren auch schon die (Massen-)Wählerbasis der NSDAP.
Was auch immer nicht gesehen wird, ist die gigantische wissenschaftliche Kulturleistung der deutschen Juden. Mathematik, Physik, Astrophysik, Ingeniereurwissenschaft und Chemie. Absolute Weltklasse. Da wurde auch noch auf Deutsch publiziert, promoviert und habilitiert
Das Buch hatte Wirkung. In allen Bundesländern (außer Bremen!?) gibt es heute Antisemitismusbeauftragte.
Das Buch „Der ewige Antisemit“ habe ich vor Jahrzehnten gelesen, und ich stimmte Broder im Wesentlichen zu, ohne von den Inhalten des Buches überrascht sein. Warum eigentlich nicht? Nun, ich war 1976, während der Ereignisse von Entebbe, gerade alt genug, um so etwas bewusst mit zu erleben, und ich hatte vernünftige Eltern,. Ich wusste das, auch wenn ich mich damals altersbedingt (ich war 15) viel mit ihnen stritt. Diese Eltern sagten ein paar nicht mal laute, aber sehr klare Worte über die Terroristen. Als westdeutsche Linke zum Teil gegen die „zionistischen, faschistischen Mörder“ zeterten (gemeint war, dass eine israelische Spezialeinheit den Flieger an sich gebracht, die Terroristen erschossen und die Geiseln gerettet hatte) und ein vermutlich noch größerer Teil der deutschen Linken hörbar schwieg, fiel besonders meinem Vater auch dazu einiges ein. In meiner Familie gab es zwar keine näheren Bekanntschaften mit Juden und keine Vertrautheit mit der jüdischen Alltagskultur, aber eben auch keine grundsätzlichen, ethnischen oder religiösen Feindschaften und keine Mitläuferei. Das reicht nach meiner auch späteren Erfahrung aus, um weitgehend resistent gegen politische Moden und ideologische Dauerbrenner zu sein. Weil diese Resistenz im Kleinen läuft, nicht heroisch ist und meistens nicht auffällt (womit auch?), wird sie von linken, rechten, muslimischen und Einfach-so-Antisemiten kaum bemerkt.