Wolfgang Röhl / 23.01.2015 / 01:28 / 4 / Seite ausdrucken

„Der erste Pegida-Tote“

Dass nicht gerade wenigen Pegida- oder Legida-Anhängern oder wer auch immer unter diesen seltsamen Labels mitläuft, die islamistischen Anschläge in Paris hochwillkommen waren, steht außer Frage. Eine steilere Vorlage konnte es für sie kaum geben. Dass der gewaltsame Tod eines Asylbewerbers in Dresden zeitgleich geschah zu einem Pegida-„Aufmarsch“ (so bezeichnen viele Medien das, was sie „Demonstration“ zu nennen belieben, wenn ihnen die Anliegen von größeren Menschenansammlungen genehmer sind), beflügelte Spekulationen. Wer will, kann sie leicht im Netz finden. Unredlich wäre, so zu tun, als hätte den Tenor vieler Berichte nicht die klammheimliche Hoffnung grundiert, es möge doch bitte ein Neonazi sein, der Khaled I. umgebracht hatte.

Nur jemand, der die letzten Jahrzehnte auf dem Mond verbracht hat und zum Beispiel den Fall Sebnitz nicht kennt, kann die Instrumentalisierung, heißt: das Ausschlachten von bestimmten Todesfällen zu politischen Zwecken bestreiten. In Sebnitz hatten angeblich Rassisten ein Kind ertränkt, das einer deutsch-irakischen Ehe entstammte. Die Story erwies sich als falsch. Federführend bei der Medien-Hysterie aus dem Jahr 2000 war übrigens die ihrerzeit noch auflagenstarke „Bild“. Und das Blatt, das der ganzen Geschichte schließlich investigativ den Stecker zog, war die „Frankfurter Rundschau“, damals noch keine Zeitungs-Attrappe.

Der Online-Auftritt der „FAZ“ meldete am 22. Januar, „wider die Befürchtungen“ sei der Tod von Khaled I. „wohl keine fremdenfeindliche Tat“ gewesen.

Einspruch. Es verhält sich vielmehr so, dass nicht wider die Befürchtungen, sondern entgegen andersgearterter Hoffnungen vieler Interessierter, die im Einzugsbereich linker SPD-Zirkel, der Grünen, der Partei „Die Linke“, der „Antifa“ und geistesverwandter Kreise nisten, es offenbar ein Asylbewerber war, der einen Landsmann umgebracht hat. Wie auch deutsche Reihenhausbewohner dann und wann einen Nachbarn töten, weil sie mit ihm über Petitessen in Streit geraten sind. Traurig. Letzteres aber keine Nachricht, die bundesweit Schlagzeilen machen würde. Dass auch „faz.net“, eine gewöhnlich angenehm unaufgeregte Website, diese fatale Auseinandersetzung unter Asylbewerbern politisch konnotiert, ist ebenfalls traurig.

Den Tod des Khaled I. hat allerdings kaum ein Medium so beherzt benutzt wie stern.de. Unter dem Titel „Khaleds Tod, Dresdens GAU“, vermeldete das Portal am 16.1. 2015:

„Ganz abgesehen davon, dass ein Menschenleben zu beklagen ist, hat die Stadt nun, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ihren ersten Pegida-Toten. Und es waren nicht die etablierten Medien, die diesen Verdacht zuerst publizierten, Stichwort Lügenpresse, sondern Beobachter des Geschehens in Dresden, die meinten, eins und eins zusammen zählen zu können und dies in sozialen Medien und Leserbriefkommentaren äußerten.“

Im verschwurbelten Langtext des Artikels auf stern.de, der noch nicht die Identität des seit gestern unter dringendem Verdacht stehenden Täters wissen konnte, wurden absicherungstechnisch allerlei Wenns und Abers nachgeschoben. Aber die Message war klar.

„Der erste Pegida-Tote“.

Der erste. Wie viele Asylbewerber/Migranten/Ausländer wird die so genannte Bewegung noch umbringen? Man darf gespannt sein.
http://www.stern.de/politik/deutschland/der-umgang-mit-dem-tod-von-khaled-i-ruiniert-den-ruf-von-dresden-vollstaendig-schlag-12-der-mittagskommentar-aus-berlin-2166764.html
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/in-dresden-getoeteter-asylbewerber-von-mitbewohner-erstochen-13385352.html
http://www.berliner-zeitung.de/archiv/zwei-jahre-nach-den-ereignissen-von-sebnitz-rollt-eine-mdr-dokumentation-den-fall-erneut-auf-der-verdacht,10810590,10045280.html

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Michael Lorenz / 23.01.2015

Ich würde gerne einmal eine rein logische Analyse versuchen. Es gab zu dem Fall auch eine Demo, u.a. mit folgendem Transparent:  “In Gedenken an Khaled Idris Bahray / (…) tötet immer wieder” (Auslassung von mir). Der erste Satz stellt erkennbar klar: es geht um Mitgefühl für den Getöteten und, so dürfte wohl im Sinne des Schreibers zu vermuten sein, um Menschen in ähnlicher Lage, denen so ein Schicksal erspart werden muss. Der zweite Satz drückt aus, was die Ursache dieses Schicksals ist, was also bekämpft werden muss, will man jene in ähnlicher Lage schützen. Den Vermutungen des damaligen Augenblicks entsprechend, stand da, wo ich jetzt Punkte gesetzt habe: “Rassismus”. Stellt sich nun heraus, dass der Hintergrund ein anderer war, und nimmt man weiterhin an, dass es den Demonstranten tatsächlich um das Schicksal des Opfers sowie der Vermeidung ähnlicher Fälle geht, ist die Demo immer noch angebracht, ja sogar notwendig, nur dass die Pünktchen jetzt mit einem anderen Begriff zu fülle wären - insbesondere, wenn man auch noch weiß, dass dergleichen nicht zum ersten Mal vorkommt: “In Gedenken an Khaled Idris Bahray / Unkontrollierte Zuwanderung tötet immer wieder”. Somit müsste man den kompletten Demo-Zug als Teilnehmer beim nächsten Pegida-Spaziergang wiederfinden, denn unter Anwendung der Pegida-Forderungen (schnellere Verfahren, Durchführen von Abschiebungen, aber würdigeres und dezentrales Unterbringen der Berechtigten) hätte sich der Fall ziemlich sicher gar nicht erst ereignet. Wir werden die Demo-Teilnehmer trotzdem nicht bei Pegida zu sehen bekommen? Vermutlich sogar nicht einen Einzigen? Na, da schau her. Aber: wo genau liegt dann mein Denkfehler?

Wolfgang Schmid / 23.01.2015

Nach Denkart von Stern.de sind die wahre Lügenpresse die “Beobachter des Geschehens in Dresden, die meinten, eins und eins zusammen zählen zu können und dies in sozialen Medien und Leserbriefkommentaren äußerten.“ Die klassischen Medien sind also wieder mal ohne Schuld? Warum aber können “Beobachter des Geschehens” (von denen wahrscheinlich kein einziger im vergangenen Monat in Dresden war) ihre Hetze in “Leserbriefkommentaren” auf Plattformen der Presse äußern? Diese Kommentarspalten sind die Achillesferse des Online-Journalismus: Leserbriefe werden intensiver gelesen als die dazugehörigen Artikel. Und das freut die Redaktion, denn das bringt Klicks für die IVW-Analyse, von der die Anzeigenbuchungen abhängen. Deshalb lassen viele Redaktionen hier den Mob toben und lassen jede noch so wilde Spekulation sprießen.

Tina Elderling-Manne / 23.01.2015

Wundert mich beim stern nicht. Man darf nicht vergessen, das ist auch die #Aufschrei Postille, die aus einem ignorierenswerten Alkoholspruch eine Staatsaffäre machte. Es sind schon merkwürdige Zeiten, in denen am Vorpolitischen kratzende Hochglanzpostillen zu Moralpredigern werden. Das gute daran: Die Abozahlen werden eine Antwort geben.

Paul Mittelsdorf / 23.01.2015

“Dass nicht gerade wenigen Pegida- oder Legida-Anhängern oder wer auch immer unter diesen seltsamen Labels mitläuft, die islamistischen Anschläge in Paris hochwillkommen waren, steht außer Frage.” Was soll das? Geht es nicht noch eine Spur zynischer? Falls Pegida-Kritik als Standartrepertoire denn sein muß, dann bitte nicht andauernd unter der Gürtellinie.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfgang Röhl / 17.12.2023 / 10:00 / 56

„Mikroaggression“: 50 Jahre Bullshit-Bingo

Während auf Straßen und in Schulen reale Gewalt explodiert, gehen akademische Linksradikale mit einem verstaubten Gewaltkonstrukt auf Weißen-Bashing. Mittels sogenannter Mikroaggressionen würden angeblich Marginalisierte ausgegrenzt,…/ mehr

Wolfgang Röhl / 02.12.2023 / 06:15 / 81

Den Schuss nicht gehört. Deutschland im Krimiwahn

Ohne Krimi geht der Deutsche nie ins Bett. Verrückt: Je stärker die reale Kriminalität steigt, desto lieber lassen sich Menschen von fiktiven Krimistoffen oder Podcasts…/ mehr

Wolfgang Röhl / 26.03.2023 / 10:00 / 18

Von Gräbenbuddlern und Brückenbauern

Cora Stephan hat den dritten Teil ihrer Geschichte deutscher Verhältnisse veröffentlicht. „Über alle Gräben hinweg“ beschreibt die Geschichte einer deutsch-schottischen Freundschaft in der Zeit zwischen…/ mehr

Wolfgang Röhl / 13.11.2022 / 12:00 / 42

Wo, bitte, geht’s zum Film?

Es wird dunkler in Deutschland, auch in meteorologischer Hinsicht. Zeit, auf Vorrat ein paar spannende Filme aus dem Fernsehen abzuspeichern. Das Angebot ist groß. Aber…/ mehr

Wolfgang Röhl / 19.06.2022 / 06:00 / 99

Wo ist eigentlich das Vollweib hin?

Fernsehfilme mit erdigen Wuchtbrummen à la Christine Neubauer fuhren einst Traumquoten ein, Ratgeber zum Thema „Vollweib“ waren Bestseller. Doch jetzt wurde das dralle Heteroweib im…/ mehr

Wolfgang Röhl / 08.05.2022 / 06:25 / 91

„Schwarz bitte groß schreiben, weiß klein und kursiv“

Manche Verlage beschäftigen neuerdings Sensitivity Readers. Freischaffende Zensoren, die Manuskripte scharf auf Rassismus, Sexismus und Postkolonialismus checken. Beim kleinsten Verdacht auf falsche Gesinnung schlagen sie Alarm.…/ mehr

Wolfgang Röhl / 26.03.2022 / 06:15 / 130

Wenn der Transmann zweimal klingelt

Unser ehedem einfältiges Unterhaltungsfernsehen ist vielfältiger geworden. Aber reicht das? Der wichtigste deutsche TV-Produzent hat eine tolle Idee: Künftig werden Filme so gebaut, dass sich…/ mehr

Wolfgang Röhl / 02.01.2022 / 14:00 / 43

Wenn das Fernsehvolk den Lümmel macht

Zwei aufwändig produzierte, von vielen Medien hoch gelobte TV-Serien, mit denen die ARD zum Jahresende punkten wollte, fielen beim Publikum durch. Anlass zur Hoffnung, Zuschauer könnten…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com