
Ich würde gerne einmal eine rein logische Analyse versuchen. Es gab zu dem Fall auch eine Demo, u.a. mit folgendem Transparent: “In Gedenken an Khaled Idris Bahray / (…) tötet immer wieder” (Auslassung von mir). Der erste Satz stellt erkennbar klar: es geht um Mitgefühl für den Getöteten und, so dürfte wohl im Sinne des Schreibers zu vermuten sein, um Menschen in ähnlicher Lage, denen so ein Schicksal erspart werden muss. Der zweite Satz drückt aus, was die Ursache dieses Schicksals ist, was also bekämpft werden muss, will man jene in ähnlicher Lage schützen. Den Vermutungen des damaligen Augenblicks entsprechend, stand da, wo ich jetzt Punkte gesetzt habe: “Rassismus”. Stellt sich nun heraus, dass der Hintergrund ein anderer war, und nimmt man weiterhin an, dass es den Demonstranten tatsächlich um das Schicksal des Opfers sowie der Vermeidung ähnlicher Fälle geht, ist die Demo immer noch angebracht, ja sogar notwendig, nur dass die Pünktchen jetzt mit einem anderen Begriff zu fülle wären - insbesondere, wenn man auch noch weiß, dass dergleichen nicht zum ersten Mal vorkommt: “In Gedenken an Khaled Idris Bahray / Unkontrollierte Zuwanderung tötet immer wieder”. Somit müsste man den kompletten Demo-Zug als Teilnehmer beim nächsten Pegida-Spaziergang wiederfinden, denn unter Anwendung der Pegida-Forderungen (schnellere Verfahren, Durchführen von Abschiebungen, aber würdigeres und dezentrales Unterbringen der Berechtigten) hätte sich der Fall ziemlich sicher gar nicht erst ereignet. Wir werden die Demo-Teilnehmer trotzdem nicht bei Pegida zu sehen bekommen? Vermutlich sogar nicht einen Einzigen? Na, da schau her. Aber: wo genau liegt dann mein Denkfehler?
Nach Denkart von Stern.de sind die wahre Lügenpresse die “Beobachter des Geschehens in Dresden, die meinten, eins und eins zusammen zählen zu können und dies in sozialen Medien und Leserbriefkommentaren äußerten.“ Die klassischen Medien sind also wieder mal ohne Schuld? Warum aber können “Beobachter des Geschehens” (von denen wahrscheinlich kein einziger im vergangenen Monat in Dresden war) ihre Hetze in “Leserbriefkommentaren” auf Plattformen der Presse äußern? Diese Kommentarspalten sind die Achillesferse des Online-Journalismus: Leserbriefe werden intensiver gelesen als die dazugehörigen Artikel. Und das freut die Redaktion, denn das bringt Klicks für die IVW-Analyse, von der die Anzeigenbuchungen abhängen. Deshalb lassen viele Redaktionen hier den Mob toben und lassen jede noch so wilde Spekulation sprießen.
Wundert mich beim stern nicht. Man darf nicht vergessen, das ist auch die #Aufschrei Postille, die aus einem ignorierenswerten Alkoholspruch eine Staatsaffäre machte. Es sind schon merkwürdige Zeiten, in denen am Vorpolitischen kratzende Hochglanzpostillen zu Moralpredigern werden. Das gute daran: Die Abozahlen werden eine Antwort geben.
“Dass nicht gerade wenigen Pegida- oder Legida-Anhängern oder wer auch immer unter diesen seltsamen Labels mitläuft, die islamistischen Anschläge in Paris hochwillkommen waren, steht außer Frage.” Was soll das? Geht es nicht noch eine Spur zynischer? Falls Pegida-Kritik als Standartrepertoire denn sein muß, dann bitte nicht andauernd unter der Gürtellinie.
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