Wolfgang Röhl / 14.01.2015 / 13:02 / 6 / Seite ausdrucken

Der Dummschwatz des Jahres

Und das Unwort des Jahres heißt…“Lügenpresse“! Das haben die Medien, ob nur mal gelegentlich, bei passendem Anlass auch öfters oder gar überwiegend lügnerisch tätig, gestern und heute flächendeckend und dankbar vermeldet. Es lag in der Dresdner Luft, sozusagen. Voraussehbar wie die Besetzung einer Frank Plasberg-Talkrunde zum Thema Islam. Dass die in die Jahre gekommene Unwort-Kür eines wichtigtuerischen Professoren-Klüngels, die letzthin in den Medien meist nur unter Vermischtes lief, heuer prominent vermeldet wurde (NDR-Anmoderation: „Jetzt ist es raus, wie Sie sicher schon in den Nachrichten gehört haben“), hat mit einer unerhörten Tatsache zu tun. Die für Millionen Menschen Meinungen emittierende Klasse dieser Republik fühlt sich durch ein paar tausend Protestierende schwer auf den Schlips getreten.

Warum eigentlich? Dass der Staat durch die „Pressmaffia verwüstet“ werde, hat Karl Kraus schon 1902 postuliert, sich selber und seine „Fackel“ natürlich ausnehmend. Kraus machte das Wort „Journaille“ populär, was soviel wie Presse-Pack bedeutet. Dass ihre politisch anders gepolten Kollegen lügen, verkünden viele Journalisten seither grobhals oder lassen es elegant durchblicken. Der von einem so genannten Medienjournalisten gegründete, auf Schwarm-Denunziation und Erbsenzählerei beruhende „Bildblog“ müht sich seit Jahr und Tag, vornehmlich die „Bild“ und anderes Springer-Presswerk der Lüge und Manipulation zu überführen.

Und wer über lange Jahre zum Beispiel der Beschallung des Senders „NDR-Info“ ausgesetzt war, dessen Trachten, die gesamte Welt sowie die norddeutsche Tiefebene aus einer stramm rotgrün gefärbten Haltung heraus zu erklären, Gegenpositionen höchstens in Ultrakurzform als Rundfunkrat-Alibi zuzulassen, unablässig ins wohlfeile Gutmenschenhorn zu tröten, dessen Tonalität Grüne, SPD, Gewerkschaften, Sozialverbände und die evangelischen Kirchen vorgeben - so jemand wird die Existenz einer veritablen „Lügenpresse“ nicht von vorneherein ausschließen wollen. Auch wenn es im ARD-Verbund andere Sender wie den DLF gibt, die streckenweise noch so etwas wie informativen, halbwegs fairen Journalismus betreiben.

Dass „die Presse“ lügt oder ihr jedenfalls nicht zu trauen ist, geben bei Befragungen mittlerweile rund die Hälfte der Bundesbürger an. Das ist die heftigste Watsche, die ihr in der Bundesrepublik je erteilt wurde. Nimmt man neben dem allgemeinen Bedeutungs- und dem schmerzhaft spürbaren Einkommensverlust der Journalisten, deren Zunft im Ranking der angesehenen Berufe schon lange irgendwo ganz unten dümpelt, noch die Zukunftsängste vieler Schreibarbeiter in Betracht, vor denen sich die Werkstore reihenweise schließen, dann wird die maßlose Wut verständlich, mit der viele Journalisten auf die Lügenpresse-Schreier in Dresden eindreschen.

Mit Begriffen wie „Mob“, „Rechtsradikale“, „Dumpfbacken“ und „Neonazis“ sind die Kommentare gespickt. Wer es filigraner mag, wie der „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer, nennt die Lügenpresse-Rufer „ein paar tausend Leute in Funktionsjacken“. Es stimmt vermutlich, dass jenes Völkchen, welches sich in Dresden versammelt, eher selten bei Manufactum Marinelodenmäntel für 522 Euro kauft.

Also, mal zur Sortierung: Das Unwort „Lügenpresse“ soll nach dem Vorschlag einiger Akademiker künftig geächtet werden. Unterstützt wird das vehement von jener Branche, der das Unwort gilt. Wie wäre es, wenn man einfach den Unfug mit der Unwortwahl ächtete? Mit Sieger-Wörtern wie „Humankapital“, „Entlassungsproduktivität“, „Überfremdung“ oder „Sozialtourismus“ wird ja sowieso kein sprachkritisches Anliegen verfolgt, sondern bloß eine Gesinnung demonstriert. Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit der Kür des nicht so griffigen, dafür aber relevanteren „Dummschwatz des Jahres“? Hier schon mal mein Vorschlag:

“Wir dürfen den Terroristen nicht in die Falle tappen. Eine Einschränkung von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ist genau das, was sie bewirken wollen“.

So sprach der Bundesjustizminister zwei Tage nach den Terrorattentaten von Paris, die man korrekterweise islamistischen Terror zu nennen hat. Begründung für die Auszeichnung seines Spruchs:

„Die besonders in Deutschland verbreitete Neigung, selbst massivsten Angriffen von Gegnern des freiheitlichen Rechtsstaates mit Nichtstun zu begegnen, wird in diesem Mantra exemplarisch manifest. Zu Zeiten der RAF enthielt es womöglich einen Kern Wahrheit, da einige der Baader-Meinhof-Terroristen mit ihren Aktionen tatsächlich bewirken wollten, dass der nach ihrer Ansicht latent faschistische Staat sich endlich kenntlich machen sollte.

Heutigen Terroristen, bei denen es sich weltweit zu mindestens 90 Prozent um Islamisten handelt, zu unterstellen, sie interessierten sich für die Abschaffung von Werten wie ‚Freiheit und Rechtsstaatlichkeit’, welche ihnen komplett wurscht sind, grenzt an politische Debilität. Logischerweise müssten Terroristen, wenn sie strategisch denken könnten, ja gerade an der Stabilisierung von prophylaxephoben und Snowden-verliebten Wolkenkuckucksheimen wie der Bundesrepublik interessiert sein, um von hier aus ungestört ihren Tätigkeiten nachgehen zu können. Die Auszeichnung ‚Dummschwatz des Jahres’ gebührt daher Herrn Heiko Maas, SPD“.

Was nicht heißt, dass er sie tatsächlich kriegt. Das Jahr ist noch jung. Konkurrenten stehen sicher bereits in den Startlöchern.

 

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Leserpost

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Harald Drings / 15.01.2015

Ich stimme fast allem zu was im Beitrag geschrieben ist und denke trotzdem dass “Lügenpresse” zu Recht Unwort des Jahres ist. Gerade WEIL die Kritik an der Objektivität der deutschen Presse durchaus berechtigt ist, müsste sie sehr viel weniger plump formuliert werden. Pauschale Verunglimpfungen verhindern eher eine Verbesserung als dass sie sie fördern: Keine konkrete Forderung die die Presse erfüllen soll aber dafür eine lehrbuchreife Steilvorlage für Diffamierungskampagnen.

Karsten Albert / 15.01.2015

Sehr geehrter Herr Röhl, ich glaube, Sie irren sich. Die Umwortwahl zeigt schon eine gewisse Weitsicht. Was hätte sich denn noch als Kandidat angeboten? Schande für Deutschland z.B. oder Mischpoke, widerlich und Rattenfänger. Islamfeindlich und rechtsradikal, Idioten und Dumme, Rassisten und Nazis in Nadelstreifen. Die Jury hatte einfach zu viele Möglichkeiten. Also wurde kurzerhand der Gegenpol gekürt: Lügenpresse als Zeichen der Abwehr zu einer beinahe faschistoiden Kampf- und Kriegsrhetorik. Das weist sehr klar darauf hin, dass man dieser überheblichen und gesinnungsdiktatorischen Einpeitscherei nur auf derselben Ebene begegnen kann. Wie hieß es letztens: Noch nie ist das deutsche Volk derartig beschimpft worden… Klemperer wäre aus dem Kopfschütteln nicht heraus gekommen.

Wolfgang Conrad / 14.01.2015

In Demokratien sollte die Mehrheit durch die mandierten Bürger vertreten werden, und nicht die mandierten Bürger der Mehrheit verkünden, was die Mehrheit vertreten möge.

Markus Schmidt / 14.01.2015

Die von Cem Özdemir für die Pegida Demonstranten benutzte Bezeichnung “Mischpoke” ist offensichtlich nicht belastet genug.  

Christian Fischer / 14.01.2015

Sehr geehrter Herr Röhr, stimme Ihnen zu bis auf die - immer noch verbreitete - Einschätzung des DLF. Bitte unterziehen Sie sich einmal der Mühe, unter der Woche z. B. nur von 07:30 bis 11:00 reinzuhören. Sie werden in mehrfacher Hinsicht erschüttert sein.

Ellen Daniel / 14.01.2015

Ein Tipp die gute alte journalistische Recherche betreffend: Machen Sie mal eine Reise in die ost-deutsche Provinz, am besten ins tiefste Brandenburg oder Sachsen. Vielleicht kann man das von der Steuer absetzen. Ist jedenfalls richtig Arbeit. Dort dominieren rechtsradikale Jugendliche und junge Erwachsene nämlich nicht nur den öffentlichen Raum (mit Pöbeleien gegen jeden, der nicht bio-deutsch aussieht oder nicht blond genug guckt), dort ist bei den intelligenteren Trendscouts auch eine Sprache vorzufinden, die eher auf Julius Streicher als auf Karl Kraus zurückgeht. Man kann es herrlich erfrischend und Anti-PC finden, wenn Nazi-Denke und Nazi-Vokabular fröhliche Urständ feiern. Man kann es aber auch als Zeichen einer Trendwende betrachten. Genau darauf macht die Wahl des Unworts des Jahres aufmerksam, völlig zu Recht. Die Rehabilitierung von völkischem Denken und kollektivistischem Staatsverständnis finde ich als Journalistin, als Mensch und als BioBiedermeier-Verweigerin einfach nur eines: beschissen.

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