Der Verkehrsminister kündigt eine Verspätung der Bahn bei der Verspätungs-Bekämpfung an. Frei nach Bertolt Brecht: "Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht."
Dieser vorletzte September-Montag sollte eigentlich ein guter Tag für die Bahn werden. Der Bundesverkehrsminister hatte angekündigt, Nicht nur die neue Bahnchefin offiziell vorzustellen, sondern auch eine neue Bahnstrategie, mit der das Unternehmen aus seiner derzeitigen Krise heraus gefahren werden sollte. Manche Berichterstatter orakelten gar im Vorfeld, wie wichtig es doch wäre, wenn der Minister gleich Kurs auf eine grundlegende Bahnreform nehmen würde.
Die letzte datiert auf das Jahr 1994 und bestimmte die Fahrtrichtung zu Aktiengesellschaft und Privatisierung. Das mit der Aktiengesellschaft hat zwar geklappt, aber ein Staatsbetrieb ist die Deutsche Bahn dennoch geblieben. Kritiker unken schon seit Jahren, bei der bundeseigenen Eisenbahn hätte sich das Schlechteste aus beiden Welten zu einer unheiligen Allianz zusammen gefunden. In jedem Fall – das können die Kunden tagtäglich an Deutschlands Bahnsteigen erleben – wurde die Bahn in den letzten Jahren in eine schwere Krise geführt, vor allem, was ihr eigentliches Kerngeschäft anbelangt.
Von den Bahn-Verheißungen dieses Montags wurde am Wochenende schon die entscheidende Personalie bekannt: Evelyn Palla, bisher das für den Regionalverkehr zuständige Vorstandsmitglied, soll neue Bahnchefin werden. Die Entscheidung wurde mit viel Lob bedacht. Zwar scheint die Frau alle falschen Weichenstellungen des Vorstands mitgetragen zu haben, aber in ihrem Verantwortungsbereich soll der Betrieb Berichten zufolge besser laufen, als in anderen Teilen der Deutschen Bahn AG. Zudem wird ihr allenthalben hoch angerechnet, dass sie sich auch zum Lokführer ausbilden ließ, um das Kerngeschäft des eigenen Unternehmens in der Basis kennen zu lernen. Das weckt immerhin die Hoffnung, dass sie nicht von jedem vorherrschenden Ungeist der Manager-Kaste beherrscht ist, nachdem es letztlich egal ist, ob das Unternehmen, das man führt, nun Würstchen herstellt, Panzer baut oder eben Züge fahren lässt.
Es hätte also ein schöner Montag für die Bahn werden können, doch irgendwie konnte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) seinen weiteren neuen Bahnfahrplan nicht so besonders gut in die Öffentlichkeit transportieren. Bevor er sich öffentlich im Charme seiner neuen Bahnchefin und vielleicht weiterer guter Ideen sonnen konnte, griffen die Medienschaffenden einen anderen wichtigen Punkt aus seinen Plänen heraus.
Selbst das deutsche Regierungshandeln äußerst rücksichtsvoll begleitende Redaktionen, wie die von tagesschau.de sahen sich gezwungen, Unangenehmes zu berichten. Immerhin gönnten die Tagesschau-Autoren dem Herrn Minister noch ein paar milde Einführungsworte:
„Mit seiner neuen Bahnstrategie will Verkehrsminister Patrick Schnieder die Bahn wieder nach vorne bringen. ‚Weiter so‘ sei keine Option, sagte Schnieder bei der Vorstellung. In den Mittelpunkt will er dabei die Kunden stellen.“
"Nicht annähernd erreichbar"
Dann aber mussten auch sie berichten, dass es trotzdem vorerst beim „Weiter so“ bleiben muss:
„Im Fernverkehr will Schnieder die Ziele zur Pünktlichkeit jedoch erstmal nach hinten verschieben. Bis Ende 2029 soll die Pünktlichkeit im Fernverkehr bei mindestens 70 Prozent liegen. Die bislang von der Bahn anvisierten Ziele seien ‚nicht annähernd erreichbar‘, so Schnieder. Das bisherige Ziel der Bahn sah diese Quote bereits für 2026 vor.
Mittelfristig soll die Quote nun laut Ministerium bei mindestens 80 Prozent liegen, langfristig bei mindestens 90 Prozent. Im Nahverkehr soll die Pünktlichkeit dauerhaft auf mehr als 90 Prozent betragen. Ein konkreter Zeitraum für diese Ziele geht aus der Strategie nicht hervor.“
Und warum sind die Ziele „nicht annähernd erreichbar“? Sind „Personen im Gleis“, „Störungen im Betriebsablauf“, „Extremwetterereignisse“ oder „das unbefugte Benutzen einer Notbremse“ der Grund für die Verspätung bei der Verspätungs-Bekämpfung. Zur Erläuterung für die glücklichen Nicht-Bahnfahrer, das sind einige der gängigen „Begründungen“ in den Ansagen auf deutschen Bahnsteigen und in deutschen Zügen für die zahlreichen Verspätungen. Manchmal ist es übrigens auch das „Warten auf Personal aus einem verspäteten Zug“.
Das alles hört sich nicht so sehr danach an, als stünde der Kunde dabei, wie einleitend versprochen, im Mittelpunkt. Aber wahrscheinlich ist der Minister auch nur ehrlich, wenn er es diesem verkorksten Bahn-Apparat nicht zutraut, die dringend nötigen Reformen kurz- und mittelfristig umzusetzen. Dazu müssten sich wahrscheinlich zu viele der zuständigen Entscheider selbst wegreformieren, was in etwa so erfolgversprechend ist, wie die Idee, Ministerialbürokratien zum Bürokratieabbau zu verpflichten.
Womöglich hat der Minister selbst auch keine Informationen bekommen, die belastbar genug wären, die verspäteten Pünktlichkeitsziele mit einem neuen konkreten Ankunfts-Zeitpunkt zu versehen. Auch das kennen Bahnfahrer zur Genüge. Oft müssen sie hilflos zusehen, wie die Verspätungszeit des Zuges auf den sie warten und in dem sie dann sitzen wächst und wächst. Da der Verkehrsminister noch nicht lange im Amt ist, kann er natürlich noch nichts dafür, dass er nun den Verspätungsminister geben muss. Aber die Bahnreisenden können auch nichts dafür, wenn sie durch Zugverspätungen Termine verpassen. Sie müssen dennoch die Folgen tragen.
Noch nicht der große Wurf?
Selbstverständlich berichteten die Medien am Montagvormittag auch von konkreteren Plänen des Ministers. Er will demnach den Vorstand der Deutschen Bahn verkleinern. Sowohl der Vorstand des Mutterkonzerns als auch der Infrastruktur-Tochter DB InfraGo soll künftig mit maximal je sechs Personen besetzt sein. Derzeit besteht der Konzernvorstand aus acht Ressorts, die auf sieben Vorstandsmitglieder verteilt seien, weil Personalvorstand Martin Seiler seit einigen Monaten auch kommissarisch für die Finanzen zuständig ist.
Das mag durchaus in die richtige Richtung weisen, sieht aber für den von ungeplanten Wartezeiten geplagten Bahnkunden noch nicht nach dem großen Wurf aus, der nötig wäre. Zumal die Nachrichten von der Lage an den Gleisen auch keinen so richtig schönen Rahmen setzen. Ausgerechnet an der ohnehin schon durch monatelange Bauarbeiten ausgebremsten Bahnverbindung von Hamburg nach Berlin sorgte eine Oberleitungsstörung für Zugausfälle und lange Verspätungen.
Das passt zu den aktuellen Zahlen, über die t-online.de berichtet. Demnach habe die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr im ersten Halbjahr noch bei 63,4 Prozent gelegen. In den Sommermonaten sei sie noch weiter abgesackt, auf 56,1 Prozent im Juli und 59,6 Prozent im August.
Peter Grimm ist Journalist, Autor von Texten, TV-Dokumentationen und Dokumentarfilmen und Redakteur bei Achgut.com.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

@ Hans-Joachim Gille – „Warum holen wir keine Japanischen Bahner ins Land?“ – Warum so weit reisen, wenn es die „Schweiz“ auch regeln könnte. Dortige „Bahner“ im Tausch gegen die massenhaft nach dort „Auswandernden“ (echten Fachkräfte).
Ein „Totes Pferd“ bekommt jetzt eine Reiter*in. Damit soll die Reanimation gelingen? Es ist nur noch zum Totlachen. Nicht nur bezüglich der Bahn, sondern hinsichtlich des „Gesamtbildes“.
Was für ein Loser! Mit so einer negativen Ansage seine neue Bahnchefin vorzustellen, grenzt schon an Sabotage! Eisenbahner haben einen Codex. Wie die Feuerwehr oder die Polizei. Der allererste und wichtigste Punkt ist Pünktlichkeit! Der zweite: Pünktlichkeit! Und dann kommt der oberste Dienstherr dahergelaufen und verkündet die Zukunft der Verspätung! Der hat nichts verstanden, sich nicht informiert, ein Lutscher! Was für Vollidioten in diesem besten Land aller deutschen Zeiten Minister werden können, ein Armutszeugnis! Er hätte sagen können, Los Leute, packen wir es an, wir werden pünktlich! Positiv sein, die Angestellten mitnehmen und an ihrer Ehre packen! Nein. Wir werden noch unpünktlicher und hier, die Neue, die hilft euch dabei! Was für ein Loser! Was für ein Schniedel!
In Japan gibts 2 Jahre Knast für verspätete Züge. Bei uns 2 Millionen Abfindung…
Zwei Mal – NUR zwei Mal!!! – soll der Vorstand der Bahn den Passagieren des verspäteten Zuges ihre Kosten AUS EIGENER TASCHE erstatten (etwa 100 € x 500 Fahrgäste = 50 000 €, eigentlich Peanuts) – und – oh Wunder! – schon ab den folgenden Tag wird die Pünktlichkeit bei 100% liegen.
Selbst die vermeintlich erfolgreiche Gründung der Aktiengesellschaft war tatsächlich ein Fehlschlag, denn geplant war eigentlich der Börsengang – der aufgrund der gravierenden Geschäftsprobleme und infolgedessen mangelnden Attraktivität für Anleger auf unbestimmte Zeit verschoben ist. DB AG, eine Bahn wie das Land.
Und bei der neuen Bahn-Chefin sei es im Regionalverkehr gut gelaufen? Selbst erlebt: Mit dem ICE in Düsseldorf angekommen, mit Gepäck und heraushänder Zunge zum weit entfernten Gleis gesprintet, um dann der Durchsage zu lauschen: <Der RE1234 von A nach B über C und D hat voraissichtlich 29 Minuten Verspätung, da er auf einen vorrangigen Zug warten muss> (und das war natürlich auch einer mit Verspätung). Entweder sind solch unvorhersehbaren Ereignisse Zufälle oder die Bahn hat sich bei jeder meiner eher seltenen Bahnfahrten nur gegen mich verschworen. Ein huter Ratschlag für die Bahn: Setzt einfach gar keine Züge mehr auf’s Gleis, dann hat sich das Thema Verspätungen erledigt und die Einsparungen wären enorm. Innerhalb weniger Monate könnten die Vorstände schwarze Zahlen vorweisen!