Oliver Zimski / 19.05.2016 / 09:00 / 5 / Seite ausdrucken

Der Böhmermann von Spiegel-Online

Eigentlich wollte ich es nicht mehr tun. Hinterher bleibt immer das schale Gefühl, es doch vorher gewusst und die eigene Zeit vergeudet zu haben. Trotzdem bin ich vor ein paar Tagen aus einem nostalgisch-sentimentalen Anflug heraus zu einer längst verflossenen Liebe zurückgekehrt.

Ich klickte also seit langem wieder einmal auf SPON, überflog ein paar Artikel und blieb bei  der Kolumne von Georg Diez hängen, die – wie sollte es anders sein – auch diese Woche um seine Obsession, die AfD, kreiste, diesmal unter der Überschrift „Rechte Talkshowgäste – wie Pyromanen in der Streichholzfabrik“ . Schon der Titel lässt tief blicken in ein ideologisches Weltbild, welches offenbar so fragil ist, dass es durch „falsche“ Äußerungen (von „Hetzern“ oder „Provokateuren“) ins Wanken gebracht werden kann.

Die Hauptthese des Autors lautet, in einem Satz zusammengefasst: Die öffentlich-rechtlichen Sender befördern in Deutschland einen gesellschaftlichen Rechtsruck, weil sie Rechtspopulisten in ihre Talkshows einladen, deren Äußerungen nicht „hilfreich“ sind, wie Angela Merkel es ausdrücken würde. Oder mit seinen eigenen Worten: „Was soll das? Es ist klar, was Frauke Petry sagen wird, es ist nicht konstruktiv, es ist polemisch, es vergiftet das Klima, es macht die Diskussion kaputt – und vor allem, es wurde schon 1000mal gesagt, von ihr und ihren AfD-Kollegen.“

Obacht: Ein stiller Putsch von klammheimlichen Rechten in ARD und ZDF

„Rechte“ sollen möglichst gar nicht mehr öffentlich zu Wort kommen, denn sie „beschwören Negativbilder“, führen „Angstdiskussionen“, „verzerren“ den öffentlichen Diskurs oder „bewerfen Menschen mit Statistiken“, wie der Migrationsforscher Ruud Koopmans, zu dessen Einladung bei Anne Will sich für Georg Diez eine entscheidende „journalistische Frage“ stellt: „Wenn schon vorher klar ist, dass er so kritisch ist, warum genau wird er eingeladen, in eine Runde, die der Integration gegenüber eh schon überwiegend kritisch ist?“

Folgerichtig sieht der SPON-Kolumnist einen „stillen Putsch von Redakteuren“ im Gange, eine „verschworene Phalanx“, die mutwillig Rechtspopulisten in ihre Talkshows einlädt, „aus Selbsthass oder stiller Sympathie“ und die ARD und ZDF dazu treibt, „seit Monaten Wahlwerbung für die AfD“ zu machen.

Boah, dachte ich beim ersten Lesen, das ist ja die pure Projektion! Diez und seine Kolumnisten-Kollegen um Jakob Augstein („Im Zweifel links“), die Woche um Woche die gleiche abgestandene Gegen-Rechts-Soße aufwärmen, und das auf einem inhaltlichen und stilistischen Niveau, das einfach unterirdisch ist. Verbreiten am linken Stammtisch pures Ressentiment gegen alle, die nicht so ticken wie sie selbst. Frönen derselben Demokratie-Auffassung wie die Antifa: „Rechtspopulismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ Und was darunter zu verstehen ist, bestimmen allemal sie selbst.

Hat der Mann die letzten 30 Jahre im Koma gelegen?

Der zweite Gedanke war schon mit einem dicken Zweifel belegt: Kann es wirklich wahr sein, dass hier Typen die SPIEGEL-Meinungskolumnen gekapert haben, die bierernst eine „parteiliche“ Auffassung von „sozialistischer Demokratie“ vertreten, als hätten sie die letzten 30 Jahre im Koma gelegen und den politischen und moralischen Zusammenbruch des Kommunismus verpasst, wie die Mutter des Protagonisten in „Goodbye Lenin“?

Beim dritten Nachdenken dämmerte mir endlich, dass ich sehr intelligent hereingelegt worden war: Diez´ letzte SPON-Kolumne (und das gilt sicher auch für seine vorherigen) ist Teil einer ganz raffinierten Kunstaktion, nach dem Motto: Ich werfe den Pappnasen von der AfD vor, dass sie Demokratie und Meinungsfreiheit gefährden, fordere im gleichen Atemzug, ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung zu entziehen und zeige damit, dass solche Intoleranz eine noch viel schlimmere Gefahr für die Demokratie darstellen würde.

Einen ähnlichen Coup hat ja kürzlich auch der Böhmermann mit seiner absichtlich überdrehten Erdogan-Kritik gelandet. Also, nichts für ungut, Herr Diez: eine tolle Aktion, nur leider so unglaublich subversiv, dass sie bisher kaum jemand kapiert hat!

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

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Leserpost

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Klaus Backer / 20.05.2016

Super. Ich habe mich in Ihnen wiedergesehen. Beim Lesen der SPON-Kolumne habe ich mich genau so geärgert und auch gleich einen bewusst zurückhaltenden SPON-Kommentar geschrieben. Dieser wurde aber gar nicht veröffentlicht.

Stefan Teschner / 19.05.2016

Es spricht für Ihre grundpositive Einstellung, Herr Zimski, dass Sie dem Diez eine gute Absicht unterstellen - tatsächlich war dieser Beitrag im Rückblick auf die vergangenen Monate nur der traurige Tiefpunkt des Diez’schen Kolumnenschaffens - der immerhin, vielleicht unabsichtig, einen Einblick in sein mehr als zweifelhaftes Demokratieverständnis gewährt. Der Beitrag wurde im Forum aber deutlich mehrheitlich angemessen sarkastisch kommentiert.

Simon Templar / 19.05.2016

Sie haben ja so recht. Mir graust vor einer Welt, in der ein Diez tatsächlich Macht hat.

Steffen F. Heinze / 19.05.2016

“Aber das kommt eben dabei raus, wenn man (…) jemanden wie den Soziologen und Migrationsforscher Ruud Koopmans einlädt, der nichts Besseres zu tun hat, als Menschen mit Statistiken zu bewerfen.” (Georg Diez) Es ist immer wieder erheiternd, wie allergisch manche Journalisten auf Statistiken, Zahlen und Wissenschaft reagieren, die ein Thema auf eine sachliche statt emotionale Ebene herunterkühlen. Das war auch bei der Sarrazin-Debatte zu beobachten, eine erbitterte Abwehrschlacht der Emotionen gegen Informationen. Da man für Sarrazins Gen-Thesen keine belastbaren Gegenthesen fand, wurde er mit den lächerlichsten Gähn-Thesen beworfen, er sei Biologist, Rassist und schlimmer. Diese Debatten haben ja quasi ein heimliches Motto, frei nach Hegel: Wenn die Tatsachen mit der Theorie übereinstimmen - umso schlimmer für den Theoretiker.

Karl Gottlieb / 19.05.2016

Der Vorwurf, es sei klar, “was Frauke Petry sagen wird”, zieht nicht. Herr Diez hat das Prinzip aller Talkshows nicht verstanden. Eingeladen werden immer nur Leute, bei denen sich die Regie darauf verlassen kann, daß sie sagen werden, was sie immer schon gesagt haben und auch immer wieder sagen werden. Nichts wäre peinlicher als ein Teilnehmer, der vom längst Bekannten abwiche und die Regie damit überraschte, irgendwas Unerwartetes zu sagen. Daher wählt die Regie die Teilnehmer der Talkshows auch immer wieder aus dem gleichen, bewährten Kader von ca 20 Leuten aus - obwohl es in einem Volk von über 80 Mio vielleicht auch noch ein paar andere Vordenker geben sollte…

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