Henryk M. Broder / 13.06.2013 / 16:20 / 0 / Seite ausdrucken

Der Bluthund unter den Philosophen

Anything goes, in diesem unseren Lande. Am Sonntag bekommt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis verliehen. Was ich dazu sagen wollte, habe ich gesagt. Aber für alle, die sich über Cindy von Marzahn, Rosamunde Pilcher, Uta Danella, Florian Silbereisen, Andy Borg und Atze Schröder aufregen und von einem Verfall der Kultur sprechen, will ich es noch einmal und in aller Klarheit sagen: Die Verleihung des Börne-Preises an Sloterdijk stellt den Höhe- bzw. Tiefpunkt der Verlotterung, Verluderung und Verlumpung der deutschen Kultur da. Dabei ist es völlig egal, ob Sloterdijk ein bedeutender Denker oder nur ein bramarbasierender Dummschwätzer ist. Jemand, der einen Massenmord an 3.000 Menschen als einen “Zwischenfall in amerikanischen Hochhäusern” bezeichnet, der unter “den schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen” abgebucht werden sollte, hat das Gemüt eines Bluthundes. Der könnte auch die Posener Rede für ein rhetorisches Meisterwerk halten, denn rein sprachlich betrachtet war sie in der Tat beachtlich.

Wenn 9/11 mit 3.000 Toten ein “Kleinzwischenfall” war, dann gibt es überhaupt keinen Grund, sich über die zehn Opfer des nationalsozialistischen Untergrunds aufzuregen. Oder über die 101 Toten bei dem Zugunglück von Eschede. Oder die Anschläge von Mölln, Hoyerswerda und Solingen. Alles Peanuts! Von einem philosophischen Hochsitz aus betrachtet. Denn für einen ordentlichen Deutschen fängt ein Massenmord erst bei sechs Millionen an. Das soll uns erstmal einer nachmachen.

Nun ist sich der Vorstandsvorsitzende der Ludwig-Börne-Stiftung nicht sicher, ob ich das mit der Rückgabe des Preises “ernst” meine. Ich weiß nicht, was ich tun sollte, um ihn von der Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung zu überzeugen. Alles, was ihn, den Kaufmann, interessiert, ist, ob ich das Preisgeld zurückzahlen werde. Nein, das werde ich nicht, denn die Stiftung schwimmt in Geld. Aber ich werde das Geld an eine caritative Organisation in Israel überweisen, die sich um die Opfer von Terroranschlägen und deren Angehörige kümmert. Unter einer Bedingung. Wenn Sloterdijk sein Preisgeld an den “September 11th Victim Compensation Fund” überweist. Mach mal hinne, Sloti!

PS: Michael Miersch macht mich darauf aufmerksam, dass Bluthunde “keine besonders blutrünstigen Hunde, sondern im Gegenteil… sanft, intelligent und anhänglich sind”. Ihr Name komme vermutlich daher, “dass sie extrem gute Suchhunde sind und man sie deshalb einsetzt um die Blutspur angeschossenen Wildes zu verfolgen”. Ich entschuldige mich also bei allen Bluthunden dafür, sie in einem Satz mit Peter Sloterdijk genannt zu haben. Es wäre auch für Chico, Lucy Rex und Senta eine unerträgliche Zumutung. Sogar Blondie, die einiges gewohnt war, hätte sofort auf den Teppich gekotzt, wenn man ihr diese Gedankendurchfall serviert hätte:

Als ebenso folgenschwer dürfte sich erweisen, dass die Attentäter den Mythos vom Turmbau zu Babel für eine arabisierende Lesart entwendet haben, indem sie den Einsturz der Doppeltürme im heutigen Babylon zu einem Mahnbild für die Rache der Ausgeschlossenen an der Hybris der Herren erhoben. Noch ist es den Angreifern nicht gelungen, einen dritten Mythos in ihre Hände zu bringen, der für die Verarbeitung unserer physischen und mentalen Verletzungen entscheidend sein könnte – ich meine die biblische Erzählung von der Flammenschrift an der Wand, die dem selbstherrlichen Nebukadnezar am Vorabend seines Sturzes als eine letzte Warnung vor Augen gestellt wurde. Kommt es für uns jetzt nicht ganz darauf an, die Flammenbälle über den US-Triumphgebäuden als Zeichen zu lesen – als Mahnsymbole, die auf eine fundamentale Fehlhaltung in unserem Umgang mit der benachteiligten und gekränkten Welt, die längst keine Dritte mehr ist, hindeuten? http://www.focus.de/magazin/archiv/standpunkt-die-schrift-an-der-wand_aid_193048.html

 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 27.05.2024 / 11:00 / 44

Dr. Blume, der Bärendienst-Beauftragte

Mit einer skurrilen Einlassung zum Gaza-Krieg bestätigt Michael Blume eine Gerichtsentscheidung, wonach man ihn einen „antisemitischen Antisemitismusbeauftragten“ nennen darf, als eine präzise Beschreibung seiner beamteten…/ mehr

Henryk M. Broder / 24.05.2024 / 14:00 / 28

Martin Schulz ist kein Freund der Hamas, aber…

Martin Schulz soll die Jugend für den EU-Wahlkampf gewinnen. Die erwischte ihn bei einer öffentlichen Veranstaltung aber auf dem falschen Fuß. Ist aber egal: Hauptsache,…/ mehr

Henryk M. Broder / 21.05.2024 / 12:00 / 30

Ab nach Kassel!

Neues aus Kassel. Eine israelische Kunsthistorikerin bekommt eine Gastprofessur und erklärt ihren Gastgebern als erstes den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Es gibt tatsächlich einen,…/ mehr

Henryk M. Broder / 03.04.2024 / 12:00 / 120

Kein Freibrief von Haldenwang

Von „Verfassungshütern“ wie Thomas Haldenwang geht die größte Gefahr für Meinungsfreiheit und Demokratie in unserem Land aus. Wenn die Bundesrepublik eine intakte Demokratie wäre, dann…/ mehr

Henryk M. Broder / 12.03.2024 / 14:00 / 62

Christian Wulff: Liechtenstein? Nein, danke!

Unser beliebter Ex-Präsident Christian Wulff hat Angst, Deutschland könnte auf das Niveau von Liechtenstein sinken. Das kleine Fürstentum hat auf vielen Gebieten längst die Nase…/ mehr

Henryk M. Broder / 07.03.2024 / 16:00 / 19

Aserbaidschanische Kampagne verhindert Armenien-Debatte

Eine in Berlin geplante Buchpräsentation und Diskussion über bedrohtes armenisches Kulturgut konnte aus Sicherheitsgründen nur online stattfinden. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP)…/ mehr

Henryk M. Broder / 04.03.2024 / 14:00 / 23

Michael Blume: Vom Zupfgeigenhansl zum Ersten Geiger?

In der Dienstzeit des Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume hat die Zahl antisemitischer Straftaten in Baden-Württemberg erfolgreich zugenommen. Aber der Mann hat andere Sorgen. Ende Dezember letzten…/ mehr

Henryk M. Broder / 24.02.2024 / 12:15 / 35

Eilmeldung! Herr Schulz ist aufgewacht!

Im Büro der Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses Marie-Agnes Strack-Zimmermann war nach einem Bericht von Achgut.com die Luft heute morgen offenbar besonders bleihaltig. Richtet man…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com