Anything goes, in diesem unseren Lande. Am Sonntag bekommt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis verliehen. Was ich dazu sagen wollte, habe ich gesagt. Aber für alle, die sich über Cindy von Marzahn, Rosamunde Pilcher, Uta Danella, Florian Silbereisen, Andy Borg und Atze Schröder aufregen und von einem Verfall der Kultur sprechen, will ich es noch einmal und in aller Klarheit sagen: Die Verleihung des Börne-Preises an Sloterdijk stellt den Höhe- bzw. Tiefpunkt der Verlotterung, Verluderung und Verlumpung der deutschen Kultur da. Dabei ist es völlig egal, ob Sloterdijk ein bedeutender Denker oder nur ein bramarbasierender Dummschwätzer ist. Jemand, der einen Massenmord an 3.000 Menschen als einen “Zwischenfall in amerikanischen Hochhäusern” bezeichnet, der unter “den schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen” abgebucht werden sollte, hat das Gemüt eines Bluthundes. Der könnte auch die Posener Rede für ein rhetorisches Meisterwerk halten, denn rein sprachlich betrachtet war sie in der Tat beachtlich.
Wenn 9/11 mit 3.000 Toten ein “Kleinzwischenfall” war, dann gibt es überhaupt keinen Grund, sich über die zehn Opfer des nationalsozialistischen Untergrunds aufzuregen. Oder über die 101 Toten bei dem Zugunglück von Eschede. Oder die Anschläge von Mölln, Hoyerswerda und Solingen. Alles Peanuts! Von einem philosophischen Hochsitz aus betrachtet. Denn für einen ordentlichen Deutschen fängt ein Massenmord erst bei sechs Millionen an. Das soll uns erstmal einer nachmachen.
Nun ist sich der Vorstandsvorsitzende der Ludwig-Börne-Stiftung nicht sicher, ob ich das mit der Rückgabe des Preises “ernst” meine. Ich weiß nicht, was ich tun sollte, um ihn von der Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung zu überzeugen. Alles, was ihn, den Kaufmann, interessiert, ist, ob ich das Preisgeld zurückzahlen werde. Nein, das werde ich nicht, denn die Stiftung schwimmt in Geld. Aber ich werde das Geld an eine caritative Organisation in Israel überweisen, die sich um die Opfer von Terroranschlägen und deren Angehörige kümmert. Unter einer Bedingung. Wenn Sloterdijk sein Preisgeld an den “September 11th Victim Compensation Fund” überweist. Mach mal hinne, Sloti!
PS: Michael Miersch macht mich darauf aufmerksam, dass Bluthunde “keine besonders blutrünstigen Hunde, sondern im Gegenteil… sanft, intelligent und anhänglich sind”. Ihr Name komme vermutlich daher, “dass sie extrem gute Suchhunde sind und man sie deshalb einsetzt um die Blutspur angeschossenen Wildes zu verfolgen”. Ich entschuldige mich also bei allen Bluthunden dafür, sie in einem Satz mit Peter Sloterdijk genannt zu haben. Es wäre auch für Chico, Lucy Rex und Senta eine unerträgliche Zumutung. Sogar Blondie, die einiges gewohnt war, hätte sofort auf den Teppich gekotzt, wenn man ihr diese Gedankendurchfall serviert hätte:
Als ebenso folgenschwer dürfte sich erweisen, dass die Attentäter den Mythos vom Turmbau zu Babel für eine arabisierende Lesart entwendet haben, indem sie den Einsturz der Doppeltürme im heutigen Babylon zu einem Mahnbild für die Rache der Ausgeschlossenen an der Hybris der Herren erhoben. Noch ist es den Angreifern nicht gelungen, einen dritten Mythos in ihre Hände zu bringen, der für die Verarbeitung unserer physischen und mentalen Verletzungen entscheidend sein könnte – ich meine die biblische Erzählung von der Flammenschrift an der Wand, die dem selbstherrlichen Nebukadnezar am Vorabend seines Sturzes als eine letzte Warnung vor Augen gestellt wurde. Kommt es für uns jetzt nicht ganz darauf an, die Flammenbälle über den US-Triumphgebäuden als Zeichen zu lesen – als Mahnsymbole, die auf eine fundamentale Fehlhaltung in unserem Umgang mit der benachteiligten und gekränkten Welt, die längst keine Dritte mehr ist, hindeuten? http://www.focus.de/magazin/archiv/standpunkt-die-schrift-an-der-wand_aid_193048.html