Hans Albers, Filmheld und Publikumsliebling mit dem legendären strahlenden Blick, der ständig Heldenrollen und immer höhere Gagen erlangte, ear im richtigen Leben deutlich weniger heldenhaft. Dies ist die Geschichte eines Filmes und einer Beziehung.
Vor achtzig Jahren begannen die Zensurbehörden der vier Besatzungsmächte, Listen jener Filme zu veröffentlichen, die künftig in deutschen Kinos aufgeführt werden durften. Dabei erlangte ein im vorletzten Kriegsjahr fertiggestellter Streifen mit Hans Albers, Ilse Werner und Hans Söhnker in den Hauptrollen seine Zulassung gänzlich ohne Widerspruch: „Große Freiheit Nr. 7“, 106 Minuten, in denen der Krieg nicht einmal als Wort erscheint.
Nachgeborene fanden das unverzeihlich, Zeitgenossen jedoch feierten den Farbfilm, nachdem er im September 1945 in Berlin zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde. Das war allerdings bereits die zweite Uraufführung. Die erste fand im Jahr zuvor in Prag im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren statt, nachdem Josef Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Schnitte angeordnet und eine Aufführung im Gebiet des Deutschen Reiches verboten hatte. Denn Goebbels hasste den Hauptdarsteller, misstraute Helmut Käutner, der Regie führte, und sah sich mit dem gesamten Film hintergangen. Er erwartete schließlich eine heroische Darstellung von Menschen an der Küste und auf See und dachte dabei nicht zuletzt an die Angehörigen der Kriegsmarine.
Stattdessen schrieben Käutner, die gewandten UFA-Autoren Richard Nicolas, Georg Hurdalek sowie Axel Eggebrecht – der war sogar im Konzentrationslager Hainewalde in Haft gewesen und hatte eigentlich Schreibverbot, sein Name fehlte deshalb im Vorspannn – ein Drehbuch, das zunächst den Alltag kleiner Leute und das Geschehen in einer Hamburger Bar schilderte, zum Schluss hin aber vornehmlich von Melancholie, innerer Zerrissenheit und Illusionsverlust bestimmt wurde. Späterhin billigte man dem Werk poetischen Realismus zu, aber das war keine Zuordnung, die für Goebbels, der ein Vierteljahr vor der Berliner Uraufführung eine Zyankalikapsel zerbiss, hätte erstrebenswert sein können. Schon allein der von Käutner geschriebene deutsche Text für die Titelmelodie La Paloma war mit Wendungen wie „der Freiheit Glück“ und dem Kreuz des Südens als „Gruß des Friedens“ sowie mit „früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde“ eine ziemlich unverhohlene Herausforderung.
Die immer noch sehenswerte Handlung: Der ehemalige Segelschiffsmatrose Hannes Kröger, gespielt von Hans Albers, tritt als singender Seemann in der Bar Hippodrom an der Großen Freiheit – einer Nebenstraße der Reeperbahn – auf. Obwohl er das Publikum aus allen Schichten der Hamburger Gesellschaft begeistert, stimmt ihn seine Tätigkeit missmutig. Der mit Stiefeln und Ölzeug griffbereit in einer Ecke seines Zimmers stehende Seesack und die gewaltige Silhouette der in der Elbe ankernden Viermastbark Padua erinnern ihn an erfülltere Tage. Erst als er Gisa, die ehemalige Geliebte seines verstorbenen Bruders, bei sich aufnimmt und sich in die junge Frau verliebt, plant er eine Zukunft als Barkassenführer im Hamburger Hafen. Doch Gisa hat sich bereits für den lebensfroheren Werftarbeiter Willem entschieden. Kröger, im Werben unerfahren und auch schon zu alt für diese Beziehung, mustert enttäuscht auf der Padua an, die ihm jene Freiheit verspricht, von der in Käutners Liedtext die Rede ist.
Freiheit und Sehnsucht unter Segeln
Ich habe den Film vor sechzig Jahren zum ersten Mal gesehen, nachdem er mit einer von der Kulturabteilung der Reederei getroffenen Auswahl an Bord gekommen war. Übrigens während der sichersten Reise meiner gesamten Fahrenszeit: Wir fuhren damals, bis unter die Lukensülle mit Korkabfällen beladen, von Porto nach Tampico. Gewöhnlich wurde damals alles, Literatur oder Film, was das Leben auf See schilderte, von der Mannschaft mit Spott bedacht. Das geschah diesmal nicht, obwohl Albers' etwas theatralisches Spiel – der Schauspieler ist nie zur See gefahren – so etwas hätte herausfordern können. Aber zu viele unter den Zuschauern hatten irgendwann eine Gisa geliebt und verloren. Daneben richtete sich ihr berufliches Interesse zum Beispiel auf ein Flaschenschiff auf Krögers Nachttisch, das dann während eines Alptraumes zerschellte – ein schönes Gleichnis – und natürlich auf die Padua, den letzten großen Frachtsegler, den einzigen Flying P-Liner, der noch heute auf den Weltmeeren zuhause ist: Für uns wie für Hannes Kröger schlechthin die Freiheit und die Sehnsucht unter Segeln.
Sieht man von der Flasche Steinhäger ab, die Kröger leert, als er während einer Nacht vergeblich auf Gisa wartet, gestaltete Hans Albers diese Rolle, die dem Frauenhelden und mitreißenden Draufgänger eigentlich wenig lag, recht überzeugend. Denn Albers trank nur Cognak, täglich und während der 1943 beginnenden Dreharbeiten sicherlich besonders viel, weil er spürte, dass dies sein anspruchsvollster Film nach einer langen Reihe beliebiger Streifen sein würde und weil das Drehbuch ihn an seine Beziehung zu Hansi Burg erinnerte, die vor dem Krieg weitaus mehr als seine Seemannsbraut gewesen war.
Die beiden hatten sich an Berliner Theatern kennengelernt und lebten seit der Mitte der zwanziger Jahre zusammen. Als Albers dann zum Filmhelden und Publikumsliebling mit dem legendären strahlenden Blick aufstieg, der ständig Heldenrollen und immer höhere Gagen erlangte, gab Hansi Burg ihre Tätigkeit als Schauspielerin auf. Überliefert wird sowohl, sie hätte ständig an Albers Seite sein wollen, als auch, dass sie die Karriere des bisweilen unausgeglichenen Mannnes zielstrebig begleitet habe. Wenn es so war, dann war die Liebe der beiden dennoch bis in die dreißiger Jahre hinein nie gefährdet.
Aber die Lebensgefährtin des damals überaus erfolgreichen und umschwärmten Hans Albers – nur Heinz Rühmann erreichte vielleicht noch dessen Beliebtheit – stammte aus einer jüdischen Künstlerfamilie. Zahlreiche Neider und insbesondere Goebbels, dem der „blonde Hans“ andererseits unentbehrlich war, drängten Albers zur Trennung. Als die Vorwürfe bedrohlicher wurden und im September 1935 das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ in Kraft trat, schrieb Albers im Oktober 1935 an Goebbels:
Sehr geehrter Herr Reichsminister! In Erfüllung meiner Pflicht gegen den nationalsozialistischen Staat und in dem Bekenntnis zu ihm, habe ich meine persönlichen Beziehungen zu Frau Hansi Burg gelöst. Ich darf Sie, sehr geehrter Herr Reichsminister, nunmehr bitten, dass unter der ver- veränderten [sic, Seitenwechsel] Sachlage der nationalsozialistische Staat auch mir den Schutz angedeihen lässt, den er seinen Künstlern gibt. Heil Hitler! Hans Albers
Seine Braut war nicht die See, sondern in London
Das handschriftliche Original ist erhalten, die steile, kräftige Schrift unverkennbar. Nun scheinen Lippenbekenntnisse abhängiger Kulturschaffender zeitlos zu sein. Was jedoch Albers bewogen hat, das zu schreiben, wird nicht mehr ergründet werden können. Vielleicht war es die zum Gesetz gewordene Bedrohung, aber es darf auch vermutet werden, dass er glaubte, sich derart leicht aus einer bedrückenden Lage zu befreien: Der Schauspieler war damals – beginnend im Kaiserreich – bereits im dritten gänzlich verschiedenen politischen System tätig und wurde zumindest in einem vom Erfolg verwöhnt. Da ging ihm dergleichen bei einem Glas Cognak schon einmal leicht von der Hand. Gut, Albers Mitwirkung in nahezu hundert Stummfilmen kann wohl kaum glanzvoll genannt werden. Seine große Zeit war die neuer technischer Möglichkeiten in den schwärzesten Jahren deutscher Geschichte, und auch diese Erkenntnis trug wohl zu jenem Brief bei.
Doch Albers vermied es, sich mit prominenten Nazis zu zeigen, er verzichtete auf eine begehrte Auszeichnung, weil er sie von Goebbels hätte entgegennehmen müssen, niemals sammelte er wie andere Schauspieler für das Winterhilfswerk. Überliefert ist sein Hohn angesichts nationalsozialistischer Parolen und Größen, die er zum Beispiel nur Herr Hitler und Doktor Göhbels nannte. Berufene Kollegen wie Fritz Kortner und Marlene Dietrich haben ihm deshalb durch ihre Aussagen nach dem Krieg ein quälend langes Entnazifizierungs-Verfahren ersparen können.
Hansi Burg und Hans Albers lebten nach dem Brief an Goebbels zunächst unbehelligt fern von Berlin in einer Villa in Garatshausen am Starnberger See. Freilich waren sie vorsichtig genug, Hansi eine Scheinehe mit dem Norweger Erich Blydt schließen zu lassen. Die damit verbundene norwegische Staatsangehörigkeit verschaffte ihr eine vermeintliche Sicherheit. Jedenfalls bis 1938, als die Synagogen brannten und ein Gesetz ihr eine Kennkarte mit einem großen roten J und den Austausch ihrer Vornamen Wilhelmine Alexandrine Hansi Antoinette gegen den jüdischen Namen Sara vorschrieb. Ihre Eltern – der Vater, ebenfalls Schauspieler, durfte seit 1933 nicht mehr auftreten – flohen in die Niederlande, wo sie nach dem Beginn des Krieges aufgespürt und später im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurden. Sie selbst hielt es nun in Deutschland nicht mehr aus, weil sie befürchtete, Albers würde sie nicht mehr schützen können. Früh im Jahr 1939 ist sie dann über die Schweiz ins Exil nach London gereist.
Es ist ungewiss, ob die beiden diese Flucht verabredet haben. Hansi Burg hatte als Kind einige Zeit in New York gelebt und sprach im Gegensatz zu ihrem Lebensgefährten Englisch. Albers hingegen hätte, wenn er ins Ausland ging, wesentlich mehr aufgeben müssen als seine Sprache, und dazu fehlte selbst dem Freiwilligen und Schwerverletzten des I. Weltkrieges, der sich bei gefährlichen Filmaufnahmen nicht vertreten ließ, dann doch der Mut. Stattdessen drehte er weiterhin aufwändig hergestellte Filme wie „Wasser für Canitoga“ oder „Münchhausen“ und schließlich „Große Freiheit Nr. 7“. Das Lied von der Taube, das Käutner für ihn geschrieben hatte, sang er noch oft: „Seemanns Braut ist die See ...“ Aber seine Braut war nicht die See, sondern in London. Auf dem Starnberger See erwartete ihn keine Padua, und obwohl er nicht allein blieb, wurde der blonde Hans nun endgültig zum schweren Alkoholiker: „Der Albers spielt Helden, aber er ist keiner“, sagte er unmittelbar nach Kriegsende zu Georg Stefan Troller, als der ihn in Garatshausen besuchte.
Er trug nun ständig Hüte, denn das Haar war licht geworden
Man schrieb wohl den Mai 1946, als Hansi Burg in das Land der Vergesslichen und nach Garatshausen zurückkehrte. In der bewegenden Dokumentation Die Liebe des Hans Albers trägt sie dabei die Uniform der britischen Armee – sie war derzeit jedoch Journalistin und Rundfunkmitarbeiterin, hatte sich zuvor als Konfektionsvertreterin und mit der Veranstaltung von Modenschauen durchgeschlagen und dabei nicht versäumt, einflussreichen Briten Albers' Filme vorzustellen.
In der Dokumentation stellte sie nun all die Fragen, die Nachgeborene inzwischen gern jenen Menschen stellen würden, die zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes tätig und für ihr Handeln verantwortlich waren. Dergleichen wird häufig anklagend und mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein vorgetragen. Überzeugend wirken solche Haltungskünstler selten: Wir mussten kürzlich erleben, wie Menschen, die sich eben noch unter der Losung „Nie wieder!“ vereinten, dem Toben von Judenhassern auf deutschen Straßen teilnahmslos zusahen.
Ein Foto aus den Jahren nach dem Krieg zeigt das Paar in einem bayerischen Ausflugslokal. Beide tragen Sonnenbrillen, um nicht erkannt zu werden. Zur Rechten Hansi Burg, eine schöne, schwer gewordene Frau, von der man meinen könnte, sie nähere sich bescheiden und bewußt dem Bildrand, um den Blick auf Albers freizugeben. Der hat einen Arm um sie gelegt – ein Luftikus mit gelockerter Krawatte, schief sitzendem Hut und Zigarrre. Er trug nun ständig Hüte, denn das Haar war licht geworden, und weder Hansi noch der Mann, den er „Kopfgärtner“ nannte, konnten ihm noch die Locken eines Hannes Kröger zurechtkämmen.
Das Publikum blieb ihm treu, nicht allein wegen der Komödien und Seemannsfilme, in denen er weiterhin auftrat, sondern auch, wenn er ernste, zwiespältige, von den Kritikern gelobte Charakterrollen spielte, zum Beispiel als Heimkehrer oder in Literaturverfilmungen. Hans Albers starb 1960, nachdem er bereits Monate zuvor in Wien auf einer Theaterbühne zusammengebrochen war – schon seit Jahren vergaß er seine Texte, und kaum jemand vermochte zu sagen, ob er nüchtern oder betrunken war. Hansi Burg überlebte ihn um fünfzehn Jahre. Sie ging, obwohl sie Grund dazu gehabt hätte, ohne Vorwurf: Auf ihrem Grabstein steht, so wie sie es wünschte, Hansi Burg-Albers, obgleich die beiden nie verheiratet waren.
Die Padua, das Schiff der Hoffnung auf eine grenzenlose Freiheit, war Teil deutscher Reparationsleistungen. Es fährt heute unter russischer Flagge und trägt den Namen des baltisch-deutschen Weltumseglers Adam Johann von Krusenstern.
P. Werner Lange, ursprünglich Seemann, ist ein deutscher Autor von Biografien, Reisebeschreibungen, erzählenden Sachbüchern und Hörspielen. Er lebt bei Berlin.