Eugen Sorg, Gastautor / 19.05.2018 / 15:01 / Foto: Gary Dee / 8 / Seite ausdrucken

Der Bleistift der Freiheit

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 leitete den Zusammenbruch der DDR-Diktatur ein, und der Kollaps des diszipliniertesten Untertanen Moskaus bedeutete auch das Ende des Sowjet-Imperiums. Der epische Kampf des 20. Jahrhunderts, der Kampf zwischen den kapitalistischen Systemen des Westens und den Zwangskollektiven des Ostens, hatte sich entschieden. Die Sowjetunion, das größte Reich der Geschichte, ein Imperium, das sich über zwölf Zeitzonen erstreckte, war schon lange morsch und verkommen und krachte lautlos in sich zusammen. 

Die auf den ideologischen Gründervater Karl Marx sich berufende Kommandowirtschaft, der totalitäre Staat, die wahnhafte Idee, eine angeblich erleuchtete kleine Partei-Elite könne über die Bedürfnisse und Gedanken von Millionen von Menschen entscheiden, hatten in allen kommunistischen Staaten zu ökonomischer Ineffizienz, Elend, geistiger Versklavung, Todeslagern geführt und mit Stalin, Mao, Pol Pot einige der größten Politmonster hervorgebracht. 

Irre Geisterfahrer

Der Marxismus ist umfassend gescheitert, und die letzten kommunistischen Diktatoren wie Maduro in Venezuela oder Kim Jong-un in Nordkorea wirken wie irre Geisterfahrer, wie Zombies, die ihre ruinierten Schattenreiche weiterhin als Paradies der Werktätigen anpreisen.

Der aus dem Kalten Krieg als Sieger hervorgegangene Westen hingegen prosperierte kontinuierlich und auf allen Ebenen: wirtschaftlich, wissenschaftlich, technologisch, den allgemeinen Lebensstandard betreffend. Die allermeisten Menschen lebten über Jahrtausende ­hinweg in schlimmster Armut, bis ab Mitte des 18. Jahrhunderts in den Ländern des Westens ein Wohlstandsschub einsetzte, der sich später auch auf die übrige Welt ausbreitete und bis heute anhält.

97 Prozent des Reichtums der Menschheit wurden in den letzten 250 Jahren erzeugt, berechneten Wirtschaftshistoriker, und das Welt-BIP wuchs pro Kopf um das 37-fache. Die Menschen haben seither eine dreifach so hohe Lebenserwartung, sie leben ungleich gesünder, glücklicher, komfortabler.

Der Grund für diese historisch einzigartige Entwicklung liegt darin, dass sich ein Wirtschaftssystem durchgesetzt hat, das den früheren wirtschaftlichen Ordnungen weit überlegen ist. Europa und die "Neue Welt", Amerika, begannen, sich an der von schottischen Aufklärungsphilosophen wie Adam Smith entwickelten Theorie des freien Markts zu orientieren, und der Kapitalismus, der freie Tausch von Gütern und Ideen, entfaltete seine umwälzende schöpferische Dynamik.

Hochkomplexe Schöpfung

Warum der Kapitalismus den kommunistischen Wirtschaftsmodellen derart überlegen ist, versuchte der amerikanische Ökonom Leonard Read in seinem vor sechzig Jahren erschienenen Essay "I, Pencil" ("Ich, der Bleistift") zu erklären. Der kurze, elegant und anschaulich geschriebene Aufsatz gehört zu den bekanntesten Texten der Wirtschaftsliteratur.

Read zeichnet detailliert nach, wie viel Know-how, Spezialwissen, maschinelle Technologie, Logistik hinter der Produktion eines einfachen Bleistifts steckt. Bestimmte Bäume müssen gefällt werden, dazu braucht es Sägen aus gehärtetem Stahl, Lastwagen, Seile, Eisenbahnverbindungen, um die Stämme in die Sägefabriken zu transportieren. Dort werden sie mit Präzisionsgeräten in Stäbchen geschnitten, getrocknet, gefärbt. Später mit in Sri Lanka gefördertem und in die USA verschifftem Graphit versehen, das allerdings noch mit verschiedensten Stoffen verarbeitet werden muss, bevor es sich als Schreibmine eignet.

Man benötigt Ton vom Mississippi, Rapsöl aus Indonesien, Bimsstein aus Italien, Messing aus Zink- und Kupferminen. Millionen Menschen in aller Welt sind letztlich irgendwie an der Herstellung des simplen Stifts beteiligt. Kein einzelner Mensch hätte das Wissen, dieses erstaunliche Werk alleine zu schaffen, schreibt Read. 

Noch erstaunlicher aber sei es, dass hinter all den unzähligen Aktionen kein Planer oder führender Kopf steht. Die hochkomplexe Schöpfung sei das Resultat der schöpferischen und produktiven Kraft der Menschen, die, wenn sie frei und ungehindert ausprobieren können, geeignete Antworten auf Notwendigkeiten und Erfordernisse des Lebens finden.

Bessere Antworten, als Chefbürokraten, staatliche Experten und Wirtschaftsgelehrte je geben können.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

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Leserpost

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hans-Peter Dollhopf / 19.05.2018

Dieses Lob des Bleistifts könnte von Marx sein. Der selbst stellte die Urkraft des Kapitalismus in der Gespenstergeschichte “Das Kommunistische Manifest” doch selbst in berauschenden Worten dar: “Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten”, 1848. Also, was lernen wir darob analog aus einer weiteren Geschichte vom Bau eines Flughafens, der nie fertig werden wird? Vielleicht, dass ihre Theorie, auf die sich Bauingenieure bei der angewandten Physik einfach verlassen, doch schon immer falsch waren? Oder aber, dass Wowereit sich in eine Reihe gehört mit Stalin und Mao.

Frank Meier / 19.05.2018

97 Prozent des Reichtums der Menschheit wurden in den letzten 250 Jahren erzeugt - und wieviel Prozent der Menschheit profitieren von ihm? In Deutschland ist z.B. die Zahl der Vollzeitberufstätigen, die wegen geringen Verdienstes zusätzlich Hartz IV benötigen, im letzten Jahr wieder gestiegen.

Rupert Drachtmann / 19.05.2018

Sehr geehrter Herr Sorg, unabhängig von allen Analysen und Detailbetrachtungen, denke ich persönlich, dass es höchste Zeit wird in Politik und Gesellschaft wieder zu einer einfachen und klaren Sprache und zu einfachem und klarem Handeln zurückzufinden. (Hierzu kann jeder täglich seinen eigenen Beitrag leisten) Die Menschen und Wähler haben die Nase voll von Luftnummern, Phrasendreschern und nachweislich völlig unqualifiziertem Führungspersonal. Die Wahl von Hr. Trump in den USA ist ein erstes Indiz hierfür.

Karla Kuhn / 19.05.2018

Haben unsere Polit “Eliten” aber vor allem die EU “Eliten” dieses simple und trotzdem sehr logische Essay schon einmal gelesen ??? Wenn ja, WARUM werde wir dann trotzdem mit meist unsinnigen Vorschriften überschüttet und warum werden den Klein- Unternehmern oft Steine in den Weg gelegt ? Es könnte so einfach sein, wenn an ALLEN Schaltstellen richtige Fachleute sitzen würden. Wenn ich an BER oder die Elbphilharmonie, die Dresdner Waldschlößchenbrücke u.a. Projekte denke, habe ich große Zweifel.

Frank Holdergrün / 19.05.2018

Der Mensch war jahrhundertelang in den Klauen der Pfaffen und anderen Herrschern und hatte nie erfahren, was es heißt, gedanklich fruchtbar zu sein. Erst der Kampf gegen die Religion des Christentums und deren Rückbau ins Private hat den freien Geist ermöglicht, der sich in individuellen, produktiven Kräften entfalten konnte. Nachdem der Kommunismus als weitere Religion tot war, lebt er heute weiter in einer Verteilungsherrschaft der Nachfahren des Kommunismus, eingemottet von Alt68ern und sonstigen Weltbeglückern zur Rettung aller Menschen des Planeten. Darunter geht es in Deutschland nie und die Ausschaltung der aktuellen deutschen Wahnvorstellungen wird nur durch einen Krieg möglich sein. Der deutsche Zensor ist aktuell aktiv wie nie zuvor, freiwillig und überall lauert er in seinen Verteidigungslinien: “Der Zensor ist ein Mensch gewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugung des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lauert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf abbeißt.” (Nestroy)

Gabriele Klein / 19.05.2018

“..Die hochkomplexe Schöpfung sei das Resultat der schöpferischen und produktiven Kraft der Menschen, die, wenn sie frei und ungehindert ausprobieren können, geeignete Antworten auf Notwendigkeiten und Erfordernisse des Lebens finden…. “ Danke, dass Sie sich jener Frage widmen, die mich seit Jahren umtreibt, und die zur nächsten Frage führt: Was sind die Voraussetzungen damit der Mensch zu dieser von Ihnen beschriebenen Kraft findet? Mein Antwortversuch wäre der   EINES “transzendenten Über-Ichs” das “gesucht” werden will…... ” und das in letzter Konsequenz einst zur Goldenen Regel führte die im Kantschen Imperativ mündete…...Die Ursprünge der Aufklärung, ganz egal ob und was wir glauben sollten wir vielleicht nicht ganz vergessen, und ihre Auswirkungen auf Kommunikation und Logik studieren. (Mein Tipp George Herbert Mead) Die Gleichberechtigung aller, egal ob Mann oder Frau leitet sich daraus ab, dass manche sehr früh erkannten, dass der Mensch (egal ob weiblich oder männlich) nach SEINEM Bilde erschaffen wurde, das demzufolge geschlechtsneutral ist….(Zu dieser Erkenntnis bedarf es keiner sprachlichen Änderungen). Die Gleichberechtigung aller Menschen wird möglich obgleich und weil sich dieses “Bild” nachdem der Mensch geschaffen wurde sich unserem Wissen entzieht…. Sobald nun jemand hergeht, dieses Bild in seinem Sinne zu umreisen, wie immer wieder   durch falsche Propheten der Fall,  sind logischerweise nicht mehr ALLE gleich. Ein Bild das ALLEN Menschen ein “Spiegel” sein will, ist unermesslich und nicht definierbar. Wer es dennoch tut zerstört ipso Fakto die Gleichberechtigung und sämtliche Voraussetzungen menschlichen “Wachstums”.

Wolfgang Richter / 19.05.2018

Ergänzung zum Bleistift:  Und was den meisten der heutigen Tastenquäler nicht mehr bekannt ist, es ist das einzige Schreibutensil, das auch bei Feuchtigkeit / Regen auf Papier seinen Dienst verrichtet. Wer es nicht glaubt, mag mal versuchen, mit dem ersatzweise noch bekannten Kugelschreiber etwas auf feuchtem Papier für die Nachwelt zu hinterlassen, z. B. wenn er als westlich-kapitalistischer WohlstandsÖko-Tourist im Amazonasgebiet oder wo auch immer meint, den Lieben zu Hause Schriftliches als letzten Willen hinterlassen zu wollen.

Joachim Lucas / 19.05.2018

Was Sie uns da erläutern, kann ja gar nicht stimmen. Ein strammer Sozialist lässt sich von sowas nicht beirren. Denn in den Büchern von Marx bis zu Maos rotem Büchlein steht doch alles Schwarz auf Weiss. Schließlich gibt es eherne geschichtliche Gesetze . § 1: Der Sozialist hat immer recht. § 2: Sollte sich der Sozialist mal irren, tritt §1 in Kraft.

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