Antje Sievers / 10.12.2015 / 12:00 / 5 / Seite ausdrucken

Der Bauchtanz als Metapher

Im Jahr 1984 war ein zweitklassiger B-Pictures-Schauspieler amerikanischer Präsident, Birne war Bundeskanzler und Michael Jackson gewann sage und schreibe acht Grammys. Ich nahm mein Soziologiestudium auf, trug maßgeschneiderte schwarze Lederjeans, pink lackierte Lippen und wahnsinnig zottelige Frisuren und hatte, wenn man meinen Kommilitoninnen Gauben schenken sollte, echte Probleme mit meiner Definition von Weiblichkeit. Sich einerseits als Feministin zu bezeichnen und andererseits aufzubrezeln, damit einem die Kommilitonen hinterher geierten, das galt als nicht aufzulösender Widerspruch. Dicke Haarbüschel unter den Armen, Birkenstocksandalen, selbstgestrickte Labberpullover und Pickel statt Make-up waren damals ein politisches Statement. Allerdings nicht meines. Ich beschloss, noch eins drauf zu setzen und begann, orientalischen Bauchtanz zu erlernen.

Der Orient war für mich damals ein glitzerndes Füllhorn, aus dem die herrlichsten Gaben strömten: Exotische bunte Seidenstoffe, honigtriefendes Pistaziengebäck, kostbare Wohlgerüche aus dem fernen Arabien, aufpeitschende Rhythmen, die die Sinne bezauberten, von Strass und tausenden Glasperlen schwere Prachtgewänder, die den weiblichen Körper zu einem anbetungswürdigen Juwel werden ließen. Orient, das war 1001 Nacht; Musik, Moschus und Marzipan. Oder auch: Friede, Freude, Eicherkuchen.

Ich war professionelle Bauchtänzerin. Fünfundzwanzig Jahre lang. Ich hatte zahllose, gut honorierte Shows, ein Riesentanzstudio und Schülerinnen aus Bosnien, der Türkei, dem Irak, dem Iran, aus Kurdistan, Indien, Kasachstan, Tunesien, Algerien, Marokko, Afghanistan und den palästinensischen Autonomiegebieten. Da staunte der vordere Orient, da staunte der hintere Orient.

Bei meinem ersten Auftritt vor rein orientalischem Publikum starb ich beinahe vor Lampenfieber. Damals waren Türken nämlich überzeugt davon, dass deutsche Frauen nicht bauchtanzen könnten. Als der Bandleader eine deutsche Tänzerin ansagte, brachen sechs- oder siebenhundert türkische Gäste in enttäuschtes Stöhnen aus. Manchmal wächst man über sich selbst hinaus. Die geballte Abneigung rief meinen Kampfgeist heraus, und eine dreiviertel Stunde, drei Zugaben und sechshundert D-Mark Trinkgeld später ging ich als Siegerin aus der Arena. Ich war sozusagen stehend durchs Ziel gerauscht. Das war es doch: Multkulti in der schönsten Form.
Etwas, das damals weder bei mir, noch bei meinen Schülerinnen, noch bei meinem Publikum jemals thematisiert wurde, war der Islam. Aber diese Zeiten sollten sich noch ändern.

Im Laufe der Jahre kamen immer weniger orientalische Frauen in meine Kurse und ich hatte immer seltener Auftritte auf türkischen Beschneidungsfeiern und arabischen Hochzeiten. Etliche meiner deutschen Schülerinnen lebten in Beziehungen mit muslimischen Männern, deren Verhalten sich kaum von dem der gleichaltrigen Deutschen unterschied. Es wurde genau so Party gemacht, getrunken und geraucht wie überall. Oft änderte sich das nach der Hochzeit radikal. Plötzlich waren Bier, Bacardi und Baconburger strikt verboten, der Mann wurde sittenstreng und fing an, fünfmal am Tag zu beten und die Ehefrau durfte weder männliche Freunde von früher treffen noch zum Bauchtanzkurs gehen. Nicht selten begannen nach ein paar Jahren massive Probleme. Nicht selten ließ sich so mancher Mann scheiden, sobald er den dauernden Aufenthaltstatus hatte und holte eine sechzehnjährige jungfräuliche Cousine als nächste Ehefrau nach Deutschland. Bald tauchte auch die eine oder andre Schülerin mit Kopftuch auf, oder ich erfuhr am Telefon, es dürften auf keinen Fall Männer in meinem Tanzstudio zugegen sein, denn sonst würde der Ehemann den Besuch nicht erlauben.

Als einmal eine junge Frau mir gegenüber äußerte, sie sei ihrem Mann zuliebe zum islamischen Glauben „konventiert“, wurde mir klar, dass sie möglicherweise gar nicht die Tragweite ihrer Entscheidung erfasste. Ich habe im Laufe der Jahre viel über die orientalische Kultur und Lebensart, aber auch zwangsläufig über muslimische Communitys gelernt. Leider auch, dass Rassismus keine Einbahnstraße sein muss. Ägypterinnen und Türkinnen hatten häufig eine Abneigung gegenüber Frauen mit schwarzer Hautfarbe. Ein Iraner bemerkte einmal, wir Deutschen sähen aus wie Schweine, weil wir soviel Schweinefleisch konsumierten. Eine libanesische Managerin bezeichnete Israelis als „Vampire, die das Blut arabischer Kinder“ tränken und zwei junge Frauen, ebenfalls aus dem Libanon, meinten, sie könnten niemals einen deutschen Mann heiraten; zum einen, weil ihre Familien es nicht zulassen würden, zum anderen, weil deutsche Männer keine richtigen Männer und in ihren Augen somit das „Allerletzte“ seien. Alle diese Menschen waren das, was man heute als perfekt integriert bezeichnen würde.

Und irgendwann war der Bauchtanz nicht mehr ein begeistert gefeierter Teil der orientalischen Kultur. Irgendwann kamen gute Bauchtänzerinnen nur noch aus der westlichen Welt. Bauchtanz wurde auf deutschen Islam-Blogs als unislamisch verpönt. Bei den Shows, bei denen sowohl deutsches als auch orientalisches Publikum anwesend war, hatte sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen: Während sich zwei Jahrzehnte zuvor die Deutschen kaum getraut hatten, die Bauchtänzerin anzusehen, waren es nun die Orientalen im Publikum, die in eine verlegene Schockstarre fielen. Die Deutschen jubelten und klatschten, während die Orientalen finster dreinblickend auf ihren Händen saßen. Eine meiner letzten Shows war auf der Hochzeit eines Deutschen und einer Marokkanerin. Die kichernde Braut gestand mir, sie hätte mich hauptsächlich engagiert, um ihrer streng religiösen Familie einen Denkzettel zu verpassen. Nach den bösen Blicken, die ich während meines Auftritts von der Familie kassierte, zu urteilen, war die Provokation mehr als gelungen.

Die letzte türkische Hochzeit, die ich erlebte, bot einen deprimierenden Anblick: Etwa siebzig Prozent der anwesenden weiblichen Gäste trug das Kopftuch, darunter Mädchen, die höchsten sieben Jahre alt waren. Hätte mir jemand im Jahre 1984 diese Entwicklung prophezeit – ich hätte ihn für verrückt gehalten

Zuerst erschienen auf Antje Sievers’ Blog: https://antjesievers.wordpress.com/

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Stefan Schneider / 11.12.2015

Sehr geehrte Frau Sievers, ich habe die meiste Zeit meines Lebens im Ruhrgebiet verbracht, wo ja bekanntermaßen viele orientalisch-stämmige Menschen leben. Die Entwicklung über die Jahrzehnte habe ich auch so wahrgenommen. Vor 30-40 Jahren war der Islam kaum sichtbar, Verschleierung unbekannt und kein Diskussionsthema (soweit ich das als Schüler mitbekam). Allerdings möchte ich bemerken: Auch damals gab es schon eindeutige Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben. Es gab schon eine orientalische (türkische) Parallelgesellschaft. Die entsprechenden Stadtviertel hatten sicher nicht den exotischen Charme von Chinatown oder Little Italy. Im Zweifelsfall sorgte die Ansage “Vor den Deutschen habe ich keinen Respekt, die haben keine Ehre” in der Straßenbahn dafür, dass man auch rechtzeitig vorher ausstieg. In den Jahrzehnten seither war das einzig “Ernsthafte”, was die herrschende deutsche Pseudo-Elite “geleistet” hat, das Kaltstellen von Kritikern mittels politischer Korrektheit und Medienattacken. Wie es weitergeht, lässt leicht extrapolieren. Die Herrschenden, die ja auch Teil der Wohlhabenden sind, ziehen sich nach vollbrachtem “Werk” zum Feierabend in ihre gemütlichen und abgeschirmten Communities zurück. Die Stadtviertel werden nun noch eindeutiger Territoriumserweiterungen von Libanon und Kurdistan. Und der Rest von uns wird auch in Zukunft selber sehen müssen, wie er klarkommt.

Wolfgang Schlage / 10.12.2015

Danke für diesen freundlichen, unaufgeregten Bericht. Ich ziehe daraus zwei Schlüsse: (1) Die Besorgnis, dass Muslims eine Parallelgesellschaft bei uns errichten, ist völlig berechtigt. *Der* Islam, insbesondere der, der sich hier präsentiert, gehört nicht zu uns. (2) Die Aufgabe der Integration liegt nur zum Teil bei “uns”, sie liegt zum großen Teil bei den Einwanderern selbst, auch bei den Einwanderern der zweiten und dritten Generation. Das ganz einfach deshalb, weil niemand in die deutsche Gesellschaft integriert werden kann, der das nicht will: auch Frau Merkel und alle ihre Bejubler haben nicht die Willens- oder Schaffenskraft, Menschen gegen deren Willen zu integrieren. Meine persönliche Meinung ist, dass jemand, der sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren möchte, das nicht zu tun braucht - aber dann bitte nicht in Deutschland. Islamische Staaten gibt es genug.

Magdalena Schubert / 10.12.2015

Ein sehr guter, sehr nachdenklich machender Artikel, der meine Erfahrungen bestätigt. Ich wünschte, er wäre Pflichtlektüre für sämtliche Politiker und Mainstreamjournalisten. Im Grunde liegt diese erschreckend rückwärtsgewandte Entwicklung glasklar vor unser aller Augen. Der immer stärker werdende religiöse Fundamentalismus in einer aufgeklärten Gesellschaft ist nicht zu übersehen - und wird dennoch von den Parteien und den Medien lautstark geleugnet. Eine SZ Journalistin warf den Kritikern der Masseneinwanderung vor, die Uhren zurück ins Mittelalter drehen zu wollen, ein offenes, tolerantes Deutschland abzulehnen. Meines Erachtens ist es jedoch genau umgekehrt! Mit dem ungebremsten und unkontrollierten Zustrom von Muslimen wächst die Gefahr, dass sich diese bereits vorhandenen negativen Strukturen verfestigen und überhand nehmen. Es ist einfach unfassbar, dass die Menschen dem Islam mit seinen grausamen Regeln, wie der Scharia, im 21. Jahrhundert eine solche Macht und Dominanz zugestehen.

Werner Tiel / 10.12.2015

” Eine libanesische Managerin bezeichnete Israelis als „Vampire, die das Blut arabischer Kinder“ tränken” Sie bezeichnen Juden nicht so-sie glauben es!Diese Legende läuft zum Ramadan verfilmt in Arabischen TV Sendern als Familienfilm…dort sind es allerdings Christliche Kinder aber die gibts im Libanon ja auch genügend…

Heinz Thomas / 10.12.2015

Toller Artikel, liebe Frau Sievers! Diese Beobachtungen konnte man überall machen, ohne solche detaillierten Einblicke zu haben. Woher kommt diese Entwicklung? Warum ist sie nicht ebenso bei den hier gebliebenen Gastarbeitern bspw. aus Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien zu beobachten? Wenn man den “Wissenschaftlern” bzw. “Experten” auf diesem Gebiet, die in den Leitmedien herumgereicht werden, glauben soll, hat es mit allem zu tun, nur nicht mit dem Islam. Aber genau da liegt die Ursache. Wer seine Kritik nur an den Gewaltausbrüchen des Islams fest macht, der sieht nur die Spitze des Eisberges. Die Frage an die orientalische Klientel müßte eigentlich lauten: was hält die Moslems, die unsere Lebensweise ablehnen, noch hier? Sie müßten doch bestrebt sein, den “Schweinefleischfressern” bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu entkommen. Das wollen sie jedoch - ähnlich den Arabern in Israel - ums Verrecken nicht. Zu einem Zweck taugen die Biodeutschen nämlich vorzüglich: zum Erwirtschaften sozialer Wohltaten. Man kann den heutigen jungen Leuten, denen so manches nicht geheuer ist, nur wünschen, dass ihr Erkenntnisprozeß nicht auch 20 Jahre dauert…

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