Tobias Kaufmann / 07.03.2007 / 11:03 / 0 / Seite ausdrucken

Der Außenseiter

Heinz Rudolf Kunze hat schon in vielen Schubladen gesteckt. Provokateur oder Schlagerbarde stand darauf - und Oberlehrer. Es lag zu nahe, einen Mann, der Lehramt studiert hat und intelligenter ist als viele, die über ihn schreiben, so zu etikettieren.

Am Donnerstag gibt der 50-Jährige nun den Außenseiter. Das passt ein bisschen besser. Ein alter Haudegen, der mit der Castingband Monrose und dem Swing-Newcomer Roger Cicero um den Platz beim Eurovision Song Contest streitet. Eine Chance hat er nicht. „Ich fahre nicht nach Hamburg, um zu verlieren“, sagt Kunze trotzig. „Ich nutze die Chance, mich einem Millionenpublikum vorzustellen.“

Seit 25 Jahren ist er im Geschäft. Große Hallen füllt er nicht, der Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ ist 22 Jahre her. Aber Kunze hat treue Fans, und immer mal hört auch der Rest von ihm. Denn Kunze ist vielseitig: Er rockt sich in Schweiß, tourt mit Sprechtexten durch die Republik, übersetzt und schreibt Musicals. Sein Markenzeichen sind verschachtelte Assoziationen: „Eingekeilt von tiefgefror’nen Trends / scheugeklappt das Trommelfell gepierct / nichts wird heiß gegessen /nirgends brennt’s / kalt tumort der Hass den du gebierst.“

Seine Fans finden so was genial, seine vielen Gegner finden es bemüht. Manche Texte versteht man bei jedem Lesen anders. Andere sind verstörend direkt. „Ich neige zu extremen Formulierungen und schieße dabei manchmal auch übers Ziel hinaus“, gibt Kunze zu. So wie 1982 mit der Liedzeile „Ich habe Hitler geseh’n, er schrie Shalom und spielte Holocaust im Libanon.“ Eine Zeile auf dem dümmsten gemeinsamen Nenner von deutschem Schuldkomplex und linker Verblendung. „Ich war, als ich das Lied schrieb, 23 Jahre alt und geprägt von linksradikalen Professoren. Damals war man als linker westdeutscher Student antiamerikanisch und antiisraelisch. Beides hat sich bei mir maßgeblich gewandelt“, sagt der Künstler heute.

Schubladen passen schon deshalb nicht, weil Kunze sich immer wieder hinterfragt und neu ausprobiert hat. 2003 bekannte er, nicht sicher zu sein, ob Krieg gegen den Irak falsch sei. Ausgerechnet Kunze, der ein SPD-Lied geschrieben hat und seinen Freund Björn Engholm gerne als Kanzler gesehen hätte. Und obwohl er bis heute gut findet, dass der Diktator Saddam gestürzt wurde, eignet er sich nicht zum Kulturkämpfer. „Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Aber wenn man weiß, dass man andere massiv verletzt, sollte man überlegen, ob man an die Grenzen geht“, sagt Kunze mit Blick auf den Karikaturenstreit. „Auf manche Exzesse der westlichen Welt könnte ich verzichten.“ Auf die ständige öffentliche Darstellung von Sex zum Beispiel, oder auf die Demütigung von Menschen im Fernsehen.

Kunze hat ein Gespür für „deutschen Selbsthass“ - und zugleich wird er skeptisch bei Massenbewegungen. Beide Reflexe rühren vermutlich aus der Kindheit. Geboren im Flüchtlingslager Espelkamp als Sohn eines Lehrers, der als SS-Mann erst Mitte der 50er Jahre aus Kriegsgefangenschaft heim kam. Aufgewachsen und geprägt in der niedersächsischen Provinz. Ausgebrochen mit der Musik. Seine Texte handeln immer schon immer wieder auch von Deutschland, von dem Wunsch, eine „stinknormale“ Heimat zu haben. Aufgefallen ist das aber erst so richtig, als Kunze Mitte der 90er Jahre eine „Deutsch-Quote“ im Radio forderte. Die Kollegen hätten ihn vorgeschickt. Doch als das Echo auf die Initiative, hinter der rund 80 Musiker standen, verheerend ausfiel, stand Kunze plötzlich allein mit seinem Satz „Ich habe mit der Quote kein Faschismus-Problem.“ Nun war er für Teile der Presse ein Neorechter. „Wem das nicht irgendwann mal unterstellt wird, der taugt nichts“, sagt der Musiker lachend. So locker hat er es in Wahrheit nicht genommen.

Inzwischen wird im Musikgeschäft wieder deutscher Nachwuchs gefördert, sogar deutsch gesungen. Ohne Quote. Kunze findet das gut, er bevorzugt ohnehin „Qualität und Leistung“ als Kriterien. „Du musst besser sein, Brille, besser als der Rest“, hat er mal über die Lehre seiner Kindheit gesungen. Doch Donnerstagabend wird’s egal sein, wie gut Kunzes Auftritt ist - die Fans der Konkurrenz sind geübter im Televoting, geübter als der Rest.

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Heinz Rudolf Kunze, geboren am 30. 11. 1956 im Flüchtlingslager Espelkamp, gewann 1980 einen Nachwuchswettbewerb und bekam den ersten Plattenvertrag. Seit Januar ist seine neue CD „Klare Verhältnisse“ im Handel. Beim Grand-Prix-Vorentscheid am Donnerstag (ARD, 20.15 Uhr) singt Kunze von dieser CD das Lied „Die Welt ist Pop“. Gegen ihn treten die Girlieband Monrose und der Swing-Musiker Roger Cicero an.

Kölner Stadt-Anzeiger, 7.3.07

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