Früher waren die Auftritte deutscher Politiker zum politischen Aschermittwoch ein Ventil: Sie konnten allerlei Richtiges und Unsinniges in brachialem Klartext reden und niemand musste es wirklich ernst nehmen. Wenn der Aschermittwoch vorbei war, zog wieder der politische Alltag ein. Doch heutzutage haben auch immer mehr angeblich ernst gemeinte politische Beiträge leider deutlich weniger Tiefgang als eine durchschnittliche Büttenrede. Was dazu führt, dass es selbst zur Realsatire nicht mehr tauglich ist. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Satire und Wirklichkeit immer stärker.
Richtig unterhaltsames politisches Kabarett ist heutzutage intellektuelle Schwerstarbeit, u.a. weil politische Verantwortungsträger in vielen Bereichen schon jeden Textbaustein okkupiert haben, den man früher exklusiv zur satirischen Überhöhung hätte nutzen können. Dabei kommt dann aber leider keine unterhaltsame Realsatire heraus, denn dummerweise wollen die Komiker in politischer Funktion nicht erreichen, dass das Publikum über ihre Dummheiten lacht, sondern sie im Gegenteil als politische Weisheit ernst nimmt. Und noch dümmer ist es, dass – wie die letzten Jahre gezeigt haben – sie dann ihre gigantischen Schildbürgerstreiche auch noch tatsächlich umsetzen.
Vor zwanzig oder dreißig Jahren hätten die meisten Deutschen bestimmt gedacht, dass Regierende, die vergnügt Kraftwerke sprengen lassen und dann die hohen Energiepreise beklagen, nur in dystopischen Romanen, derben Kabarettprogrammen oder minder entwickelten Staaten vorkommen können. Schon damals war der Politische Aschermittwoch ein von allen Medien in Erfüllung ihrer Berichterstattungspflicht begleiteter Veranstaltungsreigen. Damals wie heute mussten die Kollegen routiniert nach den besten und schlimmsten Sätzen und Pointen Ausschau halten, danach begann dann wieder der politrhetorische Alltag.
Die „Grenzen des Sagbaren“ bleiben bewacht
Das ist zwar grundsätzlich immer noch so, nur unterscheidet sich der politrhetorische Alltag heutzutage im Erscheinungsbild vom Aschermittwoch beinahe nur noch dadurch, dass das Publikum der redefreudigen Parteiprominenz gestern noch gut mit hinreichend Bier versorgt wurde. Das gibts ein paar Tage später nicht mehr. Vor allem bei der CDU, wie der Tagesspiegel vor einigen Tagen titelte: „Nüchtern-Direktive beim CDU-Bundesparteitag: Merz verbietet Ausschank von Bier und Wein“. Und das, obwohl Bierkonsum die Verdaulichkeit von Politikerreden erfahrungsgemäß steigert, sofern man bei der Dosis nicht geizt.
Heutzutage hauen deutsche Politiker auch im Alltag allerlei Sprechblasen raus, die ihren Vorvorgängern für den Normalbetrieb wahrscheinlich zu blöd gewesen wären und deshalb neben dem Politischen Aschermittwoch allenfalls noch in solchen Ausnahmezeiten wie dem Sommerloch zum Einsatz kamen.
Auf der anderen Seite müssen heutige Aschermittwochsredner wiederum vorsichtig sein, denn die Grenzen des Sagbaren werden auch an diesem Tag streng bewacht. Da darf man es nicht zu toll treiben. Zwar kündigten etliche Medien ihre Liveticker zu den verschiedenen Politikerreden schmissig mit Zeilen wie „Politischer Aschermittwoch live: Politik-Prominenz liefert sich heute derben Schlagabtausch“ an, doch so derb ist es dann am Ende gar nicht mehr. Einen spürbar größeren Unterhaltungswert als Politiker-Auftritte an anderen Tagen bieten die meisten Aschermittwochsredner nicht mehr auf.
Genauer hinhören
Aber es gibt neben der Getränkeversorgung trotzdem noch einen entscheidenden Unterschied dieses politischen Textbaustein-Gewitters zu anderen Politiker-Auftritten. Zum Traditionsverständnis dieser Veranstaltungen gehört: Die Politiker unterhalten zwar das Publikum, aber was sie sagen, muss man nicht sonderlich ernst nehmen. Der Redner darf auch gar nicht beanspruchen, ernst genommen zu werden. Beanspruchen kann er allenfalls Jubel und Applaus, wenn er denn gut genug war, den wortgewaltigen Volksversteher emotional überzeugend zu spielen.
Wenn man die gleichen Textbausteine ab heute dann wieder ernüchtert in allerlei Reden, Statements und Auftritten hört, dann muss man leider den Gedanken zulassen, dass sie wirklich ernst nehmen könnten, was sie da sagen. Dann kann es wichtig sein, die Textbausteingebäude richtig zu entschlüsseln. Denn auch völlig irrwitzig klingende Vorhaben können so ernst gemeint sein, dass es einen irgendwann überraschen könnte, dass sich selbige schon auf dem Gesetzgebungswege befinden, wenn man nicht aufpasst.
Insofern war der Politische Aschermittwoch eigentlich ein guter Tag zum Verschnaufen. Jetzt muss wieder genauer hingehört werden. Wer sich beispielsweise aus beruflichen Gründen die Reden auf dem bevorstehenden CDU-Parteitag der Trockenheit anhören muss, könnte sehnsuchtsvoll auf den gestrigen Tag zurückblicken. Oder sich Zeiten wünschen, in denen Politiker solche Tage wie gestern ausgiebig als verbales Ventil für politischen Unfug nutzen, um sich danach wieder einigermaßen nüchtern und vernünftig pragmatischer Politik für dieses Land und seine Bürger zu widmen. Aber das scheint leider gerade in Deutschland nicht en vogue zu sein.

Merz möchte eine zweite Amtszeit. Besser kann man den Karneval nicht beenden.
Wenn Aschermittwoch und Ramadan auf einen Tag fallen …
p.s.: Frage an den „Spiegel“. Arbeitet Relotius wieder? „“Im vergangenen Jahr bin ich damit 1300 Kilometer gefahren„, sagt Altmaier, schwingt sich routiniert auf den Roller und gleitet lautlos über den verschneiten Pariser Platz davon.“ (Spei-Gel offline)
Scheinbar ist Karneval niemals vorbei: „Ex-Minister Altmaier in Berlin: Auf E-Scooter umgestiegen“ lol
Wird langsam mal Zeit, wieder nüchtern zu werden und Gas zu kaufen! 21,7 %. Gaspreis fällt und fällt, weil keiner kauft… unfassbar
„…, dass Regierende, die vergnügt Kraftwerke sprengen lassen und dann die hohen Energiepreise beklagen, nur in dystopischen Romanen, derben Kabarettprogrammen oder minder entwickelten Staaten vorkommen können.“ WER hat denn die Regierenden gewählt? Könnte es sein, dass die Eigenschaften von Wählenden und Regierenden ziemlich ähnlich sind?
„Früher waren die Auftritte deutscher Politiker zum politischen Aschermittwoch ein Ventil:
Sie konnten allerlei Richtiges und Unsinniges in brachialem Klartext reden und niemand musste es wirklich ernst nehmen“. Heute haben wir 365 Tage Aschermittwoch und sollen das Gesagte
trotzdem Ernst nehmen.