Die Zeit wird offenbar auch von Lesern konsumiert, die nicht ganz zum postulierten liberalen Profil des Blattes passen. Was sich bei deren Online-Ausgabe unter den Leserkommentaren austobt, ist der Judenhass der gehobenen Stände.
Judenhass scheint eine ansteckende Krankheit zu sein: Je mehr über sie geredet wird, umso schneller verbreitet sie sich. Experten aller Couleur unterscheiden verschiedene Formen des Antisemitismus, so wie Feinschmecker mit verbundenen Augen einen alten Gouda von einem jungen Tilsiter unterscheiden können. Dabei wird gerne übersehen, dass es neben einem linken und einem rechten, einem christlichen und einem freidenkerischen, einem islamischen und einem eliminatorischen Judenhass auch einen antisemitischen Furor der radikalen Mitte gibt. Zum Beispiel bei ZON, Zeit online, dem Zentralorgan des deutschen Bildungsbürgertums. Hier eine kleine Auswahl der Leserstimmen (zitiert nach Screenshots):
Über Israel:
„Dieses Faschisten töten seit 60 Jahren Steine werfende Kinder und nennen sie Terroristen.“
„Wie läuft es so mit dem Siedlungsbau ? Mit 'Lebensraum im Osten' kennen sie sich vermutlich bestens aus.“
„Diese Hasbaristen sind nichts weiter als gehässige Klatschweiber oder Stammtischbrüder, die keine Ahnung haben aber toxisch rumblöken und jede vernünftige Diskussion stören.“
„Also eigentlich will Israel die Palästinenser vernichten und nicht umgekehrt. Die entsprechenden Aktionen sieht man seit 78 Jahren, insbesondere in den letzten 20 Monaten.“
Israel will Völkermord:
„Wer will schon mit dem aufhören, was gerade so gut läuft und von nahezu allen Fachleuten Völkermord genannt wird.“
Süßigkeiten verteilen nach dem Massaker:
„Was haben Sie gegen Baklava? Ist eine leckere Süßigkeit. Sollten Sie essen. Schärft die Sinne – tut gut.“
Israel tötet seine Kritiker (Greta Thunberg):
„Sie ist echt mutig. Großen Respekt. Wahrscheinlichkeit, dass die Israelis sie erschießen oder mit einer Drohne wegsprengt liegt bei 80%.“
Israelis sind Tiere:
„Israeli: 'What separates You Palestinians from animals?' Palestinian: 'The Wall'“
Israel hat die USA gekauft:
„Offensichtlich haben sich die militanten Zionisten meinungstechnisch ganz dicke in die US Regierung eingekauft.“
„Wie wäre es stattdessen mit einem israelischen Staat auf US-Staatsgebiet? Manch einer munkelt, die israelische Lobby habe dort ohnehin das Sagen.“
Israel arbeitet mit der ISIS zusammen:
„Es handelt sich um von Israel gepamperte Gangs, vor denen schon vielfach gewarnt wurde, so Aussagen von Betroffenen in Khan Yunis. Besonders geht es um die von Abu Shabab dominierte Gang, die der ISIS nahe steht.“
Israel lügt:
„Wie gewisse Leute immer wieder auf das einzige mal verweisen müssen, dass ein Krankenhaus in Gaza bombardiert wurde und es nicht sicher ist, dass es die IDF war. Bezeichnend.“
„Bisher haben sich in den letzten 600 Tagen die palästinensischen Behörden als glaubwürdiger erwiesen als die IDF oder sonstige Israelischen Behörden.“
„Die übliche Propaganda, dass Hamas Informationen nicht zu trauen ist. Obwohl jeder in den letzten 20 Monaten gelernt hat, dass diese Informationen zumindest glaubwürdiger sind, als die von Israel.“
Israel ist ein Pariastaat:
„Die arabischen Staaten wie Ägypten und Jordanien würden vermutlich auf Platz eins landen, wenn ein gewisser Pariastaat sie nicht daran hindern würde, Hilfe in den Gazastreifen hineinzulassen.“
Die Medien wollen nicht die Wahrheit schreiben:
„Die philosemitische Medienlandschaft will nicht dass die Leser mit eigenen Augen sehen was abgeht.“
Über Frau Knobloch:
„Ein weiteres Problem sehe ich, weil manche Menschen aufgrund der Äußerungen von Frau Knobloch auf alle Frauen, Juden und 92jährige schließen.“
***
Erstaunlich, nicht wahr? Käme so etwas aus der „rechten“ Ecke, würde der Bundesbeauftragte für den Kampf gegen den Antisemitismus sofort intervenieren. Aber die Quelle, aus der solches Gebräu sprudelt, ist nicht eine AfD-Postille, sondern die gute alte Zeit. Sie kann sich ihr Publikum nicht aussuchen, aber ein wenig peinlich könnte ihr der gesichert antisemitische Teil ihrer Leser schon sein.
Henryk M. Broder ist einer der Herausgeber der Achse des Guten.

Einer schrieb ja, dass das was Israel macht von allen Fachleuten (gesichert) als Genozid bezeichnet wird. Sind das die gleichen „Fachleute“ wie bei Corona-Massnahmen, „Impfungen“, Klima, Gender, Rechtsextremismus? Natürlich. Die echten Fachleute werden ja ignoriert.
„… sondern die gute alte Zeit. Sie kann sich ihr Publikum nicht aussuchen, aber ein wenig peinlich könnte ihr der gesichert antisemitische Teil ihrer Leser schon sein.“
Das ist eher eine symbiotische Verbindung zwischen einem längst in der Substanz linksradikalen Medium und seinen geneigten Lesern. Seit der in der DDR sozialisierten Kanzlerin Merkel haben deutsche Regierungen Freiheiten abgebaut, die Demokratie ausgehölt und den demokratischen Diskurs sediert. Parallel dazu manifestiert sich in der Zeit seit Jahrzenten die Transformation der bei linken Kreisen gesellschaftsfähigen DDR-Ideologie auf das wiederveinigte Deutschland – einschließlich eines tief verwurzelten, ekelerregenden Antisemitismus’. Wohlstandverwahrloste, intellektuell retartierte, aber hinreichend – nicht selten unmittelbar oder mittelbar durch den Staat – alimentierte Bevölkerungsschichten fühlen sich dadurch angesprochen. Die Zeit speist ihren Lesersumpf.
Lieber Herr Broder. Ich vertrat früher Ansichten über Israel die ich heute als falsch erkenne. Meine damalige Empörung über Israel war aufrichtig. Die antisemitische Propaganda ist allgegenwärtig und wirkt beinahe allmächtig. Es dauerte bei mir einige Jahre aus dem Propagandasumpf heraus zu finden. Hilfreich war meine Vernunftorientierung, denn ich höre mir auch immer die Gegenseite an. Achgut hatte dazu auch beigetragen und ich danke dafür.
Nun, die „ gehobenen Stände “ haben Hitlers Nationalsozialismus ja zu einem erheblichen Teil mitgetragen. Warum sollte das heute anders sein ?
Es sind ja nur die Begriffe ausgetauscht worden, nicht der Schoß, der fruchtbar noch war, und wieder ist.
Bin ich froh, dass ich 2015, auf dem Höhepunkt der Bahnhofsklatscher-Krise mein Abonnement dieses Blattes wegen fortgeschrittenem hypermoralistischem Infantilismus seiner Redaktion gekündigt habe. Ich habe mir seinerzeit gedacht: „Nie wieder ist jetzt“ und alsdann tausende von Euronen gespart, die ich für Bratwurst und Bier ausgeben konnte. Die Zeit ist keine Illusion, sondern gestorben.
Wenn dies die Äußerungen von „Bildungsbürgern“ sind, wie äußert sich denn dann „das gemeine Volk“? Oder gibt es das in „Deutschland“ (auch) nicht mehr?
Es ist leider keine Bewegung in diesem Feld zu finden. Es ist entweder ein verschwiegener Antisemitismus oder ein offener, aber es wird eigentlich immer über das Judentum geurteilt ohne eigene direkte Erfahrungen. Letztlich werden die Eindrücke der Medien nur wieder gegeben und schließlich landen die Menschen in ihrer Echokammer. Wie kommen wir da heraus Hr. Broder?