Henryk M. Broder / 17.10.2013 / 03:50 / 6 / Seite ausdrucken

Der Aftermieter des Diktators

Es gibt einen Satz, an dem man einen Antisemiten so sicher erkennen kann wie einen Alkoholiker an seiner Fahne: “Einige meiner besten Freunde sind Juden!” Und die sind in einigen wichtigen Dingen natürlich derselben Meinung wie der Antisemit: Dass die Juden am Antisemitismus schuld sind, dass sie den Holocaust “missbrauchen”, um im Schatten eines Völkermordes ihren Geschäften nachzugehen, dass sie den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben. Sagt der Antisemit und ruft zum Beleg dafür, dass er keiner ist, seine vielen jüdischen Freunde in den Zeugenstand.

Jetzt gibt es eine Light-Version dieses Satzes: “Ich habe viele Freunde in Israel. Von den meisten würde ich einen Gebrauchtwagen kaufen.”. Der Mann, der ihn gesagt bzw. geschrieben hat, gehört der großen Schar der deutschen “Nahostexperten” an, also der Scholl-Latour-Lüders-Steinbach-Perthes-Kienzle-Knaul-Günther-Leukefeld-Armbruster-Engelbrecht-Blüm-Neudeck-Gruppe bzw. Bande. Er hat letztes Jahr im Auftrag der ARD den syrischen Präsidenten Assad interviewt und ihn dabei so lange in die Mangel genommen, bis der Damaszener feierlich versprach, sich die Ohren anlegen und das Kinn heben zu lassen. Nun ja, nicht wirklich. Einige Blätter machten sich über das Interview lustig, andere lobten den Fragesteller. Der war auch begeistert, vor allem von seinem Gegenüber, “Assad ist ein sehr ruhiger, nachdenklicher Mann”, der mental gar nicht in der Lage wäre, einen Massenmord zu begehen oder anzuordnen und der ganz anders sei als “all die Diktatoren, die ich in meinem politischen Leben kennenlernen musste”. Außerdem habe der sanfte Diktator “so leise gesprochen”, dass der Journalist Probleme hatte, “ihn zu verstehen”.

Selten war der Begriff “Aftermieter” so angemessen wie bei dieser Begegnung zwischen einem Mörder und seinem Minnesänger. Ein gutes Jahr später setzte der Nahostexperte wieder zur Ehrenrettung seines Lieblingsdespoten an. Es sei “schwer vorstellbar”, dass dass der syrische Präsident Assad hinter dem Giftgaseinsatz mit über tausend Toten am 21. August in Damaskus stecken könnte. Denn: “Der mutmaßliche Einsatz chemischer Waffen erfolgte gerade einmal 20 Minuten entfernt vom Hotel der gerade auf Einladung Assads angereisten UN-Waffeninspekteure, in deren Hör- und Sichtweite. Dass die Regierung hinter dieser Aktion steht, macht keinen Sinn.“ Er glaube nicht, dass Assad „einen derartigen politischen Fehler begehen würde“.

Das ist in der Tat eine überzeugende Beweisführung. Erstens war es ein “mutmaßlicher Einsatz chemischer Waffen”, zweitens wäre es ein “politischer Fehler” gewesen, nicht etwa ein Massenmord. Für jeden, der sich in der Geschichte der Diktaturen auskennt, ist es ebenfalls “schwer vorstellbar”, dass die Nazis Konzentrationslager in unmittelbarer Nähe von bewohnten Städten gebaut haben könnten, Buchenwald bei Weimar, Auschwitz bei Oswiecim, Dachau bei Dachau. So blöd kann doch kein Diktator sein, schon gar nicht, wenn er ein nachdenklicher Mann ist, der ganz leise spricht.

Und so versetzt sich der Nahostexperte in die Gedankenwelt eines wirklich ungewöhnlichen Machthabers. “Eine demokratische Friedenslösung” sei „nur mit Assad möglich“, so lautet sein Fazit. Auf eine solche Chance einer “demokratischen Friedenslösung” hat der Mann, der Syrien von seinem Vater geerbt hat, schon lange gewartet. Leider wurden seine Intentionen lange missverstanden. Aber damit ist jetzt Schluss. Denn jetzt hat er einen Verbündeten gefunden, einen Bruder im Geiste, eben den Nahostexperten. Und der hat ein Buch geschrieben. Es heisst: “Du sollst nicht töten.” Zwar heisst das Sechste Gebot im Original “Du sollst nicht morden”, aber das muss unser Experte nicht wissen. Denn seine Aufforderung richtet sich nicht etwa an Assad, sondern an die Assad-Gegner. Assad tötet nicht und mordet nicht, allenfalls begeht er einen “politischen Fehler”.

Unser Nahostexperte freilich ist ein Leichenluder, einer, der sogar den Tod seines libyschen Fahrers vermarktet, ein Aasgeier de Luxe, der immer Ich meint, wenn er Wir sagt. Das ist auch auch bei seiner jüngsten PR-Aktion der Fall. Am 26.9. postete er den folgenden Eintrag auf seiner FB-Seite:

ICH BRAUCHE EURE UNTERSTÜTZUNG:
Am nächsten Montag stehen wir (!) auf Platz 6 der Bestsellerliste des „Spiegel“. Deutschland beginnt, sich mit den Thesen des Buches auseinanderzusetzen.
Es gibt eine Strategie, wie wir die Ideen von “Du sollst nicht töten” in ganz Deutschland verbreiten können. Wenn jeder von Euch 10 seiner besten Freunde in einer Kurz-Mail, bittet, das Buch zu kaufen, werdet Ihr staunen, wie viel positive Rückmeldungen Ihr bekommt.
Entschuldigt, dass ich Euch um so viel bitte. Aber es geht um eine große Sache: Um den Nachweis, dass Verhandlungen besser sind als Kriege, und die These, das es keine guten Kriege gibt. Krieg ist immer Mord, Verstümmelung und Plünderung. In einem spannenden Buch über den Mittleren Osten.
Wie ihr wisst finanziere ich mit meinem Teil der Einnahmen Prothesen für schwer-verletzte Kinder in Syrien.
Bitte helft mir noch mal! Ich kann leider nicht jeden Tag auf Deutschlands Straßen vor Plakaten stehen und rufen ” Bombing for peace is…”

Was für eine größenwahnsinnige Kanaille! Was Gott nicht geschafft hat, das will er schaffen. Und er hat eine Geschäftsidee. Jeder seiner Freunde soll jeweils zehn Freunde animieren, sein Buch zu kaufen. Früher nannte man so etwas einen “Kettenbrief”, heute ist es eine “Strategie”. Und mit den Einnahmen finanziert er Prothesen für schwer-verletzte Kinder in Syrien, die keine Prothesen brauchen würden, wenn wir (!) dem nachdenklichen, leise sprechenden Landesvater rechtzeitig in den Arm gefallen wären, statt sich von ihm beim Tee übern Tisch ziehen zu lassen.

Wie sagte es die von Wolfgang Neuss zum Leben erweckte Nonne Elisabeth aus Basel? “Ich bin die Nonne Elisabeth aus Basel. Ich bin eine Supernonne, meine Großmutter war Nonne, meine Mutter war Nonne. Schreiben Sie mir. Schreiben Sie mir auf mein Konto!”


 

 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Christian Kraft / 18.10.2013

Das 6. im Judentum, Herr Lenke (= original).

Felix Hau / 18.10.2013

Danke, danke, danke - immerhin ein Ventil für die ohnmächtige Wut, die einen packen kann, wenn man sich noch einmal die Videos und Berichte aus den ersten sieben syrischen Revolutionsmonaten ansieht und das in einen Kontext mit dem Gequake von Herrn Todenhöfer bringt.

Johannes Lenke / 17.10.2013

Das fünfte Gebot, Herr Broder, das fünfte.

Henryk R. Chrusciel / 17.10.2013

Um dem Vorwurf des Antisemitismus vorauseilend zu begegnen, können lebende jüdische Freunde nur durch die Asse im Ärmel übertrumpft werden: die beliebten jüdischen Großväter, Urgroßväter, Onkels und Tanten. (Sogar der glühende Hitlerverehrer Sven Hedin soll ein stolzer “Sechzehnteljude” gewesen sein). Todenhöfer sollte diesbezüglich Familienforschung betreiben. Bei Erfolg wäre ihm der Status der Unfehlbarkeit nicht mehr streitig zu machen. In jedem deutschen Haushalt stünde sein Buch im Regal und mit den Verkaufserlösen könnte er dann arabische Ausgaben in Millionenauflage über dem Nahen Osten abwerfen lassen. Bücher statt Bomben= Friede!

Thomas Himmel / 17.10.2013

Kann mal jemand erklären wieso der Kölner Stadtanzeiger einen derart dümmlichen Artikel publiziert? Die Wirrnis des Herrn Todenhöfer scheint Auflage zu bringen, oder wie funktioniert Journalismus eigentlich? “Nahost -Experte”, das bin ich auch. Nach ca. 40 Geschäftsreisen nach Israel und ebenso vielen in die GCC Länder hätte ich längst von Maybritt oder Günther eingeladen werden müssen. Der linke antiamerikanische und antiisraelische Populismus in den Medien ist erschreckend. Augstein war noch keinen Tag in Israel und schreibt nicht, sondern hetzt gegen das Land. Bei Todenhöfers Aufruf sein Buch zu kaufen vermengen sich ganz offensichtlich Größenwahn, Geltungssucht und Geldgier. Aber zurück, wie kommt es dass Medien wie Süddeutsche, ZDF, SPIEGEL und offensichtlich auch er Kölner Stadtanzeiger und Andere derart einseitig und weltfremd über das Thema daherkommen? Natürlich preist man die Journalistischen Tugenden wenn es darum geht mal kritisiert zu werden. Der SPIEGEL hat gegen Strauß die Demokratie gerettet, womit man sch einmal jährlich brüstet. Herr Leiendecker von der Süddeutschen hält den durchschnittlichen Leser ganz offen für einen Idioten. Deutsche Journalisten sind vermutlich nicht anders als ihre internationalen Kollegen. Mag kann nur hoffen dass das sogenannte Zeitungssterben weitergeht und sich eine neue Form der Berichterstattung bildet. Oh, jetzt bin ich wohl auch noch Medienexperte.

Markus Weber / 17.10.2013

Dem Assad in den Arm fallen? Klar doch! Machen wir(!). So sehr Sie in weiten Bereichen in meinen Augen berechtigte und wertige Kritik an anderen Autoren üben, wo waren all die Szenekenner in den Jahren, da westliche Politiker nichts dabei fanden, bei einem wie dem Assad “Befragungen” ausgesuchter Gefangener in Auftrag zu geben? Wenn ich als Dorfpolizist dem Halter eines lokalen Waffengeschäfts über Jahre dabei behilflich bin, sagen wir, Lieferpapiere über halbautomatische Hand- und Faustfeuerwaffen zu fälschen, und die Kundschaft das unter der Hand auch weiss, dann kann ich doch schlecht mit der Warnmeldung auf den Plan treten: “Jetzt verkauft er auch noch Munition! Sowas! Stoppt die Spirale der Gewalt!”

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 06.09.2019 / 11:00 / 93

Wofür bekam Sawsan Chebli den Steh-auf-Preis für Toleranz und Zivilcourage?

Am 29. August gab Sawsan Chebli, die Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, über Twitter bekannt, dass sie soeben für…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.03.2019 / 10:00 / 49

Schweden, unser großes Vorbild

Am 5. September erschien in der Augsburger Allgemeinen ein längeres Interview mit dem Pastor einer Freikirche, der einen Verein gegen Menschenhandel gegründet hatte. Die Überschrift lautete: "Pfarrer…/ mehr

Henryk M. Broder / 16.11.2018 / 13:00 / 35

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts: Werner B.

Wohl nicht zufällig erschien pünktlich zu Beginn der närrischen Jahreszeit, am 11. November, in der SZ ein Beitrag über "Puritanische Vorurteile jenseits aller Wissenschaft", der…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.11.2018 / 10:00 / 35

Endlich da! Die Europäische Republik

Möglicherweise haben Sie es nicht einmal gemerkt, die Erde hat nicht gebebt, und die Luft hat nicht gebrannt. Die Kirchenglocken haben nicht geläutet, und die Bio-Bauern…/ mehr

Henryk M. Broder / 30.10.2018 / 10:00 / 20

Anleitung zum Judesein

Vor genau 20 Jahren, im Herbst 1998, erschien im Droemer Knaur Verlag ein 300 Seiten dickes Buch mit einem schrägen Titel: „Nicht durch Geburt allein. Übertritt…/ mehr

Henryk M. Broder / 26.09.2018 / 17:19 / 21

Endlich enthüllt: Merkel ist eine Sozialdemokratin!

Die wunderbare, hochbegabte, engagierte und sympathische Sawsan Chebli, die uns mit ihren Twittereinträgen über ihre Befindlichkeiten auf dem Laufenden hält, "Gehe mit einem unguten Gefühl…/ mehr

Henryk M. Broder / 22.04.2018 / 13:15 / 14

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts. Heute: Christian Wolff

Der evangelische Theologe, Blogger und Berater für Kirche, Politik und Kultur, seit 1970 Mtglied der SPD, enthüllt im Vorwärts, dem Organ der deutschen Sozialdemokratie, eine Verschwörung, die…/ mehr

Henryk M. Broder / 07.04.2018 / 16:08 / 9

Umstandsmoden für die Gefreiten

Letzte Woche fanden in Deutschland die „traditionellen Ostermärsche“ statt. „Tausende von Menschen“, so berichtete sowohl das Erste wie das Zweite, hätten gegen den Krieg und…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com