Gastautor / 17.09.2023 / 10:00 / Foto: Pixabay / 30 / Seite ausdrucken

Der Kampf der linken Reichen gegen das Proletariat

Von Julie Burchill.

Warum kämpfte die britische Starjournalistin und Punk-Legende Julie Burchill für den Brexit? Sie tat es für die Arbeiterklasse, aus der sie stammt. Achgut.com veröffentlicht einen Auszug aus ihrem neuen Buch „Willkommen bei den Woke-Tribunalen!“. 

Manchmal, in einer der sehr seltenen Dämmerungen, in denen ich mich „nachdenklich“, sogar „wehmütig“ fühle, blicke ich von meinem Balkon in einem Art-Deco-Apartmentblock in der schicksten Straße von Hove auf die geheimnisvoll schimmernden Lichtstrahlen über dem Meer und frage mich, wie das alles gelaufen ist. Wie bin ich davongekommen? Wie den ganzen Weg hierher? Wie konnte ich fast ein halbes Jahrhundert lang meinen Traumberuf ausüben (Leute ärgern und dafür bezahlt werden), wo ich doch aus der Arbeiterklasse stamme, einem durch und durch proletarischen Milieu. In den 1970er Jahren riet ein Berufsberater meiner klugen attraktiven Cousine, die gerne Stewardess werden wollte, sie solle mal lieber „auf den Boden der Tatsachen zurückkommen“. Ich kenne einen Mann, der zur gleichen Zeit in Südwales aufgewachsen ist und dessen Berufsberatung sich in der simplen Frage erschöpfte: „Gut, in welche Kohlengrube wollen Sie denn gehen?“

An solchen Abenden glaubt ein winziger Teil von mir, dass ich meinen Brüdern, die das Salz der Erde sind, niemals den Rücken hätte zukehren dürfen. Mein Vater, ein Fabrikarbeiter, lehnte mit großer Freude die Beförderungsangebote ab, die ihn, wie er glaubte, daran hindern würden, ein hartnäckiger Verfechter der Rechte seiner Kameraden zu sein, und ich verehrte meinen Vater. Hätte ich ihm nicht ähnlicher sein und mich selbstlos der Mehrung des proletarischen Wohlstands widmen sollen?

Andererseits erzählte er fast ein bisschen stolz, dass einer der Chefs ihn gefragt habe, ob es in Ordnung sei, wenn seine Tochter ihn kurz treffen dürfe, „da sie so ein Fan Ihrer Tochter ist“. „Sie hat mir all diese Fragen über dich gestellt, als wärst du wichtig oder so – ich habe ihr nicht gesagt, dass du eine richtige kleine Madame bist“, kicherte er. Meine Mutter war indes weniger glücklich über meinen neu erlangten Ruhm: „Tu mir das nie wieder an!“ Schimpfte sie, nachdem ein junges Mädchen in einer Seifenoper damit geprahlt hatte, es werde die nächste Julie Burchill sein. Ich versprach es ihr, doch schon in der folgenden Woche erwähnte mich Terry Wogan in seiner Radioshow, und wir waren wieder da, wo wir angefangen hatten. Sie war davon überzeugt, dass ich diese Erwähnungen in den Medien aus irgendeinem ruchlosen Grund arrangierte, wahrscheinlich nur um sie in Verlegenheit zu bringen.

Privilegiertem Trottel den Traumjob weggenommen

Solche wehmütigen nachdenklichen Abende gibt es nur dreimal im Jahr, meistens mit einem Kater. Denn wenn ich nicht als Teenager im Journalismus Karriere gemacht hätte, wäre irgendeine langweilige Ausgeburt der Bourgeoisie an meine Stelle getreten, die an der Uni war und wusste, wie man Goethe und Nietzsche ausspricht. Jedes Mal, wenn ich meinen Namen in der Zeitung sehe, muss ich schmunzeln, weil ich weiß, dass ich einem privilegierten Trottel seinen Traumjob weggenommen habe; alles in allem habe ich nichts zu bereuen und genieße die Aussicht von hier oben.

Aber es vergeht kaum eine Woche, in der ich nicht an meine in ihre Klasse eingepferchten Zeitgenossen denke, die vielleicht nicht mein Glück, mein Talent oder meine großen grünen Augen hatten, die aber sicherlich genauso klug waren wie die große Mehrheit ihres Mittelschichtsjahrgangs, die zu verunglimpfen ich das Vergnügen hatte. Früher sorgten die Menschen der Arbeiterklasse selbst dafür, dass ihr Sohn einen Job in einer Druckerei oder einem Bergwerk bekam, aber heute haben dieses Privileg nur noch die Bessergestellten mit den besser bezahlten Jobs. Wenn ich die Welt regierte, würde ich vornehme Kinder davon abhalten, Jobs zu bekommen, die sowohl Spaß machen als auch gut bezahlt werden, sagen wir für das nächste Jahrzehnt, nur um die abscheuliche Lage ein bisschen weniger ungerecht zu machen, als sie jetzt ist. Und auch alle, die denselben Beruf wie ihre bestbezahlten Eltern ausüben. Dann könnten all die übergebildeten, untertalentierten Typen, die sich diese Jobs schnappen, weil ihre Eltern in der Musik-/Schauspieler-/Schreiber-Branche tätig waren, einen der „richtigen“ Berufe wie Arzt oder Lehrer ergreifen, die sie selbst so gern allen anderen empfehlen, die sich nicht vom Ruhm verführen lassen sollen.

Am schlimmsten wird mir das bewusst, wenn ich die schulischen Erfolgsquoten nach Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit aufgeschlüsselt sehe – wenn die Jungs, die mich gejagt und gequält haben, die gutaussehenden, schlechtgelaunten und die hässlichen, allesamt zu Statistiken auf einem Diagramm zusammengeschrumpft werden, wo sie unweigerlich an letzter Stelle stehen, denn nur 9 Prozent der weißen Jungs aus der Arbeiterklasse besuchen eine Universität. Es gibt allerdings auch viel Schönes an diesen Diagrammen: Asiatinnen stehen an erster Stelle, gefolgt von schwarzen Frauen, gefolgt von „gemischten“ Frauen (in unserem pornoverrückten Zeitalter ist es unmöglich, diese Kategorien auch nur hinzuschreiben, ohne sich vorzustellen, dass irgendein woker pornobesessener Mann verzweifelt an sich herumfummelt). Wenn ich es mir recht überlege, bin ich auch nicht der größte Fan von Unis – sie sind die Brutstätte der Wokeness, wenn „Brut“ nicht ein zu lebensbejahendes Wort für ein so steriles und totes Glaubenssystem ist. Millennials, die noch bei ihren Eltern leben und den Tag bereuen, an dem sie je etwas von Medienwissenschaften gehört haben, sind Legion, während sie, wenn sie eine Lehre als Klempner oder Elektriker absolviert hätten, inzwischen ihre Zweitwohnungen in Spanien einrichten würden. Aber wenn Gärtner und Bauarbeiter in den Glücksumfragen immer am besten abschneiden, heißt das noch lange nicht, dass weiße Jungs aus der Arbeiterklasse nicht auch die Chance haben sollten, drei Jahre lang fernzusehen. (…)

Als man Bergleute ins Parlament wählte

Als jemand, der in einem kommunistischen Arbeiterhaushalt aufgewachsen ist, war ich zugegebenermaßen ziemlich verblüfft, als ich von dem woken Begriff des weißen Privilegs hörte, und empört darüber, dass Lehrer mir mein Privileg genommen hatten, als sie meinten, ich würde es nie zu etwas bringen, nur weil ich eine miese Schule besuchte. Und dieser zahnlose alte Veteran, der in einer Ladenpassage lebt und dem ich jeden Tag einen Zehner gebe, wird mit der Welt versöhnt sein, wenn ich ihm als Bonus die frohe Botschaft überbringe, dass er aufgrund seiner Hautfarbe mehr Privilegien genieße als die Herzogin von Sussex. (…) Es sind nicht nur kaltherzige Wissenschaftler, die dafür sorgen, dass Arbeiterkinder sich wie Fische auf dem Trockenen fühlen; schuld daran sind auch die Künste. (…) Meiner Meinung nach können es sich nur noch die Kinder der Reichen leisten, sich künstlerisch zu betätigen, sei es in der Schauspielerei, der bildenden Kunst, der Musik oder der Literatur, und das ist der Grund, weshalb unsere Kulturlandschaft derzeit so trostlos aussieht. (…)

Die soziale Mobilität, von der noch vor wenigen Jahren alle annahmen, sie würde sich ungehindert fortsetzen, hat sich drastisch umgekehrt und die ohnehin schon schwache  Arbeiterklasse mit der Wucht einer Dampfwalze überrollt. Ja, ihr munteren Cockneys und stoischen Nordländer, nicht nur die Berufe eurer Eltern, die noch Dinge hergestellt haben, sind verschwunden, auch die angenehmen Jobs, mit denen einige wenige von euch sich einst aus den Fesseln des Proletariats befreien konnten – Model, Schauspieler, Journalist –, sind nun von den Kindern der reichen, berühmten und gut vernetzten Leute kolonisiert worden. Aber wie haben sie sich ausgerechnet die populäre Musik genommen, den eigentlichen Sound der heißblütigen, aufmüpfigen Arbeiterjugend? (…) Showbusiness und Medien waren schon immer der Ausweg für aufgeweckte Arbeiterkinder, die zu ungeduldig waren, um auf akademische Anerkennung zu warten – ich war eines von ihnen. Aber das wäre ich heute wahrscheinlich nicht mehr. Bei den Journalisten des Landes ist der Anteil derjenigen, die privat ausgebildet wurden, in den letzten zwei Jahrzehnten ebenfalls gestiegen, und nur 14 % von uns wurden an Gesamtschulen unterrichtet. Würde ich, wenn ich heute jung wäre, weiter zur Schule gehen und studieren, wenn die Chancen, Schriftstellerin zu werden, für Leute wie mich so schlecht stehen? (…)

Wie tief die einfachen Leute gefallen sind! Es erscheint einem unwirklich, wenn man sich vor Augen führt, wie vielfältig das Unterhaus einst war: Die Labour-Party wurde hauptsächlich von arbeitenden Männern (und, der Gerechtigkeit halber sei’s erwähnt, auch ein paar Frauen) vertreten, während die Tories, wie zu erwarten, hauptsächlich von Ungeziefer repräsentiert wurden, wie Aneurin Bevan es ausdrückte. 1945 wurden mit Willie Gallacher und Phil Piratin zwei echte Kommunisten gewählt, die der Kommunistischen Partei Großbritanniens angehörten. Auch bei der ersten Wahl nach dem Krieg wurden sage und schreibe 45 Bergleute ins Parlament gewählt – aber Bergleute waren auch schon Abgeordnete, bevor es die Labour Party gab, nämlich bereits 1874. Der ehemalige Bergarbeiter Lee Anderson wurde wegen seiner Unterstützung des Brexit so arg beschimpft, dass er die Partei wechselte und zum konservativen Abgeordneten für Ashfield gewählt wurde, als die rote Hochburg im glorreichen Winter 2019 zusammenbrach.

Warum Arbeiter migrationskritischer sind   

Je näher die Wahl 2019 rückte, desto mehr war ich auf der Suche nach Abgeordneten der Labour Party, vorzugsweise aus der Arbeiterklasse, die den Brexit nicht ablehnten, nur um mir die Treue zu halten und mich von dem abzuhalten, was mir mein Vater immer als schlimmeres Schicksal als den Tod prophezeit hatte: die Tories zu wählen. Stellen Sie sich vor, wie aufgeregt ich war, als ich Lisa Nandy  entdeckte, die junge Abgeordnete für Wigan (die Heimat des Northern Soul, des World Pie Eating Contest und jenes Piers, den George Orwell als Aufhänger für seinen erschütternden Bericht über das harte Leben der Menschen der nördlichen Arbeiterklasse in den 1930er Jahren nutzte), die einem launischen Teenager aus der Serie „Coronation Street“ ähnelte. (…)

Die Geschichte, wie Labour die Kerngebiete der Arbeiterklasse dem woken Schwindel zuliebe aufgab, lässt sich am besten an der Geschichte der beiden Keirs ablesen. Keir Hardie, der Gründer der Labour Party, arbeitete seit seinem zehnten Lebensjahr in den Kohleminen von Lancashire. Sir Keir Starmer, der heutige Vorsitzende der Labour Party, studierte Jura an der Universität Leeds, wo er schon damals in der Studentenzeitung als „König der Mittelklasse-Radikalen“ gefeiert wurde. (…)

Häufig ist vom „Hass“ die Rede, den das Referendum in unserer Gesellschaft „geschürt“ habe – vor der Demokratie aber warnten diejenigen, die uns zu unserem eigenen Wohl kontrollieren wollten, als wären wir missratene Kinder, die auf die Keksdose schielen. Was die trauernden Verlierer geflissentlich verschweigen, ist, dass der Hass größtenteils von ihrer Seite kommt. „Zu viel Demokratie“ hat das Gift lediglich zutage gefördert. In der Tat hat der Brexit Hass hervorgebracht – aber es war nicht der Hass der Briten auf die Ausländer, sondern der der Liberalen auf die breite Masse. (…)

Es gibt einen einfachen Grund, warum die Arbeiterklasse größere Vorbehalte gegen Einwanderung hat als diejenigen, die auf der sozialen Leiter weiter oben stehen, und der hat nichts damit zu tun, dass sie böse primitive Fanatiker wären. Der Grund ist, dass ihr Lebensunterhalt beeinträchtigt wird, wenn das Arbeitskräftereservoir größer wird und viele der Neuankömmlinge gern auf die Errungenschaften verzichten, die die einheimischen Arbeiter in ihrer langen und grausamen Geschichte des gewerkschaftlichen Kampfes erreicht haben. Es gibt einen Grund, warum der Verband der britischen Industrie schon immer gegen Einwanderungskontrollen war: So können die Chefs massenhaft Sklavenarbeitskräfte aus Osteuropa einschleusen und dann die einheimischen Arbeiter, deren Löhne den Bach runtergehen, als Rassisten beschimpfen, wenn sie das nicht einfach hinnehmen. Aber sie wollten sich nicht von gierigen Aufsehern austricksen lassen. Diese völlig vernünftige – und sozialistische – Reaktion war es, die so viele Menschen aus der Arbeiterklasse dazu brachte, für den Brexit zu stimmen. (…)

Wokeness ist Klassenhass

Man hat uns immer erzählt, die Briten würden die Jobs in der Gastronomie und im Hotel- und Gaststättengewerbe „nicht machen“, weshalb wir all die billigen osteuropäischen Arbeitskräfte einfliegen lassen müssten. Doch als die Landwirtschaft im Frühjahr 2020 davor warnte, dass Tausende von Tonnen Obst und Gemüse auf den Feldern verrotten würden, bewarben sich in den ersten Wochen rund 35.000 Briten. Sie wurden größtenteils zugunsten osteuropäischer Arbeitskräfte abgelehnt, die in mobilen Häusern auf den Feldern eingepfercht werden konnten, so dass diese die Kosten für Lebensmittel und Unterkunft – etwa 70 Pfund pro Arbeiter und Woche – von ihrem Lohn abziehen konnten. Es sei daran erinnert, dass der Import von Billigarbeitskräften nicht nur der einheimischen Bevölkerung schadet, sondern auch den Menschen, die solche Arbeit leisten; die chinesischen Herzmuschelpflücker in der Morecambe Bay starben, weil sie sich mit den örtlichen Gezeiten nicht auskannten, im Gegensatz zu den einheimischen Arbeitern, die sie aufgrund ihrer geringen Bezahlung ersetzten.

Gegen diese verderblichen Zustände – eine herrschende Klasse, die gefügige ausländische Arbeitskräfte importiert, um die Arbeiterklasse dafür zu bestrafen, dass sie es gewagt hat, einen existenzsichernden Lohn zu fordern – richtete sich das Brexit-Referendum. Es ging nie um Rassismus; es sei denn, die Rede ist ironischerweise vom Rassismus der Osteuropäer, von denen viele ihre Abneigung gegen die vielen verschiedenen Ethnien, die sie in britischen Städten antrafen, ganz offen zum Ausdruck brachten. (…)

im Sommer 2020 traten in einem BBC-Podcast zwei junge Frauen namens Charlotte und Amelia auf, die einen außergewöhnlichen Angriff auf „Karens“ starteten: die neue negative Bezeichnung für weiße Frauen der Unterschicht. Brendan O’Neill schrieb darüber in einem brillanten Artikel:

„Wokeness gibt sich zunehmend als verbrämter Klassenhass zu erkennen. ‚Karen‘ ist die weibliche Version von ‚Gammon‘ – so wie die Corbynistas und Trustafaris (Neologismus aus Trust (Fonds, Konzern) und Rastafari) Männer aus der Arbeiterklasse, die den Brexit unterstützen, als Schweine bezeichnen, so betrachtet dieselbe Klientel nun weiße Frauen mit niedrigerem Status als ‚Karens‘. ‚Bilden Sie sich‘, sagte Amelia, ‚lesen Sie ein paar Bücher‘, und kicherte dabei, zweifellos unter dem Einfluss der Endorphine moralischer Überlegenheit. Charlotte meinte, weiße Frauen sollten ‚ihr Weißsein nicht zu verteidigen versuchen‘ und stattdessen ‚kritisch über ihre Identität und ihr Privileg nachdenken‘. ‚Geht aus dem Weg‘, sagte sie schließlich. ‚Ja, sie sollen einfach abhauen‘, pflichtete ihr Amelia bei, und sie lachten. Es ist urkomisch: gebildete Frauen aus der Mittelschicht sagen anderen Frauen, sie sollten sich verpissen. Dass zwei weiße Frauen zusammensitzen und über das Problem weißer Frauen sprechen können, sagt einiges darüber, was der Begriff ‚weiße Menschen‘ heutzutage bedeutet. Es ist nicht nur eine physische Beschreibung derjenigen, die weiß geboren wurden. Er ist ein Klassenindikator. Die Rede von ‚weißen Menschen‘ bezieht sich in der Regel auf die unteren Schichten, die unzureichend Gebildeten, die ‚Unwissenden‘. Nur die Weißen aus der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht werden auf ihre ‚Rasse‘, auf ihr Weißsein reduziert. Auf diese Weise werden sie entmenschlicht, um ihre Meinungen und Werte zu delegitimieren (die angeblich alle auf ihr Weißsein zurückzuführen sind) und sie reif zu machen für die Belehrungen, die klügere, sozial bewusste Weiße wie Charlotte, Amelia und ein ganzes Heer woker Akademiker und öffentlich Bediensteter ihnen erteilen.“

„Gottes Verachtung aller Regierenden“

Diese widerlichen Sitzschnüffler und Bettnässer, die Hetties und Lotties und Amelias hatten ihren Spaß – aber sie sollten jetzt vorsichtig sein, denn diejenigen, über die sie sich lustig machen, haben buchstäblich nichts mehr zu verlieren, wenn wir im freien Fall in eine noch nie dagewesene wirtschaftliche Depression stürzen. Geht lieber zurück zu Mutti und Vati in eure behagliche Gated Community, solange ihr noch könnt, denn es gibt Dinge, vor denen man sich nicht hinter dem Wokescreen verstecken kann. Und ganz gleich, ob ihr versteht, was die Massen euch zu sagen versuchen oder nicht, sie werden dieses Mal wahrscheinlich nicht im Stillen leiden. G.K. Chesterton hat das in seinem Gedicht „The Secret People“ schön ausgedrückt:

„We hear men speaking for us of new laws strong and sweet, Yet is there no man speaketh as we speak in the street. It may be we shall rise the last as Frenchmen rose the first, Our wrath come after Russia’s wrath and our wrath be the worst. It may be we are meant to mark with our riot and our rest God’s scorn for all men governing. It may be beer is best. But we are the people of England; and we have not spoken yet. Smile at us, pay us, pass us. But do not quite forget.“

(„Wir hören Menschen in unserem Namen von neuen großartigen Gesetzen sprechen, doch spricht niemand von ihnen, wie wir auf der Straße sprechen. Vielleicht werden wir uns als letzte erheben, so wie die Franzosen sich als erste erhoben, wird unser Zorn nach dem Russlands kommen und unser Zorn der ärgste sein. Vielleicht ist es an uns, in Aufruhr oder Stillstand Gottes Verachtung aller Regierenden kundzutun. Vielleicht ist Bier am besten. Doch wir sind das Volk von England; und wir haben noch nicht gesprochen. Lächelt über uns, bezahlt uns, geht an uns vorbei. Doch vergesst uns nicht ganz.“)

Wenn ich von meinem schmucken Balkon hinunterschaue, denke ich an die anderen, die genauso klug sind wie ich (na ja, fast), jedoch nie eine Chance bekamen, und die nun zugunsten einer Gruppe von Leuten übergangen werden, deren Zahl nicht ausreicht, um das Haus des Herrn zu zerstören – egal, wie viele Statuen sie einreißen –, und die man deshalb mit Humor ertragen und verhätscheln kann. Wenn ich sehe, wie die woken Medien Minderheiten für ihre eigenen narzisstischen und selbstdarstellerischen Bedürfnisse anflehen, sehe ich voraus, dass Weiße bald ebenso den Aufstand proben werden wie Schwarze. Denn das Problem mit der Identitätspolitik besteht darin, dass man auch das Weißsein zu einer Identität macht. Und wenn man sich der Hautfarbe wegen von anderen aus seiner Klasse abgrenzt, ihre Lebenserfahrung als Privileg abtut und ihnen die Schuld an Dingen gibt, die sie nicht getan haben, werden diese Leute irgendwann sagen: „Gut, ihr habt gewonnen. Ich werde nur noch mit meinesgleichen reden, unter ihnen leben und sie wählen.“

Dies ist ein Auszug aus Julie Burchills neuem Buch „Willkommen bei den Woke-Tribunalen?“. Hier bestellbar.

 

Julie Burchill ist als englische Journalistin und Autorin tätig, u.a. beim New Musical Express. Zu ihren Büchern gehört „Unchosen. The Memoirs of a Philo-Semite“. Die Fernsehfassung ihres Jugendromans „Sugar Rush“ wurde mit einem internationalen Emmy ausgezeichnet. Zahlreiche Bücher von ihr erschienen auch in Deutschland.

Foto: Pixabay

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Hans-Joachim Gille / 17.09.2023

Hier muß man darauf verweisen, daß auch Achgut-Autoren beim BREXiT nur die ökonomischen Nachteile desselbigen formulieren. Daß Freiheit, vor allem Freiheit von der nicht gewählten Brüsseler woken Schickeria, ihren Preis hat, steht dann nicht zur Debatte.

Josef Aßhauer / 17.09.2023

Ein Haus bauen, ein Auto besitzen, in den Urlaub fliegen oder fahren, im Stadion eine Wurst und in der Kantine ein Schnitzel essen, Silvester einen Böller zünden, was auch immer arbeitende Leute gern tun, die Transformisten sind schon da und wissen, warum es nicht sein darf. Die Ideen stammen aus Zirkeln von nicht arbeitenden, keine Mehrwerte schaffenden Leuten, die staatliche Gelder beziehen – in NGOs, den Fakultäten für Pseudowissenschaften, Parteien, Staatsmedien – und sich mit Themen, die fern jeder Wertschöpfung und Wissenschaft sind – Weltuntergangsszenarien, Überwindung des Kapitalismus, den Zugang von Männern zur Damensauna - beschäftigen. Meist haben sie nichts oder Unsinn gelernt, der sie in Augen der Medien zu einem Dasein als Dauersprachrohre und als Experten für alles befähigt – Genderwissenschaften, Diskriminierungsforschung oder am besten generelle und theoretische Expertik. Mein mediales Lieblingsphänomen: Die Expertin. Eine Frage ist: Warum tun sie das? Warum diffamieren und entwerten sie andere Leute? Warum betreiben sie die pure Obstruktion gegen die funktionierenden Institutionen der Gesellschaft – gegen eine sichere Energieversorgung, gegen die industrielle Wertschöpfung, gegen eine pluralistische Meinungsbildung, gegen ein leistungsorientiertes Bildungssystem? Ich glaube, sie tun das aus der Freude an der Selbsterhebung. Sie gefallen sich in ihrer Rolle als selbsternannt bessere Menschen. Sie genießen den vermeintlichen Klassenunterschied. Sie lieben es, andere zu kujonieren. Wie kann man das beenden? Jedenfalls nicht durch Appeasement und Mitmachen. Vielleicht hilft nein sagen, abwählen und Geldströme austrocknen.

ralf heinritz / 17.09.2023

Julie Burchill ist schon gut, vergißt aber auch gerne Sachen. Punk war rein von der Sozialhilfe finanziert, also auch von den ach so blöden Mittelklassewichsern.  Und wurde Burchill nicht auch durch ihre Haß auf Hippies -Tiraden in The Face berühmt? The Face war vor I-D die ultimative Kultzeitschrift für gehirnamputierte Neo-Mods. Und sie ignoriert, daß die politischen und ökonomischen Katastrophen des U. K. nach 1945 zu 99% auf Labors Konto gehen.

Andrej Stoltz / 17.09.2023

Julie Burchill ? Sie hat hier ja recht, aber ich weiss nicht, ich fand die schon damals um ´79 nicht wirklich authentisch, als es mir alle paar Monate mal gelang (war hier bei uns gar nicht so einfach) einen Grossformat NME zu ergattern. Sie mag ja vieles sein, aber ganz sicher keine “Punk-Legende”. Weibliche Punklegenden waren Siouxsie, Jordan, Viv Albertine, auch Debbie Harry (Blondie), sogar eine Toyah Willcox war noch eher Punklegende als Burchill. Die war halt eine von vielen Trittbrett Schurnos, welche darüber schrieben, weil es gerade mal angesagt war. Als Punk so Ende 1978 vorbei war, war sie heilfroh wieder über Genesis, ELP &Co;. schreiben zu können…..Aber weils grad so schön zum linken Betrug an der Arbeiterklasse passt, möcht ich einen echten Punkhelden und Zeitgenossen Burchills zitieren: “After the war, the Labour Party promised sooo much…and did soo little” (1980) John Lydon/Johnny Rotten, Sex Pistols Sänger und PIL.  Ebenfalls von Lydon: “Enoch Powell was right”. Und weil man gerade gestern so interessantes über den Böhmermann lesen konnte….“I want to kill Jimmy Savile” John Lydon prophetisch 1978. Er kritisiert die Oberschicht (“parasites”) ebenso wie die eigene Arbeiterklasse: “Wir sind faul, taugen zu nichts, übernehmen keine Verantwortung und das ist der Grund, warum wir immer unten bleiben werden.” Lydon lebt schon lange in den USA, weil “die Amerikaner weniger gewalttätig als die Engländer sind” und ist heute einer der wenigen Promis, die sich trauen Donald Trump auch öffentlich zu unterstützen. So. Und solchen Klartext hörst dann halt von der Burchill auch wieder nicht, dafür ist sie viel zu sehr Mainstream, damals wie heute. Dafür musst du schon das Original nehmen, wenn schon Punk.

Marcel Seiler / 17.09.2023

Klingt äußerst interessant. Bücher leider recht teuer, selbst auf englisch und Kindle.

Hjalmar Kreutzer / 17.09.2023

„Wenn ich die Welt regierte, würde ich vornehme Kinder davon abhalten, Jobs zu bekommen, die sowohl Spaß machen als auch gut bezahlt werden, sagen wir für das nächste Jahrzehnt, nur um die abscheuliche Lage ein bisschen weniger ungerecht zu machen, als sie jetzt ist.“ Selten habe ich so einen ...(Selbstzensur, Netiquette) ... gelesen. Dauernd sollte ich mich in der DDR dafür schämen, Abitur statt einer Lehre absolviert zu haben. Selbst an der Uni wurden wir von Studenten andrer Fakultäten, wie Landwirtschaft oder Schiffstechnik als arrogante Streber, Klemmis und Sch…-Mediziner bepöbelt. Ich wünsche den britischen Werktätigen alles Gute, ob Bergmann oder Chirurgieprofessor, und vor allem KEINEN Sozialismus und kein pubertäres Klassenkampfgekreisch.

George Samsonis / 17.09.2023

Es ist doch toll, wenn alle gleich sind, nur manche sind gleicher. Die Gleicheren in der Ostzone fuhren Lada oder Volvo, die Gleichen mussten arbeiten (in der Ostzone herrschte Arbeitspflicht). So ist es eben bei den Linken, heute bei den LinksGrünen ...

Johannes Schuster / 17.09.2023

Einer der wenigen Artikel, die bei mir Tränen vor Berührtheit in eigener Sache entlocken. Ein ziemlich übler Todesfall mit allerlei finanziellen und juristischen Erbfolgen hatte es damals besorgt, daß ich von einem Werdegang wie demjenigen eines Kim Jong Un in seinen schweizer Jahren in kurzer Frist unter die Arbeiter kam. Ich kenne Müll und Kanäle und ich kenne Bibliotheken und Musikzimmer. Wenn man im Regen Ketten an einen Container morgens in der Dunkelheit in Mitten von Industrieanlagen hängt und der Satz kommt: “Das also ist das wirkliche Leben”, dann ist man angekommen. Wenn man im Wald steht und ist zum Frühstück schon naß bis in die Schuhe und es gesellen sich verkantete Sägeschienen zu Graupelschauern, dann ist man angekommen. Wenn man morgens im Wind die nasse Plane vom Auflieger in die Fresse bekommt, ist man geadelt. Wenn einem die Spannlatte auf die Füße fällt, dann ist man ein Idiot. Arbeiter können auch asoziale Schweine sein und in der Gießerei gibt es Feuer aber keine Liebe, nur es sind eben arbeitende asoziale Schweine von oberen Gesellen und keine weltfremden Tunten, die einfach nur einem zertretenen Kaugummi mit künstlichen Farbstoffen in der Gosse ähneln. Heute kann ich mich mit keinem mehr von früher unterhalten, die sind mir zu weltfremd, zu abgehoben, da ist nichts in den Jahresringen. Und mit den Arbeitern redet man über Gullis, Sägen, Schweißnähte, und auch das wird eintönig. Haarer - Kinder sind es beide, die Hypothek ist auch die gleiche, was soll´s .....

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