Gastautor / 30.12.2017 / 06:12 / Foto: Alfred T. Palmer / 3 / Seite ausdrucken

Denn eins ist sicher: die Bankeinlagen – wirklich?

Von Marcus S. Fritsch.

„Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“

Spätestens seit dieser bemerkenswerten öffentlichen Erklärung, zu der sich Kanzlerin Merkel und ihr damaliger Finanzminister in der Hochzeit der Finanzkrise genötigt sahen, ist das Thema Einlagensicherung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das zitierte Versprechen ließe sich nach heutigen Maßstäben ohne weiteres als riesiger Bluff bezeichnen – denn weder gab es zum Zeitpunkt der Aussage hierfür eine rechtliche Grundlage, noch wurde eine solche nachträglich geschaffen.

Tatsächlich ist aufgrund einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2009 jedes Mitgliedsland dazu verpflichtet, auf nationaler Ebene eine gesetzliche Einlagensicherung von 100.000 € pro Sparer zu gewährleisten. In Deutschland gibt es darüber hinaus noch freiwillige Sicherungseinrichtungen, beispielsweise des Bundesverbandes Deutscher Banken, die meist noch deutlich höhere Summen garantieren.

Seit einiger Zeit wird im Zuge der Europäischen Bankenunion (gemeinsame Bankenaufsicht und -abwicklung) unter dem Namen EDIS (European Deposit Insurance Scheme) gar über einen gemeinschaftlichen europäischen Einlagensicherungsfonds diskutiert, der in drei Stufen bis 2024 eingeführt werden könnte. Eine gute Gelegenheit, einmal grundsätzlich die Thematik der Einlagensicherung zu hinterfragen.

Sind Einlagen wirklich Geld?                                                       

Weit verbreitet ist die Annahme, Geld liege ja sicher auf einem Bankkonto, und der Kunde könne jederzeit darüber verfügen. Tatsächlich handelt es sich bei einer Bankeinlage jedoch um einen Darlehensvertrag, bei der der Sparer Gläubiger und die Bank Schuldner ist. Der vermeintlich risikobewusste Einleger findet sich nun als Fremdkapitalgeber gegenüber einer Bank mit einer Eigenkapitalquote im einstelligen Prozentbereich wieder.

Den Kredit, den die Bank auf diese Weise gegenüber ihrem Kunden aufgenommen hat, gibt sie ihrerseits als Kredit an andere Kunden weiter. Deshalb können von den Einlagen bei der Bank niemals alle Einlagen sofort als Bargeld ausgegeben werden – völlig unabhängig davon, ob eine Bank gesund oder insolvenzgefährdet ist. Es handelt sich schlicht um das typische Geschäftsmodell einer Bank. Dass es funktioniert, liegt an statistischen Wahrscheinlichkeiten: Da in einem halbwegs funktionierenden Bankensystem niemals alle Kunden zeitgleich all ihre Einlagen abheben wollen, können Banken die Einlagen für andere Zwecke produktiv nutzen.

Sparer – die gutgläubigen Spekulanten

Im Glauben, die denkbar sicherste Anlageform für das Ersparte gewählt zu haben, gehen Bankeinleger folglich in dreierlei Hinsicht (unbewusst) eine Wette ein. Erstens hoffen sie, dass ihre Einlagen im Fall der Insolvenz einer Bank nicht verloren sind. Zweitens gehen sie davon aus, dass die überwiegende Anzahl der anderen Sparer ihre Einlagen nie abzieht. Denn wie oben beschrieben, hat immer nur eine Minderheit die Möglichkeit, über ihr Geld auf der Bank tatsächlich zu verfügen. Drittens setzen sie darauf, dass sie mit ihren Einlagen auch morgen noch ihre Bedürfnisse befriedigen können, denn Papiergeld hat als sogenanntes Fiat-Geld keinen Substanzwert. Es ist nicht durch zugrundeliegende Sicherheiten gedeckt. Früher war diese zugrundeliegende Sicherheit Gold, doch im modernen Papiergeldsystem wurde diese Deckung aufgegeben. Dieses Geld ist immer vom rechtlichen Rahmen und dem kollektiven Glauben an seine Kaufkraft abhängig. Die Gefahren, die damit einhergehen, sollte man nicht unterschätzen. In Deutschland kam es im vergangenen Jahrhundert mehrmals zum vollständigen Kaufkraftverlust. Dies wäre bei einer mit realen Sicherheiten gedeckten Währung kaum möglich gewesen.

Im modernen Papiergeldsystem steht der Sparer zu allem Übel auch noch am Ende der Rendite-Nahrungskette: Für Zinsen nahe der Nulllinie stellt er aktuell Banken Geld zur Verfügung, das diese wiederum mit deutlichem Aufschlag an die Realwirtschaft weiterreichen.

Einlagensicherung – Fakten oder Gefühl?

Die Bereitschaft, als Privatperson einer Bank zu solchen Konditionen Geld zur Verfügung zu stellen, ist ohne die Existenz einer Einlagensicherung schwer vorstellbar. Doch verdient dieses Sicherungssystem wirklich ein solches Vertrauen, oder setzt es eher Fehlanreize? Sowohl die bestehenden nationalen Sicherungsfonds als auch der geplante europäische Einlagensicherungsfonds sind mit bis zu 0,8 Prozent der versicherten Einlagen (alle privaten Einlagen bis 100.000 €) ausgestattet. Diese Mittel würden wahrscheinlich nicht einmal für die Sicherung der Einlagen einer einzigen in Schieflage geratenen Großbank genügen. Es drängt sich folglich der Verdacht auf, dass statt der tatsächlichen Absicherung von Einlagen die Prävention von Schalterstürmen, sogenannten Bank Runs (panikartiger Abzug von Einlagen), und die Erzeugung eines generellen Sicherheitsgefühls im Vordergrund stehen.

Wege zum mündigen Sparer

Eine solche institutionalisierte psychologische Steuerung der Bürger ist jedoch in einer Demokratie höchst bedenklich. Wünschenswert wäre daher ein finanzwirtschaftlich aufgeklärter Bürger, der weiß, dass Bargeld und Einlagen eben keine risikolosen Wertaufbewahrungsmittel sind. Sie sind aber hocheffiziente Zahlungsmittel, ohne die unser heutiges Wirtschafsleben unmöglich wäre. Als solche sollten sie auch primär genutzt werden.

Wer trotzdem nicht umhinkommt, einen Teil seines Vermögens (zeitweise) in Geld aufzubewahren, sollte dabei aber einen zentralen Grundsatz des Investierens beherzigen: Diversifikation. Nie war es leichter und günstiger, Geld über verschiedene Banken und Währungen breit zu streuen, und so objektiv das persönliche Verlustrisiko zu senken. Das ist obendrein sicherer und selbstbestimmter, als das Vertrauen in unzureichend ausgestattete Einlagensicherungsfonds – ganz gleich, ob auf nationaler oder europäischer Ebene.

Marcus S. Fritsch ist Bankenberater bei einer führenden internationalen Management- und Technologieberatung und hat im Rahmen seiner Masterthesis an der Zeppelin Universität über die Gefahren innerhalb des Euro-Geldsystems geforscht.

Weitere Informationen zu EDIS finden Sie unter www.stoppt-edis.de.

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Leserpost (3)
Karla Kuhn / 30.12.2017

Heutzutage ist das Geld am sichersten “unter der Matratze.” Zinsen gibt es kaum noch, sogar Negativzinsen sollen eingeführt werden, warum soll man dann den Banken sein Geld zur Verfügung stellen ??

Hartmut Laun / 30.12.2017

Auch das von Gold gedeckte Geld hatte niemals die Deckungssicherheit wie es uns immer eingeredet wird. Jeder sehe sich mal die Manipulationen der Geldes mit Golddeckung in den vorigen Jahrhunderten an, was da an Betrügereien und Scheindeckungen von den jeweiligen Geldinhabern alles veranstaltet wurde, um ihren ausufernden Lebensstil und besonders ihre Södnerheere, die Kriegsgeräte und die geführten Kriege zu finanzieren. Ein Beispiel der Neuzeit ist die Finanzierung der Kriegskosten des I. Weltkrieges. Wenn es nur nach den Geldkosten mit Golddeckung gegangen wäre, dann hätten die Kriegsteilnehmer schon nach zwei Jahren den Bankrott anmelden müssen, weil sie soviel Gold gar nicht ihr eigen nennen konnten wie die Kriegsausgaben hoch waren. Was ist am Fiatgeld so übel? Geld wird als Kredit von den Banken erzeugt. Der Schuldner zahlt das Geld fristgerecht an die Bank wieder zurück und schon ist das Kreditgeld wieder aus dem Kreislauf verschwunden. Nur woher kommt bei der Golddeckung oder beim Fiatgeld das Zinsgeld bei der Tilgung des Kredites? Mit frischen Geld die hoch verschuldeten Spekulanten vor dem Bankrott zu retten, das allerdings ist nicht Fiatgeld, das ist Geld zu verschenken, ist ein neues Geld: Schenkgeld.

Armin Beck / 30.12.2017

Der gute Schreiber irrt in einem markanten Punkt. Das Geld der Sparer wird weiterverliehen? Niemals so, wie die meisten glauben. Bis zum 10-fachen kann dieses Kapital im Kredit genebelt werden. Richtig ist, dass die Bank durch die Kreditvergabe neues Geld generiert. Stichwort Bilanzverlängerung. Beim Platzen des Kredits verliert die Bank demnach auch kein bzw. kaum Geld, hat aber als Sicherheit das Asset. Geniales Geschäftsmodell!

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