Es ist nicht ganz drei Jahre her, da sprang Achgut.com Deniz Yücel zur Seite. Er war gerade ein Jahr aus türkischer Haft entlassen, als die AfD-Fraktion forderte, die Bundesregierung möge sich jetzt von üblen Aussagen in Yücels alten taz-Kolumnen distanzieren. Dies sei nötig, weil sich die Regierung doch so stark für seine Freilassung aus türkischer Haft eingesetzt hätte, begründete ein Redner dieses Ansinnen. Achgut.com fand das überhaupt nicht nötig.
Yücel war in seiner taz-Kolumne nicht nur zu den Deutschen grob. Im Umgang mit den Kriegern des Islamischen Staats empfahl er auch diesen, sie mögen sich doch möglichst schnell ins Paradies befördern. Kurzum, Yücel machte von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Pressefreiheit wirklich großzügig Gebrauch. Und in dieser Hinsicht gibt es für Achgut.com kein Aber. Schon gar nicht, wenn ein Kollege auf die schwarze Liste des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gerät und von ihm hinter Gitter gesteckt wird. Und wenn er wieder hier bei uns ist, tritt man nicht nach, sondern freut sich, dass er raus ist.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Medien in einer solchen Situation einem der ihren zur Seite springen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass eine deutsche Regierung sich für seine Freilassung engagiert. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man unter solchen Umständen die politischen Meinungsverschiedenheiten einmal zurückstellt. Und so geschah es bei Yücel auch. Der Zeitpunkt, in dem man über die Gräben hinweg für Freiheit und Recht einstehen muss, ist aber eigentlich schon viel früher gekommen. Wenn jemand erst einmal eingesperrt wird, ist es zu spät.
Reitschuster nervt Regierungsmitglieder sichtlich
Und damit sind wir bei Boris Reitschuster. Nein, niemand wird ihn einsperren. Man muss hierzulande nämlich niemanden einsperren, um ihn einzuschüchtern und mundtot zu machen. Das geht in digitalen Zeiten sehr viel eleganter. Reitschuster, ehemaliger Moskau-Korrespondent des „Focus“, wurde den Mächtigen schon in Putins Reich lästig, und er ist sich treu geblieben. Wäre er in Istanbul oder Ankara statt in Moskau stationiert gewesen, hätte er sich auch nicht anders verhalten. Insofern sind er und Yücel Brüder im Geiste. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns für die Rechte solcher Kollegen einsetzen, weil es schlicht um die Pressefreiheit als solche in diesem Lande geht.
Reitschuster nervt sichtlich auch hiesige Regierungsmitglieder und Regierungssprecher in der Bundespressekonferenz. Reitschuster stellt die falschen, das heißt die richtigen Fragen. Und er begleitet mit seiner Kamera die sogenannten „Querdenker-Demonstrationen“, wobei er zahlreiche Interviews führt. Damit unterläuft er das verbindliche Narrativ von der moralischen Verwerflichkeit dieser Demonstrationen. Auch das nimmt man ihm übel. Er schaut den Herrschenden und dem Volk aufs Maul. Und er entscheidet selbst, mit wem er spricht und mit wem nicht. Und deshalb ist er lästig und soll weg.
Achgut.com und seine Autoren kennen die Methoden aus reichlicher persönlicher Anschauung. Diffamierung als „rechts“ durch einschlägige Vorfeldorganisationen, wie die Amadeu Antonio Stiftung der Stasi-Zuträgerin Anetta Kahane (IM Victoria). Gezielte Denunziation bei Anzeigen-Kunden, um die persönliche und publizistische Existenzgrundlage zu vernichten. Keine Auftritte mehr in großen Medien oder Talkshows. Sperrungen und Löschungen auf Facebook, Youtube, Twitter & Co. Diskreditierung durch sogenannte „Faktenchecker“ wie Correctiv, die nichts anderes sind als staatstreue Propaganda-Werker. Und jetzt wurden auch noch die gebührenfinanzierten Landes-Medienanstalten als Aufpasser für Youtube-Kanäle per Gesetz installiert. So macht man den Bock zum Gärtner.
Wie dieses ganze Zensurprogramm aussieht und künftig verstärkt aussehen wird, darauf wirft der Fall Reitschuster ein Schlaglicht. Unter tätiger Mithilfe übrigens von Medien wie der Süddeutschen Zeitung, die sich mit einem besonders niederträchtigen Stück über Reitschuster staatlicher Unterstützung anempfohlen hat. Sie bildete gleichsam die Vorhut dessen, was am Osterwochenende geschah. Reitschusters erfolgreicher Youtube-Kanal wurde gesperrt. Über 200.000 Abonnenten wurden von einer Informationsquelle abgeschnitten, die die Regierungspolitik nicht gut aussehen lässt. Seine Vergehen: Er hat seine Arbeit gemacht und auch Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst nicht zu Wort kommen. Möglich macht dies eine perfide Mischung aus neuen Gesetzen und damit der Privatisierung von staatlicher Zensur. Sie ist ausgelagert, und man wäscht in Berlin seine Hände wie immer in Unschuld.
Angeblich enthalten Interviews und Redeausschnitte in der Stuttgart-Berichterstattung von Reitschuster falsche Aussagen. Wenn das ein Kriterium für das Erlaubtsein von Interviews und Talkshows wäre, müssten praktisch alle einschlägigen Politiker-Interviews und Talkshows verbannt und abgeschaltet werden. Am heutigen Montag machte Youtube nach anfänglicher Zurückweisung von Reitschusters Widerspruch schließlich einen Rückzieher, Reitschusters Kanal ist wieder frei. Willkürlicher und undurchsichtiger gehts nicht. Ohne den massiven Protest wäre das kaum so schnell erfolgt. Der Druck entstand durch Leser und neu entstandene kritische Medien wie Achgut.com. Doch die Zensurschraube wird weiter gedreht werden, solche Maßnahmen sind ja stets auch ein Wink mit dem Zaunpfahl für andere, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, aus dem erlaubten Meinungsspektrum auszubrechen. Frei nach Mao: Strafe einen und erziehe hunderte.
Diejenigen im Medienbetrieb, die solche Anschläge auf Meinungs- und Pressefreiheit mit klammheimlicher Freude verfolgen oder auch noch befeuern, werden ihre Hände nicht in Unschuld waschen können. Vor allem nicht vor sich selbst. Denn sie sind, wenn es so weitergeht, eher früher als später auch an der Reihe. Zensur und Unterdrückung schreckt sehr bald auch vor ihren eigenen Propagandisten nicht zurück. Erstaunlicherweise scheinen viele Kollegen das vergessen zu haben. Dabei sollte es gerade für jene eine Selbstverständlichkeit sein, den Reitschusters in diesem Lande beizuspringen, die sich vor ein paar Jahren so vehement für Deniz Yücel eingesetzt haben. Besonders schön wäre es natürlich, wenn Deniz Yücel selbst ein paar Worte dazu verlieren könnte.
Beitragsbild: Jacek Halicki CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Wie sagte Herr D. Y. so schön satirisch „Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite. “ Was wäre wohl, wenn ich das satirisch über irgendein anderes Volks sagen würde. Ich schätze mal, mindestens eine Verurteilung wegen Volksverhetzung. Oder noch besser: Wenn ich in der Türkei leben würde und das öffentlich über die Türken schreiben würde. Ob die Türken das auch so ruhig und besonnen hinnehmen würden und mir beistehen?
Und ja der Islamische Staat und das deutsche Volk sind absolut vergleichbar.
Das einzig Interessante ist, für welche Zeitung und welchen Konzern Herr D. Y. heute arbeitet. Und was das über diese Zeitung und diesen Konzern aussagt. Und ich mich persönlich schämen würde, für so eine Zeitung zu arbeiten. Aber das sieht wohl jeder anders.
Frohe Ostern!
Mich wundert es nicht, dass Herr Yüksel sich nicht muckst. Wieso sollte er auch. Er ist Systemling und Reitschuster ist das Gegenteil. Haben sie schon vergessen, dass heute nur die Haltung zählt?
Herr Maxeiner, war das ein lang überfälliges Ultimatum an Ihre Zunft? Überfällig kann auch pünktlich auf die 12 sein. Das sind dann die Meister. Wir werden es noch erleben.
Zwischen der Begeisterung für ein „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ und der Empfehlung die Krieger des islamischen Staates mögen sich doch möglichst schnell ins Paradies befördern-was sie ja meistens leider nicht alleine tun-bestehen doch wesentliche Unterschiede. Deniz Yücel steht in meinem Regal zwischen Margarete Stokowski und Hengameh Yaghoobifarah und es würde mich wundern, wenn er sich für einen aus der „Köterrasse“ einsetzt, wo doch schon ein Tilo Jung darauf achtet, mit Boris Reitschuster nicht in allgemeinem Filmmaterial zu erscheinen.#Kontaktschuld
Ein paar Worte für die Meinung- und Pressefreiheit und Boris Reitschuster gäben seiner Glaubwürdigkeit auftrieb.
Aber es ist bekannt, dass ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie Menschen in eine andere Welt geraten lassen kann und sie Hydranten für Rechtsradikale oder Nazis halten. Menschen in Medienbetrieben bilden da keine Ausnahme.
Auf reitschuster.de ist anscheinend im Moment Glückwunsch-Stau, deshalb hier nochmal mein Kommentar, nachdem er Google einmal mehr dazu gebracht hat, den hypertrophen Schwanz einzuziehen: FEEL HUGGED, Boris! GOD LIKES YOU A MILLION TIMES!!
Also ich finde erhebliche Unterschiede in der journalistischen Qualität der beiden (in der politischen Ausrichtung natürlich ohnehin). Herr Reitschuster ist ein nüchterner Berichterstatter, ohne Schaum vor dem Mund, ohne Anbiederung, sein Engament dient der Informationsbeschaffung, nicht irgendeiner Sache: Er versteht sich als Dienstleister für uns Informationskonsumenten. Davon kann ich bei dem anderen Herrn wenig entdecken. Ich finde, Herr Reitschuster verdient es nicht, mit ihm in einem Atemzug genannt zu werden. Den letzten Satz des Artikels habe ich sehr wohl zur Kenntnis genommen, glaube aber, soetwas überfoderte diesen Herren.
Scharfer Widerspruch gegen die Tendenz ihres Artikels, Herr Maxeiner. Herr Yücel hat sich (in Ausübung seines Berufes als angeblicher ‚Journalist’) über einen politischen Gegner (in diesem Fall konkret Thilo Sarrazin) geäußert, daß man ‘… nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten …‚. Damit hat er sein eigenes Urteil gesprochen. Yücel war kein Kollege, ist kein Kollege und wird es nie sein! Und deshalb hat es mich auch nie gestört, daß Yücels zwangsweiser Sanatoriums-Aufenthalt in der Türkei etwas länger gedauert hat. Meinetwegen hätte er GERNE auf Dauer in der Türkei bleiben können! Eines muß ganz klar sein: Das furchtbare Wort von der ‘klammhammlichen Freude‚ habe nicht ‘Nazis’, Rassisten’, ‚Leugner‘ oder ‚Dunkel-Deutsche‘ formuliert. Dieses furchtbare Wort zeigt(e) den Geist der RAF, ihres geistig-moralischen Umfeldes und vieler WEST-Deutscher Linker. Dieses furchtbare Wort offenbarte den intellektuellen und moralischen Sumpf von 1968, aus welchem sich unser Land endlich befreien muß! Und diese Befreiuung kommt nur, wenn man Leuten wie Yücel die eigene Medizin zu schmecken gibt – bis sie selber das große Würgen kriegen! Und wenn sie dann an dieser eigenen Medizin ersticken – dann ist das so. Das Glas Rotwein schmeckt MIR dann umso besser. Yücel ist ein Tod-Feind; und er ist weder schwach noch allein. Keine Solidarität, kein Vergeben und vor allem kein Vergessen! Und das der Feind Herr sich für Boris Reitschuster einsetzt – dann glauben Sie doch selber nicht.