Ein regressiver identitätspolitischer Tsunami hat in den letzten Jahren anscheinend den ganzen Westen erfasst. Er hat einige der schlechtesten Elemente der historischen Linken übernommen – manichäische Gegenüberstellungen von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“, irgendwas von der „Wärme des Kollektivismus“ – und sie mit ahistorischen Wahnvorstellungen über den Westen vermengt, die großen Teilen der alten Linken zu peinlich, platt und undialektisch gewesen wären. Aufklärung, Christentum, Marktwirtschaft, technischer Fortschritt, Abendland immer schlecht. Dritte Welt, Islam, Stamm, Sippe und Clan immer gut, bis hin zu Terror, Pogrom und Genitalverstümmelung, für die man auch irgendwie Verständnis haben müsse.
Den ganzen Westen? Nein! Denn eine ganze Reihe unbeugsamer gallischer Dörfer weigert sich beharrlich, dem vorgegebenen Skript zu folgen. Treibende Kraft sind dabei interessanterweise oft Gruppen, die der identitätspolitischen Logik zufolge selbst zu den Unterdrückten und Verlierern zählen, sich also auf Seiten des woken, islamophilen Drittweltismus verorten müssten, diesem aber überhaupt nichts abgewinnen können und ihn sogar mit aller Kraft bekämpfen.
Ich denke unter anderem an die oppositionelle iranische Diaspora – ihre Demos ein Meer aus USA- und Israelflaggen und den Emblemen einer untergegangenen, mit dem Westen verbündeten Monarchie. Ich denke an die rechten Exilkubaner in Florida, die dir aufs Maul geben wollen, wenn du im Che-Guevara-Shirt aufkreuzt (einer dieser hispanischen Linkenfresser, Marco Rubio, hat gute Chancen, der nächste US-Präsident zu werden).
Eher Atlantikbrücke als Seebrücke
Nicht weniger Abendland-Ultra ist ein kleines Land im Nahen Osten, dessen Bevölkerung im Wesentlichen aus den Nachkommen europäischer Holocaust-Überlebender und den Angehörigen einer orientalischen Minderheit besteht, die sich in den umliegenden Ländern glücklich schätzen können, wenn sie „nur“ als Menschen zweiter Klasse behandelt und nicht Opfer eines Pogroms werden. Und ich denke an die jesidischen Flüchtlinge (und nicht wenige Aleviten und Kurden) in Europa, die sehr gut verstehen, gegen wen die Armee dieses kleinen Landes im Gazastreifen und im Libanon kämpft, und deren Islamkritik manchmal deftiger klingt als die der AfD.
Ich denke an meine jüdischen Freunde und Bekannten in Deutschland, die meisten von ihnen vom Milieu her eher bei Atlantikbrücke als bei Seebrücke verortet. Ich denke daran, dass es in den letzten Jahren oft Realos mit islamischem Migrationshintergrund wie Cem Özdemir, Ahmad Mansour, Seyran Ateş oder Güner Balcı waren, die mit ihren weltfremden „autochthonen“ Kollegen innerhalb der Professional-Managerial-Class aneinandergeraten sind und zu deren naiv-kultursensiblem Weltbild ein notwendiges Korrektiv gebildet haben. (Noch deutlicher in ihrem Bekenntnis zu westlichen Werten und ihrer Kritik am Kulturrelativismus sind oft migrantische Ex-Muslime wie Ayaan Hirsi Ali, die 2023 erklärte, dass sie zum Christentum konvertiert ist.)
Die Natur ist nicht beim Naturschutzverein – das zeigt sich in der Realität immer wieder. Doch die identitätspolitische Linke ernennt sich weiter zum Sprachrohr ihrer Mündel und ist empört, wenn diese aus der Reihe tanzen, so etwa aktuell im Fall eines DFB-Spielers mit Wurzeln in Nigeria (einem Land, in dem die Christenverfolgung in letzter Zeit genozidale Ausmaße erreicht hat), der seinen christlichen Glauben zeigt, und dafür von einem weißen taz-Autor beschimpft wird. Bevormundung und Herablassung, das ist auch die westliche Arbeiterschicht gewohnt, die sich an der Wahlurne immer wieder für Stabilität und Kontinuität statt für Dekonstruktion und utopische Versprechen entscheidet und deshalb laut progressiven Besserverdienern dumm ist und ihre eigenen Interessen nicht kennt. Apropos Wahlurne: Welche Parteien präferieren eigentlich schwule Männer in Deutschland? Nun, sehen Sie selbst.
Es sind derzeit nicht nur viele Juden, die Alarm schlagen
So unterschiedlich diese verschiedenen Gruppen auch sein mögen, sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben durch den fortschreitenden Abriss der historisch-gewachsenen Nationalstaaten des Westens, der bei all seinen Defiziten und Hypokrisien die humansten und zivilisiertesten Gesellschaften, die es jemals gegeben hat, hervorgebracht hat, und ihrer Ersetzung durch ein postbürgerliches Etwas, in dem unregulierte Masseneinwanderung aus rückständigen Gewaltkulturen, blutleerer Habermas‘scher Verfassungspatriotismus, Global Governance, Kulturrelativismus und technokratische Vielfaltsverwaltung irgendwie etwas Besseres ergeben sollten, viel zu verlieren – im Extremfall sogar ihr Leben.
Über den Antisemitismus wird gesagt, er sei so etwas wie der Kanarienvogel in der Kohlemine für den Zustand der Gesellschaft, denn eine Zunahme des Judenhasses geht oft mit einer allgemeinen Entzivilisierung und Wendung gegen die Errungenschaften der westlichen Moderne einher. Doch es sind derzeit nicht nur viele Juden, die Alarm schlagen. Zu ihren Warnungen gesellen sich die Stimmen anderer, für die ebenfalls gilt – oder besser: gezwungenermaßen gelten muss – was Vojin Sasa Vukadinovic vor acht Jahren als Titel eines von ihm herausgegebenen Sammelbandes zur Kritik der postmodernen Identitätspolitik wählte: „Freiheit ist keine Metapher“.
Sie sprechen mal zögerlich und mal lautstark, mal eloquent und mal rüpelhaft, manchmal in der Tradition gewachsener Gruppenidentitäten und manchmal aus persönlicher Reife oder Erkenntnis heraus, mal aus privater Notwehr und mal aus Bürgersinn – dem Gefühl der Verantwortung fürs große Ganze. Doch die Essenz ist unverkennbar: Die historisch gewachsenen westlichen Werte, Institutionen und Lebensweisen sind für sie kein Käfig der Unterdrückung, entworfen, um die Privilegien alter weißer Männer zu schützen, sondern im Gegenteil die Voraussetzung für individuelle Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, gesellschaftlichen Fortschritt und einen zivilisierten Umgang miteinander. Die Mächtigen täten gut daran, zuzuhören.

@Hans-Joachim Gille: ja, das sind fast alles Kibbuz-Israelis, die auf diese Konferenzen gehen. Sind kleine Konferenzen, weil die Hohldreher auf der großen nicht zu ertragen sind. Vor dem 7. Oktober waren meiner Erfahrung nach ganz viele Israelis auf dem Trip, daß die sie ja alle Kinder der Wüste sind usw. Zum Glück ist das besser geworden. Ja, ich schätze es sind so 80% Juden in meiner Nachbarschaft, die auch Adolf wählen würden, wenn er ein (D) hinter dem Namen führte. Die gehen auch nicht in die Synagoge und die, die gehen, erwarten die peinlichste Democrat-Propaganda. Traurig, aber als Deutscher Kathole mit ein paar Prozent jüdischer Gene gehe ich da auf dünnem Eis.
Was ist der Westen? Die 80 Prozent deutschen Wähler die nicht AFD gewählt haben? Die knapp unter 50 Prozent der Amerikaner, die Trump ablehnen? Gehört Russland zum Westen?
Es gibt ein Wahlvolk und ein paar komische Politiker, die irgendwie im Parteiengebilde hochgekommen sind.
Israel verteidigt seine Kultur, Werte und Siedlungsraum in einer schwierigen Ausgangsposition und kann in soweit Vorbild für den Westen sein. Ein Teil desselben ist es jedoch weder geographisch, noch von seinen Interessen und Einstellungen her. Beispielsweise hätte der Angriff auf den Iran, selbst wenn er denn erfolgreich gewesen wäre, die Sicherheitslage Westeuropas nicht entscheidend verbessert. Mit den gestiegenen Ölpreisen bekommt dieses nun aber die Nachteile zu spüren. Israel war und ist ein schwieriger Verbündeter.
„Sie haben durch den fortschreitenden Abriss der historisch-gewachsenen Nationalstaaten des Westens, der bei all seinen Defiziten und Hypokrisien die humansten und zivilisiertesten Gesellschaften, die es jemals gegeben hat, hervorgebracht hat, und ihrer Ersetzung durch ein postbürgerliches Etwas, in dem unregulierte Masseneinwanderung aus rückständigen Gewaltkulturen, blutleerer Habermas’scher Verfassungspatriotismus, Global Governance, Kulturrelativismus und technokratische Vielfaltsverwaltung irgendwie etwas Besseres ergeben sollten, viel zu verlieren – im Extremfall sogar ihr Leben.“ – Was in Europa angerichtet wurde ist natürlich – das war ja auch die Absicht – irreversibel. Sicher könnten gänzlich andere Regierungen die Verantwortlichen vor Tribunale zerren, aber das würde ja auch nichts mehr bringen. Für jene, die es sich leisten können, bleibt die Welt groß.
Der dreissigjährige Krieg war bekanntlich ein Religionskrieg, zugleich der Beginn von Nationalstaaten. Eine Nation ist eine Gemeinschaft, die gleiche Feste feiert und die gleichen Zeitungen abboniert. Massenmedien in Amerika waren für das Nationalgefühl prägend. Nun steht heute mit dem Nationalismus besonders der Zionismus denjenigen im Wege, die an postnationalen Imperien basteln oder sich identitätspolitischer Großmannssucht hingeben. Die Bibel handelt von Israel. Über seine Anrainer Agypten, Assyrien, Persien und Babylonien erfährt man wenig. Israel wurde Urbild eines Staates, 12 Stämme, die der Schrift nach begannen, ihre Rivalitäten zugunsten einer Nation beizulegen, die sich aus der Knechtschaft befreit hat und erwiesenermaßen kein Großreich wurde wie seine Nachbarstaaten. Wenn Muslime oder Christen zueinander Bruder oder Schwester sagen, dannauch, weil man sich es von Israel abgeschaut hat. Durch die Säkularisierung verschwimmen die Bezüge zu Riten und Gebräuchen, die auf Marx Hegelkritik hin adjustiert werden, wonach Religion insgesamt zu überwinden sei. Als das Christentum römische Staatsreligion wurde, übernahm es imperiale römische Ideen, während in der Emanzipation der Nationalstaaten, oder der Visegard Gruppe wieder ähnliche Ablösungskonflikte zutage treten, wie sie etwa Holland mit Spanien ausgefochten hat, als es zum ersten selbstbewußten und reichen Staat Europas wurde. In diesem Prozess war das biblische Erbe und das alte Testament eine Leitfigur und ein Bezugspunkt, ebenso bei den Gründervätern Amerikas, Jefferson, Hamilton oder Adams, die sämtlich eine große Kenntnis der Antike überhaupt hatten und trotz ihrer Sklaven bewundernswert sind. Eine Welt, die nicht verehren darf, kann sich gar nicht befreien.
@ Th. Gerbert: die Angst (?) der VAE, „junge Menschen aus den Emiraten könnten während ihres Studiums (in Rotherham Country) indoktriniert und radikalisiert werden.“ Eher Kalkül von Machtmenschen als Angst. Was Kolya Zydatiss „die Voraussetzung für individuelle Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, gesellschaftlichen Fortschritt und einen zivilisierten Umgang miteinander“ nennt, verlangt auch Re-Edukation junger Menschen aus den totalitären Staaten der Golfregion. Letztlich aller totalitärer Staatsbürger. Allerdings eben nicht im Sinn sozialistischer oder wokistischer Herrenmenschen, sondern im Sinn „des Westens, der bei all seinen Defiziten und Hypokrisien die humansten und zivilisiertesten Gesellschaften, die es jemals gegeben hat, hervorgebracht hat,“ und einer dieser Zivilisationsstufe angemessenen Fortentwicklung, zu der diese Zivilisationsstufe jedoch möglicherweise ohne eine vorangehende Phase mehr oder weniger weit gehender Selbstzerstörung nicht mehr fähig ist.
TAZ-Fake: „Platzverweis für Jesus!“ Koranfimmel statt Jesusfimmel. Wichtiger wäre Platzverweis für Mohammed oder Mehmet oder wie der sonst noch heißt! Erinnert irgendwie an die Figuren mit 20 oder mehr falschen Identitäten.