Den Kopf verloren

Machen wir uns nichts vor, jeder von uns hat einen ganzen Stapel Bretter vorm Kopf. Egal ob beim Erinnern an den Dreisatz, den Widersprüchen beim Klimaschutz oder der Corona-Politik.

Jeder kennt sie, die rotweißen Zäune und Bänder, die uns am Durch-, Fort- und Weiterkommen hindern. In Massen werden sie verwendet. „Stopp!“, lautet ihre Botschaft, seltener: „Hier wird gebaut, und das so schnell wie möglich.“ Besonders quälend, wenn es um die Reparatur von Autobahnabschnitten geht. Kilometer um Kilometer werden dazu lahmgelegt, und nur gelegentlich sieht man, rot-weiß abgesperrt im 60er Tempo die Gegenfahrbahn entlangtrottelnd, da jemanden arbeiten. Da fragt man sich, wie die das früher geschafft haben, in kürzester Zeit quer und längs durch Deutschland ein ganzes Autobahnnetz zu errichten? Heutzutage sind diese rot-weißen Zäune oft bereits dann in Gebrauch, wenn es darum geht, Bau- oder Reparatur-Vorhaben anzukündigen. Das allein kann sich Monate hinziehen, sogar Jahre. So manche der größeren Bauvorhaben sind vor allem dadurch berühmt geworden, weil bis zu deren Realisierung kleine Kinder groß geworden und ältere Menschen gestorben sind.

Kürzlich war ich mal wieder in Dresden. Nach so vielen Jahren zähen Wiederaufbaus bietet die Altstadt alle Voraussetzungen, als schön zu gelten. Doch auch hier überall Bauzäune und Absperrbänder. Ihr Sinn ist meistens nicht erkennbar. Als ob man vergessen hätte, sie nach getaner Arbeit wieder wegzuräumen. Die Krönung: eine potthässliche Bretterwand, die sich quer durch den Zwingerhof zieht. Tatsächlich, schon ewig wäre das so, ereiferte sich ein Dresdner, den ich befragte. In Prag und in Budapest wäre das ganz anders. Nach den Jahrzehnten des Sozialismus hätten die dort alles wunderbar restauriert, und nichts mehr mit diesen rot-weißen Brettern. „Genau!“, meinte ein Anderer, der zuhörte. Allerdings eben sei das den meisten hier scheißegal. Auch denen da oben. Dabei hob er seinen Kopf und verdrehte die Augen.

Langeweile kann tödlich sein

Ich denke an eine Autofahrt durch Montenegro. In der Hauptstadt gab es, wie mir schien, eine einzige Absperrung. 100 Meter Straße waren das, und an der wurde bis zum späten Abend gearbeitet. Das Land ist gebirgig, Tunnel reiht sich an Tunnel, allesamt bestens in Schuss und: keinerlei Absperrungen! Wenn mich die Deutschen zu ihrem Diktator machten (einer meiner Lieblingsgedanken), würde ich als erstes die Absperrzäune und -bänder besteuern: 10 Euro pro Meter und Tag.

Manchen machen diese Absperrungen nichts aus. Auch die Umwege nicht, die sie dadurch hinzunehmen haben. Ja, es soll Menschen geben, die sich in einer Warteschlange anstellen und, wenn sie dran sind, wieder nach hinten gehen, um sich erneut einzureihen. Immer noch besser, als auf dem Sofa zu sitzen und auf den nächsten Bettgang zu warten. Tatsächlich, Langeweile kann schrecklich sein. Sogar tödlich. Viele laufen einfach in der Wohnung umher, oder sie gehen zum Arzt. Noch bevor sie sich aus dem Fenster stürzen. Wer weiß, was wir da alles erfahren werden, wenn die Corona-Kollateralschäden einmal aufgearbeitet sein sollten. Die Frage nun, ist die Fähigkeit, sich zu langweilen, womöglich ein Evolutionsergebnis? Ähnlich wie die Intelligenz oder die Kurz- oder die Langbeinigkeit, die Veranlagung zur Faulheit oder zur Betriebsamkeit? Die einen trifft es mehr, die anderen weniger. Schön bunt ist das!

Bretter, die die Welt bedeuten

Nicht die Bretter sind hier gemeint, auf denen die Schauspieler agieren, auch nicht deren Welt, gedacht sei vielmehr an die Welt, die noch vor der eigentlichen Welt rangiert, an den Herrschaftsbereich der Büros. Mit einem Wort: an die Bürokratie (griech. krátos – Kraft, Macht). Zwar sieht man dort, wo sie zuhause ist, keine rot-weißen Bretter und Bänder, atmosphärisch aber sind sie deutlich zu spüren. Auf den Verwaltungsetagen fast körperlich. Wer jemals an eine der Türen angeklopft und nach einem weiteren Versuch dieselbe vorsichtig geöffnet hat, der weiß ein Gesicht als rot-weißen Bretterverschlag zu deuten.

Wie ein Bollwerk sitzt sie da, die Dame am Schreibtisch. Unwillkürlich kratzt man sich am Kopf, um in Erinnerung zu rufen, dass man ja, zum Volk gehörig, Repräsentant des Souveräns ist. Und die Dame da, als Teil der Verwaltung dem Souverän unterstellt, mir zu Diensten zu sein hat. „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“ hat Goethe in seinem Faust gesagt, „und grün des Lebens goldner Baum“. Grün? − Grün!

An Grün sollte vor allem in den Behörden gedacht werden, die sich um den Schutz der Natur zu kümmern haben. Das aber verlangt weit mehr, als am Schreibtisch einer Natur- oder Umweltschutzbehörde zu sitzen. Nämlich dorthin zu fahren, wo die Natur ist beziehungsweise wo es noch so etwas wie Natur gibt. Allerdings setzt das Sachkenntnis voraus. Wer frei davon ist, sieht zwar Grünes, weiß aber nicht, welcher Art es ist. Ausreichende Kenntnisse kann man nicht einfach durch ein einschlägiges Studium erwerben, und schon gar nicht durch ein Studium in den Kommunikations-, Verwaltungs- oder Politikwissenschaften.

Nein, Voraussetzung ist eine mit Begeisterung betriebene Beschäftigung in und mit der Natur. Etwa so, wie es die Hobby-Ornithologen vormachen, wenn sie jede freie Stunde nutzen, um mit dem Fernglas durch die Gegend zu streifen. So oft ich selbst, der Autor, unterwegs war und noch immer bin, um zu gucken, was es da an Natur noch gibt, nie – wirklich nie! – habe ich einen der Verwaltungsangestellten angetroffen, die mit deren Schutz beauftragt sind. Entsprechend dürftig sind ihre Kenntnisse, und nicht minder dürftig ist es um unsere Natur bestellt. Wegen deren Übernutzung, und nicht etwa, wie gern und frömmelnd behauptet wird, wegen des Klimawandels. Ach, wenn es doch rot-weiße Bretter und Bänder gäbe, um alle diese Übelstände deutlich zu machen!

Bretter vorm Kopf

Machen wir uns nichts vor, jeder von uns hat einen ganzen Stapel davon. Schon bei dem Versuch, den Dreisatz in Erinnerung zu rufen, wird eines davon handgreiflich. Allemal aber, wenn da jemand verlangt, wir sollten uns einmal mit der Mehrdimensionalität der Welt befassen, zum Beispiel mit ihren elf Dimensionen. Oder, wenn das nicht, mit den genetischen Unterschieden zwischen den SARS-CoV-2-Virusvarianten. Oder warum manch einer Angst hat, sich Gen-Material verimpfen zu lassen, wo doch eigens dafür eine Ausnahmegenehmigung erwirkt wurde. Weltweit.

Neulich, ein Open-Air-Kulturfest war angesagt. Der wegen Corona verfügten Isolation müde, sind viele Menschen auf den Beinen gewesen. Auch ich auf meinen. An den Ständen entlangschlendernd, warb da ein Plakat „Rettet die Pole, raus aus der Kohle!“ Fünf oder sechs eher jüngere Leute stellten sich dem Publikum zur Verfügung. Als Experten. Meine Augen suchten sich eine junge Dame aus, nicht nur, weil sie nett aussah, sondern auch, weil sie klug wirkte. Irgendwie jedenfalls.

Der Eindruck schwand, als sie auf meine Frage – Klima, wieso CO2 − mit den üblichen Floskeln loslegte. Ich unterbrach sie und wollte von ihr wissen, was das CO2 eigentlich sei, und warum es so gefährlich wäre. Nun, hob sie an und blickte dabei augenzwinkernd in Richtung ihrer Mitstreiter, das genau eben sei das Problem. Und abermals startete sie flüssig und mit formelhaften Wendungen zu den Themen Erderwärmung und Klimawandel, Klimaschutz und …

„Nein!“, unterbrach ich sie wieder und fragte, CO2 und Erderwärmung, wie soll das denn … Lächelnd fiel wiederum sie mir ins Wort und meinte, das wisse ja nun jeder, und … Wollte oder konnte sie mich nicht verstehen? Mir war, als sähe ich ein Brett vor ihrem Kopf. „Nein“, rief ich wieder, diesmal skandierend, „ich nicht!“ Als ich dann mit spezielleren Fragen loslegte, auf die es heutzutage noch keine bindenden Antworten gibt, versuchte es die junge Dame mit ein paar weiteren Floskeln, solchen, wie wir sie von unseren Politikern und den staatsnahen Medien zur Genüge kennen.

Sogleich tauchte sie im Kreis ihrer Mitstreiter unter

Ich aber ließ nicht locker und wollte wissen, wie hoch denn der menschgemachte CO2-Anteil in der Atmosphäre sei und wieso sich der weltweite Lockdown auf den fortwährenden Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration nicht ausgewirkt habe, nicht im Mindesten. Auch wie man sich die Absorption der Wärmestrahlung durch wachsende CO2-Konzentrationen vorstellen solle, da ja deren Absorptionsgrad derzeit bereits bei fast 100 Prozent läge. Ja, und wieso kein ergebnisoffener, politikunabhängiger Diskurs … Es war, als wäre ich bei der jungen Dame auf einen Absperrzaun gestoßen, einen geistigen. Objektiv war sie ratlos, ihr Selbstbewusstsein schien das aber nicht zu registrieren, so wissend, wie sie mich noch immer anblickte. Wie ist so was möglich? Ich in ihrer Situation wäre womöglich rot geworden.

Weiter fragte ich, wieso das Klimaziel auf ausgerechnet 1,5 Grad festgelegt sei und wie sie, die Expertin, das Auf und Ab des mittleren Klimas in der vormenschlichen Zeit erklären wolle, welche Rolle die Sonnenaktivität spiele und wie sie die Demolierung unserer wichtigsten Energie-Erzeuger … Da winkte die junge Dame ab und meinte, wir hätten ja nun schon viel Zeit mit solcherlei Fragen verbracht, es gäbe hier am Stand auch andere, die mit Problemen aufwarteten, und mit einem aufgesetzt charmanten Lächeln war ich entlassen. Doch da war kein anderer. Und sogleich tauchte sie im Kreis ihrer Mitstreiter unter. Wie hinter einem Bretterzaun.

Bretter, um die Geschlechter zu trennen

Im Auto dann startete zugleich mit dem Motor das Radio. Egal, was ich bisher versucht habe, um diesen Automatismus abzuschalten, nichts hilft. Auch so ein Verbretterungsphänomen. Hörerfragen waren angesagt, und ich überließ dem Radio seinen Willen. Um Afghanistan ging es und um die Menschheit schlechthin. Die Moderatorin sprach von Afghan_innen und Afghanen, von Hörer_Innen und Hörern und von Politiker_Innen und Politikern. Das „Innen“ wirkte jeweils so vom Wortstamm abgehackt, dass man auch ein „Außen“ erwartete, ein irgendwie geartetes Innen-und-Außen.

Die Hörer, die da zu Wort kamen, machten fromm mit, zwar nicht mit diesem Knacklaut „_Innen“, wohl aber mit ständiger Nennung beider Geschlechter, also „Leserinnen und Leser“, „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, „Migrantinnen und Migranten“. Ohne dem und ohne die üblichen Phrasen bis hin zu „mal offen gesagt“ hätten die zumeist nicht sonderlich inspirierenden Mitteilungen nur die Hälfte der Zeit beansprucht.

Mit halbem Ohr hörte ich weiter zu und wartete dabei auf den üblich gewordenen, aber grammatisch falsch verwendeten Ausdruck „Studierende“. Doch dazu kam es nicht. Derweilen fragte ich mich, warum nicht längst auch von Menschinnen und Menschen die Rede ist. Anders gewendet, wozu überhaupt diese Spalterei von Frauen und Männern? Als ob es sich um verschiedene Spezies handelte. Dabei soll doch der Unterschied gar nicht gravierend sein, sondern soziokulturell konstruiert.

Wenn von Hunden und Katzen die Rede ist, spricht man ja auch nicht fortwährend von „Hündinnen und Rüden“ und „Katzen und Kater“. Gewiss, sobald es in der Politik um Menschen geht, spielen ideologische Komponenten herein. Diese hochzuspielen, hoch auf den ersten Rang, also noch vor dem der Leistung und Eignung, ist Sache einer politisch überaus mächtigen Minderheit. Und alle machen mit. Fast alle. Wenngleich nur in der Öffentlichkeit. Die meisten Frauen halten ohnehin nichts davon. Danach befragt, feixen sie oder klopfen sich mit der flachen Hand an die Stirn, als meinten sie damit die Bretterwand, hinter der sich die Genderideologen (sorry: Genderideolog_Innen) verschanzen. „Total vernagelt“, nannte eine meiner Bekannten den Versuch, Mütter begrifflich als „gebärenden Elternteil“ von Vätern als „nicht-gebärenden Elternteil“ abzutrennen. – Tatsächlich, starke Bretter sind das, dicke Balken.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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