Erik Lommatzsch, Gastautor / 22.06.2019 / 06:26 / Foto: Lewis Hine / 41 / Seite ausdrucken

Demokratielehrer Gauck und seine Zöglinge

Das ausführliche Interview, welches der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck kürzlich dem „Spiegel“ gegeben hat, kann man so lesen, wie es hier getan wurde. Als Werbung für eine „offenere politische Debatte“, als „überfällige Wortmeldung“, deren Bedeutung mit der „Ruck-Rede“ Roman Herzogs von 1997 vergleichbar sei. Man kann hervorheben, dass er sich „nicht am AfD-Bashing“ beteiligt. Man kann die Kritik an den Worten Gaucks darauf beschränken, dass sie „verpuffen“ werden, weil sie „viel zu spät kommen“ und Gauck daran erinnern, dass es 2015/16 seine Aufgabe gewesen wäre, „der polit-medialen Kaste die Leviten zu lesen, die sich in einen wilden Blutrausch gegen jeden gesteigert hatte, der es wagte, Fragen zum landesweiten Hissen der Willkommensfähnchen zu stellen.“

Zweifelsfrei wäre genau das seine Aufgabe gewesen. Allerdings kann man das „Spiegel“-Interview auch ganz anders lesen. Nicht als verspätete Einsicht. Sondern als Ausdruck eines festgefügten, dogmatischen Bildes vom Guten, das er selbst repräsentiert und nun noch einmal erläutert. Als gönnerhaftes Tätscheln des problematischen Volksteils („Bevölkerungen“ sind bekanntlich hin und wieder das eigentliche Problem), der manchmal recht störrisch ist, wie ein pubertierender Jugendlicher. Ist blöd, nervt, aber man bekommt es schon noch hin.

Keinen Raum gibt es für die Denkmöglichkeit, dass Gauck selbst nur eine Position vertritt, weder legitim noch illegitim, weder hundertprozentig richtig, noch hundertprozentig falsch. Aber eben nur eine Position unter anderen. Diese Positionen sollten im Rahmen der durch das Grundgesetz gegebenen Ordnung miteinander ringen und dem Wähler die Entscheidung über die Sitzverteilungen in den Parlamenten und damit über die Bildung von Regierungen überlassen. Das nennt man Demokratie, und diese Staatsform ist ja bekanntlich in Deutschland gegeben. So zumindest die etwas angestaubte, aber vielleicht gar nicht so schlechte Theorie.

Gauck war laut Interview kurzzeitig in Versuchung, den Verzicht auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident zu überdenken. Die eigene Person hintanstellend, formuliert er bescheiden:

Als die Verhältnisse etwas unsicherer und stabilisierende Elemente gesucht wurden, habe ich zwar nochmal überlegt. Aber die Zustände waren nicht so besorgniserregend, dass ich mein Vorhaben gekippt hätte.“ Der ganz große Einsatz war also nicht mehr gefragt, da hätte er sich schon nochmal aufgerafft. Nach der ersten Kandidatur für das Amt des Staatsoberhaupts – 2010 unterlag Gauck Merkels damaligem Favoriten Christian Wulff – sei er „viel als sogenannter Demokratielehrer durchs Land“ gereist. Die Formel vom „reisenden Demokratielehrer“ mag er. Er verwendete sie bereits in seinen 2009 erschienenen Erinnerungen, verfasst, bevor er als Bundespräsident ins Gespräch kam.

Nun ist das mit den Ausbildungswegen so eine Sache. Aber wenn den Demokratielehrer vom Eiferer lediglich unterscheidet, dass er den von ihm ausgemachten Schmuddelkindern auch ein paar Süßigkeiten zuwirft, damit beim Auswickeln der klebrigen Bonbons die einzig richtige Sicht möglicherweise doch Eingang in ihre tumben Hirne findet, sollte man die Seminarpläne bei Gelegenheit vielleicht noch einmal überdenken.

Abschied vom Größenwahn?

Auch grundsätzliche Wahrnehmungen scheinen Demokratielehrer Gauck von einigen zu unterscheiden. So habe die Intensive Beschäftigung mit dem Thema Schuld bezüglich der deutschen NS-Vergangenheit auch dazu geführt, „dass wir wirklich von etwas Abschied genommen haben, das jahrzehntelang zum deutschen Wesen gehörte. Dieser Größenwahn, dieses Gefühl, wir seien etwas ganz herausragend Bedeutendes.“ In nahezu jeder x-beliebigen, gegenwärtigen „Tagesschau“ klingt das meist etwas anders. Da werden souverän Etiketten verteilt, auch gern an das Ausland, wenn der dortige Wähler sich wieder mal erdreistet hat, eine Partei oder Person anzukreuzen, die Berlin nicht genehm ist.

„Ängste“ sind es, die Demokratielehrer Gauck bewegen, die Ängste die den Problemkindern zugestanden werden. Nicht andere Positionen oder die möglicherweise gar gut überlegte Ablehnung gegenüber von oben als Heilmittel verordneten Veränderungen, lediglich irrationale Ängste. Die neuen Informationstechnologien seien eine „Angstmaschine. Hinzu kommen Ängste vor der Globalisierung und einer Entgrenzung im Prozess der europäischen Vereinigung.“ Etwaige Skepsis gegenüber einer von Demokratielehrer Gauck offenbar als alternativlos postulierten europäischen Vereinigung? Zweifel haben ihren Platz nur insofern, als dass man deren Gegenstandslosigkeit klarmachen muss. „Eine ängstliche Bevölkerung ist Verfügungsmasse für politische Manipulatoren“.

Demokratielehrer Gauck weist zwar darauf hin, dass auch „die Guten“ manchmal manipulativ seien, womit er nochmal klar zum Ausdruck gebracht hat, dass wir einfach nur zwischen den Guten und den Bösen unterscheiden müssen. Vor allem aber sind es letztere, die die Ängste missbrauchen, es sei so, „dass überall in Europa Kräfte reüssieren, die aus Entheimatungsängsten und Zukunftsängsten Machtpolitik machen“. Nur dümmliche Ängste, wohin man auch blickt.

Demokratielehrer Gauck sieht mit Sorge „eine Politik, die sich als tröstliches Angebot für verunsicherte Bevölkerungsschichten anbiedert.“ Also noch ein Bonbon, nochmal erklären, wer hier gut und wer böse ist. „Der neue Nationalismus setzt die eigene Nation an die erste Stelle und schürt Fremdenhass, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit.“ Man könnte jetzt fragen, warum Gauck dann seinerzeit amtsbeeidet hat, „seine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes“ zu widmen und wie das mit der jüdischen Emanzipation im Nationalstaat war, aber das sind Petitessen. Dann lieber kraftvoll mit den Worten von Gauck: „Es befremdet mich, wenn Politiker Unterstützung gewinnen, wenn sie ohne jede Abstriche die eigene Nation „first“ setzen und die ethnische, kulturelle und sexuelle Pluralität ablehnen, die Deutschland und andere europäische Staaten in Zeiten der Globalisierung unwiderruflich gewonnen haben. Als Demokratielehrer muss man schon mal den groben Holzschnitt wählen. Differenzierung oder gar Belege sind da nur hinderlich, jeder Verlag weiß: Fußnoten sind 1a Kassengift.

Was die ehemalige DDR betrifft: Hier „entstanden systembedingt Haltungsdefizite an staatsbürgerlichem Verhalten“. Am System kann es nun nicht mehr liegen, höchstens an zurückgebliebenen, problematischen Bevölkerungsteilen. Viel Arbeit für den Demokratielehrer. „Ich fürchte, dass wir akzeptieren müssen, dass es immer Menschen geben wird, für die Sicherheit und gesellschaftliche Konformität wichtiger sind als Freiheit, Offenheit und Pluralität und die lieber im Status quo verbleiben, als einen unsicheren Fortschritt zu riskieren.“ Gut, dass wir – abgesehen von den Bösen natürlich – eine vielfältige, pluralistische, sich an Argumenten abarbeitende Meinungslandschaft haben. Gute Voraussetzungen für den Fortschritt, einen weiteren Punkt unter mannigfachen Alternativlosigkeiten.

„Niemand nimmt euch Lebensraum“

Vor allem im Zusammenhang mit Gaucks Aussage, dass er „für eine erweiterte Toleranz in Richtung rechts“ werbe, war das Interview Gegenstand von vielen Nachrichtensendungen (zum Beispiel hier) und Kommentaren (zum Beispiel hier). „Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden“. Was genau hat der Demokratielehrer denn bis jetzt seinen Schülern erzählt? Ist eine demokratische Rechte keine bare Selbstverständlichkeit? Für Gauck offenbar nicht. Immerhin müsse man „nicht jeden, der schwer konservativ ist, für eine Gefahr für die Demokratie“ halten. Da haben einige ja nochmal Glück gehabt, wenigstens sind sie nicht ganz böse.

Dass sich die Welt aber insgesamt wunderbar in Gute und Böse bzw. Richtige und Falsche einteilen lässt, demonstriert Demokratielehrer Gauck mit der schönen Aussage, „dass man sich manchmal eingestehen müsse, dass die falschen Leute nicht immer nur etwas Falsches sagen.“ Das betrifft allerdings nicht Alexander Gauland, mit dem Gauck sich nicht auf ein Podium setzen würde, weil er ihm gegenüber „nicht genug Achtung“ habe. Obwohl Gauland „akademisch, humanistisch gebildet“ sei, sogar ein Buch habe der geschrieben, mit dem Titel „Was ist Konservatismus?“ (In der viel auf sich gebenden „Spiegel“-Dokumentation ist man offenbar noch immer mit der Relotius-Aufarbeitung vollständig gebunden, das Buch heißt korrekt: „Anleitung zum Konservativsein“.)

Ist die große, gute Politik, die Demokratielehrer Gauck eifrig erklärt, immer perfekt? Oh nein. 2015/16 habe die Regierung angemessen reagiert, „aber offensichtlich ist das nicht so kommuniziert worden, dass es die Leute beruhigt hätte.“ Defizite bei der Öffentlichkeitsarbeit, das war es, daher die diffusen, Ängste. Da muss der Demokratielehrer schon mal mahnend den Zeigefinger in die eigene Richtung erheben. „Man muss darüber sprechen können, dass Zuwanderung in diesem Maß nicht nur Bereicherung ist.“ Aber man muss „als Präsident oder verantwortlicher Politiker auch sagen: Werdet nicht hysterisch, niemand nimmt euch euren Lebensraum, ihr könnt weiter eure Kirchen und Kneipen besuchen“. Haben das jetzt endlich alle verstanden? Vermutlich nicht. Demokratielehrer Gauck muss dran bleiben. „Multikulti ist nicht umstandslos gut, das kann auch ganz schön anstrengend sein.“ In Frage gestellt werden darf es nicht. Alternativlos natürlich, abermals.

Gauck gibt sich sichtlich Mühe mit den Renitenten, zu deren Katzentisch er in der Hoffnung auf dortige Läuterung mitleidig, aber dennoch großzügig hinüberlächelt. Ein Altmeister eben. Amtsvorgänger Wulff formuliert da aktuell vorsichtiger: „Die Chancen sind groß, dass der Flüchtlingszuzug zu einem Glücksfall der deutschen Geschichte wird.“ Fehleinschätzungen habe es schließlich auch bei der deutschen Einheit gegeben. Von Demokratielehrer Gauck sollte Wulff noch lernen. Um Ängste zu nehmen, müssen derartige Standpunkte in Form unstrittiger Wahrheiten viel apodiktischer verkündet werden. Nicht „Chancen sind groß“. Da gibt es doch nichts zu diskutieren, es ist einfach so!

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Werner Brunner / 22.06.2019

Dieser Mann ist ein bisschen zu sehr von sich überzeugt .... Im Allgemeinen nennt man / frau solche Typen ÜBERHEBLICH ! Manche nennen sie auch arrogant ..... Auf jeden Fall unappetitlich in jeglicher Hinsicht ! Ein Politiker halt ......

Lars Schweitzer / 22.06.2019

Das Wort “Lehrer” passt schon.

Belo Zibé / 22.06.2019

Sätze aus dem politischen Teilchenbeschleuniger wie «Multikulti ist nicht umstandslos gut, das kann auch ganz schön anstrengend sein.» und «Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein.» sind quasi Deckungsgleich.

von Kullmann / 22.06.2019

Er ist und bleibt keiner von uns hier unten, sondern ein Kanzel-Schwätzer. Bei den wenigen klaren Worten von ihm kommt letztendlich so etwas wie Dunkeldeutschland heraus. Das ist sein Statement mit der Sicht aus der Helligkeit über den Wolken auf das reale Leben der (auch durch ihn) im Dunkeln Lebenden.

Karla Kuhn / 22.06.2019

Nachdem ich das Buch “Joachin Gauck, der richtige Mann ?”  gelesen habe, befasse ich mich nicht mehr näher mit diesem Mann !!  Seine Aussagen haben für mich keinerlei Relevanz !!

Helmut Driesel / 22.06.2019

  Jeder, der Christen längere Zeit aus der Nähe erlebt hat, weiß, dass da im Konfliktfall sehr wenig Toleranz ist. Die ideologische Sphäre, die um die christlich religiöse Struktur herum existiert ist sehr groß und darin werden sehr viele rein ideologisch und egoistisch orientierte Menschen und Mechanismen toleriert, die mit Jesus Christus, dem Glauben an ewiges Leben und Auferstehung, mit Nächstenliebe, Demut und Dienen nicht viel anfangen können. Und wenn ein Mensch, der zeitlebens in diesem Milieu gebunden war, zum ersten Mann des Staates aufsteigt, dann kann man nicht erwarten, dass sich dadurch seine Perspektive ändert. Er ist kein Demokratielehrer, sondern er vertritt die Egoismen seiner Glaubensgemeinschaft und seine Weltsicht ist jene, die durch diese Egoismen erlaubt werden. Alles darüber hinaus ist freundliches Geschwurbel. Ich bin überzeugt, freundlich sein, das konnten die deutschnationalen Christen im Dritten Reich auch. In der Demokratie fällt die Freundlichkeit um so leichter, solange die eigene Mehrheit sicher ist. Aber an Herrn Gauck konnte man gut sehen, dass die Erwartungen des Grundgesetztes an die Rolle des Bundespräsidenten insgesamt zu hoch sind, denn diese Erwartungen verlangen ja, dass der im Zweifel so etwas wie die Machtergreifung durch potentielle Diktatoren oder radikaler Gruppen verhindert. Das ist eine vollkommene Illusion. Gerade Herr Gauck als Bundespräsident wäre bereit gewesen, sich jeder ideologischen Bewegung anzubiedern, die ihm seine Illusion von Freiheit und Demokratie weiterhin glauben lässt. Sogar einem dem Christentum im Grundsatz feindlich gesinnten Islam. Wenn ihn nun sein hoher Gebieter mit etwas Altersweisheit gesegnet hat, dann könnte er gar nicht so viele Schritte zurück gehen, um den so erzeugten Eindruck zu neutralisieren. Er müsste sich ja sonst bei der AfD und auch der Pegida, wenn nicht den Sachsen insgesamt entschuldigen.

Hans-Peter Dollhopf / 22.06.2019

Ich garantiere euch, dass die herrschende, tonangebende Bagage aus diesem Irrsinn nicht mehr herausfinden wird. Es liegt darum an euch allen, an uns allen, die Republik zu beschützen. Ein Mensch wurde getötet. Du sollst nicht töten. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne!

Uta Buhr / 22.06.2019

Merkel und Gauck unterscheiden sich in ihrem sinn- und inhaltslosen Geschwurbel kaum voneinander. Einziger Unterschied: Der Provinzpfarrer ist im Gegensatz zu ADM in der Lage, seine Plattitüden ohne Stammeln und Stottern herunterleiern. Gauck ist ein eitler, in sich selbst verliebter alter Gockel, der sich an seinen eigenen Sprechblasen berauscht. Si tacuisses…

Rolf Lindner / 22.06.2019

Zwischen den Zeilen gelesen hat Gauck nichts anderes gesagt, als dass es in Deutschland keine Demokratie mehr gibt, dass das gut für alle ist und wer das bestreitet, dem ist das nicht richtig vermittelt worden oder der ist zu dumm, das zu begreifen, weshalb demjenigen Nachhilfeunterricht zu erteilen ist. Am besten vom Nachhilfedemokratielehrer Gauck.

Heiko Engel / 22.06.2019

Wenn es den linken Trotteln weiterhin gelingen sollte, und niemand zweifelt zur Zeit an diesem Erfolg, die Pole der gesellschaftlichen Entwicklung zu schleifen bzw. zu zerstören, werden sie ein interessantes Phänom erleben: das Leben wird aufhören zu existieren. Das gab es bereits alles. Es ist das ungute und verelendende Gefühl über dem Lande liegt Agonie; Mehltau geradezu. Das Gefühl, dass uns alle antreibt bei der Achse einige Gedanken zu formulieren. Und dieses Gefühl bestätigt uns das Ersterben der gelebten Vielfalt. Vorallem geistiger Art. Da bringt es nichts materielle Vielfalt und Multikulti zu propagieren. „..so hat er die Teile in seiner Hand. Fehlt leider nur das geistig Band.“ - JWvG -

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