Gunnar Heinsohn / 15.04.2013 / 23:25 / 0 / Seite ausdrucken

Demokratie-Überdruss, Bombe und “youth bulge” in Pakistan

Zwischen 1950 und 2012 stagniert die Zahl der jungen Leute Deutschlands (15-29 Jahre)  bei rund 14 Millionen, obwohl 16 Millionen Migranten mithelfen, die Bevölkerung von 68 auf 82 Millionen zu steigern. Dieselbe Altersgruppe in Pakistan stürmt gleichzeitig von 10 auf 55 Millionen, während die Gesamtbevölkerung ungeachtet stetiger Abwanderung von 38 auf 190 Millionen hoch schnellt. Das klingt beeindruckend, aber zu den wirklich imposanten Demographien gehört Pakistan keineswegs. „ Nur“ 34 Prozent (D: 13%) seiner Einwohner sind jünger als 15 und nicht 44 oder gar 48 Prozent wie in den stets kriegsnahen Territorien von Afghanistan, Gaza oder Mali. Doch die jungen Muslime in Zentralasien haben die Bombe in Reichweite und die Möglichkeiten ihrer einmaligen Kombination aus youth bulge und Atomwaffen strategisch noch kaum durchgerechnet. Dazu gehört die Auslöschungsdrohung gegen Mächte, die sich Angriffen mit verlustresistenten Massenheeren in den Weg stellen wollten.

Fünfzehn Jahre nach dem ersten Nukleartest von 1998 in den Hügeln von Ras Ko hat der British Council mit immer noch guten Verbindungen zur ehemaligen Kolonie Pakistans über 18 Jahre alte Jugend befragt (Next-Generation-Report). Nicht einmal ein Viertel kann der Demokratie etwas abgewinnen, während ein Drittel die Armee bevorzugt und fast zwei Fünftel die Zukunft des Landes unter der Scharia ersehnen - mit Verstümmelung der Diebe und Steinigung der vertragsfrei sexuell Aktiven. Dabei favorisieren sie die besonders reine Ausführung des Gesetzes, wie man sie in Saudi-Arabien und den Talibangebieten beim afghanischen Nachbarn pflegt.

Dass es doch auch einmal besser werden muss, gilt selbstredend auch für Pakistan, wo zwar eine qualifizierte, aber immer noch keine absolute Mehrheit des Jungvolks von der Militärdiktatur träumt. Aber wann käme die Entspannung? Hinter den 55 Millionen 15-29-Jährigen machen sich 65 Millionen Kinder für den Lebenskampf bereit. Bis diese 120 Millionen Menschen ihren Schwung verausgabt haben, dürfte noch ein Vierteljahrhundert ins Land gehen. Immerhin ist man von sechs bis sieben Kindern pro Frau bis 1995 herunter auf heute nur noch drei.

Zu gegebener Zeit wird das Land die Pazifismus fördernden Raten Europas auch erreichen. Bis dahin aber wird es nicht bei den knapp 50.000 Terrortoten ab 2003 bleiben (pakistan/database/casualties.htm). Momentan wird der Aderlass als „Religionskrieg“ zwischen Sunniten und der schiitischen Minderheit exekutiert – ein bescheidener Anfang, wenn man auf Syrien mit einem Neuntel der pakistanischen Bevölkerung schaut, wo die UNO 70.000 Tote in nur zwei Jahren schätzt. Die zehn Millionen jungen Männer, die Europa von 1914 bis 1918 verbrennt und dabei – mit Ausnahme Frankreichs – aus der demographischen Portokasse nimmt, hätte Pakistan allemal.
Erobernde Befreiungs- oder befreiende Eroberungskriege etwa für den Anschluss der paschtunischen Verwandten in Afghanistan könnten nach Ende der westlichen Fluchtbewegung hinzukommen und Verluste in ganz anderen Dimensionen bescheren – vor allem, wenn Indien nicht mitspielen will.

Belutschen, die nur 10 Millionen der Einwohner Pakistans stellen, aber für ihren fast vierzigprozentigen Flächenanteil die Unabhängigkeit fordern, könnten beim Kampf um eine „heilige“ Einheit der Nation in ganz schweres Wetter geraten. Seit 2000 schießt die Balouch Liberation Army (BLA). Das Verfolgen ihrer Anhänger als Terroristen ist seit 2006 legal, das Ermorden ihrer Anführer seit 2009 im Gange.

Doch auch Pakistans Kinder lernen, was gut und böse ist und dass sie nicht töten dürfen. Für die Beruhigung des Gewissens benötigen die Taten allerhöchste Weihe und die potentiellen Opfer den Ausweis der Gottlosigkeit. Gewiss kümmern sich rund 24.000 fromme Madrassas (nach nur 189 im Gründungsjahr 1947) um diese Erfordernisse. 40.000 zählt man unter Einschluss nicht registrierter Einrichtungen. Es spricht für den Erfolg der religiösen Belehrung, dass ihre Verteidiger mit allem Recht darauf verweisen können, dass die Absolventen staatlicher Schulen ihrem Fanatismus kaum nachstehen (Christine Fair, Current History, April 2012).

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