Peter Grimm / 12.12.2018 / 17:01 / 26 / Seite ausdrucken

Déjà-vu in Straßburg

Eigentlich ist die Tradition des islamistischen Weihnachtsmarktanschlags in Europa noch nicht so alt. Aber der Umgang damit scheint ungeschriebenen Regeln zu folgen, die immer routinierter eingehalten werden. Man gewöhnt sich wahrscheinlich auch daran, dass wir inzwischen um zusätzliche Weihnachtsbräuche bereichert wurden.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich alles so anhört und anfühlt wie vor zwei Jahren in Berlin. Natürlich gab es gewaltige Unterschiede: Anis Amri ist in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mit einem gestohlenen Lkw gefahren. Cherif Chekatt hat geschossen. Anis Amri kam als Asylbewerber, Cherif Chekatt ist in Straßburg geboren. Amri hatte 14 Identitäten, Chekatt – nach derzeitigem Erkenntnisstand – nur eine. Aber beide waren anfällig für die islamistische Ideologie, beide haben die Kultur und die Verfasstheit der europäischen Staaten abgelehnt und bekämpft.

Und weiter geht es mit den Gemeinsamkeiten: Beide konnten ihre Anschläge begehen, obwohl sie als Gefährder bekannt waren und von den Sicherheitsbehörden eigentlich deshalb auch überwacht werden sollten. Beide waren zudem wegen krimineller Delikte polizeibekannt. Beiden gelingt nach der jeweiligen Tat mitten in der Stadt, inmitten vieler Menschen und Polizisten, die Flucht. Für Anis Amri endet sie, als er vier Tage nach seinem Anschlag im italienischen Sesto San Giovanni von einem Polizisten bei einem Schusswechsel erschossen wird. Wann und wo die Flucht von Cherif Chekatt endet, ist noch nicht bekannt, als diese Zeilen geschrieben werden.

Vor allem aber ist auffällig, wie lange ein Umstand beschwiegen wird, und wenn dieses Beschweigen gänzlich unmöglich geworden ist, mit welcher Konsequenz und Ausdauer das Herunterspielen betrieben wird. Dass die Täter jeweils im Namen Allahs und seines Propheten mordeten, spielte lange gar keine Rolle, obwohl man doch den Täter identifiziert hatte. Das war bei Amri so, und das geschieht jetzt beinahe spiegelbildlich. Auf den Satz „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ verzichten die Offiziellen heutzutage wahrscheinlich vor allem deshalb, weil sie einmal mehr das Wort „Islam“ im Zusammenhang mit einem Anschlag aussprechen müssten.

Was es alles in den Gefährderlisten gibt

Obwohl noch am Tatabend bekannt gegeben wurde, dass der Straßburger Attentäter identifiziert sei, erfährt die Öffentlichkeit nur sein Alter: 29 Jahre. Es hatte noch eine Nacht und einen Morgen gedauert, bis die Öffentlichkeit erfuhr, dass es sich bei ihm um einen Mann mit nordafrikanischem Migrationshintergrund handelte. Ebenso wurde zwar noch in der Nacht bekannt, dass der Mann in einer französischen Gefährderdatei erfasst gewesen sei, doch dass es sich bei ihm um einen islamistischen Gefährder handelte, mochte trotzdem niemand so klar aussprechen, schon gar nicht in deutschen Medien.

In der Nacht befand es beispielsweise der diensthabende Terror-Experte auf n-tv noch wichtig zu erwähnen, dass sich auf den französischen Gefährderlisten auch gewaltbereite Rechtsextremisten befänden. Immerhin sagte auch dieser Experte, dass das Anschlagsziel Weihnachtsmarkt doch eher zu einem Islamisten passe, als zu einem anderen Extremisten. Aber man dürfe sich noch kein vorschnelles Urteil erlauben. Die Verbreitung der verfügbaren Informationen hätte den Zuschauern diesen und ähnliche Expertenauftritte erspart.

Am späten Vormittag nach dem Anschlag war der Umstand, dass es sich um einen islamistischen Attentäter handelte, kaum noch relativierbar. Und einen deutschen Bezug gibt es auch, denn seine letzte Haftstrafe soll Cherif Chekatt bis zum letzten Jahr in Deutschland abgesessen haben. Als es hieß, er habe sich radikalisiert, fragte man sich allerdings automatisch, inwieweit diese Radikalisierung auch im deutschen Gefängnis stattfand. Eine Frage, die bis dato unbeantwortet ist.

Die Medien erzählen Chekatts Biographie am Vormittag nach dem Anschlag in etwa so: Der Mann sei im Februar 1989 in Straßburg geboren und dort mit sechs Geschwistern aufgewachsen, habe keine Ausbildung gemacht und sei seit 2011 arbeitslos gewesen. In Frankreich, in der Schweiz und zuletzt auch in Deutschland saß er wegen Einbrüchen im Gefängnis. Mitte 2016 habe ihn das Amtsgericht Singen wegen schweren Einbruchs zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Im Jahr 2017 soll er aus der Haft entlassen und nach Frankreich abgeschoben worden sein. Er stand dort auf der Gefährderliste und wurde überwacht. Wegen eines Diebstahls mit Mordversuch sollte er eigentlich am Attentats-Tag festgenommen werden, sei aber nicht anzutreffen gewesen. Bei der Wohnungsdurchsuchung nach dem Anschlag seien in Cherifs Wohnung auch Granaten gefunden worden. Offenbar hatte er Größeres vor.

Es soll nicht nach Kapitulation aussehen

Es gibt etliche Journalisten, die betonen, es könne an dem funktionierenden Sicherheitskonzept des Straßburger Weihnachtsmarktes gelegen haben, dass Cherif Chekatt mit seinem Anschlag auf die Straßen außerhalb der geschützten Zone ausweichen musste. Bekanntlich ist ja auch die deutsche Politik stolz darauf, dass es nun, nachdem seit Anis Amris Anschlag Schutzwälle und liebevoll „Merkelsteine“ genannte Betonpoller zum Standardinventar von Volksfesten gehören, die sichersten Weihnachtsmärkte gebe, die es jemals gegeben hat.

Was für ein Ausblick in die schöne neue Welt. Das, was einmal wie selbstverständlich im öffentlichen Raum stattfand, verschanzt sich in geschützten Arealen, ebenso wie sich die Besserverdienenden in gated communities zurückziehen oder ihre Wohnviertel nach und nach in solche verwandeln. Andernorts in der Provinz wird man sich vielleicht nicht mehr daran hindern lassen, den selbigen Effekt durch die Gründung von Bürgerwehren zu erzielen. Manche Viertel in Ballungsräumen bleiben oder werden no-go-areas, einige von ihnen nur für bestimmte Gruppen. Gesellschaft wie besiedelte Landschaften könnten zusehends fragmentieren.

Aber das sind ja vielleicht viel zu düstere Aussichten. Schließlich tauchen in der deutschen Straßburg-Berichterstattung gar nicht so viele der beunruhigenden Figuren auf. Danach scheint der Terror – ideologisch nahezu inhaltslos – wie eine Naturgewalt über uns gekommen zu sein. Im Gegensatz beispielsweise zum Klimawandel.

Und auch wenn die Pariser Staatsanwaltschaft am Mittag nach dem Anschlag von sicher schon länger vorliegenden Zeugenaussagen berichtet, wonach Cherif Chekatt seine Opfer unter „Allahu akbar“-Rufen erschossen habe, so lässt sich auch das gut relativieren. Von manch einem Kommentator war zu hören, dass damit noch keine Zugehörigkeit zu einer islamistischen Terrororganisation bewiesen wäre. Es könne sich ja auch um einen Einzeltäter gehandelt haben. Das macht es zwar alles nicht besser, klingt aber doch irgendwie besser. Und da unsere Verantwortungsträger nicht willens oder in der Lage zu sein scheinen, das selbst geschaffene Problem stetig wachsender und mit europäischen Gesellschaften inkompatibler radikalislamischer Gemeinschaften anzugehen, bleibt ja nur, es sich schön zu reden. Es soll doch wenigstens nicht nach Kapitulation aussehen.

Dieser Beitrag erschien auch hier auf sichtplatz.de

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Leserpost (26)
H.Zang / 12.12.2018

Ah ha, ein Déja-vu. Das Abschlachten der Autochthonen geht weiter. Der mediale Ablauf wiederholt sich. Zeitgeschichte wiederholt sich in knappen Zyklen. Das historische Verbrechen der Islamisierung hat skrupellose Protagonisten, schmierige Kollaborateure und egomane Mitläufer. Nicht miteinander kompatible Kulturkreise führen zu Krieg. Da hilft kein politkorrektes Kaschieren. Frankreich ist instabiler Bruchlinienstaat, Deutschland ist flux dabei, es zu werden.  Dschihad ist da, wo Mohammedaner sind. Ich kann die Umma-Ollen nicht mehr sehen. Deislamisierung jetzt.

Hjalmar Kreutzer / 12.12.2018

Das ZDF-Mittagsmagazin entblödete sich doch heute nicht, im Dialog zwischen Moderator und Reporter vor Ort die Zuschauer zu belehren: Ja, der Mann wäre Islamist und er wäre Gefährder und in seiner Wohnung hätte man auch Waffen und Propaganda gefunden, aber ob die Tat in Straßburg jetzt ein islamistischer Anschlag wäre und überhaupt die aktuelle Motivlage dazu wären noch so was von absolut völlig unklar! (Vielleicht litt der Ärmste ja noch an Unterzuckerung vom Ramadan und hatte zuviel „Walking Dead“ gesehen und musste jetzt Zombies erschießen?) Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags. Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags. Kündigung des Rundfunkstastsvertrags.

toni Keller / 12.12.2018

Normalerweise sind wir hierzulande eigentlich ganz empfindlich, wenn irgendwer irgendwem ein unpassendes Kompliment macht, ist die Person, die das Kompliment in den falschen Hals gekriegt hat, üblicherweise schwer beleidigt und verletzt und es werden Generalverdachte ausgesprochen “Alle Männer….” Pfuscht irgendwo ein Arzt, heißt es sofort “Die Ärzte…...” und all das ist bekannt, Fast absurd zu nennen ist aber das Verhalten in Fällen wo wirklich was geschieht, wo Mädchen, Frauen brutal vergewaltigt werden, wo Leute umgebracht werden, wo Tote zu beklagen sind, hier in diesen Fällen nun wir relativiert, abgewiegelt und vor Verallgemeinerungen gewarnt. Mir fällt da nur noch das Wort ein von den ausgesiebten Mücken und den verschluckten Kamelen, Nur bleibt die Frage: Was tun wir?  Wie gehen wir damit um?

Claudia Maack / 12.12.2018

Ob Nizza, Berlin oder Strasbourg, die Täter haben ein ähnliches Profil: geistig verwahrlost, ungebildet, geringe Intelligenz, faul und brutal. Sie sind erst eine Generation aus dem Beruf des Ziegenhirten hinaus, sie können mit einer westlichen Gesellschaft überhaupt nichts anfangen, denn sie kennen weder Eigenverantwortung noch Selbstdisziplin, sondern nur Zug und Druck, wie es in ihrem Dorf gewesen wäre: strenge Hierarchien, bei Übertritt gibt‘s auf die Fresse, einfach und wirksam. In unserer Gesellschaft kommen sie nicht an, sie lernen nichts, Bildung ist zu anstrengend und hat keinen Wert für sie, ehrliche Arbeit auch nicht. Sie hängen herum, dealen, stehlen, gucken Pornos, prügeln Frau und Kind, wissen nichts mit sich anzufangen und hassen am Ende alle anderen, die sie für ihr eigenes Versagen verantwortlich machen. Religion liefert nur den Vorwand, religiös sind diese Typen nicht, irgendwann schlagen sie zu, am besten bei einem symbolischen Ereignis, um ihrer erbärmlichen Existenz einen Sinn zu geben. Die Banalität des Bösen, auch hier.

Robert Korn / 12.12.2018

Ich hoffe, der Täter begegnet zwei italienischen Dorfpolizisten. Wie weiland Anis Amri. Die wissen, was sie zu tun haben.

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