„Dead White European Male“ – schon wieder in Dresden

Zwei Frauen haben sich für DWEM entschieden. Falls Sie es nicht wussten: DWEM ist ein Akronym für „Dead White European Male“, wahlweise auch „Man“ statt „Male“. Und der tote weiße europäische Mann ist nun wahrlich nichts Gutes. Dabei ist er noch gar nicht so alt, auf den viergliedrigen Namen wurde er erst vor nicht einmal dreißig Jahren getauft. Aber jedes schwerstverzogene Kind mit maximaler Schadensbilanzerwartung würde man lieber auf seiner Geburtstagsfeier sehen als einen dieser unheilbringenden DWEM, die trotz ihrer Jugend schon seit Jahrhunderten ihr Unwesen treiben.

Nein, nein, das ist kein Widerspruch, es brauchte nur viel Zeit, diesem unsäglich rechten Phänomen auch eine begrifflich-typisierende Form zu geben, um es nun nachdrücklich bekämpfen zu können. Welch Nachholebedarf bezüglich dieses Kampfes aber noch besteht, stellten die eingangs erwähnten Frauen unlängst in der sächsischen Hauptstadt unter Beweis.

Hätte es nicht ausgereicht, dass die Buchhändlerin Susanne Dagen in Form der „Charta 2017“ eine noch laufende Petition initiierte und zur Stellungnahme gegen den Börsenverein des Deutschen Buchhandels aufrief? Der hatte auf der letzten Frankfurter Buchmesse (erfolgreich) angeregt, den Grenzen der Meinungsvielfalt „aktiv“ Nachdruck zu verschaffen. Da kann schon mal ein Stand „abgeräumt“ werden, es dient schließlich alles für die gute und unbestreitbar richtige Sache. Die Wirksamkeit des Börsenvereins war an dieser Stelle offenbar nicht ganz nachhaltig. Dem Vernehmen nach präsentieren sich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse weiterhin „rechte Verlage“.

Zurück nach Dresden-Loschwitz. Die „Charta 2017“ blieb alles andere als unbeachtet; eine Reihe von namhaften Erst- und Späterunterzeichnern war und ist nicht so recht überzeugt von der Notwendigkeit „aktiver“ Auseinandersetzung mit böseschlechtfalschen Meinungsäußerungen.  

Zu denjenigen, die sich der Petition sofort anschlossen, gehört die habilitierte Literatur- respektive Kulturwissenschaftlerin Bettina Gruber. Unter der Rubrik „Erstunterzeichner im Fokus“ war sie nun eingeladen, in dem mit der Buchhandlung von Susanne Dagen verbundenen „KulturHaus Loschwitz“ ihre gedruckt vorliegenden Ausführungen über besagte DWEM vorzustellen. Nur in Dunkeldeutschland kann ein solcher Abend einen solchen Publikumszuspruch finden. Es gab keinen freien Platz mehr. Und dann auch noch eine äußerst angenehme Atmosphäre.

Verlernen „toxischer Männlichkeitsnormen“

In einem unter dem Pseudonym Sophie Liebnitz verfassten kleinen Essay „tote weiße männer lieben“ erklärt die Autorin das abstoßende Phänomen der DWEM. Der bewusst Interpretationsspielräume bietende Titel lässt bereits vermuten, dass sie von deren verderbenbringender Verderbtheit und den Segnungen der mit diesem Diskurs verbundenen tatkräftigen Ideologie nicht restlos überzeugt zu sein scheint.

„Wir stehen heute an einem Punkt, an dem Ablehnung und Diffamierung von Männlichkeit mit der Diffamierung westlicher Kultur- und Zivilisationsleistung und einem antiweißen Rassismus einhergehen“, heißt es. Der DWEM sei „Hassobjekt für eine Linke, die allem außer der eigenen Kultur ihr unbegrenztes Verständnis angedeihen“ lasse. Liebnitz geht sogar so weit zu sagen, dass der „Vater des DWEM der historische Schuldkomplex“ sei; letzterer ermögliche sogar „Statusgewinn“. Dabei steht doch fest: Die weißen europäischen Männer bzw. deren sich über den Erdball ausbreitende Abkömmlinge sind aufgrund ihrer Ethnie in der (historischen) Bedeutung überschätzt worden, aufgrund ihres „weißen Privilegs“. Und reichlich danebenbenommen haben sie sich. Das sollte doch nun wirklich langsam jeder wissen. Besonders intensiv wird die diesbezügliche akademische Forschung, die ruhig auch mal kämpferische Züge annehmen und Zwangsschulungen beinhalten kann, in der angelsächsischen Welt vorangetrieben. Kurse zum Verlernen „toxischer Männlichkeitsnormen“ kann man etwa an der Brown University, Rhode Island, besuchen.

Wie viele universitär Beschäftigte können inzwischen nachvollziehen, was Liebnitz meint, wenn sie von einer „ständig voranschreitenden Vergiftung der Atmosphäre für Studenten und Mitarbeiter“ durch den „Einfluss von Genderkonzepten“ spricht oder einer „einseitig destruktiven Entwicklung“ der Geisteswissenschaften? Ein amerikanisches Beispiel für die Folgen: Der Columbus Circle in Manhattan hat gute Chancen, die platznamensgebende Statue demnächst loszuwerden. Und auch der gute alte Abraham Lincoln… man glaubt gar nicht, wo sich diese weißen Rassisten überall verstecken. Und wenn es nur Rassismus im Herzen ist.

Ganz anders liegen die Dinge, wenn Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung. formuliert, der Osten Deutschlands sei immer noch zu weiß. Da können nur Menschen wie die Autorin Sophie Liebnitz auf die Idee kommen, dass es sich hier vielleicht um Rassismus („von Politik und Kulturbetrieb ignoriert oder aber begrüßt“) handeln könnte. Sie hätte lieber wikipedia befragen sollen, da steht es klar und deutlich: Eine „Menschenrechtsaktivistin“ ist Anetta Kahane!

Ergo: Ein Buch für finstere, abgehängte Reaktionäre. 

Übrigens: Auch der Schriftsteller Uwe Tellkamp (aus Dresden, klar!) zählt zu den Unterstützern der „Charta 2017“. Wenigstens hat er am Vortag der Loschwitzer Lesung im Rahmen einer anderen Dresdner (schon wieder!) Veranstaltung noch einmal sein „wahres Gesicht“ gezeigt, nachzulesen beispielsweise hier oder hier.

Buchhändlerin Dagen kündigte eine Fortsetzung ihrer „Erstunterzeichner im Fokus“-Veranstaltungen mit den Autoren Parviz Amoghli und Alexander Meschnig an. Unbelehrbar.

Erik Lommatzsch  ist Historiker und lebt in Leipzig.

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Leserpost (8)
Salem Oppenheimer / 12.03.2018

Es ist geradezu berührend, dass es auch Frauen gibt, die der Dämonisierung von Männern nicht länger unwidersprochen zusehen wollen. Sorry, aber der moderne Feminismus kämpft doch nur für die Heiligsprechung des weiblichen Egoismus und ist damit eindeutig aus der Zeit gefallen.

Monique Basson / 12.03.2018

Es gibt immer weniger Geburten, aber immer mehr Scheidungen bzw. immer mehr Singles. Kann dies wirklich als Erfolg bezeichnet werden? Frauen sind laut Sozialstudien unglücklicher als in früheren Jahrzehnten. Die sogenannte Emanzipation hat die Geschlechter weiter auseinander gebracht und teilweise sogar zu Hass geführt. Ein Männerrechtler, der so wie Feministinnen agieren würde, hätte keine Chance in den Medien und würde geradezu kriminalisiert werden.

Judith Hirsch / 12.03.2018

Dass vor allem junge Frauen von Depressionen betroffen sind ist eine Folge des Feminismus. Vor 50 Jahren waren junge Frauen glücklicher, ausgeglichener, robuster und viel seltener psychisch krank. Es gab eine andere, authentischere Art der Weiblichkeit. Viele Studentinnen sind heute hin- und hergerissen zwischen ihrem eigenen Begehren und dem was ihnen vorgedacht und eingeflüstert wird. Nur wer diese Ideologien erfolgreich abschüttelt ist wirklich unabhängig und geerdet.

Mark Schild / 12.03.2018

Erfreulich, dass es noch Frauen gibt, die den Feminismus durchschaut haben. Das sind eigentlich die wirklich emanzipierten Frauen von heute, die eine Zwangsbeglückung mit einer völlig faktenbefreiten und sich permanent selbst widersprechenden Ideologie, die vor allem von Narzissten/Narzisstinnen und anderen Leuten mit Minderwertigkeitskomplexen vertreten wird, ablehnen.

Viola Heyer / 12.03.2018

Zur Ablehnung und Diffamierung von Männlichkeit möchte ich die britische Nobelpreisträgerin Doris Lessing zitieren, die bereits 2001 feststellte: “Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird. Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer eigentlich diese Frauen sind, die ständig die Männer abwerten. Die dümmsten, ungebildetsten und scheußlichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren und niemand sagt etwas dagegen. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun.”

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