Es ist Mode geworden, auf die Deutsche Bahn zu schimpfen, und ich finde, es ist an der Zeit, das eine oder andere in diesem Zusammenhang zurechtzurücken. Ich selbst, zum Beispiel, fahre nahezu jeden Tag mit der Bahn in die Arbeit, und wirklich meistens komme ich auch an. Auf der Hinfahrt muss ich mit der S-Bahn von meinem Wohnort Gottmadingen an der Schweizer Grenze in die nächste etwas größere Stadt Singen fahren und dort in einen Regionalexpress nach Allensbach umsteigen. Die S-Bahn, obwohl sie die ungeheuer komplizierte Strecke von Schaffhausen (vier Stationen, etwa 20 Kilometer, keine Abzweigungen) hinter sich hat, kommt selten wesentlich mehr als zehn Minuten zu spät, so dass man zwar den Regionalexpress verpasst, aber dennoch mit nicht mehr als einer halben Stunde Verspätung im Büro landet. Auf der Rückfahrt am Abend kommt der Regionalexpress trotz der enorm weiten und schwierigen Strecke, die er vorher von Konstanz nach Allensbach zurücklegen muss (zwei Stationen, etwa 15 Kilometer, keine Abzweigungen), ebenfalls meist nur etwa zehn Minuten zu spät, so dass man in Singen den Anschlusszug verpasst, aber dennoch mit lediglich 40 Minuten Verspätung zuhause ist - vorausgesetzt natürlich, dass unterwegs nicht wieder einmal sämtliche Bahnschranken ausgefallen sind.
Man wirft der Bahn oft Unfähigkeit, chaotische Planung, Arroganz und Ignoranz gegenüber den Fahrgästen vor, doch die meisten Menschen, die dies tun, haben nicht erkannt, dass die Organisation des Bahnbetriebs einigen leicht nachvollziehbaren Prinzipien folgt, die man nur erst einmal verstanden haben muss, damit sich einem die Logik des Ganzen erschließt. Eines dieser Prinzipien lautet: Großer Andrang kleiner Zug, kleiner Andrang, großer Zug. Beispielhaft kann man das am Regionalexpress von und nach Allensbach beobachten. Manchmal, bevorzugt an Freitagnachmittagen, hat der Zug drei Waggons, manchmal, beispielsweise Mittwochmittags, aber auch vier. Das ändert sich in den Sommerferien, wenn die Bodenseeregion von Urlaubern überschwemmt wird. Dann wird konsequent auf maximal drei Wagen umgestellt. Ich finde das recht fürsorglich, denn wie sonst sollte man als Pendler in den Genuss der gesundheitsfördernden Leibesübung kommen, dutzende Fahrräder in den Zugeingängen zu überklettern? Wie sonst sollte man das prickelnde Vergnügen erleben, auf der Rückseite der Fahrräder in die Arme kreischender, zotenreißender Damenvereine auf Ausflugstour zu fallen? Wenn man Glück hat, erhält man sogar noch eine kostenlose Sektdusche. Neulich, im November, musste ich dagegen ausnahmsweise einmal an einem Sonntagmittag nach Allensbach fahren. Dafür standen mir nicht weniger als sieben vollkommen leere Waggons zur Verfügung.
Wie konsequent die Deutsche Bahn bei der Durchsetzung ihres Prinzips verfährt, durfte ich heute früh erleben. Es war Fahrplanwechsel. Der stets gut gefüllte direkte Sieben-Uhr-Bus nach Singen, mit dem meine älteste Tochter jeden Tag in die Schule fuhr, ist ersatzlos aus dem Fahrplan gestrichen worden. Nun muss sie eine Viertelstunde vorher aus dem Haus, um zum Bahnhof zu fahren. Dort darf sie dann eine Viertelstunde (plus Verspätung) auf den Zug warten, der sie nach Singen bringt.
Nun war dieser Zug um viertel nach sieben bereits vor dem Fahrplanwechsel traditionell katastrophal überfüllt, so dass ich heute morgen mit zum Bahnhof fuhr um zu schauen, ob es überhaupt möglich sein würde, diesen Zug zu benutzen. In den letzten Jahren waren schon öfter Schüler auf dem Bahnsteig zurückgeblieben, weil sie auch mit roher Gewalt nicht mehr in den Zug gequetscht werden konnten.
Der Bahnsteig füllte sich mit Kindern aus der ganzen Umgebung, schwer zu schätzen, wie viele, jedenfalls hunderte. Dann (nur etwa sieben Minuten zu spät) fuhr der Zug ein. Ich war erleichtert. Es war ein Museumszug, aber richtig lang: Fünf Wagen, renovierte „Silberlinge“ aus den 50er Jahren. Das konnte knapp für alle Schüler ausreichen - sofern es den Kräftigeren unter ihnen gelingen sollte, die Türen zu öffnen.
Die Freude währte ungefähr zehn Sekunden. Dann stellte sich heraus, dass von den fünf Wagen nur drei benutzbar waren. Die anderen beiden waren abgeschlossen. Auf den Türen standen Schilder mit der Aufschrift „Tür unbenutzbar.“ Die gesamte Kinderhorde wurde den Bahnsteig hinuntergeschickt und in die vorderen Wagen gequetscht. Als der Strom stockte und noch Kinder aus den Eingängen herausquollen, gingen Bahnmitarbeiter nach vorne mit den Worten „Die sollen gefälligst mal aufrücken.“ Dann stellten sie erstaunt fest, dass die Schüler aufgerückt waren. Die Wagen waren einfach voll. Daraufhin blies ein Bahnmitarbeiter schrillend in seine Trillerpfeife und brüllte „Abfahrt!!“ Das dürfte die schulischen Leistungen der Kinder auf den Trittbrettern gesteigert haben, denn so ein kleiner Adrenalinkick am Morgen fördert doch meist die Konzentration.
Bevor der Zug sich in Bewegung setzen und die überzähligen Kinder leicht hätte abwerfen können, kam nun aber noch eine weitere Busladung von Schülern angerannt, deren Bus sich anscheinend verspätet hatte. Dies sahen die Bahnbeamten und beschlossen gnädig, dass man nun vielleicht doch einen weiteren Waggon öffnen könne. Und siehe da: Der verschlossene, scheinbar unbenutzbare Wagen war gar nicht unbenutzbar. Die Türen - natürlich nur eines Wagens - öffneten sich, das Licht ging an und die Schüler konnten sich hineinquetschen.
Nun wurden doch einige der Eltern, die sich auf dem Bahnsteig befanden, etwas ungehalten und fragten, was das denn solle, mutwillig den halben Zug abzuschließen, während die Kinder sich wie Ölsardinen in die andere Hälfte drängen müssten. Ihnen wurde beschieden, dass das „schon seine Gründe“ habe. Nachdem der Zug abgefahren war (der letzte Waggon immer noch leer), erklärten die Bahnbediensteten, kundenorientiert, wie sie sind, dass man die letzten Wagen habe sperren müssen, weil man erst einmal habe prüfen müssen, ob der Zug nicht zu lang für den Bahnsteig sei. Man muss das verstehen: Da die Bahn ja unmöglich wissen kann, wie lang ihre Waggons und damit ihre Züge sind, hätte man für diese Information in die einschlägigen Handbücher schauen und komplexe Additionsrechnungen vollführen müssen: Fünf Mal Anhänger plus Lokomotive macht wie viel? Und wie soll die Bahn auch wissen, wie lang ihre Bahnsteige sind? Da hätte, wenn keine Bauunterlagen vorliegen, ein Mitarbeiter doch glatt zehn Minuten mit dem Zollstock über den Bahnsteig gehen müssen. Und immerhin war heute Morgen leichter Frost. Das kann man einem Bahnbediensteten wirklich nicht zumuten. Da nimmt man lieber den Zug als Maßstab, denn der kommt ja ohnehin vorbei. Das lästige Pack der zahlenden Kunden kann derweil ja sehen, wo es bleibt.
Eine Mutter fragte schließlich, ob man sich denn darauf verlassen könne, dass ab morgen die Züge in voller Länge zur Verfügung stünden. Ihr wurde beschieden, dass das nicht garantiert werden könne, aber nächste Woche sei es dann wohl soweit. „Nächste Woche sind Weihnachtsferien. Da brauchen wir es nicht“ sagte die Frau fassungslos. Ihre Frage dokumentierte das mangelnde Verständnis der Kunden gegenüber der Bahn. Wie sollte man denn nach einem einzigen Messversuch Klarheit haben? Wer sagt denn, dass der Bahnsteig morgen noch genauso lang ist wie heute? Vor allem aber hatte sie das Leitprinzip „großer Andrang, kleiner Zug, kleiner Andrang großer Zug“ nicht verstanden. Während der Weihnachtsferien kann der praktisch ausschließlich von Schülern genutzte Zug selbstverständlich in voller Länge fahren. Aber ab der zweiten Januarwoche müssen die hinteren zwei Wagen natürlich wieder abgeschlossen werden. Ist das denn wirklich so schwer zu verstehen?