Archi W. Bechlenberg / 23.12.2018 / 06:20 / Foto: Pixabay / 9 / Seite ausdrucken

Das Weihnachts-Antidepressivum (1)

War das eine Kälte! Leif-Lasse Thorenson konnte sich nicht erinnern, wann es jemals so frostig gewesen war.

„Ihr Gedächtnis wird noch einige Zeit brauchen, bis es wieder funktioniert!“, hatte Dr. Wolfson ihm gesagt. „So ein Eiszapfen auf den blanken Kopf hat oft schlimme Folgen.“ Das war vorgestern gewesen, und eigentlich hätte Thorenson noch gar nicht wieder auf den Beinen sein dürfen. Aber einer musste den Job ja machen.

Entgegen anders lautender Gerüchte war er nicht nach Hypohytta strafversetzt worden. Ganz im Gegenteil, dreieinhalb Jahre lang hatte er immer wieder Anträge gestellt, dort die Polizeistation übernehmen zu können. Er wollte weg aus Stockholm, weg von all den Leuten, die ihn immer wieder fragten, ob alle Kommissare Alkoholiker, Melancholiker, Choleriker oder Cholinergiker waren. Er hasste bestialische Gewaltakte, zu Schwermut neigende Ermittler, Sozialdemokraten, Mädchen, die vom Dach eines Mietshauses springen und Diabetiker mit zeitweisen Schlaf- und Gewichtsproblemen und starker Libido. Thorenson wollte nicht in zunehmender Desillusionierung, Resignation und einer schleichenden Amnesie enden. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben. Und Hypohytta war genau der richtige Ort dafür.

Auch wenn so gut wie nie etwas passierte – das letzte Protokoll hatte Thorenson vor mehr als einem halben Jahr wegen eines zunächst entwendeten und später zerbeult wiedergefundenen Zinkeimers geschrieben – musste auch hier oben im hohen Norden nahe der norwegischen Grenze eine Polizeistation in Betrieb sein. Genau sein Ding. Man hatte Thorenson prophezeit, er werde nach spätestens einem dreiviertel Jahr sein eigener Fall werden (Amoklauf gemäß §§ 51, 53 und 462 Sveriges Gamle Tetrapak Rikes Lag), aber er hatte lächelnd abgewunken. Das werde mit Sicherheit nicht geschehen, er freue sich auf seine kommende Aufgabe.

Und so geschah es. Meist saß der Kommissar, je nach Witterung drinnen oder draußen, am Fenster und beobachte das Wetter, die Wolken, die auf- und untergehende Sonne; er schrieb immer um die gleiche Zeit seinen Tagesbericht und faxte ihn an die übergeordnete Stelle in Stenbackenhoefel. Seine Wohnung lag gleich über der Amtststube im ersten Stock eines sauber gezimmerten Hauses aus Stein und Holz, auf dessen Vorderfront die Jahreszahl 1886 eingraviert war. So lange hatte das Gebäude schon den Winterstürmen und sommerlichen Mückeninvasionen getrotzt, das ließ sich von dem Haus, in dem er zuletzt in Stockholm gewohnt hatte, nicht unbedingt sagen. 

Im Großen und Ganzen wusste Thorenson, wo und wer er war

Bisher war es also ein recht beschauliches Dasein gewesen, dessen Fortsetzung für weitere 15 Jahre Thorenson gelassen entgegen sah. Dass ihm vor einigen Tagen das Missgeschick mit dem Eiszapfen passiert war, wurmte den Kommissar, wenn auch nur wenig. Dr. Wolfson war innerhalb einer Stunde mit dem Helikopter bei ihm gewesen, er hatte die Wunde angesehen, mit einigen robusten Stichen genäht und war dann mit dem Rat, so lange kürzer zu treten („Noch kürzer?“ hatte Thorenson für sich gedacht), bis das Gedächtnis wieder voll da sei, entschwebt.

Im Großen und Ganzen wusste Thorenson, wo und wer er war, offenbar beschränkte sich die Amnesie auf einige wenige Punkte. Wirklich unsicher wurde er nur einmal, als er am Morgen nach dem Unfall herunter kam und sich in der Amtststube umsah. Alles wirkte vertraut, bis auf zwei alte, ziemlich fusselige Lappen, die über der vorderen Kante des Handwaschbeckens hingen. Hatte er die dort hingelegt? Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Das gab ihm zu denken. Thorenson war näher gegangen, um sich die Lappen genauer anzusehen. Er hatte dann einen ergriffen und hob ihn hoch. Ein unwilliges Brummen war die Folge.

„Ach ihr seid es,“ sagte Thorenson und stubste auch den anderen Lappen an. „Die Brüder Thorfinn! Was macht ihr da? Habt ihr wieder euren selbstgebrannten Valhalla Mjöd Met getrunken?“ 

Torkel Thorfinn, eine der beiden Gestalten, hob langsam den Oberkörper, stützte sich mit beiden Armen auf dem Beckenrand ab und ließ einen von sehr tief unten kommenden Rülpser los, der Thorenson an den Moment erinnerte, an dem er zum ersten Mal eine Dose Surströmming geöffnet hatte. Rasch öffnete er das Fenster und atmete hektisch die glasklare, nordische Luft ein. Die eindringende Kälte hatte offensichtlich eine erweckende Wirkung auf die beiden Brüder, auch Tryggve Thorfin arbeitete sich nun mühsam in eine aufrechte Stellung. Beider Augen waren jedoch weiterhin fest geschlossen, und Thorenson packte die Brüder an jeweils einem Arm und schob sie in Richtung Fenster, wo er sie über das Fensterbrett legte. Die eisige Luft zeigte sehr schnell ihre heilende Wirkung. Torkel und Tryggve hoben synchron die Oberkörper, drehten sich ebenso synchron um und sahen mit nunmehr panisch geöffneten Augen den Kommissar durchdringend an.

„In Stockholm wärt ihr jetzt dran“ 

„Etwas viel Sauerstoff, oder? Und, was treibt euch her?“ Leif-Lasse Thorenson, der inzwischen hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, grinste hämisch. Torkel und Tryggve sahen sich an, so als wollten sie sich über eine akzeptable Antwort absprechen, kamen aber offenbar zu keinem Ergebnis und schwiegen mit gesenkten Köpfen. 

„Ihr könnt froh sein, dass ich nie die Türe abschließe, sonst hättet ihr vor der Türe gesessen wie einst Yoyneh Shagal in den Südkarpaten.“

Die Brüder hoben die Köpfe und linsten sich verständnislos an. Woher sollten sie auch wissen, was Thorenson meinte. Hier oben gab es weder Kino noch TV. 

„Uns war kalt“ brabbelte Torkel. „Du wirst uns doch jetzt nicht anscheißen?“

„In Stockholm wärt ihr jetzt dran. Aber hier oben lasse ich das durchgehen. Im Grunde kenne ich euch ja gar nicht anders als so.“

Torkel und Tryggve strahlten. „Wir machen uns auch gleich auf nach Hause. Nur eine Bitte: Hast du für uns eine Schaufel? Unser Auto steht ein Stück von hier in einer Schnee...“

„Weg mit euch!“ rief Thorenson. „Davon darf ich nichts wissen! Nichts! Also auch keine Schaufel! Und jetzt trollt euch!“ Die Brüder wagten nicht, Widerspruch einzulegen, und mit einem leisen „Menno!“ (Tryygve) und einem lauten Rülpser (Torkel) schlichen sie sich wie zwei mit Fliegenpilzen abgefüllte Rentiere davon. Strafe musste sein.

Dass an diesem Wochenende Weihnachten anstand, hätte Thorenson glatt übersehen. Er konnte noch nie etwas mit diesem Fest anfangen, auch wenn er sich vorgenommen hatte, an Heilig Abend etwas besonderes zu kochen und dazu einen besseren Wein aufzumachen. Brynjolf Kjellbarn, der Fallensteller von Riksgränsen, hatte vor wenigen Tagen ein Dutzend bereits ausgenommene und abgezogene Berglemminge vorbei gebracht, die zusammen mit einer Sauce aus Preiselbeeren und fermentierter Gerbrindenrinde ein geradezu unvergleichliches Festmahl ergeben würden. Wäre der Trapper nicht gekommen und hätte Thorenson nicht beim Schreiben des Tagesberichts auf das Datum geachtet, er hätte von Weihnachten absolut nichts mitbekommen.

Leif-Lasse Thorenson schlief gut in dieser Nacht; das Erlebnis mit den Thorfinbrüdern sowie ein nachmittäglicher Spaziergang, gefolgt von einer Stunde Holzhacken, hatte ihn müde gemacht, und als er am folgenden Morgen wach wurde, schien der Kopf schon wieder recht ordentlich zu arbeiten. Er funkte Dr. Wolfson an, erreichte aber nur dessen Assistentin – eine, das musste Thorenson zugeben, ausgesprochen hübsche Person namens Anna-Gunilla Undqvist, mit der er gerne einmal etwas näher bekannt geworden wäre, aber damit wäre er allen seinen Prinzipien und Vorstellungen vom friedlichen Leben in den Rücken gefallen – und hinterließ bei ihr mit angestrengt-lässiger Stimme die Nachricht, der Doktor werde erst wieder nach Neujahr zum Fädenziehen benötigt. Um ein Haar hätte er sie doch noch zu den Lemmingen eingeladen, aber er beherrschte sich im letzten Moment. Anna-Gunilla flötete ein munteres „Das ist schön zu hören“ zurück, dann war das Gespräch auch schon zu Ende. Thorenson klopfte sich anerkennend auf die Schulter. Er hatte widerstanden, und das war gut so. Wie hatte einst Russ Meyer den Garagenbesitzer Martin Bormann in Supervixens sagen lassen? „I wonder, if the fuck you get is worth the fuck you get.“ 

Fortsetzung morgen

 

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Lef Kalender / 23.12.2018

Ein vielversorechender Beginn, aber “Gerbrindenrinde” ist ein Pleonasmus oder eher ein Neoplasmus (Neuwortschöpfung)?

Gabriele Schulze / 23.12.2018

Ach nee, is das schön. Bin tatsächlich gespannt, wie’s weitergeht. So wie vor Dezennien, als Vater eine 45er-Scheibe mit einem Märchen auflegte und wir, als die Nadel knisternd an’s Ende angekommen war, “Vati, andere Seite” riefen.

Bernd Ackermann / 23.12.2018

Ich bin gespannt wie es weiter geht. Normalerweise wird in einem skandinavischem Krimi der Fall durch eine Frau gelöst, indem sie sechs Stunden lang aus dem Küchenfenster eines einsamen Landhauses auf einen zugefrorenen See starrt. Also entweder Anna-Gunilla oder eine der Supervixens. Torkel und Tryggve sind wohl Opfer des feministischen Schneeräumens in Schweden geworden?

Manni Meier / 23.12.2018

Ach Sie sind das, Herr Bechlenberg. Habe mich schon immer gefragt, wer diese, in allen GEZ-finanzierten Sendern plus Spartenkanälen,  in Endlosschleife laufenden, merkwürdig langweilig-schwermütigen Schwedenkrimis, in denen “alle Kommissare Alkoholiker, Melancholiker, Choleriker oder Cholinergiker” sind,  eigentlich guckt.

Ulla Smielowski / 23.12.2018

Sehr spannend und interessant geschrieben, auch wenn ich kein Krimi-Fan bin..  Mein Leben ist spannend genug..

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