Roger Letsch / 14.09.2018 / 10:30 / 36 / Seite ausdrucken

Das verschleuderte Gemeingut – ein Nachtrag zu Gerd Held

Von Gerd Held finden sie auf achgut.com eine treffende Analyse dessen, was wirklich hinter dem von der Migrationskrise ausgelösten Unwohlsein, dem allgemeinen Grummeln, Murren und den Protesten steckt. Es geht eben gerade nicht um die vorschnell unterstellte Fremdenfeindlichkeit, Rassismen aller Art oder politische Abdrift nach Neunzehnhundertschwarzweiß, sondern allein um die Frage, mit welcher Dreistigkeit die Bundesregierung unsere Gemeingüter verschleudert und wer willens und in der Lage ist, das zu erkennen.

Die Gemeingüter, von denen Gerd Held spricht, sind zum Beispiel die Innere Sicherheit, Landesverteidigung, Sozialkassen, Bildungswesen, Rechtssystem, Infrastruktur. All die Institutionen also, an deren Aufbau, Ausstattung und Funktionieren wir hier im Land jahrzehntelang hart gearbeitet haben, sind substanziell unter Druck durch ungesteuerte Zuwanderung von Profiteuren, die letztlich zwar die Äpfel pflücken, den Baum aber nie mitgepflegt haben.

Die Vorstellung, das könnte irgendwie noch gut für uns ausgehen, wenn die Zuwanderer nur deutlich mehr Potenzial mitbringen, als sie an Gemeingut aufzehren, entstammt ganz offensichtlich mathematisch unterdurchschnittlich begabten Geistern. Gemeingüter gehören jedoch nicht einem anonymen Staat oder einer Regierung, diese sind lediglich mit deren Schutz und Erhaltung beauftragt. Diese Bewahrung der Gemeingüter ist die vordringliche, wenn nicht gar einzige Aufgabe der handelnden Politik – und dieser Aufgabe kommt sie aktuell mehr schlecht als recht nach.

Einen Aspekt möchte ich dem sehr lesenswerten Beitrag von Gerd Held noch hinzufügen – und dieser Aspekt wird besonders deutlich, wenn man sich die Struktur der Proteste ansieht, die das Land durchziehen. Das, was die Medien und viele Politiker als aufkeimende braune Gefahr heraufbeschwören, entpuppt sich bei näherem Hinsehen nämlich keinesfalls als die renitente Jugend, der zu allen Zeiten Revolutionen und Umstürze zuzutrauen waren, sondern als Generation 40–50plus – jene also, die durch ihr Berufsleben den immanenten Wert unserer funktionierenden Gemeingüter nicht nur wertschätzen, sondern selbst mit erzeugt und solidarisch finanziert haben.

Im Osten wird dies noch verstärkt durch die Erfahrung, wie sich der Missbrauch von Gemeingütern (etwa Justiz, Innere Sicherheit) gegen diejenigen richten kann, die diese Gemeingüter erst schufen. Die DDR endete mit dem totalen Zusammenbruch aller Gemeingüter, der vorausgegangene Kippvorgang und die sich dabei einstellenden Schwindelgefühle haben sich in das Gedächtnis der Ostdeutschen gerade dieser Generation tief eingebrannt.

Naturkonstanten ohne Geschichte?

Ein Blick zur „anderen Seite“ der Barrikade – also zum Beispiel auf viele Vertreter von SPD, Linken, Grünen und besonders deren Jugendorganisationen, auf die vermummten Antifanten und alternativen Szenen – offenbart, dass dort der Missbrauch und die Erosion der Gemeingüter gar nicht als solche erkannt wird. Sie haben diese „Bäume“ nie wachsen sehen, für sie sind dies alles Naturkonstanten ohne Geschichte, mit endloser Zukunft und unbegrenzter Belastbarkeit – und die optimistischen Äußerungen der Politik, die Wachstumszahlen der Wirtschaft und die Sonntagsreden bestärken sie in dieser Annahme.

Die Überlastung und den Raubbau am System, den Gerd Held diagnostiziert, sehen sie nicht. Doch es ist bei den Gemeingütern nicht anders als beim Überdrehen von Schrauben: nach „fest“ kommt irgendwann „ab“. Dabei ist es gleich, auf welches Gemeingut wir blicken, die Risse und Überlastungen treten schon sehr deutlich zutage, Brüche drohen.

Die Innere Sicherheit ist punktuell nicht mehr zu gewährleisten, die Landesverteidigung ächzt unter Missmanagement, Verschwendung und Fehlentscheidungen, die Sozialkassen werden sachfremd geplündert und das Blüm-Plakat „Die Rente ist sicher“ wurde gerade endgültig überklebt. Das Bildungswesen stöhnt unter maroden Schulen, Lehrermangel und der Tatsache, dass vielerorts Deutsch nur noch die Sprache der Minderheit ist, unser Rechtssystem arbeitet „kultursensibel“ und macht lokal bereits „Friedensrichtern“ und dem Faustrecht Platz, die Infrastruktur bröckelt entweder bedrohlich, oder sie kommt nur mühevoll (S21) oder gar nicht (BER) an den Start. Ich breche hier ab und überlasse den Lesern die Bewertung der Ursachen, Wirkungen und Querverbindungen dieses allgemeinen Verfalls.

Die Spaltung der Gesellschaft verläuft heute zwischen jenen, die unsere Gemeingüter de facto preisgeben und verschleudern und denen, die sie erhalten und bewahren wollen. Da Preisgabe in Ruin und Untergang führt und deshalb das eher konservative „Bewahren“ Gebot der Stunde ist, wird eine besondere Tragik überdeutlich: dass nämlich die denkbar perfekteste Allespreisgeberin, Jedepositionräumerin und Keinewerteverteidigerin, die jederzeit immer nur das tut, was ihr eine Mehrheit verschafft und sie politisch am Leben hält, ausgerechnet Angela Merkel ist – die Vorsitzende der größten „konservativen“ Partei Deutschlands, die unter ihrer Führung und mit Hilfe von willigen Sekundanten wie Kauder und Altmaier ein Gemeingut nach dem anderen zur politischen Verfügungsmasse erklärt. Doch der gesammelte Honig hat den Zweck, die Bienen am Leben zu halten und ins nächste Jahr zu bringen. Wer die Waben den Bären öffnet, hat den Zweck und den Wert von Gemeingütern nicht verstanden. Und der Winter, so viel steht fest, wird kommen.

Dieser Beitrag erscheint auch auf Roger Letschs „Unbesorgt"

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Leserpost (36)
Dr. Inge Frigge-Hagemann / 14.09.2018

Ein Staat, der leichtfertig, ohne zu differenzieren vom eigenen Volk geschaffene bzw. finanzierte Gemeingüter für die ‘halbe Welt’ zur Verfügung stellt, begeht Selbstmord. Für die Zukunft Deutschlands sieht es daher schlecht aus: eine weitgehend schweigende Bevölkerung, eine halsstarrige, völlig uneinsichtige Kanzlerin (“Ich wüßte nicht, was ich anders machen sollte”) und eine EU, die sich durch ihre sinnfreie Superbürokratie und gewünschte Abschaffung der Nationalstaaten hervortut, fördern diesen Selbstmord.

H. Hoffmeister / 14.09.2018

Herr Helbing, nein, im Ernst: Ich weiß es nicht. Denn welchen Nutzen hätte Bösartigkeit, wenn Kompetenz nahelegen würde, dass die Bösartigkeit zur Zerstörung der eigenen Existenz führt ? Bei kinderlosen Menschen wie Merkel könnte ich mir noch vorstellen, dass eine “nach mir die Sintflut”-Mentalität herrscht. Bei vielen anderen Mitgliedern des polit-medialen Zirkus gibt’s aber Folgegenerationen und da liegt die Vermutung nahe, dass es doch der Kompetenzmangel ist.

Wolfgang Richter / 14.09.2018

Sehr geehrter Herr Letsch, mit folgendem Satz “Die Überlastung und den Raubbau am System, den Gerd Held diagnostiziert, sehen sie nicht.” befinden Sie sich meiner Meinung nach in einem fundamentalen Irrtum, denn von Antifanten über Migrationsbefürworter ohne Grenzen bis hin zu den Claudia Roths im Lande ist genau das Überdrehen und Abknicken der Schrauben, die das Land als funktionierenden Staat, wie “wir Rechte” ihn kannten und ggf. bewahren wollen, bewußt und gewollt. Ohne sich mit einer Leistung und darauf beruhenden Abgaben einzubringen, stattdessen an Leistungen abzugreifen was möglich ist, zeigt man die Abneigung gegen dieses Deutschland, das man ohne Scham öffentlich als “Mieses Stück Scheiße” tituliert. Entsprechende Plakate und Sprüche waren ja auch auf den links-grünen gegen den Traumermarsch gesetzten Demos von Chemnitz zu sehen, ohne daß ein medialer oder politischer Repräsentant des Landes dazu etwas bemerkte. Diese nehmen das bewußte Ausplündern der Gemeingüter offenbar billigend hin, warum auch immer und mit welchem Ziel. Offenbar ist die Umgestaltung der Republik auf mehreren Ebenen inzwischen bewußt öffentlich gezeigtes Programm. Nur will es eine Mehrheit im Lande nicht erkennen. Und die Kritiker werden als die Schmuddelkindern im Lande deklariert, inzwischen als rechtsradikal bezeichnet und damit als nicht “satisfaktionsfähig”.

Gertraude Wenz / 14.09.2018

Ich habe eigentlich erst mit zunehmenden Alter ein Bewusstsein für Geschichte und damit auch für das Gewachsensein unseres Sozial- und Rechtsstaates bekommen - und auch dafür, wie mühsam dieser errungen wurde und wie schnell er aber auch wieder zerstört werden kann. Ich denke, diese Problematik ist den meisten Jugendlichen nicht klar. Es KANN ihnen auch nicht klar sein. Sie sind zu jung und haben noch kaum ein Zeitverständnis, geschweige denn ein Geschichtsverständnis. Und so setzen sie, aber auch viele infantil gebliebene Erwachsene, unseren Nationalstaat/Sozialstaat leichtsinnig auf’s Spiel, weil sie meinen, auf ihn verzichten zu können. Zu selbstverständlich ist ihnen alles geworden: Bildung/Ausbildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur, Kindergärten, Erziehungsgeld, Schwimmbäder, Sportstadien, Altersheime etc. Sie sind damit groß geworden und können sich nicht vorstellen, dass diese Errungenschaften nicht unbedingt für die Ewigkeit einbetoniert sind. Sie sind es gewohnt, auf ihre “Rechte” zu pochen: auf Wohnung, Nahrung, Bildung, Urlaub, Kultur, Gesundheit, intakte Umwelt. Sie sind wie verwöhnte Kinder, die denken, es geht so flott weiter, und das Geld kommt aus dem Automaten. Es ist den Menschen (und nicht nur den Jugendlichen) nicht klar, dass jenseits des Rechtsstaats und mit vielen Migranten aus archaischen Ländern die Herrschaft der Clans liegen könnte. In ihren Köpfen wabert dominierend die Idee universeller Menschenrechte, die - wenn sie von Millionen in Anspruch genommen würden -  jeden Staat zerreißen würden, also vollkommen unpraktikabel sind! Dass das manch Jugendlicher/Erwachsener in seinem Weltverbesserungswahn nicht erkennt, ist schlimm genug, dass unsere Politiker sich blind und taub stellen für Kritik, ist ein Verbrechen!

Karla Kuhn / 14.09.2018

Otto Fürst von Bismarck über Reichtum: “Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt.”

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