Ich war als Kind ein Einzelgänger. Wobei das Wort nicht ganz passt. Eigentlich war ich eher allein. Nicht auf die tragische Art, die Mitleid erzeugt. Eher wie jemand, der ständig irgendwo zwischen zwei Bahnhöfen lebt. Unser Vater war ein Wandersmann. Heute würde man vielleicht sagen: flexibel, international, mobil. Damals bedeutete das einfach, dass wir dauernd umzogen. Mal innerhalb der Türkei, mal zwischen Deutschland und der Türkei. Die Folge: Ich war nie lange genug irgendwo, um richtig dazuzugehören. Wenn Schulen Filme wären, wäre ich vermutlich unter „Gaststar“ gelaufen.
Gerade muss ich schon wieder schmunzeln. Weil ich „Gaststar“ schreibe, obwohl „Gastschüler“ gereicht hätte. Aber „Gaststar“ klingt wenigstens ein wenig nach Hollywood.
Wenn ich die Wahl hatte, setzte ich mich eher hinten hin. Möglichst so, dass die Lehrer mich übersahen und ich meine Ruhe hatte. Dieses mulmige Gefühl, in eine neue Klasse zu kommen, kennen vermutlich viele. Trotzdem passierte bei mir etwas Merkwürdiges: Obwohl ich nie dazugehören wollte, wurde ich fast immer Klassensprecher. Ich glaube, nur ein einziges Mal nicht. Das klingt jetzt wie das Gegenteil eines Einzelgängers, aber beides kann gleichzeitig existieren. Die Leute mochten mich offenbar, ließen mich aber gleichzeitig in Ruhe. Für mich war das ideal.
Ich war nie der Lauteste. Nie der Schlägertyp. Nie jemand, der andere dominieren wollte. Aber irgendwie respektierten mich alle. Heute, wo ich mit Jugendlichen arbeite und ständig Geschichten über Mobbing höre, fällt mir auf: Ich wurde nie gemobbt. Kein einziges Mal. Vielleicht, weil ich früh gelernt hatte, ruhig zu bleiben. Vielleicht auch, weil ich nie krampfhaft dazugehören wollte.
Ich sammelte Geld ein, organisierte Dinge
Schon mit zwölf oder dreizehn machte ich Dinge anders. Wenn Klassenfahrten anstanden, fragte ich einfach Eltern, die offensichtlich reichlich Geld hatten, ob sie nicht etwas sponsern wollten. Ich war auf Schulen, wo es solche Eltern gab. Und erstaunlicherweise fanden die das gar nicht frech, sondern eher originell. Also sammelte ich Geld ein, organisierte Dinge und teilte der Klasse irgendwann nur noch mit, wohin wir fahren würden. Im Grunde war ich mittendrin und gleichzeitig doch immer ein Stück außerhalb.
Im Basketball war ich übrigens richtig gut. Im Fußball dagegen eine Katastrophe. Wenn Mannschaften gewählt wurden und noch ein Platz frei war, nahm man lieber die letzten Mädchen, bevor man mich ins Team steckte. Klingt hart, tat aber überhaupt nicht weh. Ich wusste selbst, dass ich eine fußballerische Naturkatastrophe war. Ich hätte mich an deren Stelle auch nicht gewählt.
An erstaunlich wenige Mitschüler erinnere ich mich überhaupt noch mit Namen. Einer davon war Atila. Wir gingen zusammen in die letzte Klasse der Grundschule in der Türkei. Danach wechselte man aufs Gymnasium. Atila sagte damals, er wolle später bei der NASA arbeiten. Heute klingt das normal. Damals, in der Türkei jener Zeit, war allein die Tatsache erstaunlich, dass ein Junge überhaupt wusste, was die NASA ist. Ich kannte die NASA, weil ich die Mondlandung live gesehen hatte. Warum das so war? Wieder einmal waren wir aus Deutschland zurück und hatten drei Fernseher mitgebracht, wo doch in der Türkei erst die Probesendungen liefen, drei bis vier Stunden am Tag. Also hatten wir auf dem Dach eine Parabolantenne von 10 Meter Länge und konnten, zwar schlecht, fast ganz Europa empfangen. Die Mondlandung war zufällig in Bulgarisch zu empfangen.
Über fünfzig Jahre später traf ich Atila zufällig am Flughafen Frankfurt wieder. Klar erkannten wir uns nicht auf Anhieb. Er kam aus den USA und wollte nach Istanbul weiterfliegen. Erst als er erwähnte, dass er bei der NASA arbeite, fiel mir die obige Geschichte ein. Und tatsächlich: Er war dieser Atila von damals. Für mich war die Welt immer seltsam klein, wenn es um solche Zufälle ging.
Der Junge, dem der deutsche Botschafter persönlich schrieb
Warum er sich ausgerechnet an mich erinnerte, hatte wiederum mit einer anderen Geschichte zu tun. Unser Lehrer hatte uns damals aufgegeben, ein Land vorzustellen. Da ich bereits in Aachen den Kindergarten sowie die erste und zweite Klasse besucht hatte, war automatisch klar: Ich mache Deutschland.
Also schrieb ich einen Brief an die Deutsche Botschaft in Ankara und bat um Informationsmaterial. Natürlich direkt an den Botschafter persönlich. Ich war schließlich überzeugt, dass so etwas Wichtiges Chefsache sei. Ich kannte damals das Wort „Tourismus“ noch nicht und schrieb stattdessen „Turism“, weil ich es vom türkischen „Turizm“ ableitete. Der Botschafter war offenbar intelligent genug, trotzdem zu verstehen, was ich meinte.
Zwei Wochen später wurden fünf große Kisten angeliefert. Voll mit Büchern, Broschüren und Material über Deutschland. Genug Stoff, um nicht nur unsere Schule, sondern vermutlich die halbe Region zu versorgen. Dazu ein persönlicher Brief: „Lieber Ahmet …“
Ab diesem Moment war ich in den Augen der Mitschüler praktisch heiliggesprochen. Ich übersetzte den Brief selbst, und ehrlich gesagt hätte ich den Leuten wahrscheinlich alles erzählen können. Sie hätten es geglaubt. Plötzlich war ich der Junge, dem der deutsche Botschafter persönlich geschrieben hatte. Dass ich auf dem Klassenfoto (siehe oben) direkt vor dem Lehrer sitzen durfte, sagt eigentlich alles über mein Status in der Klasse.
Und trotzdem blieb ich innerlich dieser Einzelgänger.
Ausgerechnet ich wurde zum Sprecher gewählt
Einmal wurde mir genau das fast zum Verhängnis. Ich hatte damals noch keinen deutschen Pass. Nicht aus politischer Überzeugung oder wegen großer Identitätsfragen, sondern schlicht, weil ich zu bequem war, den Papierkrieg zu erledigen. Deutsch fühlte ich mich ohnehin längst. Leider sah das türkische Militär das anders und schickte mir die Einberufung.
Man konnte sich damals für 10.000 D-Mark freikaufen und musste nur zwei Monate Militärdienst ableisten. Ich hatte sogar schon organisiert, dass ich praktisch nur auftauche, Uniform anziehe, mich kurz sehen lasse und abends wieder verschwinde. Aber wie das Leben so spielt: Es kam anders.
In Burdur waren etwa 900 Männer aus aller Welt zusammengezogen worden. Und natürlich passierte wieder genau das, was immer passierte: Ausgerechnet ich wurde zum Sprecher gewählt. Wie sich sechzig Menschen, die sich vorher nie gesehen haben, spontan auf mich einigen konnten, weiß ich bis heute nicht.
Der Kommandant rief mich später zu sich und erklärte mir, dass er mich nun doch nicht wie vereinbart einfach ziehen lassen könne.
Ich frage mich angesichts dieser Erinnerungen bis heute: Was sorgt dafür, dass Menschen jemanden zum Sprecher auswählen, obwohl der nicht darum bittet und eigentlich gar nicht richtig dazugehört.

Bisher waren die Briten die Weltmeister der Untertreibung, in Zukunft müssen wir wohl vom türkischen Understatement sprechen.
Unsere Klassensprecherin hieß Sonja und war die einzig Vernünftige für den Posten. Sie fiel uns auf durch Gelehrsamkeit und daß sie zu jedermann freundlich war. Das waren unsere Klassenrüpel nicht.
Vielleicht ist ein unterbewußtes Kriterium, daß der Gewählte seine Machtposition nicht ausnutzen wird?
Auf irgendeine Art muß man Eindruck hinterlassen, vielleicht kamen sie damals schon als Cosmopolit rüber?
Ich wurde nie gewählt. Ich habe mich auch nicht drum beworben.
Das liegt an Ihrer freien Ausstrahlung, die andere nicht nachvollziehen können. Meine Kinder waren auch so, selbst heute, wo sie zwischen 35 und 50 Jahre alt sind. Sie glänzen von ihrer Erfahrung des überall herumgekommen zu sein, und vor allem den Schulwechsel und Sprachwechsel locker wegstecken zu können. Selbst den Lehrern, meist am Ort festhängende Lokalgrößen, sind solche Kinder suspekt. Da liegt das Interesse. „Was steckt hinter diesem Menschen dahinter ?“ Unsere Familie war mal für eine Zeit nach Deutschland zurückgekehrt, weil wir die Kinder auf’s Gymnasium schicken wollten. Wir hatten am Anfang kaum Möbel in der Wohnung, 5 Kinder (sowas ist asozial, obwohl immer sauber und gut erzogen) und kannten unser Umfeld nicht. Ich hatte plötzlich Freundinnen von allen Richtungen und gab mich elusive und zurückhaltend. Da war schon scharf, daß ich vier Fremdsprachen mehr oder wenig fließend sprechen konnte, und doch eben 5 Kinder in einer leeren Wohnung hatte. Wir wollten uns aber am Anfang noch gar nicht mit Möbeln beschweren. So benutzten wir Minimalismus und guten Geschmack, was wiederum zu Verwunderung führte, denn unsere Wohnung war nach kurzer Zeit auch noch chic bis ins Genick. Wie gesagt, die Freunde scharten sich um uns. Die Wahrheit, alle wollten wissen, was hinter uns steckt. Da unsere Kinder aber den Sprung zum Gymnasium nicht schafften, sind wir wieder gegangen. IM 1990er Dubai liefen dann lauter solche Leute wie wir herum.
Ahmet Refii Dener – Sie sind vielleicht ein Symbol für etwas, wonach die Menschheit sich seit Menschengedenken sehnt.
Ich wurde nie zum Klassensprecher gewählt aber ich wurde als Vermittler respektiert.
Ich konnte mich immer gut in andere hinein fühlen und diplomatische Lösungen zuwege bringen.
Erwachsene akzeptierten mich als ihre „Botschafter“. Sie staunten über meine kindliche Klarsicht.
Ich hätte einen guten Botschafter abgegeben, Kochen mit Kamala, Whiskey mit Donald, Kartoffelsuppe mit Angela, Kimchi mit Kim, Matze mit Netanjahu, Fastenbrechen im Ramadan…
Da ich kein Diplomat geworden bin, nehme ich mir möglichst kein Blatt vor dem Mund.
Um das in mich aufgesogene politische Gift abzubauen lege ich unregelmäßig Politikpausen ein.
Die Pause beginnt… Jetzt!
Lieber Herr Dener,
Sie sind mir nur durch ihre Beiträge hier auf der Achse bekannt, die ich gerne und regelmässig lese.
Wenn es möglich wäre, würde ich Sie in den Bundestag wählen.
Schlechter als die Politikerklasse, die sich gegenwärtig dort aufhält, würden Sie es bestimmt nicht machen.